Deutsche Bank Aufstieg und Fall einer Größenwahnsinnigen

Die Sünden der Vergangenheit haben die Deutsche Bank eingeholt, nun muss sie um ihre Zukunft bangen. Wie aus einem angesehenen Geldhaus erst eine globale Zockerbude und dann ein Trümmerhaufen wurde.

Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt
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Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt

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John Cryan kämpft. Eigentlich kümmert sich der Chef der Deutschen Bank nur ungern um solche Dinge wie Öffentlichkeitsarbeit. Aber in diesen Tagen muss er fast jeden Tag ran. Im "Bild"-Zeitungsinterview verkündet er, dass Staatshilfe für die angeschlagene Bank kein Thema sei. In einem Brief an die Mitarbeiter gibt er Spekulanten die Schuld am Absturz der Aktie und versucht zu beruhigen: "Wir sind und bleiben eine starke Bank." Es klingt wie das Pfeifen im Walde.

Die Deutsche Bank ist erschüttert - wer hätte gedacht, dass die Zukunft des einst so renommierten Finanzkolosses einmal davon abhängt, ob eine Strafe der US-Regierung eher 14 oder eher 5 Milliarden Dollar beträgt.

Wer das Drama sieht, fragt sich, wie es so weit kommen konnte. War die Deutsche Bank nicht mal ein zwar langweiliges, aber doch angesehenes und mächtiges Finanzhaus? Wo nahm die Geschichte diesen verhängnisvollen Verlauf? Ein Überblick über den glamourösen Aufstieg und den dramatischen Fall einer deutschen Institution.

Alfred Herrhausen: Der Traum von der globalen Bank

Alfred Herrhausen 1987
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Alfred Herrhausen 1987

Es ist das Jahr 1989, das nicht nur das Schicksal Deutschlands, sondern auch das der Deutschen Bank verändert. An der Spitze des noblen Finanzinstituts steht damals Alfred Herrhausen. Ein charismatischer und zugleich intellektuell brillanter Manager, der sich gerne in die großen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen der Zeit einmischt. Selbst Bundeskanzler Helmut Kohl lässt sich von ihm gerne beraten.

Auch für die Deutsche Bank hat Herrhausen große Visionen: Sie soll internationaler werden, den alten bundesdeutschen Beamtenmief abschütteln. Bei den Traditionalisten in der Bank stößt er damit auf wenig Gegenliebe. Es rumort in den Frankfurter Bankentürmen.

Herrhausen lässt sich nicht beirren. Zusammen mit den Unternehmensberatern von McKinsey und Roland Berger hat er ein Konzept entwickelt, das den Einstieg in die Welt des Investmentbankings vorsieht. Mit Sparbüchern und dem klassischen Kreditgeschäft lässt sich nicht genug Geld verdienen. Von nun an soll die Bank mitmischen bei den großen Firmenübernahmen und beim Handel an den Weltbörsen. "Was wir bewundern und nicht besitzen, ist die angelsächsische Kultur im Geldgeschäft", sagt Herrhausen. Am 27. November 1989 verkündet die Deutsche Bank deshalb die Übernahme der britischen Bank Morgan Grenfell für 2,7 Milliarden Mark. Drei Tage später stirbt Herrhausen auf dem Weg zu einer Vorstandssitzung durch eine Bombe der linksextremistischen RAF.

Herrhausens Wagen nach dem tödlichen Attentat
DPA

Herrhausens Wagen nach dem tödlichen Attentat

Mit der Übernahme von Morgan Grenfell beginnt für die Deutsche Bank ein Kulturkonflikt, der Jahrzehnte anhalten soll. Die angelsächsischen Dealmaker sind den biederen Bankiers in Frankfurt nicht geheuer. Viele verstehen nicht mal ihre Sprache. Und schon bald bringen die Neuen den ersten Skandal: Ein junger Fondsmanager hat sich verzockt. Die Bank muss die Kunden entschädigen.

Hilmar Kopper: Der Weg an die Wall Street

Hilmar Kopper (l.) und Rolf Breuer Ende der Neunzigerjahre
DPA

Hilmar Kopper (l.) und Rolf Breuer Ende der Neunzigerjahre

Herrhausens Nachfolger Hilmar Kopper und Rolf Breuer ziehen den neuen Kurs trotzdem unbeirrt durch. 1995 holt Kopper einen Star zur Deutschen Bank: Edson Mitchell kommt von der US-Bank Merrill Lynch - und bringt einen ganzen Stab von 50 Händlern mit. Unter ihnen ein junger Inder, Anshu Jain, der schon damals als großes Talent gilt. Mitchell übernimmt die Handelsabteilung der Deutschen Bank im alten Morgan-Grenfell-Gebäude in London. Wie es heißt, verdient er mehr Geld als der ganze Vorstand zusammen.

