Carsten Kengeter Das Debakel des Börsen-Rambos

Als Carsten Kengeter vor zwei Jahren Chef der Deutschen Börse wurde, galt er als Hoffnungsträger. Jetzt ist der Ex-Investmentbanker im Visier der Staatsanwaltschaft. Wie konnte es dazu kommen?

Carsten Kengeter
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Juni 2015, die deutsche Finanzbranche horcht auf: Carsten Kengeter wird als neuer Chef der Deutschen Börse vorgestellt. Erstmals nimmt auf dem Chefsessel ein Investmentbanker von internationalem Format Platz. Die Wirtschaftspresse feiert den knapp zwei Meter großen Hünen mit kurz geschorenen Haaren damals als "Tempomacher" und "harten Hund".

Tatsächlich ist Kengeter einer von wenigen Deutschen, die in der internationalen Finanzbrache ganz groß Karriere gemacht haben: Der gebürtige Heilbronner begann seine Laufbahn bei der britischen Barclays-Bank, wechselte dann zu Goldman Sachs und wurde kurz nach dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 zum Kopf der Investmentbank des Schweizer Giganten UBS. Zu dieser Zeit scheffelte er Millionen.

Trotzdem nimmt Kengeter, der privat gerne alpine Skirennen fährt, im Sommer 2015 den vergleichsweise unglamourösen Job bei der Deutschen Börse an. Denn hier hat er Gestaltungsfreiheit. Sein Ziel: Er will das Unternehmen beschleunigen, Umsatz und Gewinn nach oben schrauben und den Konzern auf seine Person zuschneiden. Sein ambitioniertestes Projekt: Eine Mega-Fusion mit der Londoner Börse LSE, die nach seinen Worten "gottgewollt" sei.

Knapp zwei Jahre später ist jedoch blanke Ernüchterung in der Eschborner Börsenzentrale eingetreten. Mit privaten Aktienkäufen brachte sich Kengeter ins Visier der Staatsanwaltschaft. Nach einem missglückten Befreiungsschlag ermittelt nun auch noch die Finanzaufsicht Bafin. Investoren sind verärgert, Mitarbeiter verunsichert, das Image ramponiert.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Affäre nimmt ihren Anfang, als sich Kengeter im Dezember 2015 im Rahmen eines Vergütungsprogramms privat mit Aktien seiner Firma eindeckt. Er kaufte Papiere im Wert von 4,5 Millionen Euro, obendrauf bekam er ein weiteres Aktienpaket in ähnlichem Umfang geschenkt - als Teil der erfolgsabhängigen Bezahlung.

Daran ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Es ist keine Seltenheit, dass Top-Manager Aktien ihres eigenen Unternehmens kaufen. Schließlich steigert das die Motivation. Sie profitieren, wenn sich das Unternehmen gut entwickelt und der Aktienkurs steigt.

Hatte Kengeter eine Insiderinformation?

Doch die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil sie vermutet, dass Kengeter schon bei seinem Aktienkauf von den Fusionsplänen mit der Londoner Börse LSE gewusst hat. Kengeter hätte damit kursrelevante Informationen früher gehabt als andere Marktteilnehmer. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: Insiderhandel.

Doch hat sich Kengeter wirklich etwas zuschulden kommen lassen? Schließlich hat er seinen Aktienkauf von der hauseigenen Compliance-Abteilung überprüfen lassen. Und die gab grünes Licht. Nach der Ansicht der Staatsanwaltschaft liegt hier das zweite Problem: Die interne Kontrolle der Börse habe versagt.

Am vergangenen Dienstag scheint es dann, als hätte Kengeter die Krise überstanden. Die Deutsche Börse gibt eine Ad-hoc-Mitteilung heraus, in dieser hießt es: "Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat in Aussicht gestellt, im Sinne einer einvernehmlichen Gesamtbeendigung das laufende Ermittlungsverfahren gegen Herrn Kengeter (...) ohne Auflagen (...) einzustellen".

Alles gut also? Nicht wirklich: Laut der Staatsanwaltschaft steht längst nicht fest, ob es zu einer Einstellung des Verfahrens kommt. "Die Frage einer Einstellung betreffend den Beschuldigten Kengeter (...) war nicht Gegenstand des Anhörungsschreibens", erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Donnerstag. Ein Kommunikationschaos. Wie kann es sein, dass die Darstellung von Staatsanwaltschaft und Unternehmen so auseinandergehen?

Befreiungsschlag entpuppt sich als Debakel

Inzwischen untersucht auch die Finanzaufsicht Bafin den Fall. Sie geht der Frage nach, ob Investoren mit dieser Positiv-Mitteilung getäuscht wurden.

