Führungskrise Christian Sewing soll neuer Chef der Deutschen Bank werden

John Cryan hat als Chef der Deutschen Bank nur Verluste angehäuft. Nach SPIEGEL-Informationen hat Aufsichtsratschef Paul Achleitner nun einen Nachfolger gefunden. Ein anderer Hoffnungsträger wird den Konzern wohl verlassen.

Christian Sewing
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Christian Sewing

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Die Deutsche Bank steht kurz vor einem Führungswechsel. Nach Informationen des SPIEGEL will der Aufsichtsratschef Paul Achleitner Christian Sewing als Nachfolger des Briten John Cryan installieren. Sewing ist bislang Co-Vizechef und im Vorstand der Deutschen Bank zuständig für das Privatkundengeschäft.

Wie der SPIEGEL erfuhr, wird Achleitner dem Aufsichtsrat am Sonntagabend den Wechsel an der Vorstandsspitze vorschlagen. Sewing soll demnach zur Hauptversammlung im Mai die Führung der größten deutschen Bank übernehmen.

Damit würde Marcus Schenck leer ausgehen. Er leitet das Investmentbanking und war von Achleitner vor einem Jahr zusammen mit Sewing, der das Privat- und Firmenkundengeschäft verantwortet, zum Vizechef und Kronprinzen gemacht worden. In den vergangenen Tagen hatte Achleitner die Personalie mit wichtigen Aktionären der Bank besprochen. Auch mit externen Kandidaten hatte er Kontakt, sich aber für eine interne Lösung entschieden. Die Deutsche Bank wollte die Informationen nicht kommentieren.

Rückhalt bei der Belegschaft - Skepsis bei den Investoren

Sewing genießt das Vertrauen der Mitarbeiter - zumindest in Deutschland. Bei den angelsächsischen Investmentbankern dürfte er dagegen auf Skepsis stoßen. Auch bei der Finanzaufsicht und in der deutschen Politik dürfte Sewing wohlgelitten sein. Sein Vorteil gegenüber den externen Kandidaten, mit denen Achleitner in den vergangenen Wochen gesprochen hatte: Er kennt die Bank seit fast drei Jahrzehnten von innen.

1989 hatte er eine Lehre in der Deutsche-Bank-Filiale Bielefeld begonnen. Managementerfahrung mit dem Kundengeschäft hat Sewing allerdings erst in den vergangenen Jahren gemacht. Zuvor hatte er vor allen in der Risikokontrolle der Bank gearbeitet und die interne Revision geleitet. Seit 2015 gehört er dem Vorstand an.

Dass der bisherige Vorstandsvorsitzende Cryan nach nur drei Jahren im Amt und weit vor Ablauf seines Vertrags 2020 gehen muss, ist seit geraumer Zeit absehbar. Sein Verhältnis zu Achleitner, der ihn 2015 vom Aufsichtsrat in den Vorstand gerufen hatte, gilt seit Langem als zerrüttet. Cryan hat es nicht geschafft, die Deutsche Bank wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Vor allem hat es der Brite versäumt, die Kosten drastischer zu senken. Gleichzeitig verliert die größte deutsche Bank konstant an Umsatz und Marktanteilen in ihrem Kerngeschäft, dem Investmentbanking. In seinen drei Amtsjahren hat Cryan bislang stets einen Verlust ausweisen müssen, teilweise auch wegen der Beilegung milliardenteurer Rechtsstreitigkeiten.

Umbruch im Top-Management

In den vergangenen Wochen war Cryan massiv unter Druck geraten. Für 2017 hatte die Deutsche Bank trotz des erneuten Jahresverlusts angekündigt, Boni in Höhe von 2,3 Milliarden Euro an die Mitarbeiter auszuschütten. Vor zwei Wochen dann dämpfte Finanzvorstand James von Moltke Hoffnungen auf ein starkes erstes Quartal. Und schließlich irritierte IT-Chefin Kim Hammonds Aktionäre. Sie hatte auf einem Führungskräftetreffen geschimpft, die Deutsche Bank sei das "dysfunktionalste Unternehmen", für das sie je gearbeitet habe. Hammonds gilt als Vertraute Cryans, auch ihre Tage im Vorstand sind gezählt. Garth Ritchie, Co-Investmentbanking-Vorstand von Schenk, will das Unternehmen freiwillig verlassen.

Marcus Schenck und Christian Sewing
REUTERS

Marcus Schenck und Christian Sewing

Indem er Cryan ablöst, vollzieht der seit 2012 amtierende Paul Achleitner erneut eine personelle Kehrtwende. 2015 hatte er sich bereits von Vorstandschef Anshu Jain getrennt. Im Jahr darauf hatte Jains Partner Jürgen Fitschen den Vorstand verlassen. Achleitner selbst gilt insbesondere unter Investoren als hochgradig umstritten. Bislang hat er es aber immer wieder geschafft, sich im Amt zu halten.

Bereits vor einigen Tagen hatte Achleitner drei angelsächsische Investmentbanker als neue Mitglieder für den 20-köpfigen Aufsichtsrat vorgeschlagen. So sollen der frühere Chef der in der Finanzkrise untergegangenen Investmentbank Merrill Lynch, John Thain, sowie die ehemalige Morgan-Stanley-Bankerin Mayree Clark und die frühere UBS-Managerin Michele Trogni in das Gremium einziehen. Zugleich scheiden mit Henning Kagermann und Johannes Teyssen zwei Vertreter der deutschen Industrie aus. Kritiker hatten Achleitner daher vorgeworfen, die Bande zur deutschen Wirtschaft zu kappen. Die Berufung Sewings ist dagegen ein Signal, die Deutsche Bank wieder stärker in Deutschland verankern zu wollen.

