Würzburg-Hamburg Bahn-Mitarbeiter können auch nett sein - und wie

Service-Katastrophe Deutsche Bahn? Auch Katherine Rydlink war häufig genervt vom Staatskonzern. Doch dann ereilte sie ein Schicksalsschlag auf freier Strecke - und sie wurde vom Zugpersonal aufgefangen.

ICE-Zugbegleiterin
REUTERS

ICE-Zugbegleiterin


Horrorgeschichten über die Deutsche Bahn gibt es viele. Jeder hat wohl seine eigene. Mein Kollege Sven Böll schilderte kürzlich auf SPIEGEL ONLINE, wie er bei seiner Bahnfahrt von Hannover nach Berlin fast zum Kleinkriminellen wurde. Typisch. Auch ich schimpfe gerne über die Bahn: immer diese Verspätungen, das unfreundliche Personal, die undurchsichtige Preispolitik.

Doch was mir vergangenes Jahr passierte, hat meine Pöbellaune gedämpft. Denn es gibt sie doch: die guten Geschichten aus der Bahn.

Mein Vater wurde Anfang vergangenen Jahres schwer krank. Er lag in meiner Heimatstadt Würzburg im Krankenhaus. Ich pendelte mehrere Wochen lang die rund 500 Kilometer zwischen Hamburg und Unterfranken - mit der Bahn.

Als ich gerade einmal wieder im Zug nach Hamburg saß und knapp die Hälfte der Strecke geschafft hatte, erhielt ich einen Anruf des Krankenhauses: Der Zustand meines Vaters hatte sich drastisch verschlimmert. Ich sprang sofort auf, schnappte meine Sachen und stürmte aus dem Abteil. Verzweiflung und Panik stiegen in mir auf, ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Ich musste sofort raus aus diesem Zug und zurück nach Würzburg zu meinem Vater.

Im Gang wurde ich von einer Bahnmitarbeiterin angesprochen, die fragte, was denn los sei. Ich erklärte ihr die Umstände und dass ich so schnell wie möglich aus diesem Zug raus und dorthin zurückmüsse, wo wir gerade hergekommen waren.

"Okay. Wir halten in zehn Minuten in Göttingen. Einen Moment, ich schaue schnell für Sie die nächste Verbindung von dort nach Würzburg nach."

Die Frau tippte in ihr Gerät, ich war mit den Nerven am Ende. Sie griff zum Handy und rief irgendwen an. Ich konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.

"Alles klar. Sie haben in Göttingen genau drei Minuten zum Umsteigen. Allerdings müssen Sie nur zu Gleis 4, wir kommen auf Gleis 6 an - das können Sie schaffen!"

"Ich habe gar kein Rückfahrticket - und keine Zeit mehr, eines zu kaufen."

Inzwischen hatte sich eine kleine Traube Menschen um uns gebildet, die durch das Drama angelockt worden waren. Auch der Kaffeeverkäufer bugsierte seinen Wagen voller Süßigkeiten neben mich und schaute mich neugierig an.

"Geben Sie mir mal Ihr Ticket."

Ich reichte der Schaffnerin mein Onlineticket. Sie nahm es und schrieb in Großbuchstaben "NOTFALLTICKET ZURÜCK NACH WÜRZBURG" darauf, darunter ihre Unterschrift und ihre Telefonnummer. Ich machte mir in diesem Moment keine Gedanken darum, ob das reichen würde.

In Göttingen angekommen, wollte ich mein Gepäck schnappen - aber der Kaffeeverkäufer hatte schon meinen Rucksack geschultert. Also los, ihm hinterher. Der Mann bahnte sich einen Weg durch die Reisenden, die am Bahnsteig standen, rief: "Entschuldigung, zur Seite bitte. Entschuldigung!" Wir schafften es zu Gleis 4, ich in den Zug, der Kaffeeverkäufer reichte mir meinen Rucksack. Ich habe mich bis heute nicht wirklich bei ihm bedankt (daher an dieser Stelle: Vielen Dank für den Einsatz!).

Im Zug zurück nach Würzburg setzte ich mich wieder in den Gang. Ich ertrug das übervolle, stickige Abteil nicht und war immer noch am Weinen. Da kam die Schaffnerin. Mechanisch zog ich mein "Notfall"-Ticket, doch sie wollte es gar nicht sehen.

"Alles in Ordnung bei Ihnen?"

