Hannover-Berlin Wie ich bei der Deutschen Bahn zum Kleinkriminellen wurde

Eigentlich wollte Sven Böll nur schnell nach Hause. Dann bekam er es mit der Bahn zu tun. Eine Geschichte über Deutschlands größten Staatskonzern.

ICE-Zugbegleiter
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ICE-Zugbegleiter


Ich kümmere mich als Journalist seit Jahren um Verkehrsthemen. Ich sage das, weil man glauben könnte, dass mich nichts mehr erschüttern kann. Kann es leider doch. So wie kürzlich.

Es begann damit, dass ich um 20.45 Uhr von Düsseldorf nach Berlin fliegen wollte. Ich war dienstlich auf einer Veranstaltung im westlichen Ruhrgebiet und prüfte um kurz vor sieben in der App die Abflugzeit. "Flug annulliert" stand da. Ersatz: keiner.

Es gab einen Alternativflug: von Köln nach Berlin, 20.30 Uhr. Ich hatte eine Stunde Zeit, um nach Köln zu kommen. Man hätte es schaffen können. Hätte. Doch Google Maps zeigte auf der A3 einen langen Stau an. Keine Chance, bis acht in Köln zu sein.

Ich hatte zum Glück einen Mietwagen und fuhr damit bis Hannover. Dort würde ich vielleicht noch den ICE um halb zehn nach Berlin bekommen. Schließlich fahre ich viel und gern Zug. Doch in Hannover begann das wirkliche Drama.

Es war 21.24 Uhr, als ich endlich den Hauptbahnhof erreichte. Der ICE um 21.31 Uhr war pünktlich. Ich rannte zum Ticketautomaten. Der erste akzeptierte meine EC-Karte nicht ("Vorgang nicht möglich"). Der zweite konnte sie nicht lesen. Am dritten waren Leute zu Gange, die noch nicht wussten, wo sie hinwollen. Das Reisezentrum hatte längst zu.

Ich rannte zum Zug. Ich dachte: Kauf ich mir ein Ticket über die App. Auch wenn das kompliziert ist, denn es ist ja eine Dienstreise - und es gibt einfachere Dinge, als über die App Belege auszudrucken. Ich war müde. Und hatte Hunger.

Ich ging ins Bordrestaurant.

"Ich hätte gern einmal die Rostbratwürstchen mit Kartoffelsalat und ein Weizen."

"Würstchen hab ich nur noch drei, und außerdem nur noch mit Brot. Preis ist aber derselbe."

"Dann bitte nur das Bier."

Der Ticketkauf über die App scheiterte. Kein Empfang. Da kam der Kontrolleur.

"Hier noch jemand zugestiegen?"

"Einmal mit Bahncard 50 von Hannover nach Berlin, bitte. Ich habe es an zwei Automaten versucht, beide wollten meine EC-Karte nicht."

"Keine Ahnung, ich war noch nie am Automaten. Macht 46,50 Euro."

"Die Fahrt kostet doch nur 34 Euro. Und Nachlösen kostet jetzt 12,50 Euro?"

"Ja, ist teurer geworden."

"Ich habe doch versucht, an ein Ticket zu kommen."

"Aber Sie haben keins. Und außerdem hätten Sie die Automatennummer aufschreiben müssen, dann könnten Sie sich das Geld vielleicht zurückholen. Da gibt es Formulare."

"Aber ich möchte nicht zig Formulare ausfüllen. Außerdem bin ich doch Bahn-Comfort-Kunde, ich fahre also viel. Da könnten Sie doch kulant sein."

"Nee, kann ich nicht. Zahlen Sie jetzt, oder was?"

"Ja, mit EC-Karte."

"Das geht nicht. Sie haben sich vor Fahrtantritt zu informieren, welche Zahlungsmittel an Bord gültig sind. Das müssen Sie als Vielfahrer doch wissen."