Was wird aus Kronprinz Schenck?

Trotzdem ist fraglich, was die Personalie Sewing für die Strategie des Konzerns bedeutet. Als Vorstand für das Geschäft mit Privat- und Firmenkunden sowie das Wealth Management steht der Westfale für die soliden, wenig kapitalintensiven Sparten der Bank, nicht aber für das Investmentbanking. Dort fällt zwar nach wie vor der Großteil der Erträge an. Zugleich steht das Kapitalmarktgeschäft aber unter enormem Druck. Die harte Regulierung und die übermächtige Konkurrenz an der Wall Street setzen der Deutschen Bank in ihrem Kerngeschäft heftig zu.

Sollte Schenck leer ausgehen, dürfte er den Konzern in Kürze verlassen. Schließlich hatte er intern lange durchblicken lassen, dass er sich den Chefposten selbst zutraue. Nach der Ernennung zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden konnte er sich eine Zeit lang auch berechtigte Hoffnungen auf die Spitzenposition machen. Schencks Vertrag war erst Ende 2017 um fünf Jahre bis 2023 verlängert worden. Nun wird er mutmaßlich zum Ende seiner ersten Amtszeit zur Hauptversammlung Ende Mai ausscheiden.

Denn Schenck ist Kritiker der Strategie des Unternehmens. Seine absehbare Demission wäre End- und Höhepunkt einer Entwicklung, die sich offenbar über Monate hingezogen hatte. Über die Ostertage hatte er schließlich Achleitner einen Brief geschrieben, dass er für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung stehe. Die Deutsche Bank sei nach seiner Ansicht das einzige Geldhaus in Europa, das auch künftig eine der weltweit führenden Investmentbanken sein könne. Allerdings forderten die Aufsichtsbehörden den Konzern seit geraumer Zeit auf, seine Kapitalmarktaktivitäten einzuschränken, wogegen sich der Aufsichtsrat nicht oder nicht genügend stemme. Das werde langfristig der Wettbewerbsfähigkeit der Bank schaden. Das von ihm geführte Investmentbanking habe heute ein anderes Mandat als zu dem Zeitpunkt seines Amtsantritts - weswegen er es nicht für opportun halte, seine zweite Amtszeit anzutreten.

Achleitner hatte nach Erhalt des Briefs seinen Osterurlaub in Südamerika abgebrochen und beschleunigte den Wechsel an der Vorstandsspitze. Damit ist auch der sorgsam gepflegte Eindruck einer Männerfreundschaft zwischen den beiden Kronprinzen dahin. Und: Zieht nun Sewing an Schenck vorbei, wäre das für die vor allem in New York und London ansässigen Investmentbanker des Konzerns das Signal, dass die einstige Paradedisziplin der Deutschen Bank künftig weiter an Bedeutung verlieren wird.

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Seite 1
lschampel 08.04.2018
1.
Ein Investmentbanker soll leer ausgehen? Für mich unvorstellbar.
rathals 08.04.2018
2. Das Problem der Deutschen Bank
ist der AR Achleitner. Eine Strategie ist bei diesem Mann nicht zu erkennen. Durch die Ablösung Cryan verschafft er sich persönlich wieder etwas Luft, ob die Bank davon profitiert ist zweifelhaft. Nur mit einem neuen AR-Chef ist der Umschwung zu schaffen.
rurik 08.04.2018
3. Gute Wahl
Ich hatte schon befürchtet, dass wieder ein Investmentbanker kommt, aber jetzt besteht zumindest wieder die Chance, aus der Bank das zu machen, was sie bis in die frühen 90iger noch war: eine solide, stabile Großbank. Das Investmentbanking wird sicher nicht verschwinden, aber es sollte - wie bei anderen vergleichbaren Banken ebenfalls - "nur" als ein wichtiges Produktangebot für die Kunden fungieren und nicht mehr quasi als riskanter Kern der Bank.
fuchss 08.04.2018
4. Da hat Herr Achleitner...
...aber eine mutige, jedoch richtige Entscheidung getroffen. Herr Schenck an der Spitze der Bank hätte die IB-Söldner gestärkt un die Bank in die nächste internationale Krise geführt. Schaue man nur nach London und NY und betrachte die, sich wieder mehr als vollständig erholten, großen Namen der Branche und deren erneute Exzesse. Herr Schenck ist von gleicher moralischer Kategorie. Und somit ungeeeignet, eine solches Institut verantwortungsbewußt zu führen.
eckawol 08.04.2018
5. Mit Rückgriff aus ein "DB-Urgestein"
setzt sich ein Dilemma bei der "Internationalisierung" der Deutschen Bank seit den 80er Jahren fort : Sewing genießt das Vertrauen der Mitarbeiter - zumindest in Deutschland. ABER : Bei den angelsächsischen Investmentbankern dürfte er dagegen auf Skepsis stoßen. Genau dieser Umstand hat stets zu einer erheblichen ,wenig produktiven Wettbewerbssituation statt zu einer auf erfolgreichen Kooperation ausgerichteten Arbeit geführt. Es war stets viel Raum zur Verbesserung . Gross Herausforderung für Sewing.
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