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Libor-Skandal: Gericht attestiert Deutscher Bank "fehlende Kontrollen"

Von , Frankfurt am Main

Deutsche-Bank-Zentrale: "Keine konkreten Richtlinien und Kontrollen" Zur Großansicht
REUTERS

Deutsche-Bank-Zentrale: "Keine konkreten Richtlinien und Kontrollen"

Im Skandal um Zinsmanipulationen feuerte die Deutsche Bank insgesamt sieben Händler - nun muss sie vier davon doch weiterbeschäftigen. Das Gerichtsurteil zeigt, welch zweifelhafte Kultur in Deutschlands schillerndstem Konzern herrschte - und wie die Führungsspitze das Treiben offenbar tolerierte.

Man sieht den vier Herren ihre Coolness immer noch an. Die Frisuren sitzen, die dunklen Anzüge auch, mit sicherem Schritt betreten sie den Gerichtssaal - als wäre nichts geschehen, als zählten sie immer noch zu den "Masters of the Universe". Zu den Herren des Universums, für die viele Investmentbanker sich angeblich jahrelang hielten. Dreieinhalb Stunden später werden sie das Gericht wieder verlassen und sich sicher sein, dass sie bald tatsächlich wieder dazugehören zur globalen Finanzelite.

Die vier Herren sind als Kläger vor Gericht erschienen. Sie haben die Deutsche Bank verklagt, weil die sie fristlos rausgeschmissen hat. Nun entschied das Arbeitsgericht Frankfurt: Der Konzern muss die vier Geldhändler weiterbeschäftigen - und ihnen obendrein noch mehrere hunderttausend Euro Gehalt nachzahlen.

Der Prozess und das Urteil werfen einmal mehr die Frage auf, welche Kultur Deutschlands größtes Geldhaus über lange Jahre pflegte. So stellte die Vorsitzende Richterin Annika Gey zwar fest, dass die Händler "grobe Pflichtverstöße" begangen hätten, die die Bank schädigen könnten. Die Kündigungen seien dennoch unverhältnismäßig gewesen, da das Unternehmen die Männer in einen "ständigen Interessenkonflikt" gebracht habe, der nicht aufzulösen gewesen sei. Mit anderen Worten: Die Bank ist zumindest teilweise selbst schuld am Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter.

Deutschlands größtes Geldhaus hatte den Händlern im Februar dieses Jahres gekündigt, weil sie in den größten Finanzskandal der vergangenen Jahre verwickelt gewesen sein sollen: Die Manipulation von sogenannten Referenzzinssätzen wie dem Libor und dem Euribor, die weltweit als Basis für Finanzgeschäfte in Billionenhöhe dienen.

Die Bank beschuldigt ihre Ex-Mitarbeiter zwar nicht, selbst Zinssätze manipuliert zu haben, sie hätten aber durch "unzulässige Kommunikation" den Eindruck erweckt, dass der jeweilige Wert in eine bestimmte Richtung bewegt werden soll.

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Konkret sah das so aus: Die vier Männer waren neben ihrer Tätigkeit als Geldhändler unter anderem dafür zuständig, intern die Referenzzinssätze zu ermitteln und an eine zentrale Stelle weiterzugeben, die die Meldungen aller beteiligten Banken zusammenfasste. Drei von ihnen meldeten Euribor-Daten, einer Werte für den Schweizer Franken Libor. Dabei ging es jeweils darum, den Satz zu schätzen, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. "Es ist ein hypothetischer Zinssatz", sagte Richterin Gey. Entsprechend manipulationsanfällig waren die Werte.

Die Bank wirft den Händlern vor, sich vor Meldung der Zinssätze mit anderen Händlern im eigenen Haus abgesprochen zu haben, vor allem mit den Kollegen aus dem Derivatehandel. Diese wiederum hätten am Finanzmarkt selbst Wetten abgeschlossen, bei denen die Referenzsätze eine Rolle spielten. Die geschassten Mitarbeiter sollen ihre Kollegen demnach gefragt haben, welche Sätze für deren eigene Handelspositionen günstig seien.

"Keine konkreten Richtlinien und Kontrollen"

Die entlassenen Mitarbeiter stellen die Sache anders dar: Sie bestreiten die E-Mails und Chats mit den Derivatehändlern zwar nicht, sehen sie aber als normale Diskussionen zwischen Händlern. Die Bank habe die Kommunikation zwischen den Bereichen sogar bewusst gefördert, so seien die Geld- und Derivatehändler räumlich zusammengesetzt worden, jeden Montag habe es eine gemeinsame Konferenz gegeben, bei der sämtliche Handelspositionen abgesprochen wurden.

Insbesondere habe man die Anweisung erhalten, sich eng mit Christian Bittar abzusprechen - also jenem Derivatehändler, der bei der Deutschen Bank im Zentrum des Skandals stand und für das Unternehmen zeitweise gewaltige Gewinne mit Zinswetten erwirtschaftete. Zusammen mit seinem Kollegen Guillaume Adolph musste er die Bank bereits Ende 2011 verlassen. Bittar war Anfang des Jahres in die Schlagzeilen geraten, als bekannt wurde, dass die Deutsche Bank ihm 2009 einen Rekordbonus von 80 Millionen Euro zugestanden hatte - der allerdings nie voll ausgezahlt wurde.

Richterin Gey kritisierte die Organisationsstruktur der Deutschen Bank. Es habe "keine konkreten Richtlinien und Kontrollen gegeben", um die Trennung zwischen den Zinsermittlern und Derivatehändlern zu gewährleisten, sagte sie.

