Neuer Chef Anshu Jain: Das Risiko-Investment der Deutschen Bank

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Was will Anshu Jain? Vor dem Machtwechsel bei der Deutschen Bank am Donnerstag sorgt der neue starke Mann beim größten Geldinstitut des Landes vor allem für eines: Rätselraten. Experten fürchten, dass die Bank unter der Führung des Investmentbankers künftig noch größere Risiken eingehen wird. 

Künftiger Chef Jain: In der Öffentlichkeit war noch kein deutsches Wort von ihm zu hören Zur Großansicht
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Künftiger Chef Jain: In der Öffentlichkeit war noch kein deutsches Wort von ihm zu hören

Hamburg - Anshu Jain lächelte. Er nahm den Kopfhörerbügel von seinem linken Ohr, auf dem er die Fragen der deutschen Journalisten auf Englisch hört, und setzte zu einer freundlichen Antwort an: Seit einem Jahrzehnt arbeite er mit Josef Ackermann sehr eng zusammen, sagte der künftige Chef der Deutschen Bank. In den Gerüchten über ein zerrüttetes Verhältnis zwischen den beiden Top-Managern sehe er "keine Substanz".

Das war Anfang Februar, bei der Jahrespressekonferenz der Bank. Nicht einmal fünf Wochen später sickerten Meldungen durch, wonach Jain und sein designierter Co-Chef Jürgen Fitschen die verbliebenen Ackermann-Vertrauten aus dem Vorstand werfen und die Posten mit eigenen Leuten besetzen wollen - das heißt: zum Großteil mit Jains Leuten. "Anshus Army", wie das Heer der Investmentbanker im Konzern genannt wird, setzte zu einer "Übernahme von innen" an. So wurde es damals zumindest von vielen Leuten aus dem Ackermann-Lager wahrgenommen.

Am Ende dieser Woche wird der Machtwechsel bei der Deutschen Bank auch förmlich besiegelt sein. Am Donnerstag verabschiedet sich die alte Führungsriege um Ackermann bei der Hauptversammlung von den Aktionären. Und am Freitag tritt die neue Mannschaft von Jain und Fitschen ihren Jobs an. Gleich für den ersten Tag sind Treffen der beiden höchsten Führungsgremien anberaumt: des Vorstands und des Group Executive Committees. Von den 15 dort vertretenen Managern sind 12 neu auf ihren Posten.

Was konkret von der neuen Führung zu erwarten ist, ist selbst für Insider ein Rätsel. "Es gibt keine Botschaft", sagt ein Kenner des Konzerns. "Die Bank ist verunsichert und verstört." Ein Treffen von 200 Führungskräften, das eigentlich für Anfang April in Montreux am Genfer See geplant war, wurde abgesagt. Seither warten die Banker auf Signale. Einen neuen Termin gibt es noch nicht.

Besonders unklar ist vielen inner- und außerhalb der Bank, was der neue starke Mann wirklich will. "Anshu Jain ist wie eine Wundertüte", sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. "Man weiß einfach nicht, was drinsteckt." Dass der künftige Chef wichtige Posten mit eigenen Leuten besetzt habe, deute aber zumindest darauf hin, dass er auf eine Dominanz des Investmentbankings setze.

Jains ruppige Personalpolitik erzeugt Angst

Jain bleibt ein Mysterium. Bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten gibt er sich stets freundlich, aber undurchschaubar. Auch in Deutschland ist Jain noch nicht richtig angekommen. Angeblich hat er eine Wohnung in Frankfurt gefunden und will auch hier Steuern zahlen. Aber seine Sprachkenntnisse reichen offenbar noch nicht für öffentliche Auftritte aus. Im kleinen Kreis sei schon mal ein Small Talk möglich, berichtet ein Aufsichtsrat.

Jains ruppige Personalpolitik und seine Undurchschaubarkeit erzeugen Angst - davor, dass die Bank in die Hände einer internationalen Truppe von Investmentbankern fallen könnte, denen die gesellschaftliche Rolle des Konzerns in Deutschland völlig egal ist.

Erst kürzlich sorgte Jain wieder für Kopfschütteln, weil er den Chefvolkswirt der Bank auswechseln will. Thomas Mayer, der den öffentlichkeitswirksamen Posten erst vor zwei Jahren angetreten hatte, soll an diesem Donnerstag aufhören. Er hatte teilweise mit unkonventionellen Thesen Aufsehen erregt, die nicht immer den Interessen der Bank entsprachen. So warnte er etwa, dass die großzügige Bankenfinanzierung durch die Europäische Zentralbank zu höherer Inflation führen könne.

