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Krise der Deutschen Bank: Jain und der Märtyrer

Aus Frankfurt berichten und

Anshu Jain erhält noch mehr Macht. Doch bei der Hauptversammlung wird deutlich, wie angeschlagen der Deutsche-Bank-Chef ist. Gefeiert wird sein zurückgetretener Gegenspieler Rainer Neske.

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Es wirkt gespenstisch: Auf der Bühne der Frankfurter Festhalle steht Anshu Jain und spricht. Sein Mund bewegt sich, zu hören ist aber nichts. Aus den Lautsprechern tönt nur die Stimme eines Übersetzers, die wohlformulierte Sätze verliest.

Anshu Jain ist Co-Chef der Deutschen Bank - und seit Mittwochabend wohl noch ein bisschen mehr. Der Aufsichtsrat hat ihm die Zuständigkeit für die künftige Strategie der Bank übertragen. In der Bankspitze ist Jain spätestens jetzt die Nummer eins.

Auf der Hauptversammlung ist davon am Donnerstag nichts zu spüren. Jain ist vor den versammelten Aktionären extrem in die Defensive geraten. Hatte er im vergangenen Jahr noch versucht, mit einer Rede auf Deutsch die Herzen der Anteilseigner zu gewinnen, versucht er es nun erst gar nicht mehr. Stattdessen redet er auf Englisch und lässt übersetzen - ein marionettenhafter Auftritt in eisiger Atmosphäre.

Wer als Aktionär zur Hauptversammlung "seines" Unternehmens geht, der will hören, was der Vorstandschef sagt. Von Jain ist an diesem Donnerstag nichts zu hören, außer dem kurzen Hinweis, dass er heute wegen der ernsten Lage auf Englisch reden werde. Die Fragen der Investoren müssen Co-Chef Jürgen Fitschen und Finanzvorstand Stefan Krause beantworten.

Dabei haben die Aktionärsvertreter durchaus wichtige Fragen an Jain: Nach seiner Rolle in all den Skandalen, in die sich das von ihm geleitete Investmentbanking in den vergangenen Jahren verstrickt hat. Doch Jain bleibt stumm. "Sind Sie das Problem dieser Bank, sind Sie die Lösung oder sind Sie beides?", will Markus Kienle von der Aktionärsvereinigung SdK wissen. Die Aktionäre hätten "Zweifel an Ihrer Eignung".

Die Aktionäre lassen ihrer Wut freien Lauf

Auch Hans-Christoph Hirt vom einflussreichen britischen Aktionärsberater Hermes wendet sich direkt an den Co-Chef, als er die milliardenschwere Rekordstrafe anspricht, die die Bank im Skandal um Zinsmanipulationen zahlen musste. "Herr Jain, auch wenn Sie nicht persönlich in die Manipulation von Zinsen verwickelt sind", sagt Hirt, "so tragen Sie doch die Verantwortung für eine Kultur, die solches Fehlverhalten ermöglicht hat."

Oder, wie es ein Kleinaktionär mit zittriger Stimme zusammenfasst: "Herr Jain, Sie sind der Hauptvertreter dessen, was hier schlecht läuft." Der Applaus, den er dafür erntet, ist deutlich lauter als der nach Jains Rede.

Seit 20 Jahren ist Jain nun bei der Deutschen Bank. In seinen guten Jahren hat er ihr als Investmentbanker hohe Gewinne gebracht. Doch spätestens seit er die Bank mit Fitschen führt, hat sein Ruf gelitten. Die Skandale der Vergangenheit holen ihn immer wieder ein. Zahlen müssen dafür die Aktionäre. Ihrer Wut darüber lassen sie nun freien Lauf.

Und als wäre das alles nicht genug, feiern sie auch noch Rainer Neske, den Chef des Privatkundengeschäfts und Jains Gegenspieler, der im Machtkampf um die künftige Ausrichtung der Bank entnervt hingeschmissen hat. Der stets skandalfreie Neske wird für die Jain-Kritiker nun zu einer Art Märtyrer. Wann immer sein Name fällt, gibt es tosenden Applaus. "Mit Herrn Neske geht ein weiterer Bankier und eben kein Banker von Bord", sagt Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW.

Jain erträgt das alles weitgehend regungslos. Seine Bühne steht nicht hier, sondern in London, dem größten Finanzplatz Europas. Er soll die Bank in die Zukunft führen, doch er ist auch ein Chef auf Bewährung. "Wer ist schon unersetzlich?", hat Aufsichtsratschef Paul Achleitner kürzlich in einem Interview gefragt. Die Antwort ist noch offen.

Zusammengefasst: Die Hauptversammlung der Deutschen Bank zeigt, wie sehr Co-Chef Anshu Jain in die Defensive geraten ist. Aktionäre kritisieren öffentlich seine Rolle bei den jüngsten Skandalen im Investmentbanking und bejubeln den scheidende Gegenspieler Rainer Neske. Offiziell ist Jains Macht dennoch gewachsen, weil er künftig auch für die Strategie der Bank zuständig ist.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. DEUTSCHE Bank
cm1 21.05.2015
Ein Angestellter, der mehr als eine Million Euro erhält, kann sich keinen Sprachkurs leisten oder überfordert ihn das Erlernen einer Fremdsprache, weil er sich um Finanzmarktmanipulationen und andere dubiose Transaktionen kümmert.
2.
w.diverso 21.05.2015
Die Unzufriedenheit der Aktionäre wird Herrn Jain solange nicht stören, solange er genug Geld bekommt. Dass er und Herr Fitschen, keine ihrem Gehalt angemessene Leistung bringen, kann man schön an der Aktienkursentwicklung der Deutschen Bank sehen.
3. So langsam komme ich
Badischer Revoluzzer 21.05.2015
zu der Erkenntnis, daß die Deutsche Bank ein kleiner krimineller Laden geworden ist. Ich bin gespannt, was da noch alles aufgedeckt wird.
4. Wieder ein
oldhenry49 21.05.2015
Paradebeispiel dafür,wie Manager die ohne innere Bindung zum Unternehmen sind und nur ihre eigenen Vorteile im Auge haben,ein einst grundsolides Unternehmen, sukzessive in den Ruin treiben können. Leider nur ein Beispiel von sehr vielen seit den letzten 30 Jahren in Deutschland.
5.
richardheinen 21.05.2015
Das darf nicht wahr sein: Dieser Mann müsste in die Wüste geschickt werden, statt dessen wird er mit noch mehr Macht ausgestattet. Der Aufsichtsrat ist von allen guten Geistern verlassen.
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