Kirch-Anwälte gegen Deutsche Bank Tag der Rache

Erstmals in ihrer Geschichte musste die Deutsche Bank eine außerordentliche Hauptversammlung abhalten. Grund: die Anwälte des verstorbenen Medien-Moguls Leo Kirch und ihr Feldzug gegen das Bankhaus. Die Aktionäre sind verärgert. Wie konnte dieser Streit so eskalieren?

Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain: Kaffee und Kekse
DPA

Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain: Kaffee und Kekse

Aus Frankfurt am Main berichtet


Der ältere Herr im braunen Cordsakko ist sichtlich erregt. Seit 30 Jahren sei er nun Aktionär der Deutschen Bank, und noch nie habe er sich bei einer Hauptversammlung zu Wort gemeldet. Nun aber müsse er etwas loswerden: "Mir platzt der Kragen", ruft er in den Kuppelsaal der Jahrhunderthalle. "Keinen Cent den Hasardeuren!" Seine brüchige Stimme überschlägt sich.

Was dem Herrn den Blutdruck nach oben treibt, verärgert auch die Führung der Deutschen Bank - und das schon sehr lange. Es geht um den seit mehr als zehn Jahren andauernden Streit des größten deutschen Geldhauses mit dem Medienunternehmer Leo Kirch - den dessen Erben nach seinem Tod erbittert weiterführen.

An diesem Donnerstag stehen sich die beiden Lager erstmals in einer eigens einberufenen Außerordentlichen Hauptversammlung gegenüber. Offiziell sollen die Aktionäre dabei Beschlüsse der letztjährigen Versammlung bestätigen, die das Kirch-Lager vor Gericht angefochten hat. Doch tatsächlich ist es ein Schlagabtausch auf offener Bühne - ausgetragen mit den Waffen der Juristen: unendlich lange Fragelisten und umständlich formulierte Nichtsaussagen. Die Leidtragenden sind die übrigen Aktionäre, deren Zorn sich hier entlädt.

Der Streit hat seinen Ursprung im Februar 2002. Damals gab der Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer ein Fernseh-Interview, das man heute wohl als legendär bezeichnen muss. Daran zweifelte er die Kreditwürdigkeit des Medienunternehmers Kirch an. Wenig später war dessen Imperium pleite. "Erschossen hat mich der Rolf", kommentierte Kirch die Ereignisse später. Die Deutsche Bank sieht das naturgemäß anders: Kirch sei schon vorher zahlungsunfähig gewesen.

Mehr als 60 Klagen sollen die Kirch-Anwälte inzwischen eingereicht haben

Seitdem beharken sich beide Parteien aufs Innigste. Mehr als 60 Klagen sollen die Kirch-Anwälte inzwischen eingereicht haben. Im wichtigsten Verfahren wurde die Deutsche Bank im vergangenen Dezember vom Oberlandesgericht München verurteilt und wird wohl Schadensersatz zahlen müssen - nur die Höhe ist noch unklar. Die Bank habe schon Geld zurückgelegt, teilte Co-Chef Jürgen Fitschen mit. Zurzeit läuft aber noch eine Beschwerde beim Bundesgerichtshof.

Der Grund, warum nun außerplanmäßig wieder knapp 2000 Aktionäre in der Frankfurter Jahrhunderthalle sitzen, ist Franz Enderle. Der Anwalt hat in der vierten Reihe Platz genommen und eine Riege junger Anwälte um sich geschart. Sie gehören zur Münchner Kanzlei des CSU-Politikers Peter Gauweiler, die Kirch und seine Erben schon seit Jahren in dem Streit vertritt. Enderle hatte gegen die Beschlüsse der vergangenen Hauptversammlung im Mai 2012 geklagt - weil er in der finalen Fragerunde nicht mehr zu Wort gekommen war. Die Richter befanden, Enderles Rederecht sei unzulässigerweise beschnitten worden.

Die Deutsche Bank legte zwar Revision ein. Um auf Nummer sicher zu gehen, beorderte sie die Aktionäre aber ein zweites Mal nach Frankfurt, um wichtige Beschlüsse zu wiederholen - darunter die Gewinnverwendung des Jahres 2011 und die Wahl des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner.

Auch diesmal lesen die Kirch-Anwälte wieder ihre seitenlangen Fragenkataloge vor. Mit den Antworten warten Achleitner und Fitschen, bis ihnen ihre eigenen Juristen hinter der Bühne möglichst harmlose und rechtssichere Texte formuliert haben.

