Strategiewechsel der Deutschen Bank: Zocker auf Diät

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Die Chefs der Deutschen Bank planen einen Coup: Mit einer neuen Strategie wollen Anshu Jain und Jürgen Fitschen das Image des Geldhauses verbessern, mit der Ackermann-Ära brechen. Sie geloben einen Kulturwandel, wollen sich mit weniger Rendite begnügen. Doch die Vergangenheit könnte sie einholen.

Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen: Kulturwandel für die Deutsche Bank Zur Großansicht
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Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen: Kulturwandel für die Deutsche Bank

Hamburg - Es ist noch nicht lange her, da galt Anshu Jain als Inbegriff des Zockers. Seine komplizierten Finanzgeschäfte brachten der Deutschen Bank Milliardengewinne - und ihm selbst Millionen-Boni. Wenn er sich überhaupt mal in der Öffentlichkeit zeigte, dozierte er knapp und nüchtern über Kapitalrenditen, Finanzderivate oder die herausfordernde Entwicklung an den Märkten. Es passte in das Bild, das viele Deutsche von der größten Bank des Landes haben: ehrgeizig, erfolgreich, skrupellos.

Ausgerechnet dieser Mann will nun den Kulturwandel einleiten. Vor drei Monaten hat Jain zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Fitschen den Chefposten des Konzerns übernommen. Am Dienstag werden die beiden die neue Strategie des Geldhauses vorstellen. Die Deutsche Bank will nicht mehr nur bewundert, sondern auch ein bisschen geliebt werden.

"Wir meinen es ernst mit dem Kulturwandel", beteuerte Jain erst kürzlich bei einer Rede vor Diplomaten in Berlin. Die Gesellschaft habe ihr Vertrauen in die Banken verloren, nun müsse man daran arbeiten, es zurückzugewinnen. Seine Zuhörer nahmen ihm das offenbar ab - und bedachten ihn mit großem Applaus.

Doch bloße Bekenntnisse dürften auf Dauer nicht reichen, um die Menschen zu überzeugen. Das weiß man auch bei der Deutschen Bank. Deshalb müssen die Chefs nun Konkretes präsentieren. Die Kernpunkte zeichnen sich bereits ab:

  • Ein neues Selbstverständnis: Gleich an ihrem ersten Arbeitstag Anfang Juni wandten sich Jain und Fitschen an ihre mehr als 100.000 Mitarbeiter. Bei einem sogenannten Townhall-Meeting in der Frankfurter Zentrale kündigten sie an, "ein neues Kapitel für die Bank" aufzuschlagen. Schon da deutete sich der Bruch mit der Ackermann-Ära an. Ende Juli meldete sich der neue Aufsichtsratschef Paul Achleitner zu Wort. In einem Brief an die Mitarbeiter versprach er, einen "fundamentalen Kulturwandel", um das Ansehen der Bank als "Eckpfeiler einer modernen Gesellschaft wiederherzustellen".
  • Weniger Rendite: 25 Prozent - das war die Zahl der Ackermann-Ära. Diese Rendite sollte die Deutsche Bank auf ihr Eigenkapital erwirtschaften. Es gelang ihr nur selten, aber es reichte, um Ackermann in der Öffentlichkeit zum Vorreiter des ungezügelten Finanzkapitalismus zu machen. Die neuen Chefs haben sich nun niedrigere Ziele gesetzt: 14 bis 15 Prozent nannte Fitschen in der vergangenen Woche als Richtmarke. Doch selbst das wäre für die Deutsche Bank derzeit ein ehrgeiziges Ziel. Die neuen Regulierungsvorschriften schreiben den Banken ein deutliches höheres Eigenkapital vor. Entsprechend sinkt die Rendite. Im zweiten Quartal 2012 waren es bei der Deutschen Bank gerade mal 6,8 Prozent.
  • Niedrigere Boni: Die Bezahlung wird ein zentraler Punkt im Reformkatalog sein. Schon Ende Juli versprach Jain bei einer Analystenkonferenz, man werde die Gehaltsstruktur überprüfen. Sowohl die absolute Höhe der Bezahlung als auch das Verhältnis von Gehältern zu den Ausschüttungen an die Aktionäre stehe zur Debatte. Im Jahr 2011 überwies die Bank Boni in Höhe von 3,5 Milliarden Euro an ihre Mitarbeiter, die Aktionäre erhielten insgesamt gerade einmal 700 Millionen Euro. Zum Jahreswechsel gab es bereits eine kleinere Boni-Reform, nun wollen die neuen Chefs noch weiter gehen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, soll ein Teil der Zahlungen unter anderen an den Umgang mit Mitarbeitern geknüpft werden.
  • Einfachere Finanzprodukte: Im Geschäft mit Privatkunden sollen die Produkte verständlicher werden. Hochkomplexe Konstruktionen sollen möglichst nur noch den Profis angeboten werden. Das heißt: Auch die Zahl der Produkte dürfte sinken.
  • Hartes Sparprogramm: Drei Milliarden Euro pro Jahr will die Bank insgesamt einsparen. Bereits angekündigt sind Stellenstreichungen: 1900 Jobs sollen weltweit wegfallen, 1500 davon im Investmentbanking. Doch das bringt insgesamt gerade einmal 350 Millionen Euro. Deshalb wird schon seit Tagen spekuliert, dass womöglich noch mehr Mitarbeiter gehen müssen. Nach SPIEGEL-Informationen sollen zudem Gebäude verkauft und Standorte zusammengelegt werden. Auch dank der geplanten Boni-Kürzungen und der Integration der Postbank spart die Bank Geld.