"Naja. Nein."

Ich schilderte ihr kurz meine Geschichte.

"Oh Gott, das ist ja furchtbar. Kommen Sie mit."

Ich folgte ihr - in die erste Klasse. Dort hatte ich noch nie gesessen. Himmlische Ruhe, ein geräumiger Einzelsitz, relativ frische Luft.

"Nehmen Sie Platz, wo Sie möchten."

Ich hatte ja noch nicht einmal ein gültiges Ticket. Jetzt sollte ich einfach in der ersten Klasse auf einem Platz meiner Wahl sitzen?

"Möchten Sie etwas trinken?"

"Nein...danke." (Ich fand es dreist, nach Schnaps zu fragen.)

Die Schaffnerin verschwand und kam wieder, mit einem Coupon in der Hand: Ein Getränkegutschein der Deutschen Bahn.

"Damit können Sie sich etwas zu trinken holen. Auch bei Ihrer nächsten Reise. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie jederzeit Bescheid. Ich wünsche Ihnen alles Gute."

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Zwei Stunden später kam ich in Würzburg an und fuhr direkt zu meinem Vater. Ihm geht es heute wieder gut. Und ich habe meine Meinung über die Deutsche Bahn gründlich überdacht: Es nervt, dass die Bahn oft zu spät ist. Es nervt, dass man dort nicht mit EC-Karte zahlen kann, dass einige Mitarbeiter das englische "th" nicht aussprechen können, dass ständig Klimaanlagen und die Platzreservierungsanzeigen ausfallen - und es nervt, dass es in Intercitys nur diese körnige Trockenseife auf den Toiletten gibt.

Aber es gibt auch gute Dinge an der Bahn: Man trifft nette Menschen, die einem grinsend ihre Kekspackung hinhalten. Kleine Kinder, die schüchtern über den Vordersitz schauen, verschmitzt lächeln und sich schnell wieder ducken. Fremde helfen einem, den schweren Koffer auf die Ablage zu hieven. Man kann Bücher lesen, ohne dass einem schlecht wird und einen Artikel mit dem Laptop fertig schreiben, ohne sich Gedanken um die Stromversorgung zu machen.

Und im vergangenen Jahr hat die Deutsche Bahn bewiesen, dass sie Mitarbeiter mit viel Herz hat.

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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
hikikomori2014 18.08.2016
1. Nicht immer nur meckern
Dieser Artikel hat mich wirklich berührt. Nicht nur, dass er zeigt, dass es doch noch Liebe unter den Menschen gibt, sondern auch, dass das auch mal jemand ausspricht!
barbierossa 18.08.2016
2. Freundliche Mitarbeiter
Gerade, was Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der DB-Mitarbeiter angeht, kann ich als Häufiger-mal-Fahrer eigentlich überwiegend Positives berichten. Nicht immer helfen sie kompetent, aber zumindest die "Einstellung" stimmt in aller Regel. Ich habe es auch schon ausserhalb von Notfallsituationen erlebt, dass ein Kontrolleur bei allzu überfüllter 2. Klasse mals ein paar Leute mit einem "Pssst! Nicht weitersagen!" in die 1. Klasse lotste. Übrigens einmal erfrischend selektiv: Eine Mutter mit Kleinkind und ein älteres augenscheinlich nicht besonders wohlhabendes Ehepaar durften "rüber in die Erste". Während er mich kurz musterte und meinte: "Na, Sie können sich ja auch auf ihren Rucksack setzen!" Ein Rat, den ich grinsend befolgte.
women_1900 18.08.2016
3. einfach nur Danke
für diesen Artikel. Auch mir wurde schon mal die Hilfe von Leuten im öffentlichen Dienst zuteil. Mir fehlen leider die Möglichkeiten dieses auch in Worte zu fassen. Eines habe ich in jedem Fall für mich behalten: es sind die Menschen die helfen und es sind die Organisationen, die zu Unmut führen. Siet ich dieses für mich im Kopf gespeichert habe, kann ich auch leichter mit den "Ärgernissen" umgehen.
was-zum-teufel... 18.08.2016
4. Eine sehr schöne Geschichte.
Im Notfall haben Menschen immer ein Herz. Das ist Gottlob scheinbar so. Ich freue mich immer wieder, auch selbst mal helfen zu können.
larryunderwood 18.08.2016
5. top
tut gut was positives zu lesen danke ...
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