Kommunisten als Handelspartner: Die seltsame Nordkorea-Liste der deutschen Wirtschaft

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Nordkoreas Regime will Investoren ins Land locken - laut der offiziellen Liste eines deutschen Lobby-Verbandes haben auch Firmen hierzulande Interesse an Geschäften in der kommunistischen Diktatur. Doch darauf angesprochen, will kein Unternehmen etwas davon wissen.

Reformversprechen in Nordkorea: Das unberechenbare Regime Fotos
REUTERS

Hamburg - Kim Jong Il in einer Büstenhalter-Fabrik, Kim Jong Il in einer Gummistiefel-Fabrik, sein Sohn Kim Jong Un in einer Strumpfwaren-Fabrik. Mit solchen Bildern will das nordkoreanische Regime seine wirtschaftliche Stärke demonstrieren. Doch die ganze Welt weiß: Wirtschaftlich spielt das Land kaum eine Rolle. Das soll sich aber nach den Worten von Kim Jong Un ändern. Er kündigte in seiner Neujahrsansprache einen radikalen Umschwung an, der das Land zu einem "wirtschaftlichen Riesen" machen werde. Offenbar will der Machthaber dazu Investoren ins Land locken - mit Hilfe deutscher Experten.

Doch hat die deutsche Wirtschaft überhaupt Interesse an Geschäften in Nordkorea? SPIEGEL ONLINE machte sich auf die Suche nach deutschen Unternehmen, die in Nordkorea tätig sind. Das schien überraschend einfach. Denn der Ostasiatische Verein, ein angesehener Lobby-Verband der deutschen Wirtschaft (Vorsitzender ist Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen), listet in einer Online-Datenbank unter dem Stichwort "Korea (Nord)" ein Dutzend deutscher Unternehmen auf. Klickt man die Namen dieser Firmen an, steht dort unter "Geschäftsabwicklung in" neben anderen Ländern auch "Korea (Nord)".

SPIEGEL ONLINE fragte bei den Firmen an. 15 Unternehmen wurden bei der ersten Abfrage am Dienstag gelistet, darunter Commerzbank Chart zeigen, BHF-Bank, das Versandunternehmen Otto und ThyssenKrupp Chart zeigen. Keine der genannten Firmen bestätigte, dass sie in der Vergangenheit geschäftlich in Nordkorea tätig war. Rief man die Datenbank dann am Freitag auf, standen nur noch zwölf Firmen da. Was war passiert?

Der Hinweis auf die Auflistung in der Datenbank sorgte bei den Unternehmen teils für Erstaunen, teils für hektische Betriebsamkeit - und auch für kuriose Erklärungen. So teilte die BHF-Bank mit, man habe sich damals bei der Abfrage durch den OAV vertan. Gemeint gewesen sei nicht Nordkorea, sondern Südkorea. Inzwischen fehlt die Bank in der Liste.

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Deutsche Firmen und Nordkorea: Die schrumpfende Liste
Auch der Name der Commerzbank taucht nicht mehr auf. "Die Geschäftspolitik der Commerzbank lässt grundsätzlich keine Geschäfte mit Nordkorea zu", teilte die Bank mit. Ein Sprecher von ThyssenKrupp sagte: "Aktuell haben wir keine Geschäftsbeziehungen mit Nordkorea." Ähnlich die Reaktion beim Versandhaus Otto. "Wir pflegen keine Beziehungen nach Nordkorea", hieß es dort.

Der Logistikkonzern Dachser, der ebenfalls beim OAV unter Nordkorea gelistet ist, erklärte, das Land liege nicht im Fokusgebiet der Firma. "Als Transportdienstleister reagiert Dachser immer auf Anforderungen seiner Kunden, aber hier liegen diese im Moment hauptsächlich auf den Märkten China und Indien."

Doch wie kam dann die Auflistung des OAV zustande? Schließlich handelt es sich bei dem Verein um eine angesehene Lobby-Organisation, die deutsche Firmen bei ihren Wirtschaftsbeziehungen in der asiatisch-pazifischen Region unterstützen will. Zusammen mit anderen Verbänden ist der OAV Träger des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft; dessen Vorsitzender ist Peter Löscher, im Hauptberuf Siemens-Chef. Näher am Herzen der Deutschland AG kann eine Lobbyorganisation gar nicht platziert sein.

