Rekordverlust Schocktherapie für die Deutsche Bank

Sechs Milliarden Euro Verlust in drei Monaten - so schlecht schnitt die Deutsche Bank noch nie ab. Dahinter steckt die Strategie des neuen Chefs: Er will das Missmanagement der Vergangenheit offenlegen und selbst davon profitieren.

Bankchef Cryan (hier noch im Dienst der UBS): Die Mitarbeiter sollen "einen Teil der Belastung tragen"
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Bankchef Cryan (hier noch im Dienst der UBS): Die Mitarbeiter sollen "einen Teil der Belastung tragen"

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Genau 100 Tage ist John Cryan im Amt - und wie es aussieht, ist der Deutsche-Bank-Chef nicht gekommen, um sich Freunde zu machen. Gleich zu Beginn hatte er den rund 100.000 Mitarbeitern des Konzerns "belastende Veränderungen" angekündigt. Nun zeigt sich, was er damit meinte.

Die Ankündigungen, die Cryan am Mittwochabend schriftlich verbreiten ließ, haben es in sich:

  • Die Deutsche Bank schreibt gigantische Verluste: 6,2 Milliarden Euro sollen es im dritten Quartal laut einer ersten Bestandsaufnahme gewesen sein. Das wäre der höchste Verlust in der Geschichte der Bank. Grund sind neben erneuten Milliardenkosten für Rechtsstreitigkeiten vor allem Abschreibungen auf Geschäftsbereiche, die die Bank einst gekauft hat, die aber offenbar nicht so viel wert sind, wie es in der Konzernbilanz bisher ausgewiesen wurde.
  • Die Aktionäre der Bank sollten für 2015 eine geringere oder womöglich gar keine Dividende mehr erhalten. Wo kein Gewinn gemacht wird, ist auch nichts auszuschütten. Es wäre allerdings das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass Deutsche-Bank-Aktionäre leer ausgehen.
  • Die Mitarbeiter der Bank werden für das laufende Jahr wohl geringere Bonuszahlungen bekommen. Es sei zwar noch keine Entscheidung gefallen, schrieb Cryan in einer E-Mail an die Belegschaft. Die Aktionäre erwarteten jedoch "zu Recht, dass die Mitarbeiter einen Teil der Belastung tragen". Das dürfte noch nicht alles gewesen sein: Dem Konzern steht der Abbau von mehreren Tausend Stellen bevor.

Wie es genau mit der Bank weitergehen soll, dazu will sich Cryan am 29. Oktober bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Konzernchef äußern. Doch schon jetzt ist klar, dass er zahlreiche Geschäftsbereiche zum Verkauf stellen wird. Neben der Postbank betrifft das unter anderem große Teile des Russland-Geschäfts sowie die Beteiligung an der chinesischen Bank Hua Xia.

Die Verkaufspläne dürften auch hinter den insgesamt 5,8 Milliarden Euro schweren Abschreibungen stecken, die die Bank für das Privatkundengeschäft und die Investmentbanking-Sparte angekündigt hat. Solche Abschreibungen entstehen, wenn Geschäftsbereiche, die in der Vergangenheit für viel Geld eingekauft wurden, nicht mehr so viel wert sind wie ursprünglich gedacht.

Dickster Brocken dürfte dabei die Postbank sein, die der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zwischen 2008 und 2010 in mehreren Schritten für insgesamt gut sechs Milliarden Euro übernommen hat. Sie soll nun an die Börse gebracht werden - und dürfte einige Milliarden weniger einbringen.

Abrechnung mit den Vorgängern

Doch nicht nur die Postbank hat Cryan neu bewerten lassen. Auch das 1999 übernommene US-Institut Bankers Trust, auf der ein großer Teil der heutigen Investmentbank-Sparte aufbaut, ist offenbar nicht so wertvoll, wie damals gedacht. Seit der Finanzkrise wurde die Regulierung in diesem Geschäftsbereich erheblich verschärft, in der Folge fließen auch die Gewinne nicht mehr so üppig. Hinzu kommen gewaltige Altlasten aus Finanzskandalen, die die Bank bereits jetzt mehrere Milliarden Euro gekostet haben.