Ich habe bestimmt seit mehr als zehn Jahren kein Ticket mehr im Zug gekauft. Bei meinem letzten Versuch hatte mich ein überaus korrekter Mitarbeiter jenes Konzerns, der damals noch stramm auf Börsenkurs war, spätabends in Bochum aus einem nahezu leeren ICE geworfen, weil sein Gerät meine Kreditkarte nicht lesen konnte und ich nicht genügend Bargeld mithatte. Damals wurde ich ausgelacht, als ich es mit der EC-Karte versuchen wollte. Ich hatte das verdrängt. Weil man inzwischen überall mit EC-Karte zahlen kann, habe ich die Kreditkarte meistens gar nicht mehr dabei.

"Wieso geht das nicht? Wir sind doch im Jahr 2016 und nicht 1986."

"Weil es nicht geht. Das hat mit Datenschutz zu tun."

"Bei der Kreditkarte werden doch auch Daten erfasst."

"Ist so."

"Ah, verstehe."

"Sie können sich ja bei den Oberen beschweren, vielleicht hören die Ihnen mehr zu als mir."

Für einen Moment wünschte ich mir insgeheim, ich hätte mich dieses eine Mal gar nicht zu erkennen gegeben. So wie ich es im Zug immer wieder bei anderen beobachte. Vielfahrer kennen ja den feinen Unterschied zwischen "Hier noch jemand zugestiegen?" und "Personalwechsel. Die Fahrkarten bitte". Bei Letzterem kommt man am Ticketzeigen nur vorbei, wenn man sich auf der Toilette verbarrikadiert. Bei ersterem nicken versierte Schwarzfahrer spontan ein oder beobachten angestrengt die Landschaft.

"Das heißt, wenn ich keine Kreditkarte mithabe, muss ich bar bezahlen?"

"Korrekt."

50 Euro hatte ich noch in kleinen Scheinen, 3,50 Euro bekam ich also zurück.

"Wollen Sie noch Bahn-Comfort-Punkte sammeln?"

"Nein."

Gedankenverloren kramte ich in meiner rechten Hosentasche, wo ich noch ein paar Euro Kleingeld vermutete. Aber es kamen nur 45 Cent hervor. Mit meinen 3,50 Euro Rückgeld und den 45 Cent hatte ich 3,95 Euro, das Weizen kostete allerdings 4,20 Euro.

Oh nein. Ich wollte kein Zechpreller sein und ging an die Ausgabe im Restaurant. Dort sprach ich eine Bahn-Mitarbeiterin an.

"Tschuldigung, kann ich bei Ihnen eigentlich mit EC-Karte zahlen?"

"Nein, wie kommen Sie denn darauf?"

"Na ja, man kann ja eigentlich überall mit EC-Karte zahlen."

"Die EC-Karte ist kein gängiges Zahlungsmittel."

"Uih, das ist mir ehrlich gesagt neu."

Ihr Kollege mischte sich ein: "Weil wir so schlechten Empfang in den Zügen haben, können wir das Lastschriftverfahren nicht anbieten."

"Verstehe. Trotzdem habe ich jetzt ein kleines Problem. Ich habe nur noch 3,95 Euro in bar, keine Kreditkarte dabei, muss aber 4,20 Euro zahlen."

"Ha, Sie können nicht zahlen. Ein Zechpreller also!"

"Wenn Sie das so sagen, meinetwegen. Aber ich melde mich reumütig und wollte fragen, wie wir die Sache lösen können. Ich kann ja mit Paypal zahlen."

"Das geht auch nicht."

"Ja, weiß ich, war ein Scherz. Können Sie mir denn eine Rechnung schreiben, ich überweise den Betrag?"

"Nee, das ist jetzt ein richtiger Vorgang. Ich brauche den Personalausweis."

Auf der Rückseite des Belegs notierte sie meine Adresse, die Nummer des Personalausweises und schrieb: "Gast kann nicht zahlen, hat nur EC-Karte."

"Und wie geht es jetzt weiter?"

"Ich brauche eine Unterschrift vom Zugchef über den Vorgang."

"Können wir das nicht ne Nummer kleiner fahren?"

"Neeneenee."

