Möglicher Abgang von John Cryan Warum die Deutsche Bank einen neuen Chef sucht

Die britische "Times" meldet, dass Deutsche-Bank-Chef John Cryan vor der Ablösung steht. Was steckt dahinter? Und wer könnte das angeschlagene Geldhaus nach drei verlustreichen Jahren retten?

John Cryan
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Bei der Deutschen Bank rumpelt es gewaltig: Konzernchef John Cryan stehe vor der Ablösung, berichtet die britische Zeitung "Times". Aufsichtsratschef Paul Achleitner habe sich bereits auf die Suche nach einem Nachfolger begeben.

Wer immer die Bank künftig führen wird, hat Einiges zu tun. Denn die Nachricht von Cryans bevorstehendem Abgang ist nur die jüngste Wendung im Drama um die einst so große und angesehene Bank, die in den vergangenen Jahren tief gefallen ist - und immer noch auf die Auferstehung hofft.

Wer die Zahlen sieht, dem fällt es schwer, an diese Auferstehung zu glauben. Knapp neun Milliarden Euro Verlust hat die Deutsche Bank in den vergangenen drei Jahren gemacht. Der Aktienkurs ist im gleichen Zeitraum um 60 Prozent abgestürzt.

Dieses Jahr, so verspricht Cryan, soll es zwar endlich wieder aufwärtsgehen. Doch die Investoren scheinen davon nicht überzeugt zu sein: Allein in der vergangenen Woche fiel der Aktienkurs um zehn Prozent, weil der Finanzvorstand für das gerade zu Ende gehende erste Quartal vor neuen Belastungen gewarnt hatte.

Wie tief das Misstrauen der Anleger sitzt, zeigt eine weitere Zahl: Die gesamte Bank ist an der Börse nur noch gut 23 Milliarden Euro wert - und damit nur etwa halb so viel wie der Buchwert, also das Vermögen aus Wertpapieren und Krediten, das die Bank in ihrer Bilanz ausweist. Das ist auch im Vergleich zu anderen Banken ein dramatisch schlechter Wert - und ein deutliches Zeichen dafür, dass die Investoren am Wert dieser ausgewiesenen Vermögen zweifeln.

Selbst das Top-Management scheint den Glauben ans eigene Haus mittlerweile verloren zu haben. Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" am Wochenende berichtete, soll Vorständin Kim Hammonds kürzlich bei einer Führungskräftetagung von der Bank als der "most dysfunctional company" gesprochen haben, in der sie jemals gearbeitet habe. Das lässt sich in der wohlwollenden Variante mit dem "am schlechtesten funktionierenden Unternehmen" übersetzen.

Ist John Cryan schuld an dieser Misere?

Als der Brite Cryan im Sommer 2015 an die Spitze der Deutschen Bank rückte, war der Konzern bereits ein Trümmerhaufen - zerlegt von seinen Chefs und Investmentbankern. Sah es 2008 noch so aus, als würde die Deutsche Bank die weltweite Finanzkrise relativ glimpflich überstehen, fiel die Rechnung später umso höher aus. Ob Zinsmanipulationen, windige Immobiliengeschäfte in den USA oder Skandale im Devisenhandel - überall hatte die Deutsche Bank mitgemischt. Allein zwischen 2012 und 2015 musste sie mehr als 12,7 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten aufwenden (Mehr zum Niedergang der Bank lesen Sie hier).

Hinzu kam, dass das alte Geschäftsmodell, das voll auf Investmentbanking setzte, nach der Finanzkrise schlechter funktionierte. Die Erträge sanken, die Gewinne wurden von den Strafzahlungen aufgefressen - das Einzige, was üppig blieb, waren die hohen Gehälter der Investmentbanker.

John Cryan (inks) und Paul Achleitner: Ein Foto aus besseren Tagen
DPA

John Cryan (inks) und Paul Achleitner: Ein Foto aus besseren Tagen

Der oberste von ihnen, Anshu Jain, durfte sogar drei Jahre lang als Co-Chef die Bank führen - protegiert vom mächtigen Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Erst als es nicht mehr anderes ging, griff Achleitner im Frühjahr 2015 durch - und ersetzte Jain und dessen Co-Chef Jürgen Fitschen durch Cryan.

Der knorrige Engländer sollte die Bank sanieren, allerdings ohne an der grundsätzlichen Strategie zu rütteln. Also fuhr Cryan die Kosten herunter. Er zog die Bank aus bestimmten Regionen zurück, kündigte einen Stellenabbau an und korrigierte die unrealistischen Bewertungen von Beteiligungen. Das legte die Misere der Bank offen - einen neuen Ansatz, wie die Bank in Zukunft aussehen soll, lieferte Cryan aber nicht. Das war allerdings auch nicht sein Auftrag.

Warum soll Cryan gehen?

