Kulturwandel bei der Deutschen Bank: Sechs Werte für ein Halleluja

Von , Berlin

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Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen: "Die Banken haben ihre Werte über den Haufen geschmissen"

Die Deutsche Bank will weg von ihrem schlechten Image: Am Mittwoch wird die Führungsspitze ihren 100.000 Mitarbeitern einen neuen Verhaltenskodex mit sechs Grundwerten vorstellen. Die neuen Schlagworte lauten Kundenfokus, Qualität und Integrität.

Schmerzen im Fuß, beide Hände bandagiert und eine dicke lila Schramme neben dem rechten Auge - Jürgen Fitschen sieht derzeit etwas derangiert aus. Nur der dunkle Anzug und der adrette Scheitel erinnern daran, dass hier kein lädierter Boxer steht, sondern der Chef der Deutschen Bank. Er sei mit seinem Hund joggen gewesen und unglücklich gestürzt, erzählt Fitschen. Zum Glück sei nichts gebrochen.

Trotz der widrigen Umstände hat der Deutsche-Bank-Chef allen Grund zur Freude. Er hat gerade den ersten Teil eines Projekts vollendet, das wie kein anderes mit seinem Namen verbunden ist. Wenn es gelingt, könnte es das Erbe werden, das der 64-Jährige der Bank hinterlässt. Es geht um den sogenannten Kulturwandel - ein Wort, das Fitschen und sein Co-Chef Anshu Jain im ersten Jahr ihrer Amtszeit arg strapaziert haben und das sie nun endlich mit Inhalten füllen wollen.

Zehn Monate lang haben Mitarbeiter und Führungskräfte der Bank diskutiert. Anfang Juli wurden die 250 Top-Manager des Konzerns nach Frankfurt geladen, um Formulierungen festzuzurren. Nun ist das Ergebnis da: ein Wertekanon mit universellen Verhaltensleitlinien. Am Mittwoch soll er allen 100.000 Beschäftigten weltweit präsentiert werden.

Kurz vor der Veröffentlichung ist Fitschen noch einmal nach Berlin gekommen, um einen Nebenjob zu erledigen. Als Präsident des Bankenverbandes soll er zu aktuellen Themen der Branche referieren: zur europäischen Bankenunion und den niedrigen Zinsen. Zur Deutschen Bank will und darf er eigentlich nichts sagen, erst recht nichts zum Wertekanon, den ja die Mitarbeiter als Erste erfahren sollen.

Doch am Ende rutscht ihm doch noch dieser Satz heraus, der zeigt, wie stolz Fitschen auf sein Projekt ist: "Die Arbeit ist beendet - und wir haben sie sehr ernst genommen."

Im neuen Wertekanon geht es um Themen wie Kundenfokus, Qualität und Integrität - und darum, dass nicht alles, was legal ist, auch richtig ist. Die Botschaft lautet: Lieber mal ein Geschäft sausen zu lassen, als ethisch fragwürdige Deals einzugehen. Bei den Top-Managern aus aller Welt sei das gut angekommen, berichtet einer, der dabei war. "Es gab breite Zustimmung von Indien bis Brasilien."

"Auch Reputationsschäden müssen bezahlt werden"

Doch reichen Worte aus, um alles zu verändern? Um die Sünden der Vergangenheit wieder gut zu machen und das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen? Der Deutschen Bank geht es da ähnlich wie den mutmaßlich gedopten Radfahrern bei der Tour de France: Man bewundert ihre Stärke, man hört ihre Beteuerungen, dass sich alles geändert habe - und doch bleibt da ein tiefes Misstrauen.

Genährt wird dieses Misstrauen immer wieder von Skandalen: Mutmaßliche Zinsmanipulationen, angeblicher Umsatzsteuerbetrug und der Vorwurf der Bilanztrickserei - alles Fälle aus der Vergangenheit, die die Bank aber mit schöner Regelmäßigkeit wieder einholen.

Vor allem Fitschens Co-Chef Jain steht dabei in der Schusslinie: Er war jahrelang Chef der Investmentbankingsparte, aus der die meisten Skandale kommen. Er steht wie kein anderer für das alte System. Jain habe sich gewandelt, beteuern seine neuen Mitstreiter - vielleicht nicht aus tiefer innerer Überzeugung, aber doch immerhin aus pragmatischer Kalkulation.

Seit der Finanzkrise wird von Bankern nun mal nicht mehr nur Rendite erwartet, sondern zusätzlich noch ein bisschen Moral. Sogar die Vertreter der großen Aktionäre sprechen mittlerweile auffällig oft von Nachhaltigkeit. Wer erfolgreich sein will, passt sich diesem neuen Ton besser an. "Auch Reputationsschäden müssen bezahlt werden", sagt ein hochrangiger Manager.

Fitschen hat zumindest die Fehler der Vergangenheit erkannt. "Die Banken haben vor allem darauf geschaut, was für sie übrig blieb, und dabei Prinzipien und Werte über den Haufen geschmissen", sagt er heute selbstkritisch. Das soll sich ändern. Die große Frage ist nun, ob Jain und Fitschen ihre eigenen Ansagen auch glaubwürdig umsetzen.

Bisher gibt es lediglich ein paar Ansätze: So wurde etwa das Bonussystem überarbeitet: Nicht mehr nur der Gewinn, sondern auch die Kundenzufriedenheit soll künftig über die Höhe der Gehälter entscheiden. Für die Top-Leute werden die Zusatzzahlungen zudem über fünf Jahre gestreckt - wer sich in der Zeit etwas zuschulden kommen lässt, bekommt weniger Geld.

Der neue Wertekanon soll nun das Fundament bilden für eine neue Kultur. Doch ob das gelingt, ist offen. "Wenn der Wandel einfach nur von oben vorgeschrieben wird, dann wird das nichts werden", sagt ein Banker aus dem Filialgeschäft. "Dann wird das abgeheftet."

Auch Fitschen kennt das Problem. Wenn er für alle Banken spricht, begnügt er sich vorerst mit kleinen Zielen: Wenn man schon nicht geliebt werde, wolle man wenigstens respektiert werden, sagt er. "Wir haben keine Illusionen, dass allein das Gespräch über den Kulturwandel das schon auslöst."

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1. Ne Leute
Zündkerze 23.07.2013
Die Deutsche Bank hat schon genug Unheil angerichtet welches mich auch als Nicht-Kunde viel Geld gekostet hat. Lieber vergrabe ich mein Geld im Vorgarten als das es jemals auf ein Konto bei der Deutschen Bank landet.
2.
alaunemad 23.07.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDie Deutsche Bank will weg von ihrem schlechten Image: Am Mittwoch wird die Führungsspitze ihren 100.000 Mitarbeitern einen neuen Verhaltenskodex mit sechs Grundwerten vorstellen. Die neuen Schlagworte lauten Kundenfokus, Qualität und Integrität. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-stellt-am-mittwoch-neuen-grundwerte-kanon-vor-a-912735.html
Kennt bei euch keiner den Unterschied zwischen "dass" und "das"?
3.
besserwissy 23.07.2013
Das ist sowas von abgedroschen. Diese sogenannten Werte gibt es bei fast jedem großen Konzern. Die Modifikationen der Begriffe sind nur geringfügig. Man schaue mal auf die Websites der Firmen.
4. hahahaha
ask187 23.07.2013
Ein Verhaltenskodex mit Grundwerten. Ich lach mich schlapp. Sowas gibt es anderswo schon lange und dort fühlen sich die Vorstände auch nicht dran gebunden. Wer Grundwerte vorgibt sollte zuerst mal diese selbst vorleben und seine Steuern bezahlen so wie alle anderen auch !
5. Nun - wodurch zeichnet sich dieses Institut aus ?
hansjoki 23.07.2013
In den vergangenen Jahren (Jahrzehnten) als Verar... ihrer Stammkunden. Und wer als Mittelständler nicht mindestens 1 Mio. Umsatz mit dieser Bank machte, landete bei deren "Paria"-Bank (Bank 24). Nun, da sie´s geschnallt haben, dass selbst der Dümmste einen AHA-Effekt mitbekam (dies sowohl in D, wie USA), wird die Menschheit mit einem Tsunami an "Ethik" überflutet. Also - ein neues AHA...
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