SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Januar 2013, 15:39 Uhr

Kommunisten als Handelspartner

Die seltsame Nordkorea-Liste der deutschen Wirtschaft

Von

Nordkoreas Regime will Investoren ins Land locken - laut der offiziellen Liste eines deutschen Lobby-Verbandes haben auch Firmen hierzulande Interesse an Geschäften in der kommunistischen Diktatur. Doch darauf angesprochen, will kein Unternehmen etwas davon wissen.

Hamburg - Kim Jong Il in einer Büstenhalter-Fabrik, Kim Jong Il in einer Gummistiefel-Fabrik, sein Sohn Kim Jong Un in einer Strumpfwaren-Fabrik. Mit solchen Bildern will das nordkoreanische Regime seine wirtschaftliche Stärke demonstrieren. Doch die ganze Welt weiß: Wirtschaftlich spielt das Land kaum eine Rolle. Das soll sich aber nach den Worten von Kim Jong Un ändern. Er kündigte in seiner Neujahrsansprache einen radikalen Umschwung an, der das Land zu einem "wirtschaftlichen Riesen" machen werde. Offenbar will der Machthaber dazu Investoren ins Land locken - mit Hilfe deutscher Experten.

Doch hat die deutsche Wirtschaft überhaupt Interesse an Geschäften in Nordkorea? SPIEGEL ONLINE machte sich auf die Suche nach deutschen Unternehmen, die in Nordkorea tätig sind. Das schien überraschend einfach. Denn der Ostasiatische Verein, ein angesehener Lobby-Verband der deutschen Wirtschaft (Vorsitzender ist Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen), listet in einer Online-Datenbank unter dem Stichwort "Korea (Nord)" ein Dutzend deutscher Unternehmen auf. Klickt man die Namen dieser Firmen an, steht dort unter "Geschäftsabwicklung in" neben anderen Ländern auch "Korea (Nord)".

SPIEGEL ONLINE fragte bei den Firmen an. 15 Unternehmen wurden bei der ersten Abfrage am Dienstag gelistet, darunter Commerzbank , BHF-Bank, das Versandunternehmen Otto und ThyssenKrupp . Keine der genannten Firmen bestätigte, dass sie in der Vergangenheit geschäftlich in Nordkorea tätig war. Rief man die Datenbank dann am Freitag auf, standen nur noch zwölf Firmen da. Was war passiert?

Der Hinweis auf die Auflistung in der Datenbank sorgte bei den Unternehmen teils für Erstaunen, teils für hektische Betriebsamkeit - und auch für kuriose Erklärungen. So teilte die BHF-Bank mit, man habe sich damals bei der Abfrage durch den OAV vertan. Gemeint gewesen sei nicht Nordkorea, sondern Südkorea. Inzwischen fehlt die Bank in der Liste.

Auch der Name der Commerzbank taucht nicht mehr auf. "Die Geschäftspolitik der Commerzbank lässt grundsätzlich keine Geschäfte mit Nordkorea zu", teilte die Bank mit. Ein Sprecher von ThyssenKrupp sagte: "Aktuell haben wir keine Geschäftsbeziehungen mit Nordkorea." Ähnlich die Reaktion beim Versandhaus Otto. "Wir pflegen keine Beziehungen nach Nordkorea", hieß es dort.

Der Logistikkonzern Dachser, der ebenfalls beim OAV unter Nordkorea gelistet ist, erklärte, das Land liege nicht im Fokusgebiet der Firma. "Als Transportdienstleister reagiert Dachser immer auf Anforderungen seiner Kunden, aber hier liegen diese im Moment hauptsächlich auf den Märkten China und Indien."

Doch wie kam dann die Auflistung des OAV zustande? Schließlich handelt es sich bei dem Verein um eine angesehene Lobby-Organisation, die deutsche Firmen bei ihren Wirtschaftsbeziehungen in der asiatisch-pazifischen Region unterstützen will. Zusammen mit anderen Verbänden ist der OAV Träger des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft; dessen Vorsitzender ist Peter Löscher, im Hauptberuf Siemens-Chef. Näher am Herzen der Deutschland AG kann eine Lobbyorganisation gar nicht platziert sein.

Nur sporadische Aktualisierungen

Laut OAV stammen die Angaben der Firmen zu Aktivitäten, Branchen und Ländern von den Unternehmen selbst. "Die Liste der Länder gibt die Länderinteressen oder -aktivitäten der Unternehmen wider und spiegelt in erster Linie die regionalen Schwerpunkte der Geschäftsbeziehungen", sagt OAV-Geschäftsführer Timo Prekop. Die Liste sowie die Datenerhebungen gibt es laut OAV schon seit geraumer Zeit. Aktualisierungen würden sporadisch vorgenommen, sobald diese von den Unternehmen gewünscht würden, so dass hier auch vereinzelt ältere Einträge vorzufinden seien. Seltsam nur, dass offenbar nicht einzelne, sondern die Mehrzahl der Einträge in der Liste falsch oder zumindest veraltet sein sollen.

