Deutsche Bank in der Krise Auf dem Weg zur Notfusion

Die Deutsche Bank will erstmals seit vier Jahren wieder einen Gewinn präsentieren. Er wird kaum über den rasanten Niedergang hinwegtäuschen können. Rettung soll womöglich eine Zusammenlegung mit der Commerzbank bringen.

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main
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Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main

Von , Frankfurt am Main


Vermutlich muss man sich Christian Sewing, den Chef der Deutschen Bank, trotz aller Turbulenzen bei seinem Arbeitgeber als glücklichen Menschen vorstellen. 30 Jahre nach seiner Ausbildung in der Filiale Bielefeld darf der Ostwestfale sein Herzensunternehmen seit dem vergangenen April von ganz oben führen. Vom Lehrling zum Meister - wer kann das schon von sich behaupten?

Zudem sitzt er fest im Sattel. Zwar hat sein Aufsichtsratschef Paul Achleitner schon viele Topmanager verschlissen, um davon abzulenken, dass er selbst das vielleicht größte Personalproblem des Konzerns ist. Aber inzwischen hat auch der letzte Aktionär diesen Trick durchschaut, sodass Achleitner nicht auch noch Sewing opfern kann.

Überdies spielt der jungenhafte Chef überzeugend die Rolle als netter Kerl von nebenan. Sewing wird allseits als Sympathieträger empfunden, dem man nichts Böses wünscht.

Beliebt, sicher im Sattel, auf der höchsten Karrierestufe - was kann sich ein Vorstandschef mehr wünschen? Vermutlich dies: ein Unternehmen, das nicht allenthalben als so heruntergekommen empfunden wird wie die Deutsche Bank. Und dem als Zukunftsvision fast nichts anderes mehr bleibt als eine Notfusion mit der ebenso schwindsüchtigen Commerzbank.

An diesem Freitag wird Sewing erstmals als Vorstandschef eine Jahresbilanz vorstellen. Und erstmals nach drei verlustreichen Jahren wird die Deutsche Bank wohl wieder einen kleinen Gewinn ausweisen. Diese Nachricht wird aber nicht über den fortschreitenden Niedergang der Bank hinwegtäuschen.

Allein in den vergangenen vier Jahren ist der Aktienkurs der Bank um 65 Prozent gefallen, seit Sewings Amtsantritt im vergangenen Jahr beträgt das Minus rund 30 Prozent. An der Börse ist der ganze Konzern nicht einmal mehr 17 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich: Die größte US-Bank J.P. Morgan, mit der sich die Deutsche Bank einst gern verglich, kommt auf umgerechnet mehr als 300 Milliarden Euro Börsenwert.

Die Deutsche Bank ist hoffnungslos hinter ihre internationalen Wettbewerber zurückgefallen. Ihre Zukunft kann nicht in einem Weiter-so bestehen.

Wie fragil die Situation ist, hat das Schlussquartal 2018 gezeigt: Ende November durchsuchten 170 Beamte im Auftrag von Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt die Frankfurter Konzernzentrale, um belastbares Material in Sachen Geldwäsche zu konfiszieren. Noch ist unklar, was bei der Razzia herausgekommen ist. Doch der Geschäftsschaden ist bereits eingetreten. Aus Verunsicherung, Misstrauen oder beidem zogen Investoren in kurzer Zeit dreistellige Millionenbeträge bei der Deutschen Bank ab.

Sewing setzt sich hohe Ziele

Die nächste Gefahr lauert in den USA, wo die Demokraten nach ihrem Erfolg bei den Midterm-Wahlen jetzt die Kongressausschüsse leiten dürfen. So auch den eminent wichtigen Finanzausschuss. Dessen Vorsitzende, die streitbare Maxine Waters, hat bereits klargemacht, auf der Suche nach den schmutzigen Finanzgeheimnissen von Präsident Donald Trump dessen langjähriger Hausbank noch viel härter als bisher zuzusetzen. Sie ahnen es: Waters meint die Deutsche Bank.

Vermutlich wird Sewing dazu am Freitag nicht viel Erhellendes sagen können; sich zu schwebenden Verfahren oder politischen Ränkespielen in Übersee zu äußern, ist viel zu riskant. Also wird er versuchen, die Öffentlichkeit mit Blick auf das Jahr 2019 davon zu überzeugen, dass die Deutsche Bank in der Lage ist, für Investoren attraktiv zu sein - auch ohne Fusion.

Sewing setzt sich hohe Ziele und damit selbst enorm unter Druck. Vier Prozent Eigenkapitalrendite soll die Deutsche Bank 2019 erwirtschaften, langfristig sollen es sogar zehn Prozent sein. Bei einem Eigenkapital von aktuell 63 Milliarden Euro sind das anspruchsvolle Ziele, die seit vielen Jahren nicht mehr erreicht wurden. Und kaum etwas deutet darauf hin, dass sie in Zukunft erreicht werden können.

