Wirtschaft

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Mögliche Fusion Deutscher Bank und Commerzbank

Es wäre eine Hochzeit aus Angst vor dem Tod

Zehn Jahre nach der Finanzkrise droht Deutscher Bank und Commerzbank der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Sie stehen vor der Frage: Schließen sie sich zusammen oder werden sie von ausländischen Konkurrenten übernommen?

Von

DPA

Frankfurter Bankenviertel mit Türmen von Commerzbank (Mitte) und Deutscher Bank (rechts)

Dienstag, 11.09.2018   15:49 Uhr

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Als Josef Ackermann im Februar 2008 die Geschäftszahlen der Deutschen Bank vorstellte, gab es gleich doppelten Applaus für ihn: Zum einen war es der 60. Geburtstag des Konzernchefs, zum anderen hatte er für das abgelaufene Jahr einen Rekordgewinn zu verkünden: 6,5 Milliarden Euro.

So viel hatte eine Bank hierzulande noch nie verdient - und das, obwohl die weltweite Finanzkrise bereits erste Kredithäuser ins Wanken gebracht hatte. "Es freut mich sehr, dass Herr Ackermann einen guten Jahresabschluss vorgelegt hat", lobte denn auch der Bundesfinanzminister, Peer Steinbrück (SPD). Und die "Börsenzeitung" jubelte über einen weiteren Rekord: "Die größte Bank der Welt sitzt also in Frankfurt - das ist doch schon mal was."

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Mittlerweile ist die Deutsche Bank nur noch ein Schatten des Riesen von damals - und das liegt nicht nur an der Finanzkrise. Jahrelanges Missmanagement hat der Bank Milliardenverluste beschert. Viele Investoren haben das Vertrauen verloren, der Aktienkurs ist seit jenen Februartagen um mehr als 80 Prozent abgestürzt. Von den größten Banken der Welt scheint der Konzern Lichtjahre entfernt zu sein.

Kaum besser erging es der zweiten deutschen Großbank, der Commerzbank . Sie musste Ende 2008 sogar mit Milliarden vom deutschen Staat gerettet werden und dümpelt mittlerweile, erheblich verkleinert, in Richtung Bedeutungslosigkeit. Ende September wird sie sogar den Aktienindex Dax verlassen müssen - und gehört dann ganz offiziell nicht mehr zu den 30 größten börsennotierten Unternehmen des Landes.

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Der Niedergang der einst so stolzen deutschen Banken ist dramatisch - und ruft mittlerweile auch die Politik auf den Plan. Nachdem die Bundesregierung in Berlin jahrelange jede Gelegenheit nutzte, um zu zeigen, wie egal ihr das Schicksal der Banker und Banken ist, will sie nun offenbar zu einer besonderen Art Industriepolitik zurückkehren.

Besonders engagiert scheint dabei Vizekanzler Olaf Scholz (SPD). Es sei ein Problem für eine große Volkswirtschaft wie die deutsche, dass die hiesigen Banken "nicht die notwendige Größe haben, um die Unternehmen zu begleiten", monierte der Finanzminister kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt. Und versprach Hilfe.

Scholz' Worte ließen aufhorchen - und befeuerten die ohnehin seit Monaten schwelenden Spekulationen, Deutsche Bank und Commerzbank könnten sich zusammenschließen.

Die Idee hat viele Befürworter: Nach SPIEGEL-Informationen kann sich nicht nur die Bundesregierung mittlerweile eine Fusion der beiden Großbanken vorstellen, auch die Führungszirkel der beiden Finanzinstitute um Deutsche-Bank-Boss Christian Sewing und Commerzbankchef Martin Zielke sind dafür durchaus offen.

"Zielke würde lieber heute als morgen", sagt ein Insider, der mit den Gesprächen vertraut ist. Sewing dagegen soll intern gesagt haben, in den nächsten 18 Monaten sei eine Fusion kein Thema. Zunächst müsse man die immer noch nicht abgeschlossene Integration der Postbank verdauen, die die Bank mitten in der Finanzkrise übernommen hatte und nun endlich komplett in den Konzern einreihen will. Zudem läuft noch ein Kostensparprogramm, das die Bank sanieren soll. Erst danach scheint man bereit für einen möglichen Zusammenschluss.

Beide Banken wollten die Informationen auf SPIEGEL-Anfrage nicht kommentieren.

ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Christian Sewing (links) und Martin Zielke (rechts) kürzlich in Frankfurt

Die Fusionspläne folgen dabei eher der Not als der Leidenschaft: Alleine scheinen weder Deutsche Bank noch Commerzbank auf Dauer überlebensfähig. Die Commerzbank gewinnt zwar stetig neue Kunden, verdient damit aber nur mäßig Geld. Im gesamten Jahr 2017 waren es gerade mal 176 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2018 lag der Gewinn immerhin bei rund 500 Millionen Euro. Die Investoren begeisterte das aber auch nicht.

Die Deutsche Bank dagegen steckt in der Strategiefalle: Das Investmentbanking, das dem Konzern früher hohe Gewinne gebracht hat, funktioniert seit der Finanzkrise nicht mehr. Und im Privat- und Firmenkundengeschäft ist man alleine einfach zu schwach.

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Zudem verbindet beide Banken die Angst vor einer Übernahme aus dem Ausland. Bei der Commerzbank werden in Finanzkreisen die französische Großbank BNP Paribas und die italienische Unicredit als mögliche Käuferkandidaten genannt. Bei der Deutschen Bank gibt es Spekulationen über ein Interesse der Schweizer UBS , ein erfahrener Investmentbanker dementiert allerdings. "Es gibt derzeit keine Interessenten für die Deutsche Bank", sagt er. Niemand wolle die Probleme des Konzerns übernehmen.

Das ist auch die Sorge, die Experten mit einer möglichen Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank verbinden. Machen zwei Kranke wirklich einen Gesunden?

Viele Experten haben da ihre Zweifel. "So ein Fusionsprozess ist sehr teuer und langwierig", sagt Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie an der Universität Bonn. "Und der Nutzen ist ungewiss". Schnabel hält es zudem für riskant, wenn Banken zu groß werden. Denn sollte ein solches Rieseninstitut mal in Schieflage geraten, sei die "systemische Stabilität gefährdet". Die Finanzkrise lässt grüßen.

Mit einer Bilanzsumme von 1,9 Billionen Euro wäre eine fusionierte Deutsche-Commerzbank die drittgrößte in Europa, nach der britischen HSBC und der französischen BNP Paribas. Zusammen käme die neue Bank auf fast 145.000 Mitarbeiter - wobei davon im Zuge einer Fusion viele wegfallen dürften.

Wie kommt der Staat bei der Commerzbank raus?

Das Argument für eine Fusion ist immer die Bedeutung der Banken für die deutschen Unternehmen. Nur ein großes, global aufgestelltes Institut könne den hiesigen Konzern bei Geschäften im Ausland helfen. "Wir brauchen eine starke Bank in Deutschland", sagt ein Fusionsbefürworter aus der Berliner Politik, der nicht namentlich genannt werden will. "Überlegen Sie mal, was passiert, wenn Europa auseinanderbricht?"

Professorin Schnabel sieht das anders. "Warum will die Politik einen nationalen Champion aufbauen?", fragt sie. "Warum kann das keine europäische Bank sein?" Um einen europäischen Bankenmarkt zu bekommen, brauche man grenzüberschreitende Fusionen, keine innerdeutschen.

Egal, was passiert, die Bundesregierung wird dabei auf jeden Fall mitreden können. Schon deshalb, weil der Bund noch immer einen Anteil von 15 Prozent an der Commerzbank hält - ein Überbleibsel aus der Finanzkrise. An wen auch immer Finanzminister Scholz diesen Anteil einmal verkauft: Derjenige dürfte schon mal eine gute Ausgangsposition im großen Frankfurter Bankenpoker haben.

Allerdings gibt es da noch einen kleinen Haken: Denn weil der Aktienkurs der Commerzbank so schwach ist, würde der Bund mit dem Verkauf seines Anteils wohl ein schlechtes Geschäft machen. Um ohne Verlust aus dem Investment rauszukommen, müsste er pro Aktie mindestens 18 Euro erlösen, rechnen Experten vor. Aktuell steht der Kurs der Commerzbank bei 8,37 Euro.


Zusammengefasst: Die Deutsche Bank und die Commerzbank sind seit der Finanzkrise im Niedergang - und haben an der Börse nur noch einen Bruchteil ihres früheren Wertes. Die Politik in Berlin wünscht sich aber eine starke Bank für den Finanzplatz Frankfurt, die hiesige Unternehmen auch bei Geschäften im Ausland begleiten kann. Eine Möglichkeit wäre eine Fusion der beiden Institute. Doch Kritiker warnen vor den Gefahren, die ein solcher Schritt mit sich brächte.

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