Angeblich verschleierte Verluste: Finanzkrise holt Deutsche Bank ein

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Hat die Deutsche Bank in der Krise Verluste versteckt, um ohne Staatshilfe über die Runden zu kommen? Mittlerweile erhebt der dritte Ex-Mitarbeiter diesen Vorwurf. Doch die Bank dementiert entschieden.

Deutsche-Bank-Zentrale in New York: "Professioneller Selbstmord" Zur Großansicht
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Deutsche-Bank-Zentrale in New York: "Professioneller Selbstmord"

Hamburg - Deutschland steckte mitten in der Finanzkrise, da machte sich Josef Ackermann mal wieder unbeliebt: "Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden", sagte der damalige Deutsche-Bank-Chef auf einem Führungskräftetreffen seines Instituts. Das kam im Kanzleramt nicht besonders gut an, schließlich hatte die Bundesregierung gerade erst ein Bankenhilfspaket über fast 500 Milliarden Euro geschnürt. Schämen musste Ackermann sich aber nicht: Bis heute ist Deutschlands größte Bank ohne Staatshilfe durch die Krise gekommen.

Doch ist diese Souveränität vor allem gutem Management zu verdanken? Oder auch kreativer Buchführung? Diese Frage wirft nun ein Bericht der "Financial Times" ("FT") neu auf. Demnach beschuldigen drei ehemalige Mitarbeiter die Deutsche Bank Chart zeigen, sie habe in der Krise Buchverluste von bis zu zwölf Milliarden US-Dollar verschleiert. Entstanden seien diese durch eine insgesamt 130 Milliarden schwere Investition in Kreditderivate, also jene Finanzinstrumente, die als Mitauslöser der Krise gelten. Wäre diese Position wie vorgeschrieben nach dem Marktwert bewertet worden, so der Vorwurf, hätte auch die Deutsche Bank in Schieflage geraten und Staatshilfe benötigen können.

In Frankfurt wird das entschieden zurückgewiesen. "Die Vorwürfe waren Gegenstand einer sorgfältigen und umfangreichen Untersuchung und haben sich als vollkommen unbegründet erwiesen", heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Bank. Zudem sei der Vorwurf einer unsauberen Buchführung nicht neu.

Tatsächlich hatte die Nachrichtenagentur Reuters bereits im Juni 2011 über die Entlassung von Alex Bernand berichtet, einem der wichtigsten Derivatehändler des Unternehmens. Bernand musste das Unternehmen im Herbst 2009 verlassen, nachdem ein sogenannter Whistleblower, also ein interner Informant, auf Ungereimtheiten in Bernands Portfolio aufmerksam gemacht hatte. Der Whistleblower hieß Matthew Simpson und arbeitete selbst als Händler für die Bank. Laut Reuters erhielt er von der Deutschen Bank 900.000 Dollar, um den Fall beizulegen und wurde sogar befördert. Kurz darauf verließ Simpson das Unternehmen angeblich freiwillig.

Mittlerweile aber gibt es einen weiteren Kronzeugen für die vermeintlichen Buchungstricks - und dessen Auseinandersetzung mit dem früheren Arbeitgeber endete weniger gütlich. Der ehemalige Risikomanager Eric Ben-Artzi wurde laut "FT" gefeuert, nur drei Tage, nachdem er eine Beschwerde bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hatte.

"Ich wollte nie ein Whistleblower sein oder habe damit gerechnet, einer zu werden", wird Ben-Artzi vom Government Accountability Project (GAP) zitiert, einer Organisation zum Schutz von Informanten. Er habe die Behörden erst informiert, nachdem seine Warnungen intern ignoriert wurden. Der "FT" zufolge reichte noch ein dritter Mitarbeiter Beschwerde bei der SEC ein, er verließ die Bank allerdings freiwillig.

Bekommt der Vorwurf geschönter Bilanzen nun neues Gewicht? Die Deutsche Bank bestreitet das. Sie hatte einst die New Yorker Anwaltskanzlei Fried Frank engagiert, um die Anschuldigungen untersuchen zu lassen. Diese habe keine Fehler bei der Bewertung gefunden. Außerdem sei ein Großteil der betroffenen Derivate mittlerweile verkauft worden. Hintergrund dieser Argumentation: Wären die Finanzinstrumente tatsächlich falsch bewertet worden, hätte sich dies spätestens im Moment des Verkaufs zeigen müssen. Allerdings schwanken Kreditderivate zum Teil stark im Preis, könnten also zwischenzeitlich auch wieder an Wert gewonnen haben.

Umzug von New York nach Berlin

Zudem spricht die Deutsche Bank den Whistleblowern die Kompetenz ab. Es habe sich gezeigt, dass "diese Vorwürfe von Personen stammen, die weder über eigene Kenntnisse über wichtige Fakten und Informationen verfügten noch dafür verantwortlich waren".