Kopper und Breuer wollen noch mehr: Sie wollen nach New York - ins Herz des neuen Finanzkapitalismus. Im Jahr 1999 sind sie am Ziel. Die Deutsche Bank übernimmt für 17 Milliarden Mark die US-Investmentbank Bankers Trust. Ein hoher Preis für ein Haus, das selbst nach Wall-Street-Maßstäben als "Zockerbude" bekannt ist.

US-Bank Bankers Trust 1999
REUTERS

US-Bank Bankers Trust 1999

Für die Deutsche Bank beginnt eine neue Ära. Die Hälfte der knapp 100.000 Beschäftigten arbeitet jetzt im Ausland. Am 4. Juni feiert die Bank den Übernahme-Deal vor den Türmen ihrer Frankfurter Zentrale unter dem Motto "Let's go global". "Amerikanische Pyrotechniker ließen Konfettiraketen in den Himmel steigen, das Bier der US-Marke Miller war schnell ausgetrunken", berichtet danach der SPIEGEL - und zitiert einen Investmentbanker, der sich über die neuen Machtverhältnisse im Vorstand freut: "Wir sind jetzt in der Mehrheit."

Josef Ackermann: Son nenkönig auf Rekordjagd

Josef Ackermann (M.) 2002 mit Kopper und Breuer
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Josef Ackermann (M.) 2002 mit Kopper und Breuer

Die Deutsche Bank ist jetzt die größte der Welt. Ihre Bilanzsumme wächst auf fast 900 Milliarden Euro (siehe Grafik).

Im Jahr 2000, dem Jahr nach der Übernahme, verbucht sie einen Gewinn von knapp fünf Milliarden Euro. Rund die Hälfte davon kommt aus dem Investmentbanking, dem ein aufstrebender Schweizer vorsteht: Josef Ackermann.

Schon 1998 hat er einen Pakt mit Edson Mitchell geschlossen, dem Anführer der Investmentbanker, und sich so die Unterstützung der wichtigsten Konzernsparte gesichert. So jedenfalls stellt es der Journalist Georg Meck später in seinem Buch "The Deutsche: Investmentbanker an der Macht" dar. "Ich habe den Investmentbankern das Gefühl gegeben, in der Deutschen Bank daheim zu sein", zitiert Meck Ackermann.

2002 wird Ackermann Vorstandschef - mithilfe der Investmentbanker. Er treibt die Expansion der Bank voran und trimmt sie noch stärker auf Rendite. Dabei bricht Ackermann alle Rekorde. Anfang 2007 ist er auf dem Höhepunkt angelangt: Bei der Jahrespressekonferenz präsentiert er stolz einen Gewinn von rund sechs Milliarden Euro (siehe Grafik). Mehr als 70 Prozent davon kommen aus dem Investmentbanking, das mittlerweile von Anshu Jain geführt wird.

Jain gilt als Genie, als "Regenmacher". Vor allem im Bereich Sales and Trading ist die Deutsche Bank kaum zu schlagen. Keine andere Bank der Welt handelt täglich so viele Anleihen und Devisen. Aber auch beim Handel mit US-Hypothekenpapieren ist die Deutsche Bank blendend im Geschäft. Aus der Ferne ist schon das erste Donnergrollen zu vernehmen, das die größte Finanzkrise aller Zeiten ankündigt. Doch Vorstandschef Ackermann hört offenbar nichts. "Heute habe ich für die Weltwirtschaft, die Finanzwirtschaft und die Deutsche Bank gute Gefühle", sagt er.

Josef Ackermann Anfang 2007
REUTERS

Josef Ackermann Anfang 2007

Mag sein, dass die guten Gefühle auch aus der Brieftasche kommen. Mit dem angelsächsischen Investmentbanking halt längst auch die Boni-Kultur Einzug gehalten. Die Gehälter sind rasant gestiegen. Für das Jahr 2006 erhält Ackermann mehr als 13 Millionen Euro. Zum Vergleich: 1988 kam der gesamte zwölfköpfige Vorstand auf 14,8 Millionen - und damals waren es noch D-Mark.