Nur sporadische Aktualisierungen

Laut OAV stammen die Angaben der Firmen zu Aktivitäten, Branchen und Ländern von den Unternehmen selbst. "Die Liste der Länder gibt die Länderinteressen oder -aktivitäten der Unternehmen wider und spiegelt in erster Linie die regionalen Schwerpunkte der Geschäftsbeziehungen", sagt OAV-Geschäftsführer Timo Prekop. Die Liste sowie die Datenerhebungen gibt es laut OAV schon seit geraumer Zeit. Aktualisierungen würden sporadisch vorgenommen, sobald diese von den Unternehmen gewünscht würden, so dass hier auch vereinzelt ältere Einträge vorzufinden seien. Seltsam nur, dass offenbar nicht einzelne, sondern die Mehrzahl der Einträge in der Liste falsch oder zumindest veraltet sein sollen.

In der Rangfolge der deutschen Handelspartner kommt Nordkorea nur auf Platz 174 - noch hinter den Färöer Inseln. Dass deutsch-nordkoreanischer Handel aber zumindest in geringem Umfang stattfindet, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (siehe Tabelle unten). Demnach wurden von Januar bis Oktober 2012 Waren im Wert von 19,6 Millionen Euro von Deutschland nach Nordkorea exportiert. Im selben Zeitraum kamen von dort Waren im Wert von zwölf Millionen Euro in die Bundesrepublik, der größte Anteil davon Bekleidung. Es muss also Firmen geben, die mit Nordkorea Handel treiben.

Zu den wenigen, die sich dazu bekennen, zählte der Modehersteller Gerry Weber, der in Nordkorea schneidern ließ. Die Firma ist beim OAV nicht gelistet. In einem Interview sagte Vorstandschef Gerhard Weber 2011, dass in Nordkorea Ware produziert werde, sei "nicht verwerflich". Nun teilte die Firma mit, dass bereits seit Mitte 2011 keine Aufträge mehr in Nordkorea platziert worden seien. "Unsere Einkaufsstrategie basiert auf langfristiger Partnerschaft mit unseren Lieferanten, die es möglich machen soll, einen Verbesserungsprozess in Bezug auf soziale und qualitative Standards zu erreichen", teilte die Firma mit. "Bei der Produktion in Nordkorea haben wir nach kürzester Zeit lernen müssen, dass es keine Möglichkeiten gab, einen derartigen Prozess in Gang zu setzen."

Auch die deutsche Firmengruppe Prettl investierte 2008 in Nordkorea. Das Unternehmen lässt in der Sonderwirtschaftszone Kaesong nahe der Grenze zu Südkorea Elektronikteile produzieren. Als die Gruppe ihr Engagement in Nordkorea bekanntgab, nannte sie die niedrigen Lohnkosten als Begründung. Inzwischen bestätigt Prettl nur, dass es den Standort gibt. Ansonsten wolle man sich zu Nordkorea nicht äußern. Auch Prettl ist beim OAV nicht gelistet.

Nicht jedes Geschäft ist illegal

Geschäfte in Nordkorea sind nicht automatisch illegal. Nach Atomtests in den Jahren 2006 und 2009 gibt es lediglich Embargos für Rüstungs- und Luxusgüter. Es gäbe also Spielraum für Handel. Experten raten allerdings von Deals mit der Diktatur ab. Der Asien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Hanns Günther Hilpert, sagt: "In Nordkorea kann man nur Geld versenken."

Zwar seien dort günstige Arbeitskräfte verfügbar und Rohstoffe wie Eisenerz, Kohle, Wolfram, Zink und Seltene Erden vorhanden. Doch Investoren schreckten Korruption, Intransparenz bei Steuern und Gebühren und eine schlechte Infrastruktur ab. "Für große, international vernetzte Konzerne sind Investitionen heikel. Es sind eher mittelständische Unternehmen und Pioniere und Waghalsige, die es jetzt bereits wagen", sagt Hilpert.