Aufsichtsratschef Achleitner hat Cryan vor drei Jahren geholt, damit er das angeschlagene Institut saniert. Bei vielen Beobachtern galt er aber von Anfang an als Übergangschef. Sein Vertrag läuft offiziell bis 2020, aber schon länger wird spekuliert, dass er ihn wahrscheinlich nicht bis zum Ende erfüllen wird.

Das liegt zum einen an den weiterhin schlechten Zahlen, die die Bank liefert. Aber auch daran, dass das Verhältnis zwischen Cryan und Achleitner mittlerweile als ernsthaft belastet gilt. Wie die "Times" berichtet, soll es zuletzt zum offenen Streit über die Zukunft des Investmentbankings gekommen sein. Cryan wollte die Sparte stutzen, Achleitner, früher selbst Investmentbanker, hielt dagegen - wohlwissend, dass auch die ambitionierten Großaktionäre aus Katar die Deutsche Bank lieber wieder als großen Spieler an den internationalen Finanzmärkten sähen.

Es ist also mal wieder ein Machtkampf, der bei der Deutschen Bank tobt - und mal wieder geht es um die Macht der Investmentbanker. Erst jüngst haben diese sich bei der internen Diskussion um die Gehälter durchgesetzt: Trotz des dritten Verlustjahres in Folge schüttet die Deutsche Bank üppige Boni aus, insgesamt 2,3 Milliarden Euro. Etwa 1,4 Milliarden davon gehen an die Investmentbanker. Insgesamt gibt es bei der Deutschen Bank 705 Mitarbeiter, die 2017 mehr als eine Million Euro verdienten. Das dürfte es sonst in keinem anderen deutschen Konzern geben - erst recht nicht bei einem, der in der Krise steckt.

Experten kritisieren den zu großen Einfluss der Investmentbanker seit Langem. "Der Fisch stinkt bei der Deutschen Bank vom Kopf her", sagt Dieter Hein, Analyst beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. "Das Grundproblem ist, dass die Bank die falsche Strategie fährt. Sie ist das einzige Institut in Europa, das an einem Schwerpunkt im Investmentbanking festhält."

Schuld an dieser Strategie trägt für Hein maßgeblich Aufsichtsratschef Achleitner. "Die Aktionäre müssten endlich eingreifen und Achleitner rausschmeißen", fordert er. "Aber die großen Fondsgesellschaften und andere institutionelle Investoren nehmen ihre Verantwortung leider nicht wahr."

Wer kann die Bank noch retten?

Laut "Times" hat Achleitner bereits mehrere Nachfolger für Cryan angesprochen oder ansprechen lassen. Einer davon soll der London-Statthalter der US-Investmentbank Goldman Sachs, Richard Gnodde, sein. Der habe aber wohl abgesagt. Als weitere Kandidaten nennt die "Times" den Chef der italienischen Großbank Unicredit - den Franzosen Jean Pierre Mustier - sowie Bill Winters, Vorstandsvorsitzender bei der britischen Bank Standard Chartered.

Kritiker wie Hein überzeugen diese Kandidaten nicht. "Alle Namen, die jetzt genannt werden, sind auch wieder Investmentbanker", sagt er. "Die Strategie würde also wahrscheinlich einfach fortgesetzt." Er fordert einen Neubeginn mit einem Nicht-Investmentbanker an der Spitze.

Wir groß die Chancen der Manager Mustier und Winters tatsächlich sind, ist unklar. Als wahrscheinlich gelten beide Kandidaten bei Insidern nicht. Im Aufsichtsrat, so ist zu hören, sei bisher noch nicht über konkrete Namen gesprochen worden. Möglicherweise, so mutmaßt ein Kenner der Bank, gehe es für Oberkontrolleur Achleitner nur darum, Aktivität zu demonstrieren und sich selbst zu schützen. Denn im Mai steht die Hauptversammlung an. Schon vorher trifft Achleitner wichtige Investoren. Und obwohl auch die sich nicht einig sind, wo es mit der Bank hingehen soll, wird Achleitner sich wohl wieder heftige Kritik anhören müssen.

Christian Sewing
imago/Rainer Unkel

Christian Sewing

Nur noch kleine Hoffnungen auf eine Cryan-Nachfolge dürfen sich offenbar die internen Kandidaten machen. Erst vor einem Jahr hatte Achleitner Marcus Schenck und Christian Sewing zu Vizechefs ernannt - und sie zu Kronprinzen gemacht. Vor allem Schenck, der mittlerweile das Investmentbanking führt, galt lange als aussichtsreicher Kandidat. Doch mittlerweile sollen auch wichtige Investoren an ihm zweifeln - auch wegen der zuletzt schlechten Zahlen in Schencks Bereich.

Marcus Schenck
imago/Rainer Unkel

Marcus Schenck

Wer immer die Bank demnächst führen wird, wird es kaum leichter haben als Cryan. Dafür haben die diversen Vorgänger die Bank - den einstigen Stolz der deutschen Wirtschaft - einfach zu sehr heruntergewirtschaftet.

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