Doch Ben-Artzi arbeitete immerhin im Risikomanagement. Also genau in dem Bereich, der für die Bewertung verantwortlich war. Angeblich war er allerdings nur 18 Monate bei der Deutschen Bank und trat seinen Job erst an, als die interne Untersuchung bereits im Gang war. Seine Entlassung begründete die Bank damit, dass ein Teil der Risikoabteilung 2011 von New York nach Berlin verlegt wurde. Laut GAP bekam Ben-Artzi damals nicht die Möglichkeit, den Arbeitsort zu wechseln oder auf einer anderen Position für die Deutsche Bank weiterzuarbeiten - obwohl er zuvor positive Rückmeldungen für seine Arbeiten erhalten habe.

Ausgestanden ist die Affäre für die Deutsche Bank auf jeden Fall noch nicht. Ben-Artzi wird mittlerweile vom GAP und der Anwaltskanzlei Labaton Sucharow vertreten. Laut GAP-Angaben dürfte er der erste Whistleblower bei der SEC sein, der seinen Fall öffentlich macht. Ben-Artzi sei "eine Bilderbuchillustration dafür, was Whistleblower riskieren, wenn sie versuchen, innerhalb einer böswilligen Firma aktiv zu werden", sagte der Chef der GAP-Rechtsabteilung, Tom Devine. Im Fall der Deutschen Bank sei ein solcher Entschluss offenbar "professioneller Selbstmord".

Auch Ben-Artzi klagt über die Konsequenzen seines Entschlusses. "Leider zahlen meine Familie und ich einen hohen Preis dafür, das Richtige getan zu haben", wird er von GAP zitiert. Sollte die Beschwerde Erfolg haben, so könnte sie allerdings duchaus lukrativ für Ben-Artzi sein: Das Whistleblower-Programm der SEC verspricht Informanten eine Beteiligung zwischen zehn und 30 Prozent an Strafzahlungen, die als Konsequenz aus ihren Hinweisen verhängt werden.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. optional
lupenrein 06.12.2012
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Banken das Recht auf beliebige Fälschung ihrer Bilanzen haben. Genau dieser gesetzlich erlaubte Betrug idt die eigentliche Ursache von Banken- und Schuldenkrise.....
2.
GuidoHülsmannFan 06.12.2012
Zitat von lupenreinEs ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Banken das Recht auf beliebige Fälschung ihrer Bilanzen haben.
Da haben Sie Recht. Über dem Menschrecht oder der Bibel steht der Schwur des "Bail Outs" von Großbanken durch die Politik. Alle Rechtsverstöße unterhalb von einer Insolvenz sind sowieso subsidiär und haben selbst theoretisch nur Scheinfolgen.
3. Sandmaennchen
rogerthetaxpayer 06.12.2012
DB hat allein 19 Milliarden vom Tarp gekriegt..Ohne Staatshilfe, ha!!!!
4. Üble Nachrede
Bezahler 06.12.2012
Zitat von sysopHat die Deutsche Bank in der Krise Verluste versteckt, um ohne Staatshilfe über die Runden zu kommen? Mittlerweile erhebt der dritte Ex-Mitarbeiter diesen Vorwurf. Doch die Bank dementiert entschieden. Deutsche Bank soll laut Mitarbeiter Milliardenverluste vertuscht haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-soll-laut-mitarbeiter-milliardenverluste-vertuscht-haben-a-871420.html)
Solange der SPON bei Vermutungen bleibt ist es ja noch nicht mal als Üble Nachrede zu sehen. Tatsache ist doch,das wenn alle drei Plappermäuler bei der SEC abgeblitzt sind ist an der Sache nichts dran!Aber auch gar nichts dran!Die SEC ist schließlich kein solcher Schnurzelverein wie unsere Baffin.Und ausländische Banken werden von der SEC in vorzüglicher Weise in die Pfanne gehauen. Also großes bla,bla hier. Immerhin kann man ja mal wieder ein Spächtelchen Dreck in Richtung der Deutschen Bank schmeißen. Des weiteren waren diese Anwürfe vor Jahren schon mal in der Presse. Aber der SPON macht in zunehmender Weise dass,was ein sog. Hans Esser vor Jahren bei einer Tageszeitung als aktualisieren kennenlernte.
5. Aber Fakt ist ...
cvpue 06.12.2012
Aber Fakt ist, sie haben keine Hilfe in Anspruch genommen. Nicht dass ich ein Bankenfreund bin, aber das muss man der DB hoch anrechnen. Bewertung ist ja immer so eine Sache, eng wirds wenn der cash knapp ist und das haben sie offensichtlich gemanaged.
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