Hauptversammlung der Deutschen Börse "Wir werden Vorstand und Aufsichtsrat entlasten"

Der Deutschen Börse steht eine turbulente Hauptversammlung bevor: Wichtige Aktionärsberater empfehlen, dem alten Vorstand um Ex-Chef Carsten Kengeter die Entlastung zu verwehren. Fondsmanager Ingo Speich sieht das anders.

Börse in Frankfurt
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Ärger ist programmiert, wenn die Aktionäre der Deutschen Börse an diesem Mittwoch zur Hauptversammlung zusammenkommen. Heftige Kritik werden die Anteilseigner vor allem an Ex-Vorstandschef Carsten Kengeter und dem aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden Joachim Faber üben.

Im Dezember 2015 hatte Kengeter im Rahmen eines Vergütungsprogramms für 4,5 Millionen Euro Aktien der Deutschen Börse gekauft - obwohl er zur gleichen Zeit heimlich mit der Londoner Börse Fusionsgespräche führte, wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft glaubt, die ihm deshalb Insiderhandel vorwirft. Obendrein erhielt Kengeter mit Fabers Zustimmung Gratisaktien im Wert von 5 Millionen Euro.

Kengeter hat den Dax-Konzern inzwischen verlassen, Faber stellt sich zur Wiederwahl. Die Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis, denen viele angelsächsische Großanleger bei ihren Abstimmungen folgen, wollen Kengeter die Entlastung verweigern. Glass Lewis empfiehlt zudem, Faber nicht zu entlasten. Damit wächst der Druck auf den Aufsichtsratschef, sein Amt ebenfalls niederzulegen. Ingo Speich von Union Investment und einer der prominentesten deutschen Fondsmanager will dagegen überraschend beide entlasten.

Ingo Speich
Union Investment

Ingo Speich

SPIEGEL: Herr Speich, die Hauptversammlung der Deutschen Börse dürfte zu einer Abrechnung mit Ex-Vorstandschef Carsten Kengeter und Aufsichtsratschef Joachim Faber werden. Wie wird Union Investment abstimmen?

Speich: Wir werden Vorstand und Aufsichtsrat entlasten. Wir wollen damit honorieren, dass es in einem äußerst turbulenten Jahr gelungen ist, das Unternehmen auf Kurs zu halten.

SPIEGEL: Die geplatzte Fusion mit der Londoner Börse ist also kein Beinbruch?

Speich: Es war sicher nicht falsch, den Anlauf zur Fusion zu wagen, denn sie hätte für die Aktionäre beider Unternehmen zusätzlichen Wert geschaffen. Nach dem überraschenden Brexit-Votum hätte man die Fusion aber früher ad acta legen sollen.

SPIEGEL: Und was ist mit den Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insiderhandel, die sich Herr Kengeter mit seinen umstrittenen Aktienkäufen im Dezember 2015 eingehandelt hat?

Speich: Das ist ein sehr schwerwiegender Vorwurf, aber solange die Schuld von Herrn Kengeter nicht erwiesen ist, sollte weiter die Unschuldsvermutung gelten.

SPIEGEL: Herr Faber hätte wissen müssen, dass das gesonderte Bonuspaket, das die strittigen Aktienkäufe auslöste, hoch problematisch ist.

Speich: Das Paket war gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Da hat Herrn Faber und Herrn Kengeter offenbar das nötige Gespür gefehlt.

SPIEGEL: Ist es nicht erbärmlich, wenn große Aktionäre einen Aufsichtsrat mit solch einer Bilanz entlasten, nur weil sie keine weitere Unruhe wollen?

Speich: Großaktionäre denken pragmatisch. Die Deutsche Börse muss nach vorne schauen und sich wieder voll auf das Geschäft konzentrieren, was unter dem neuen Chef Theodor Weimer auch zu gelingen scheint. Ein zeitgleicher Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats würde das Unternehmen nicht stärken, sondern schwächen.

SPIEGEL: Auch Paul Achleitner steht bei der Deutschen Bank unter Druck. Hat Deutschland ein Problem mit seinen Aufsichtsratschefs?

Speich: Nein. Deutsche Aufsichtsräte müssen sich auch im Vergleich zu den Verwaltungsräten internationaler Unternehmen nicht verstecken, sie nehmen heute eine aktivere Rolle ein. Der Aufsichtsratsvorsitzende kann Blitzableiter für Kritik am Unternehmen sein, um dem Vorstand den Rücken freizuhalten. Man darf ihn aber nicht zum Prügelknaben für alles und jedes machen, was im Unternehmen schiefläuft.



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torsten_raab 16.05.2018
1. Selbstüberschätzung der deutschen Investoren
Union Investment - wer seid ihr denn? Die UK-Investmentbanker haben Carsten Kengeter damals installiert, um die Fusion endlich durchzuziehen. Das hat er nicht geschafft, sondern im Gegenteil der DBAG in den letzten Monaten viel schlechte Presse beschert. Und dafür wurde er heute von 74% der DBAG-Aktionäre NICHT entlastet. Da haben die vielen JA-Stimmen vom Ingo nicht viel geholfen... Zum Vergleich: die anderen Vorstände wurden mit 92%, die Aufsichtsräte mit 88% (Dr. Faber 85% !!!) Ja-Stimmen entlastet.
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