"Es reicht langsam!"

Der Großteil der Aktionäre ist genervt von den ewigen Attacken, die die Veranstaltung auch diesmal wieder in die Länge ziehen. Von einer "Tortur" spricht Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Aktionäre seien es leid, für eine "Privatfehde" des Kirch-Lagers in Geiselhaft genommen zu werden. Nieding fordert eine Ende der Scharmützel: "Es reicht langsam!"

So sehen das viele hier. Doch auch die Schlampereien der Deutschen Bank bringen einige in Rage. "So eine verkorkste Hauptversammlung möchten wir nicht noch mal erleben", sagt Ingo Speich von der mächtigen Fondsgesellschaft Union Investment mit Blick auf das vergangene Jahr. Der damalige Aufsichtsratschef Clemens Börsig sei offenbar überfordert gewesen und habe die "juristischen Fallstricke" nicht erkannt.

Ein Kleinaktionär hat vor allem die Anwälte der Bank auf dem Kieker, die es nicht schaffen, das Kirch-Thema zu beenden. "Entlassen Sie diese Versager!" ruft er in den Saal. Die Juristen seien "Salonlöwen mit Kamillenteepräferenz" - und somit chancenlos gegen die "Weißbier-Strategen" aus der Gauweiler-Kanzlei.

Trotz solcher Bonmots gibt es für viele anwesende Aktionäre offenbar wichtigere Themen als den Kirch-Streit. Schon gegen halb zwölf haben sich die Sitzreihen in der Halle deutlich gelichtet. Schließlich werden im Foyer Kartoffelsuppe und Würstchen angeboten - mit Senf. Die Führungsriege um Anshu Jain, Fitschen und Achleitner muss sich derweil mit Keksen und Kaffee begnügen.

Wie viel Freude ihnen die Veranstaltung bereitet, lässt sich erahnen, als Fitschen auf ein angebliches Zitat seines Vorvorgängers Breuer angesprochen wird: Der soll Hauptversammlungen einmal als "zehn Stunden Müll" bezeichnet haben. Pflichtschuldig teilt Fitschen nun mit, er kenne das Zitat nicht - und wenn, dann müsse dies Breuers Privatmeinung sein. Dem heutigen Vorstand sei die "Diskussion mit Aktionären auf der Hauptversammlung sehr wichtig".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, zum Mittagessen habe es unter anderem Erbsensuppe gegeben. Das ist falsch. Es handelte sich um Kartoffelsuppe. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Der Autor hat die Suppe nicht selbst probiert, sondern lediglich vom äußeren Anschein auf den Inhalt geschlossen.



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Stabhalter 11.04.2013
1. ja
Zitat von sysopDPAErstmals in ihrer Geschichte musste die Deutsche Bank eine außerordentliche Hauptversammlung abhalten. Grund: die Anwälte des verstorbenen Medien-Moguls Leo Kirch und ihr Feldzug gegen das Bankhaus. Die Aktionäre sind verärgert: Wie konnte dieser Streit so eskalieren? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-ausserordentliche-hauptversammlung-in-frankfurt-a-893867.html
irgendwann kommt der Tag der Rache für die Überheblichkeit.
optophon 11.04.2013
2. meine güte ist das lustig..
...jaja, die armen aktionäre und vor allem der kleinaktionär der so in geiselhaft zwischen gauweilers vollstreckern und den bockwürstchen genommen werden. die können dem geneigten leser wirklich leid tun. deutsche bank? selten so gelacht!
Badischer Revoluzzer 11.04.2013
3. Ganz eindeutig
hatte Breuer in dem Interview eine Äußerung gemacht, die ein Bänker niemals machen darf. Ob Kirch schon vorher, oder erst durch das Interview zur Zahlungsunfähigkeit getrieben wurde, läßt sich ja schließlich feststellen.
roskipper 11.04.2013
4. Tradition bei der DB
Die haben wohl mehr Dreck am Stecken wie die Kirch Affäre ( USA z.B . ) Ich habe mein Girokonto und Sparkonto schon längst bei diesem Betrieb, der mich nur mit Arroganz zuletzt bedient hat, gekündigt.
eli64 11.04.2013
5.
Hübsch, wenn ein Tippfehler die Bedeutung genau in die Richtung wendet, die den Charakter des Kirchverfahrens für die Deutsche Bank charakterisiert: "Die Aktionäre seien es Leid, für eine 'Privatfehde' des Kirch-Lagers in Geißelhaft genommen zu werden."
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