Deutsche Bank verteidigt die Kündigungen

Das Urteil bringt die Deutsche Bank im Zinsskandal erneut in Erklärungsnot. Bisher versuchte das Institut einigermaßen erfolgreich, seine Verantwortung auf einzelne Mitarbeiter abzuwälzen. Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen spricht vom "Fehlverhalten einiger weniger". Doch offenbar haben auch die Strukturen und die Kultur der Bank dazu beigetragen, dieses Fehlverhalten zumindest zu tolerieren.

Ähnlich sieht das die deutsche Finanzaufsicht BaFin, die seit mehr als einem Jahr in dem Fall ermittelt. Ein Zwischenbericht, der nicht veröffentlicht wurde, wirft der Bank nach Angaben aus Finanzkreisen "organisatorische Mängel" vor, die die Manipulationen begünstigt hätten.

Noch größeren Ärger dürfte es von den internationalen Aufsichtsbehörden geben, etwa in den USA und Großbritannien, wo in Sachen Libor gegen mehr als ein Dutzend Finanzinstitute ermittelt wird. Andere Banken wie die Schweizer UBS, die Royal Bank of Scotland und die britische Barclays mussten bereits Strafen in Höhe von insgesamt 2,5 Milliarden Euro zahlen. Auch bei der Deutschen Bank rechnet man mit hohen Kosten: Insgesamt hat das Institut rund drei Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten zurückgelegt - Schätzungen zufolge allein rund 500 Millionen Euro für mögliche Zahlungen aus dem Zinsskandal.

Verwertbare Hinweise dafür, dass die Führungsspitze des Konzerns sich schuldig gemacht hätte, haben die Ermittler bisher nicht gefunden. Doch nach wie vor stehen vor allem zwei Männer unter Beobachtung: Co-Chef Anshu Jain, der das Investmentbanking jahrelang leitete, und sein Vertrauter Alan Cloete, den Jain inzwischen in den erweiterten Vorstand befördert hat. Die entlassenen Händler wollen sich an eine Videokonferenz mit Cloete im Jahr 2012 erinnern. Darin habe ihnen ihr damaliger Chef klargemacht, dass er den Skandal um die manipulierten Zinssätze möglichst schnell loswerden wolle: "Ich möchte kein Aufsehen erregen, Anshu wird CEO" - also Vorstandschef.

Die Anwälte der Deutschen Bank bestreiten, dass Cloete sich so geäußert habe. Sie halten auch die Kündigungen nach wie vor für richtig. "Wir bedauern die Entscheidung des Gerichts, weil wir glauben, dass die in diesem Fall ergriffenen Maßnahmen angemessen waren", sagte Deutsche-Bank-Anwalt Christan Hoefs. Ob man in Berufung gehe, werde man nach Vorlage der Urteilsbegründung entscheiden.

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1. Versteh ich nicht....
w.r.weiß 11.09.2013
..."Richterin Gey kritisierte die Organisationsstruktur der Deutschen Bank. Es habe "keine konkreten Richtlinien und Kontrollen gegeben", um die Trennung zwischen den Zinsermittlern und Derivatehändlern zu gewährleisten, sagte sie."!? Die "Selbstkontrolle" in der freien Wirtschaft ist doch ein Seelenheil und Heilsbringer überhaupt für uns alle ach so freien und immer freier werdenden Konsumkinder.....
2. wie was wo
Stabhalter 11.09.2013
Zitat von sysopREUTERSIm Skandal um Zinsmanipulationen feuerte die Deutsche Bank insgesamt sieben Händler - nun muss sie vier davon doch weiterbeschäftigen. Das Gerichtsurteil zeigt, welch zweifelhafte Kultur in Deutschlands schillerndstem Konzern herrschte - und wie die Führungsspitze das Treiben offenbar tolerierte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-muss-ex-mitarbeiter-entschaedigen-a-921713.html
Ackermanns Vermächtsnis könnte man das auch nennen.
3.
zynik 11.09.2013
Zitat von sysopREUTERSIm Skandal um Zinsmanipulationen feuerte die Deutsche Bank insgesamt sieben Händler - nun muss sie vier davon doch weiterbeschäftigen. Das Gerichtsurteil zeigt, welch zweifelhafte Kultur in Deutschlands schillerndstem Konzern herrschte - und wie die Führungsspitze das Treiben offenbar tolerierte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-muss-ex-mitarbeiter-entschaedigen-a-921713.html
Wirklich beruhigend, dass die moderne Gesellschaft insgesamt für das Treiben dieser unkontrollierten aber systemrelevanten Insitutionen haftet.
4.
moistvonlipwik 11.09.2013
Zitat von sysopREUTERSIm Skandal um Zinsmanipulationen feuerte die Deutsche Bank insgesamt sieben Händler - nun muss sie vier davon doch weiterbeschäftigen. Das Gerichtsurteil zeigt, welch zweifelhafte Kultur in Deutschlands schillerndstem Konzern herrschte - und wie die Führungsspitze das Treiben offenbar tolerierte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-muss-ex-mitarbeiter-entschaedigen-a-921713.html
Da das Urteil noch nicht vorliegt (also niemand den zugrunde gelegten Streitstoff kennt), gibt es zunächst nicht viel zu kommentieren.
5. Befehlsnotstand?
kladderadatsch 11.09.2013
Die Kündigungen mögen zwar ungerechtfertigt sein, allerdings dürften die Kläger für den von ihnen angerichteten Schaden gegenüber Dritten haften.
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