Die Abschreibungen, die Cryan jetzt vornimmt, sind insofern auch eine Abrechnung mit seinen Vorgängern: Von Rolf Breuer, der 1999 den Bankers-Trust-Kauf einfädelte, über Josef Ackermann, der mitten in der Finanzkrise die Postbank erwarb, bis zu Anshu Jain, der es in seinen drei gemeinsamen Jahren mit Jürgen Fitschen an der Konzernspitze nicht schaffte, die Bank besser zu machen, und deshalb im Juni dieses Jahres gehen musste.

"Die hohen Abschreibungen zeigen, dass vieles von dem, was in der Vergangenheit für viel Geld gekauft wurde, einfach nichts wert ist", sagt Dieter Hein, Analyst bei Fairesearch und einer der größten Kritiker der Bank. Die sogenannte Strategie 2015+, die Jain und Fitschen 2012 ausgerufen hatten, sei "krachend gescheitert", sagt Hein. "Angepeilt war damals für 2015 eine Rendite von zwölf Prozent, was einem Gewinn von acht bis neun Milliarden Euro entsprechen würde. Was jetzt dabei rauskommt, dürften vier, sechs oder vielleicht auch acht Milliarden Euro Verlust sein."

Dennoch ist die große Panik unter den Investoren ausgeblieben. Nachdem die Aktie auf den ersten Schreck des Rekordverlusts zunächst um bis zu zehn Prozent ins Minus fiel, lag der Kurs am Mittag schon wieder im Plus.

Viele Investoren haben anscheinend Hoffnung, dass Cryan hart durchgreift und sich die Zahlen schon bald wieder bessern. Untypisch wäre das nicht, meint auch Analyst Hein. "Es ist immer das gleiche Muster, wenn der Vorstandschef wechselt: Alle möglichen Kosten werden noch in das alte Jahr hineingepackt, damit der Neue später hohe Steigerungen verkünden kann."


Zusammengefasst: Der neue Chef der Deutschen Bank, John Cryan, kündigt einen Rekordverlust von 6,2 Milliarden Euro für das dritte Quartal an. Dahinter stecken vor allem Abschreibungen auf Firmenbereiche, die bisher offenbar zu hoch bewertet wurden, wie etwa die Postbank.

insgesamt 68 Beiträge
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Leo 57 08.10.2015
1. Es gibt auch noch gute Nachrichten!
Wenn Nahrungsmittelspekulanten wie die Deutsche Bank, die am Tod von Millionen von Menschen mitverantwortlich sind, hohe Verluste einfahren, ist das erfreulich. Am liebsten wäre es mir ja, das Institut würde aus diesem Grund gänzlich von der Bildfläche verschwinden!
kuac 08.10.2015
2.
6 Milliarden Euro Verlust in 3 Monaten? Was machen die höchstdotierten Manager und Boniempfaenger der DB? Übernimmt jemand die Verantwortung und Haftung dafür?
halitd 08.10.2015
3. Es mus noch viel mehr werden
Die, welche in der deutschen Bank ihr Unwesen treiben, sollten mit mehr als nur Verlust imaginären Geldes bestraft werden. Es ist eine Ohrfeige für jeden Deutschen, dass diese Kriminellen sich "Deutsche" Bank nennen dürfen. Wenn das die Aushängeschilder (Deutsche Bank, VW, Heckler & Koch) dieses Landes sind ... dann gute Nacht.
trader_07 08.10.2015
4. Oh weh...
Zitat von Leo 57Wenn Nahrungsmittelspekulanten wie die Deutsche Bank, die am Tod von Millionen von Menschen mitverantwortlich sind, hohe Verluste einfahren, ist das erfreulich. Am liebsten wäre es mir ja, das Institut würde aus diesem Grund gänzlich von der Bildfläche verschwinden!
Oh weh, ist dieses Märchen immer noch im Umlauf?
stefan.martens.75 08.10.2015
5. Was für eine Show!
Und wenn er dann die neu bewerteten Teile (eh nur Spielgeld solange nicht verkauft wird) in ein-zwei Jahren wieder neu bewertet macht die Bank plötzlich 10 Milliarden Gewinn in einem Quartal......
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