Die Finanzkrise: Der Mythos bröckelt

US-Häuser 2008
REUTERS

US-Häuser 2008

Am 11. Mai 2007 schließt der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie über die Marke von 102 Euro - ein einsamer Rekord (siehe Grafik). Von dort an geht es nur noch bergab.

In den USA bricht der Immobilienmarkt zusammen. Im Sommer wackeln in Deutschland die ersten Banken. Die kleine Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB muss vor dem Kollaps gerettet werden. Sie hatte massenhaft amerikanische Hypothekenpapiere gekauft - unter anderem von der Deutschen Bank. Dennoch geriert sich Ackermann als Krisenmanager. Bei einem Treffen der Finanzbranche in Frankfurt platzt dem Sparkassenpräsidenten Heinrich Haasis der Kragen. Er wundere sich darüber, dass man Ratgeber für Brandschutzvorschriften wird, wenn man vorher "ordentlich Brennholz gesammelt und gut daran verdient hat".

New Yorker Börse 2009
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New Yorker Börse 2009

Die Deutsche Bank selbst wird durch die Finanzkrise zwar auch erschüttert. Doch wie es scheint, kommt sie als einige der wenigen Finanzinstitute einigermaßen solide durch die stürmischen Zeiten. Während reihum Geldhäuser vor dem Ruin gerettet werden müssen, spottet Ackermann von der Seitenlinie: "Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden", sagt er dem SPIEGEL. Schon 2009 macht die Deutsche Bank wieder knapp fünf Milliarden Euro Gewinn.

        Ackermann 2008 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel
DPA

Ackermann 2008 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die dicke Rechnung kommt später. Nachdem der Höhepunkt der Finanzkrise überstanden ist, holen Politik und Regulierungsbehörden zum Gegenschlag aus. Die Fehler der Vergangenheit sollen gesühnt werden. Und zumindest ein paar der Milliarden, die die Staaten für die Bankenrettung ausgegeben haben, sollen wieder reinkommen.

Was folgt sind Klagen, Verfahren und Untersuchungskommissionen, die die Finanzkrise aufarbeiten sollen. Und bald stellt sich heraus, dass die Deutsche Bank fast überall dabei war, wo es nicht ganz sauber zuging. Ob die Manipulation von Zinssätzen oder Devisenkursen, der Handel mit windigen Hypothekenpapieren - die Deutsche Bank soll zahlen. Und was hat sie daraus gelernt?

Anshu Jain: Die falsche Wahl

Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen 2012
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Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen 2012

Im Frühjahr 2012 tritt Josef Ackermann nach zehn Jahren an der Konzernspitze ab. Um seine Nachfolge tobte eine Schlammschlacht. Ackermann selbst hätte gerne den früheren Bundesbank-Präsidenten Axel Weber zu seinem Nachfolger gemacht - einen Mann, der glaubhaft aufräumen und Neuanfang verkünden könnte.

Doch Ackermann scheitert im konzerninternen Machtkampf. Statt Weber rückt Anshu Jain an die Spitze - jener geniale Zocker, der das Investmentbanking über die vergangenen Jahre geleitet hat und in dessen Verantwortungsbereich sich fast alle Skandale der Bank abgespielt haben.

Die Bank versucht das als genialen Schachzug zu verkaufen. Nach dem Motto: Nur wer das Auto auseinandergenommen hat, kann es auch ordentlich wieder zusammenbauen. Um die Personalie in der Öffentlichkeit nicht ganz so dreist aussehen zu lassen, stellt sie Jain Jürgen Fitschen an die Seite, einen grundsoliden Banker alter Schule, dem nicht nur die Kunden vertrauen. Er wird künftig öfter vom Kulturwandel in der Bank sprechen. Jain dagegen spricht vor allem davon, wieder ganz oben mitzuspielen bei den Großen dieser Welt. Als hätte es die Finanzkrise nie gegeben.

Londoner Skyline: Machtzentrum der Deutschen Bank
Getty Images

Londoner Skyline: Machtzentrum der Deutschen Bank

Der Plan geht schief. Immer häufiger ploppen die Skandale auf, und immer näher rücken sie an Jain heran. Mehr als 12,7 Milliarden Euro muss die Bank allein zwischen 2012 und 2015 für Rechtsstreitigkeiten aufwenden. Die Gewinne werden von den Strafzahlungen aufgefressen. Das einzige, was hoch bleibt, sind die Gehälter.