Nun soll seine unabhängige Denkfabrik Deutsche Bank Research in die Abteilung Markets Research integriert werden, die bisher ausschließlich für die Kunden der Bank tätig war. Der Chef der Research-Abteilung, der Jain-Vertraute David Folkerts-Landau, wird künftig auch als Chefvolkswirt fungieren und in den erweiterten Vorstand einziehen. Für die Entscheidung erntete Jain scharfe Kritik. "Da hat er gezeigt, dass ihm die gesellschaftspolitische Rolle der Bank nicht bewusst ist", sagt Bankenexperte Burghof.

Um solche Gedanken zu zerstreuen, hat die neue Führung eigens eine Kommunikationsagentur angeheuert, die auf schwierige Fälle spezialisiert ist. Die Berater stellen Jain im Gespräch mit Journalisten als verantwortungsvollen Familienmenschen dar und zeichnen die Beziehung der beiden künftigen Co-Chefs als ein Bild der Harmonie. Dabei haben sie offenbar Erfolg: Die Berichte über einen möglichen Durchmarsch der Investmentbanker sind jedenfalls seltener geworden.

Sein engster Vertrauter wurde von der Aufsicht gestoppt

Das könnte allerdings auch daran liegen, dass die neue Führung das Personaltableau seit Anfang März noch einmal korrigiert hat. Auf einigen Posten in der zweiten und dritten Reihe wurden Leute installiert, die auch Co-Chef Fitschen zugerechnet werden können. Zudem wurde Jains wohl wichtigste Personalie von der Bankaufsicht BaFin gestoppt.

Ursprünglich sollte der Amerikaner William Broeksmit zum neuen Risikochef der Bank werden. In dieser Funktion wäre er dafür zuständig gewesen, die riskanten Geschäfte der Investmentbanker zu kontrollieren und gegebenenfalls zu beschränken. Dass die neue Führungsspitze für diesen wichtigen Posten ausgerechnet einen ehemaligen Investmentbanker und engen Jain-Vertrauten vorgeschlagen hatte, sorgte in der Branche für viel Skepsis. Wie soll aus einem Tiger ein Raubtierdompteur werden?

Auch die BaFin schlug Alarm und signalisierte, man werde Broeksmit nicht für den Posten akzeptieren. In letzter Minute präsentierten Jain und Fitschen deshalb den Schotten Stuart Lewis als neuen Risikochef.

Seitdem wird darüber spekuliert, warum die BaFin Broeksmit abgelehnt hat. Zunächst war kolportiert worden, Broeksmit fehle die Führungserfahrung. Mittlerweile machen in der Branche allerdings Gerüchte die Runde, wonach Broeksmits Rolle in einem lange zurückliegenden Bankenskandal den Ausschlag gegeben habe. Weder die BaFin noch die Deutsche Bank wollen sich dazu äußern.

Anfang der Neunziger hatte die US-Bank Merrill Lynch, bei der Broeksmit und Jain damals arbeiteten, dem kalifornischen Landkreis Orange County komplizierte Finanzderivate verkauft, die den Kreis letztlich in die Pleite trieben. Broeksmit ging als Warner in die Geschichte ein, weil er 1993 in einem internen Memo die Risiken der Deals benannte. Laut Aussagen damaliger Kollegen soll er zuvor allerdings selbst maßgeblich an der Konstruktion und am Verkauf der Papiere beteiligt gewesen sein.

Das Investmentbanking ist schwieriger geworden

Ob der neue Risikochef Lewis den Investmentbankern stärker Einhalt gebieten kann als der Jain-Vertraute Broeksmit, muss sich noch zeigen. Viele Experten erwarten jedenfalls, dass die Bank den riskanten Geschäftsbereich ausbauen wird. "Ich vermute, dass die Investmentbank unter der Ägide von Herrn Jain expandieren wird", sagt Konrad Becker, Bankenanalyst bei Merck Finck. Vor allem in den USA und in Asien könnte Personal aufgestockt werden. Allerdings wird nach seiner Einschätzung auch das Privatkundengeschäft als zweite Säule erhalten bleiben - schon aus Eigennutz.