In der Rangfolge der deutschen Handelspartner kommt Nordkorea nur auf Platz 174 - noch hinter den Färöer Inseln. Dass deutsch-nordkoreanischer Handel aber zumindest in geringem Umfang stattfindet, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (siehe Tabelle unten). Demnach wurden von Januar bis Oktober 2012 Waren im Wert von 19,6 Millionen Euro von Deutschland nach Nordkorea exportiert. Im selben Zeitraum kamen von dort Waren im Wert von zwölf Millionen Euro in die Bundesrepublik, der größte Anteil davon Bekleidung. Es muss also Firmen geben, die mit Nordkorea Handel treiben.

Zu den wenigen, die sich dazu bekennen, zählte der Modehersteller Gerry Weber, der in Nordkorea schneidern ließ. Die Firma ist beim OAV nicht gelistet. In einem Interview sagte Vorstandschef Gerhard Weber 2011, dass in Nordkorea Ware produziert werde, sei "nicht verwerflich". Nun teilte die Firma mit, dass bereits seit Mitte 2011 keine Aufträge mehr in Nordkorea platziert worden seien. "Unsere Einkaufsstrategie basiert auf langfristiger Partnerschaft mit unseren Lieferanten, die es möglich machen soll, einen Verbesserungsprozess in Bezug auf soziale und qualitative Standards zu erreichen", teilte die Firma mit. "Bei der Produktion in Nordkorea haben wir nach kürzester Zeit lernen müssen, dass es keine Möglichkeiten gab, einen derartigen Prozess in Gang zu setzen."

Auch die deutsche Firmengruppe Prettl investierte 2008 in Nordkorea. Das Unternehmen lässt in der Sonderwirtschaftszone Kaesong nahe der Grenze zu Südkorea Elektronikteile produzieren. Als die Gruppe ihr Engagement in Nordkorea bekanntgab, nannte sie die niedrigen Lohnkosten als Begründung. Inzwischen bestätigt Prettl nur, dass es den Standort gibt. Ansonsten wolle man sich zu Nordkorea nicht äußern. Auch Prettl ist beim OAV nicht gelistet.

Nicht jedes Geschäft ist illegal

Geschäfte in Nordkorea sind nicht automatisch illegal. Nach Atomtests in den Jahren 2006 und 2009 gibt es lediglich Embargos für Rüstungs- und Luxusgüter. Es gäbe also Spielraum für Handel. Experten raten allerdings von Deals mit der Diktatur ab. Der Asien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Hanns Günther Hilpert, sagt: "In Nordkorea kann man nur Geld versenken."

Zwar seien dort günstige Arbeitskräfte verfügbar und Rohstoffe wie Eisenerz, Kohle, Wolfram, Zink und Seltene Erden vorhanden. Doch Investoren schreckten Korruption, Intransparenz bei Steuern und Gebühren und eine schlechte Infrastruktur ab. "Für große, international vernetzte Konzerne sind Investitionen heikel. Es sind eher mittelständische Unternehmen und Pioniere und Waghalsige, die es jetzt bereits wagen", sagt Hilpert.

Norbert Eschborn leitet in Seoul das Korea-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch seit der Machtübernahme von Kim Jong Un Ende 2011 könne man nicht von einem gesteigerten Interesse von Firmen an Nordkorea sprechen, sagt er. "Ich glaube nicht an eine Wirtschaftsreform. Ich sehe zu wenig Taten hinter den Ankündigungen." So fehlten rechtliche Rahmenbedingungen für die Firmen, etwa im Bereich Investitionsschutz.

Die Führung in Pjöngjang gilt als unberechenbar. Raketentests und Vorwürfe wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen haben Nordkorea zu einem Schmuddelkind der Weltpolitik gemacht. Mit einem solchen Regime wollen die großen Namen der Deutschland AG offenbar nicht in Verbindung gebracht werden.

Ein Deutscher bekennt sich zu Geschäften mit Nordkorea

Volker Eloesser zählt zu den wenigen deutschen Unternehmern, die sich zu einem Engagement in Nordkorea bekennen. Der 42-Jährige betreibt die IT-Firma Nosotek in Pjöngjang, die unter anderem Spiele entwickelt. "Man kann Geschäfte nur über Kontakte machen", sagt er. "Sie müssen jemanden kennen, dem Sie vertrauen und der Sie in entsprechende Kreise einführt."

Eloesser fühlt sich wohl in Pjöngjang. "Was ich innerhalb der Stadt mache, das ist meine Sache. Da kenne ich meine Grenzen und weiß, wo man nicht hingehen sollte", sagt er. Er meidet zum Beispiel das Gelände der Geheimpolizei. "Die Spielregeln des Überwachungsstaates spielt man mit."

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH