Aktionärstreffen in Frankfurt: Deutsche Bank sucht ihre Leitkultur

Von , Frankfurt am Main

Deutsche Bank: Das erste Jahr der neuen Chefs Fotos
DPA

Seit einem Jahr sind Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei der Deutschen Bank an der Macht. Sie haben einen Kulturwandel versprochen, doch was verbirgt sich eigentlich dahinter? Die Top-Manager mühen sich redlich, nur: Das öffentliche Bild des Konzerns ist so schlecht wie selten zuvor.

Wie schlecht es um das Image der Deutschen Bank steht, ließ sich in dieser Woche im Fernsehen beobachten. Am Dienstag um 20.15 Uhr zeigte das ZDF den Film "Unheimliche Geschäfte". Gleich im ersten Satz erklärte der Sprecher mit tiefer, bedeutungsvoller Stimme, wo es langgehen sollte: "Die Bank der Deutschen - lange genoss sie Ansehen und Vertrauen -, das war einmal." In den folgenden 45 Minuten durften sich all jene auslassen, die sich von der Bank betrogen fühlen: hessische Mittelständler, windige Börsenhändler und österreichische Bahnmanager - um nur einige zu nennen.

Wenn das sonst so staatstragende ZDF zur besten Sendezeit Deutschlands größtes Geldhaus an den Pranger stellt, dann sollte sich die Bank Sorgen um ihr Image machen. Ein Jahr nach dem Amtsamtritt der neuen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen steht der Konzern in der Öffentlichkeit so schlecht da wie selten zuvor. Dabei hatte sich das Führungsduo doch vorgenommen, genau dies zu ändern.

Einen Kulturwandel hatten Jain und Fitschen der Bank im vergangenen Herbst verordnet - doch dann kam alles noch viel schlimmer. Die Vergangenheit holte das Institut ein: Skandale um Zinsmanipulationen und mutmaßlichen Umsatzsteuerbetrug, Gehaltsexzesse und Vorwürfe der Bilanztrickserei - kaum eine Woche verging ohne einen neuen Aufreger.

Gegen Fitschen ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft, weil er eine fehlerhafte Umsatzsteuererklärung unterschrieben hat. Und Jain ist ohnehin nur Chef auf Bewährung. Er stand jahrelang der Investmentbanksparte vor, aus der die meisten Skandale kommen. Vor allem wegen der möglichen Zinsmanipulationen ermitteln mehrere Behörden weltweit - unter anderem die deutsche Finanzaufsicht BaFin. Sollte sich herausstellen, dass Jain persönlich von windigen Geschäften wusste, dürfte er nicht mehr zu halten sein.

Die Bank verdient wieder Geld

Das ist die Ausgangslage, wenn sich die Führungsspitze an diesem Donnerstag bei der Hauptversammlung den Aktionären stellt - oder zumindest ein Teil dieser Lage. Denn es gibt auch Gutes zu vermelden. Die Bank verdient wieder Geld: 1,7 Milliarden Euro waren es allein in den ersten drei Monaten des Jahres. Sie genießt offenbar das Vertrauen der Investoren, die ihr gerade neue Aktien im Wert von fast drei Milliarden Euro abgekauft haben. Und es gibt zumindest Anzeichen dafür, dass die neuen Chefs tatsächlich so etwas wie einen Kulturwandel wollen - auch wenn das Wort vielleicht ein bisschen zu groß geraten ist für das, was sie darunter verstehen.

"Ein kultureller Wandel ist zwingend erforderlich", hatte Fitschen bei der Bilanzpressekonferenz Ende Januar verkündet. "Wer bei uns arbeitet und diese Werte nicht respektiert, der sollte besser gehen, das haben wir jedem gesagt." Auch der ausgewiesene Zahlenmensch Jain stellt die Kultur in seiner Prioritätenliste neuerdings auf eine Stufe mit den Kosten - wobei das eine gehoben und das andere gesenkt werden soll.

"Die meinen das ernst"

Die Arbeitnehmervertreter im Konzern zweifeln offenbar nicht an den Absichten der Chefs. "Die beiden meinen das mit dem Kulturwandel sehr ernst", sagt Betriebsratschef Alfred Herling, der unmittelbar nach der Hauptversammlung auch zum stellvertretenden Aufsichtsratschef gewählt werden soll. "Wir sind in der Verantwortung, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen."

Dass dies ausgerechnet mit Anshu Jain gelingen könnte, hätte vor einem Jahr kaum jemand gedacht. Als Josef Ackermann Ende Mai 2012 sein Amt als Vorstandschef abgab, erwarteten die meisten Beobachter nichts Gutes: Mit Jain übernahm ein Mann das Kommando in der Bank, der als genialer "Rainmaker" galt, als Vollblutinvestmentbanker, der mit riskanten und oft undurchsichtigen Geschäften einen Großteil der Konzerngewinne erwirtschaftete. Konnte so einer die Deutsche Bank leiten? Schnell besetzte Jain wichtige Schlüsselpositionen mit seinen Getreuen. Das öffentliche Misstrauen wuchs.

Konkrete Beispiel für den Kulturwandel gibt es nicht

Ein Jahr später lässt sich noch immer nicht sicher sagen, was Jain will. Doch die schlimmsten Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet. Weder hat Jain das Traditionshaus zu einer reinen Investmentbank umgebaut, noch beansprucht er in der Führungsriege mit Co-Chef Fitschen und Aufsichtsratsboss Paul Achleitner eine herausgehobene Position. Im Gegenteil. Das Trio funktioniert offenbar ausgesprochen harmonisch. Und es hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, das alle drei mittragen können: den Ruf der Bank zu verbessern und gleichzeitig hohe Renditen einzufahren. Die Frage ist nur: Geht das überhaupt?

Der groß angekündigte Kulturwandel bleibt bisher schwammig. Man wolle nicht mehr alle Geschäfte machen, nur weil sie legal sind, betonen die Banker immer wieder. Doch konkrete Beispiele, auf was sie denn verzichten wollen, bleiben sie schuldig. Die umstrittenen Geschäfte mit Agrarrohstoffen, die Vorgänger Ackermann noch auf den Prüfstand gestellt hatte, sollen jedenfalls weiterlaufen.

Die auffälligste Reform ist bisher die der Bonuszahlungen. Auf der Hauptversammlung sollen die Aktionäre über ein neues Vergütungssystem abstimmen. Statt harter Renditezahlen sollen künftig auch weiche Faktoren wie Kundenzufriedenheit und die Einhaltung ethischer Standards berücksichtigt werden. Für Top-Manager soll ein großer Teil der Boni über fünf Jahre gestreckt werden. Deutlich weniger verdienen werden die Banker-Stars aber sicher nicht. Die Vergütung sei immer noch zu hoch, monierte in der vergangenen Woche Hans-Christop Hirt vom Londoner Aktionärsvertreter Hermes. "Die von Hermes vertretenen Investoren wünschen sich noch mehr Fokus auf den angekündigten Kulturwandel", sagte Hirt dem SPIEGEL.

"Der Hungermarsch ist vorbei"

Gleichzeitig wollen die Investoren natürlich hohe Gewinne sehen - und vor allem steigende Aktienkurse. Der Börsenwert der Bank ist seit dem Führungswechsel vor einem Jahr zwar von 27 auf 38 Milliarden Euro gestiegen. Doch andere Banken haben noch stärker zugelegt. In der Rangliste der größten börsennotierten Banken ist die Deutsche deshalb sogar noch weiter abgerutscht - auf Platz 37. Ganz schön wenig für ein Institut, das nach Bilanzsumme das größte der Welt ist.

Dies zu ändern, wird vor allem Jains Aufgabe sein. Ende April gelang ihm mit der Kapitalerhöhung ein spektakulärer Deal, der die Fachwelt beeindruckte. Der Börsenkurs sprang nach oben, und auch die Mitarbeiter freuten sich. "Endlich gab es mal eine positive Nachricht", sagt ein Manager.

Auf Jain wirkte der Coup offenbar regelrecht befreiend. Vielleicht, weil es ausnahmsweise mal nicht um die Vergangenheit ging und nicht um Politik. Es ging um die Zukunft und ums Geschäft. In einer Analystenkonferenz ließ der Bankchef seiner Freude freien Lauf: "Heute können wir sagen, dass der Hungermarsch vorbei ist."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Darf bezweifelt werden
sunburner123 23.05.2013
Das die DB eine neue "Leitkultur" sucht darf ernsthaft bezweifelt werden. An der Spitze steht ein Ultra-Zocker dem es um Gewinnmaximierung geht und bestimmt nicht um ethisches oder moralisches Handeln. Alles was bisher kommt, sind Nebelkerzen, warum sollten sonst selbst die eigenen MA das ganze Thema als "von oben " verordnetes Gelaber abtun...
2.
jan.lolling 23.05.2013
wie sich das Image ändern soll ist mir ein Rätsel. Die kompromisslose Fixierung auf den Maximalgewinn lässt da keinen Spielraum. Kunden gnadelos abzocken, Unerhörte Managergehälter, Geschäfte mit dnn krummsten Typen, Geld in Steueroasen.... und nicht zu letzt die unerträgliche Arroganz Thema "Penuts"... Tja wie sllen die dabei noch dad Image verbessern?
3. Kulturwandel?
espressodupio 23.05.2013
Bei der DB heißt das: Slogan ausrufen, dem Ganzen in einen neuem Hochglanzprospekt Farbe geben; ansonsten weiter wie bisher nur anders darüber reden. Die können gar nicht anders, als sie sind!!!
4. Die passende.....
curti 23.05.2013
Zitat von sysopSeit einem Jahr sind Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei der Deutschen Bank an der Macht. Sie haben einen Kulturwandel versprochen, doch was verbirgt sich eigentlich dahinter? Die Topmanager mühen sich redlich, nur: Das öffentliche Bild des Konzerns ist so schlecht wie selten zuvor. Deutsche Bank sucht auf Jahreshauptversammlung Leitkultur - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bank-sucht-auf-jahreshauptversammlung-leitkultur-a-901307.html)
....Leitkultur für die DeuBa ist dermaßen naheliegend das die news bzgl. Suche abwegig ist und Zweifel am Orientierungssinn der Bankster aufkeimen läßt, jedenfalls formal. "Lug und Trug", ein äußerst effizientes Geschäftsmodell, die Leitkultur schlechthin mit Renditemöglichkeiten wie von Ackermann avisiert. Alles in feinem Zwirn und adretter Verschreibung verkapselt und mit offenem Messer ausgeführt. Man beachte die DeuBa-Offenbarungen seit der Lehman-Pleite!
5. Leitkultur?
fatherted98 23.05.2013
Schlage vor erstmal die Menschen zu entschädigen die in den letzten 10 Jahren betrogen und beschi...en wurden, die vor Gericht wegen lügender Bankmitarbeiter gescheitert sind und ihr ganzes Geld wegen windiger und illegaler Geschäftspraktiken verloren haben....erst dann kann man von einer Änderung einer "Leitkultur" sprechen...aber das wird natürlich nicht passieren...deshalb wird das Synonym des Banksters weiterhin in der Gesellschaft verbleiben...vielleicht auch ganz gut so....trau keinem Banker weiter als du sehen kannst....am besten gar nicht.
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