Stuart Graham, der renommierteste und schonungsloseste Bankanalyst, glaubt, dass die Deutsche Bank 2019 ihre Kosten bei 22 Milliarden Euro deckeln und 26 Milliarden Euro Ertrag, also Umsatz, erwirtschaften muss, um ihre Ziele erreichen zu können. Weil man die Kosten nicht beliebig weiter drücken kann, müsste die Bank laut dieser Rechnung im laufenden Jahr ihre Erträge um rund fünf Prozent steigern.

Da aber sowohl im Geschäft mit Privatkunden als auch der Sparte Vermögensverwaltung kaum Zuwächse drin sind, könnte nur das Investmentbanking für ein Umsatzplus sorgen. Und das beste Indiz, ob dies gelingen kann, ist das erste Quartal, das traditionell überproportional zum Jahresergebnis beiträgt. Im Investmentbanking wiederum ist es der Handel mit Anleihen und Währungen, der entscheidend ist. Diese sogenannte FICC-Sparte war für die Deutsche Bank historisch ihre größte Stärke. Und zugleich ihre größte Schwäche, denn hierher stammt der Großteil der Skandale, die das Institut bis heute belasten.

Sieben Prozent mehr müsste der Anleihe- und Währungshandel im ersten Quartal 2019 umsetzen, um für das Gesamtjahr derart in Vorleistung zu treten, dass der Konzern und Sewing ihre Ziele für das Gesamtjahr erreichen können. Mit einem derartigen Wachstum in dieser Kerndisziplin wäre ausgerechnet die Deutsche Bank die beste aller Investmentbanken - eine Annahme, die Analyst Graham für dermaßen gewagt hält, dass er die Eintrittswahrscheinlichkeit quasi mit null beziffert. "Wir können uns keinen offensichtlichen Grund vorstellen, warum die Deutsche Bank Chart zeigen mit all ihren Herausforderungen bei den FICC-Erträgen im ersten Quartal als beste Bank ihrer Klasse abschneiden sollte", heißt es bei Graham in feinster Analystensprache.

Christian Sewing (l.) mit Commerzbank-Chef Martin Zielke (Archivbild)
ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Christian Sewing (l.) mit Commerzbank-Chef Martin Zielke (Archivbild)

Kurzum: Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Deutsche Bank auch 2019 ihre Ziele verfehlen wird. Und weil das inzwischen auch Berliner Regierungsvertreter glauben, steuert die Deutsche Bank anscheinend geradewegs auf einen Zusammenschluss mit der Commerzbank zu. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies arbeiten dem Vernehmen nach eifrig daran, aus zwei schwachen deutschen Banken wenigstens eine starke zu machen. Und auch bei der Deutschen Bank sieht man mittlerweile durchaus die möglichen Vorteile einer solchen Fusion.

Das Schöne für Glückspilz Sewing: Er hätte von allen Beteiligten wohl die besten Chancen, das fusionierte Institut zu führen. Das Problem: Nicht nur die Bank würde größer, sondern auch sein Job härter.

Aber Christian Sewing, der Schmerzensmann der Deutschen Bank, könnte vielleicht auch daran Gefallen finden. Viel schlimmer kann es ja ohnehin kaum noch werden.

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
ott.burgkunstadt 31.01.2019
1. Nein Danke!
Ich möchte nicht, dass ich künftig zwangsweise Kunde der Deutschen Skandalbank sein muss.
patrick_pronnier 31.01.2019
2. Klar
Die Bank soll noch größer werden, die Verluste immer größer und wer wir es wieder retten müssen? Der Steuerzahler! Danke liebe Regierungen, dass ihr seit 2008 absolut nichts dazu gelernt habt.
Pensionskassen 31.01.2019
3. Größenwahn
Wann werden endlich die Verantwortlichen (Kopper, Breuer, Ackermann ....) zur Rechenschaft gezogen. Größenwahn kommt bekanntlich vor dem Fall.
Andreas P. 31.01.2019
4. 2 Kranke machen noch lange keinen Gesunden
Welche Synergien erhofft man sich hiermit? Das ist völliger Unfug und wird zu (unvermeidlichem) erheblichen Arbeitsplatzabbau führen. Dann müssen Systeme zusammengelegt werden, die schon innerhalb der Deutschen Bank seit Jahrzehnten nicht koordiniert sind und dann werden sich die Kunden, insbesondere der Commerzbank (mit Comdirect) nicht gerade freuen, zur Deutschen Bank "zwangsumgesiedelt" zu werden. Eine Bank , die nicht mal mehr systemrelevant ist, denen die Kunden abhanden kommen und die so aufgestellt und "flexibel" ist, wie in der Steinzeit ist, soll dann bitte nicht noch mit Geldern der Steuerzahler gerettet werden. Das wird SO nichts. Das sollten die Marktkräfte - so oder so - entscheiden, aber bitte nicht Politik mit der Zwangsfusion zweier "lame ducks".
discprojekt2 31.01.2019
5. Also,
J.P. Morgan, u.a. US Banken sind soviel besser aufgestellt. Ehrliche Banken eben.
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