Bei der Hauptversammlung im Mai 2015 rücken mächtige Aktionärsvertreter demonstrativ von Jain ab. Wenige Wochen später tritt er zurück. Die Gräben zwischen dem Frankfurter Stammhaus und den Investmentbankern in London und New York sind so tief wie noch nie.

John Cryan: Der Aufräumer?

John Cryan
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John Cryan

Jains Nachfolger wird John Cryan, ein knorriger Brite, der endlich aufräumen soll. Und das tut er. Für manchen Geschmack sogar ein bisschen zu sehr. Cryan meckert über den Zustand der Bank, die "lausigen" IT-Systems und die hohen Boni. Und er lässt Geschäftsbereiche neu bewerten, die viel zu teuer in der Bilanz stehen - unter anderem Bankers Trust. Die Folge ist ein Jahresverlust von 6,8 Milliarden Euro - der höchste in der 145-jährigen Geschichte der Deutschen Bank.

Seitdem kämpft Cryan. Er hat einen Trümmerhaufen übernommen - und bisher hat er noch keinen überzeugenden Plan präsentiert, wie er daraus wieder eine Bank machen will.

insgesamt 143 Beiträge
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laufwumf 01.10.2016
1. Peanuts, oder was?
Mag sein, dass ich mich hierdurch als nicht besonders Sach- und Fachkundiger zu erkennen gebe - aber, im Ernst: den Spitzengaunern aus dem Deutsche-Bank-Management seit den Tagen der Wiedervereinigung wünsche ich Erdnüsse als tägliche Mahlzeit bis ans Ende der Hölle.
joG 01.10.2016
2. Das Problem für die Bank ist. ...
....dass sie wie damals die WestLB durchseucht war und in großen Teilen von den Dingen lebte, die nun nach und nach herauskommen. Als Bank der Oberschicht der Deutschland AG konnte man lange ohne die weit grössere Expertise der ausländischen Konkurrenz leben. Nun verschwand das Zinseinkommen durch den vermurksten Euro und bricht neben den Strafen das Geschäftsmodell mit wesentlichen Kunden weg. Sterben braucht es nicht, aber eine Weltbank ist auch kaum noch drinnen.
isegrim der erste 01.10.2016
3. Ich brauche diese Bank nicht!
Wegen mir kann sie abgewickelt werden. Bin zufrieden mit meiner Volksbank, das scheinen auch ehrliche Banker zu sein, soweit ich das beurteilen lann.
Thinknow 01.10.2016
4. Wer braucht heute noch Banken?
Die Analyse zeigt, dass Banken heute nur noch wenig Wertschoepfung liefern und die Gewinne weitgehend bei den Managern landen. Ich selbst habe seit 25 Jahren keine Bankfiliale mehr betreten (obwohl Gutverdiener). Es stellt sich daher die Frage, ob Banken aus volkswirtschaftlicher Sicht noch gebraucht werden. Die meisten Transaktionen lassen sich vollstaendig standardisieren und automatisieren und bei Investment-Entscheidungen schneidet der Markt (ETFs) eh besser ab als der Fondmanager. Von der Compliance und den Betruegereien ganz zu schweigen. Also, am besten gleich die Deutsche Bank abwickeln und ein staatliches Transaktions- und Clearinghouse gruenden. Dann kann jeder dort ein Konto eroeffnen. Die Synergien waeren gewaltig. Kredite gibt es dann direkt von der Zentralbank. Moderne IT sollte das moeglich machen. Banken muessten sich dann auf wirklich wertstiftende Services fokussieren. Die Party waere vorbei.
unky 01.10.2016
5. Und sie machen weiter und weiter...
"Seitdem kämpft Cryan. Er hat einen Trümmerhaufen übernommen - und bisher hat er noch keinen überzeugenden Plan präsentiert, wie er daraus wieder eine Bank machen will." Was soll diese süffisante Bemerkung? In Grund und Boden gewirtschaftet haben die Bank schließlich seine Vorgänger mit ihrer grenzenlosen Gier. Aber noch schlimmer ist, dass die Banken nichts aus dem Desaster lernen wollen - und die Politik den Zockern keine Daumenschrauben angelegt hat. Der blöde Steuerzahler darf´s dann wieder zahlen.
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