Sie verschwand, kam nach ein paar Minuten wieder.

"Ich finde den Zugchef nicht, setzen Sie sich mal."

"Kann ich denn nicht die 3,95 Euro, die ich noch habe, zahlen? Dann schulde ich der Deutschen Bahn AG nur noch 25 Cent."

"Ich kann mit halben Beträgen nichts anfangen. Dann stimmt meine Kasse nicht. Das geht nicht."

Ein paar Minuten vor Berlin-Spandau kassierte die Bahn-Mitarbeiterin die beiden anderen Fahrgäste im Bordrestaurant ab. Ich schilderte ihnen meine zugegebenermaßen unangenehme Situation. Der freundliche Herr erwies sich als Mitglied des Fahrgastverbands "Pro Bahn", nickte verständnisvoll. Die freundliche Dame gab mir die fehlenden 25 Cent und erzählte dabei ihre persönliche Bahnhorrorgeschichte.

Ich zahlte und entschuldigte mich bei der Bedienung für die Umstände und das fehlende Trinkgeld. Da hatte sie noch einen Tipp für mich.

"Ich hätte das an Ihrer Stelle nicht gemacht."

"Wieso das denn nicht?"

"Ach wissen Sie, dass der Kontrolleur überhaupt nicht bereit war, Sie wie einen Stammkunden zu behandeln, habe ich nicht verstanden. Und Ihre unbezahlte Rechnung wäre irgendwo bei uns versandet. Wahrscheinlich hätten Sie nie mehr was von uns gehört."

NDR-Reportage


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insgesamt 321 Beiträge
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Seite 1
www.yzx.de 17.08.2016
1. Vielfahrer
Vielfahrer vielleicht. Aber Vielreisender sicher nicht. Zumindest kein besonders erfahrener oder lernfähiger. Denn sonst wäre neben ausreichend Bargeld immer noch mindestens eine Master- und eine VISA-Card im Handgepäck. Rein vorsorglich. Mich erinnert das ganze ein bischen an diese U30-Hochbegabungen, die nur mit EC-Karte und Badehose bewaffnet mit Superlastminute in irgendein Dritte-Welt-Land kacheln und dann dumm aus der Wäsche, äh, Badehose gucken, wenn sie vor Ort ohne Kohle dastehen. Äh, EC geht nich', äh ...?!? Entschuldigung, aber da hält sich bei aller berechtigten Kritik an der Bahn mein Mitleid in engen Grenzen. :-)
tommyblux 17.08.2016
2.
Ich muss dem Kontrolleur teilweise Recht geben. Da könnte jeder behaupten, alle Automaten seien kaputt...
stefan.martens.75 17.08.2016
3. Tolle Geschichte
Und wenn er jetzt mit seinem Auto auf eine Fähre steigt und die auch keine EC Karte akzeptieren sondern nur Bargeld kommt die nächste Story. Ohne Bargeld steigt man nicht ohne Fahrkarte in einen Zug. Wenn die Preisstruktur der Bahn so einfach wäre wie diese Regel, wäre ich persönlich glücklich.
tweet4fun 17.08.2016
4. Ich weiß ja nicht...
...aber der ganze Vorgang klingt etwas künstlich konstruiert. Wenn ich schon mangels Flug- oder Bahnverbindung von Düsseldorf oder Köln nach Berlin mit dem Leihwagen bis nach Hannover fahre, dann steige ich dort für den Rest der Reise nicht in die Bahn um! Dann fahre ich doch mit dem Auto weiter! Da hätte der werte Journalist mit Sicherheit sogar noch Zeit gespart und sein Bargeld hätte für ein Essen unterwegs gereicht, ganz abgesehen davon, daß die EC-Karte sowohl von Tankstellen als auch von Raststätten und Restaurants anerkannt wird. Oder verstehe ich hier etwas falsch?
kuschl 17.08.2016
5. Passt!!!
Servicewüste Deutschland und speziell Bahn. Hauptsache die Vorstände bekommen Millionen. So muß es in der Reichsbahn zugegangen sein.
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