Und es kommt noch dicker: Auch die hessische Börsenaufsicht untersucht die jüngsten Erklärungen des Dax-Konzerns. Die Aufseher im Wirtschaftsministerium ließen wissen, sie prüften, ob das Management des Konzerns weiterhin "zuverlässig" sei - damit steht auch Kengeter unter genauer Beobachtung. Der von der Deutschen Börse kommunizierte Befreiungsschlag entpuppte sich somit als Debakel.

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Noch kann die Geschichte für Kengeter und seine Mannschaft glimpflich ausgehen. In Finanzkreisen wird spekuliert, dass der Aufsichtsrat einen Deal mit der Staatsanwaltschaft eingehen will. Der Konzern könnte eine Geldbuße von 10,5 Millionen Euro akzeptieren. Vorstandschef Kengeter wäre dann fein raus, obwohl er selbst die Aktien gekauft hat. Dass der Konzern nun für etwas zahlen soll, was der Chef verschuldet hat, empfinden viele Mitarbeiter aber als Frechheit.

Klar ist: Top-Manager begehen Fehler, das ist normal. Dieses Kommunikationsdesaster ist aber nicht bei einem gewöhnlichen Mittelständler geschehen, sondern bei dem deutschen Börsenbetreiber. Das Unternehmen hat eine besondere Verantwortung gegenüber der Aktienkultur, schließlich hat das Unternehmen auch eine öffentlich-rechtliche Aufgabe und soll funktionierende Finanzmarktplätze bereitstellen. Wo wenn nicht hier sollte man wissen, wie man mit Börsenmitteilungen und Aktienhandel umgeht?

Ähnlich sieht es auch Klaus Nieding, Vizepräsident der Aktionärsvertretung DSW: "Ermittlungen gegen einen Börsenchef wegen Insiderhandels sind so, als würde gegen einen Bankchef wegen Bankraubs ermittelt", sagt der Aktionärsschützer.

Kengeters Traum von der Börsenfusion mit London ist übrigens geplatzt. Die EU-Kommission hat ein Veto eingelegt. Draufgänger Kengeter hat viel riskiert - und wie es aussieht, könnte er auch viel verlieren.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
hohnspiegel 22.07.2017
1. Die reine Gier
Wie bitte soll Kengeter keine internen Informationen über die Fusion der Deutschen Börse mit der LSE erhalten haben ? Darüber habe ich sogar über Bankerkreise in 2015 über Luxemburg schon erfahren, Das ist einfach die Gier der Manager, die jede Möglichkeit nutzen ihr Vermögen zu mehren, aber dann verneinen , selbst an höchster Stelle Insiderinformatonen zu haben, das soll man dann glauben ? Zusätzliche Aktienpakete und dass die Strafe von der Firma gezahlt werden sollte , kein Problem dafür werden bestimmt Gehälter der Mitarbeiter gekürzt und Stellen abgebaut dann hat man das ruckzuck wieder drin.
abwinken 22.07.2017
2. Nur eine einzige Frage
Gibt wirklich noch jemand, der sich diese Zustände wundert ?
eggie 22.07.2017
3.
Wenn man sich jemanden, der bei Barclays, Goldman Sachs und UBS gearbeitet hat, auf solche Positionen holt, muss man sich wundern, weshalb das Erstaunen über Insider- Handel so groß ist.
Grünstein 22.07.2017
4. Insiderinformation?
Ich bin weder Kunde, Mitarbeiter noch Aktionär der Deutschen Börse. Aber auch mir ist nicht verborgen geblieben, dass Kengeter nicht der erste VV ist, der eine Fusion mit LSE anstrebt. De facto ist jeder neue VV eine weitere Wette auf die in Finanzkreisen schon lange erwartete Verschmelzung. Ihm nun daraus eine Insiderinformation zu stricken, mutet schon sehr skurril an. Bedenken wären doch eigentlich nur dann angebracht, wenn er sich privat in großem Stil mit Papieren der LSE eingedeckt hätte.
Mach999 22.07.2017
5.
Vermutlich hat sich niemand getraut, ihm zu widersprechen. Da scheinen ja mehrere Abteilungen (zumindest Compliance und Investor Relations) nicht professionell, sondern auf Zuruf des Chefs ohne Qualitätssicherung zu arbeiten. Häufiges Problem, wenn man Top-Manager einstellt, die sich selbst als Überflieger sehen, aber eigentlich nur an Selbstüberschätzung und mangelnder Kritikfähigkeit leiden und Probleme nicht wahrhaben wollen ("Ich will keine Probleme, ich will Lösungen, Ihr Idioten!") - geht lange gut, aber wenn es dann knallt, dann richtig.
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