Zum einen, so Becker, würden die Einlagen der normalen Kunden für die Institute immer wichtiger, um die steigenden Anforderungen der neuen Bankenregeln zu erfüllen. Um denen zu genügen, müssen die Geldhäuser über längere Zeit überleben können, ohne auf frisches Kapital von den Finanzmärkten angewiesen zu sein. Das geht nur, wenn man sehr viele Sparkonten von Privatkunden hat - so wie die Postbank, die der Konzern Ende 2010 übernommen hat.

Auch die Erfahrungen aus der Vergangenheit sprechen dagegen, das Geschäft mit den Ottonormal-Kunden zu vernachlässigen. "Als sich die Bank Anfang der nuller Jahre stark auf das Investmentbanking konzentriert hat, hat das für den Aktienkurs wenig gebracht", sagt Becker. Die Marktkapitalisierung sei damals sogar gesunken. "Gerade deshalb hat man sich ja auf das Privatkundengeschäft zurückbesonnen." Seitdem weiß auch Jain, dass es an den Finanzmärkten nicht gerne gesehen wird, wenn eine Bank ihre stabilen Geschäftsbereiche vernachlässigt.

Hinzu kommt: Es ist deutlich schwieriger geworden, im Investmentbanking das ganz große Geld zu verdienen. Dafür sorgen die strengere Regulierung durch die Politik, aber auch die Angst vieler Investoren, sich schon wieder von den komplexen, strukturierten Produkten der Banken täuschen zu lassen. "Die Margen sind heute viel niedriger als vor der Krise", sagt ein Insider. "Viele Produkte lassen sich gar nicht mehr verkaufen."

Trotz all dieser Bedenken setzt Jain auf das Investmentbanking. Seine Devise: Wenn viele Konkurrenten schrumpfen, weil die Politik sie dazu zwingt oder weil sich das Geschäft weniger lohnt, entstehen Lücken. Und in diese Lücken soll die Deutsche Bank stoßen.

Die Strategie kann aufgehen, doch Experten warnen vor den Risiken: "Das Problem beim Investmentbanking ist, dass es hohe Gewinne erzeugen kann, über die man jede Vorsicht vergisst", sagt Bankenexperte Burghof. "Und Menschen wie Jain lieben nun mal Leute, die Gewinne produzieren."

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Na soll er doch!
CyberDyne 30.05.2012
Zitat von sysopWas will Anshu Jain? Vor dem Machtwechsel bei der Deutschen Bank am Donnerstag sorgt der neue starke Mann beim größten Geldinstitut des Landes vor allem für eines: Rätselraten. Experten fürchten, dass die Bank unter der Führung des Investmentbankers künftig noch größere Risiken eingehen wird. Deutsche Bank: Anshu Jain übernimmt die Macht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836004,00.html)
Die Milliarden der Steuerzahler sind ihm gewiss, sollte er beim risikoreichen Wetten auf Nahrungsmittel und Rohstoffen verlieren. Also nur zu Herr Anshu Jain, Deine Boni ist Dir sicher!
2. Ja was will er wohl
archontas 30.05.2012
Bonus Bonus Bonus so viel wie möglich. Wüsste wirklich nicht was er sonst noch will. Hätte ja genug zum leben oder?
3. Och Joh!
Dr. Fuzzi 30.05.2012
"Experten fürchten, dass die Bank unter der Führung des Investmentbankers künftig noch größere Risiken eingehen wird. " - na und, was soll's. In Zukunft haftet nach dem neusten Willen und vermutlich darauf folgendem Gesetz der EU, der ganz normale Bürger für die Geschäfte der privaten Banken. Da kann es doch dem Anshu Jain wahrhaft scheissegal sein, welche Risiken er eingeht. Geht's gut, steckt er sich Multimillionen als "Erfolgsbonus" ein. Geht's schief, steckt er sich Multimillionen als Abfindung ein. Eine absolute Win-Win Situation. Der Mann hat es zweifelsfrei geschafft - wenn schon nicht geistig und moralisch, so doch zumindest finanziell.
4. Mal sehen
fauleoma 30.05.2012
wie lange es dauert, bis der Steuerzahler wieder eingreifen darf und die Herren mit dicker Abfindung das Weite suchen, um die nächste Bank gegen die Wand zu fahren.
5. Neuer Chef der Deutschen Bank
rolandjulius 30.05.2012
Hauptaufgabe des Herrn Jain wird wohl sein,die Fehler von Josef Ackermann auszubuegeln. Ob ihm dies gelingen wird,steht in den Sternen.
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