Noch ist unklar, wie ernst es die neuen Chefs mit den Ankündigungen meinen. Sollten sie sie durchsetzen, könnte das der Deutschen Bank tatsächlich einen Image-Gewinn bringen. Doch zur Heilsarmee wird die Bank dadurch nicht. Ihr oberstes Ziel bleibt der wirtschaftliche Erfolg.

Und dann sind da noch die Lasten der Vergangenheit, die vor allem Anshu Jain in die Quere kommen könnten. Als ehemaliger Chef der Investmentbankingsparte war er nicht nur für die Immobiliengeschäfte in den USA verantwortlich, die dem Konzern bereits zahlreiche Klagen eingebracht haben, sondern auch für die Verstrickung der Bank in den sogenannten Libor-Skandal.

Weltweit ermitteln Aufsichtsbehörden gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, die sich jahrelang abgesprochen und so wichtige Referenzzinssätze zu ihren Gunsten manipuliert haben sollen - ein Skandal gigantischen Ausmaßes. Bisher hat erst eine Bank die Konsequenzen daraus gezogen: Die britische Barclays zahlte fast eine halbe Milliarde Dollar und feuerte ihren Chef. Als nächstes, so wird erwartet, könnte sich die Royal Bank of Scotland mit den Aufsehern auf eine Strafzahlung einigen.

Bei der Deutschen Bank laufen die Ermittlungen noch. Auch intern versuchen Spezialisten, den Fall aufzuarbeiten. Im vergangenen Jahr wurden zwei Händler gefeuert. Jain jedoch, so heißt es, habe nichts von Manipulationen gewusst. "Nach aktuellem Stand der Untersuchungen war kein aktuelles oder früheres Mitglied des Vorstands auf irgendeine unangemessene Weise in die untersuchten Vorgänge um Referenzzinssätze verwickelt", versuchte Aufsichtsratschef Achleitner die Mitarbeiter der Bank kürzlich in seinem Brief zu beruhigen. Doch werden sich die Aufsichtsbehörden in London und New York damit zufriedengeben? Ganz sorglos dürfte der Kulturwandel für Anshu Jain nicht verlaufen.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Man sollte wachsam darauf schauen
Gluehweintrinker 10.09.2012
...wie es denn demnächst mit Lebensmittelspekulationen und anderen unappetitlichen Umtrieben aussehen wird.
2.
miruwa 10.09.2012
Zitat von sysopDie Chefs der Deutschen Bank planen einen Coup: Mit einer neuen Strategie wollen Anshu Jain und Jürgen Fitschen das Image des Geldhauses verbessern, mit der Ackermann-Ära brechen. Sie geloben einen Kulturwandel, wollen sich mit weniger Rendite begnügen. Doch die Vergangenheit könnte sie einholen. Deutsche Bank: Anshu Jain und Jürgen Fitschen planen Kulturwandel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,854952,00.html)
So lange ich mit der Deutschen Bank in Autos campierende Menschen und verfallende US-Häuser verbinde kann vom Imagewechsel keine Rede sein.
3. Warum bloss
WStrehlow 10.09.2012
Zitat von sysopDie Chefs der Deutschen Bank planen einen Coup: Mit einer neuen Strategie wollen Anshu Jain und Jürgen Fitschen das Image des Geldhauses verbessern, mit der Ackermann-Ära brechen. Deutsche Bank: Anshu Jain und Jürgen Fitschen planen Kulturwandel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,854952,00.html)
kann ich diesen Worten kein vertrauen schenken?
4. Die Worte
bartholomew_simpson 10.09.2012
hör ich wohl, doch mir fehlt der Glaube.
5. ...mal gucken....
senfdazu 10.09.2012
...und dann meckern....
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