Norbert Eschborn leitet in Seoul das Korea-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch seit der Machtübernahme von Kim Jong Un Ende 2011 könne man nicht von einem gesteigerten Interesse von Firmen an Nordkorea sprechen, sagt er. "Ich glaube nicht an eine Wirtschaftsreform. Ich sehe zu wenig Taten hinter den Ankündigungen." So fehlten rechtliche Rahmenbedingungen für die Firmen, etwa im Bereich Investitionsschutz.

Die Führung in Pjöngjang gilt als unberechenbar. Raketentests und Vorwürfe wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen haben Nordkorea zu einem Schmuddelkind der Weltpolitik gemacht. Mit einem solchen Regime wollen die großen Namen der Deutschland AG offenbar nicht in Verbindung gebracht werden.

Ein Deutscher bekennt sich zu Geschäften mit Nordkorea

Volker Eloesser zählt zu den wenigen deutschen Unternehmern, die sich zu einem Engagement in Nordkorea bekennen. Der 42-Jährige betreibt die IT-Firma Nosotek in Pjöngjang, die unter anderem Spiele entwickelt. "Man kann Geschäfte nur über Kontakte machen", sagt er. "Sie müssen jemanden kennen, dem Sie vertrauen und der Sie in entsprechende Kreise einführt."

Eloesser fühlt sich wohl in Pjöngjang. "Was ich innerhalb der Stadt mache, das ist meine Sache. Da kenne ich meine Grenzen und weiß, wo man nicht hingehen sollte", sagt er. Er meidet zum Beispiel das Gelände der Geheimpolizei. "Die Spielregeln des Überwachungsstaates spielt man mit."

Handel zwischen Deutschland und Nordkorea (Werte in Tsd. Euro)
2010* 2011* 2012*
Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr
Erzeugnisse der Landwirtschaft und Jagd 43 1 31 0 517 1
Steine und Erden, sonstige Bergbauerzeugnisse 11 895 0 1204 6 212
Nahrungsmittel und Futtermittel 255 11 959 - 1296 4
Getränke 142 - 421 - 377 -
Tabakerzeugnisse 32 - 164 - 172 -
Textilien 3 77 - 72 8 113
Bekleidung 110 13.621 78 21.446 117 5898
Leder und Lederwaren 12 0 48 - 172 0
Holz und Holz-/Kork-/Korb-Flechtwaren ohne Möbel 5 - - - 143 -
Papier, Pappe
und Waren daraus
3 - 31 - 41 1
Kokereierzeugnisse und Mineralölerzeugnisse - - - - 53 -
Chemische Erzeugnisse 258 16 181 89 681 182
Pharmazeutische und
ähnliche Erzeugnisse
3353 0 1848 - 3827 1
Gummi- und Kunststoffwaren 16 - 89 81 104 176
Glas und -waren, Keramik, Steine und Erden 16 - 164 - 14 1
Metalle 86 - 5 - 25 385
Metallerzeugnisse 123 2208 140 3666 135 2093
Datenverarbeitungs-
geräte, elektr. u. opt. Erzeugn.
1069 245 614 - 1164 82
Elektrische Ausrüstungen 208 41 1828 39 1305 26
Maschinen 1999 357 2320 0 3904 17
Kraftwagen und Kraftwagenteile 59 18 23 188 1921 2069
Sonstige Fahrzeuge 8 559 22 118 1 30
Möbel 28 - 22 - 20 -
Sonstige Waren 5569 869 1653 776 3642 755
Insgesamt 13.412 18.923 10.643 27.680 19.645 12.052
*Ergebnisse jeweils von Januar bis Oktober.
Für 2012 sind die Ergebnisse vorläufig.
Quelle: Statistisches Bundesamt

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insgesamt 116 Beiträge
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1. kommunistische Handelspartner?
wildwolves 11.01.2013
Wenn ich mich nicht irre, betreiben wir schon seit Jahrzehnten erfolgreich Handel mit Kommunisten (China). Wo liegt also dann das Problem?
2. Tja, das nennt man "Globalisierung"
abominog 11.01.2013
Also je schlimmer und repressiver ein Regime, desto verlockender und lukrativer offenbar die Geschäfte. Kann man das so sagen? Es ist ja nicht so, als wenn wir hierzulande nicht auch relativ schlimm und repressiv sind. Sowas hat bei uns schliesslich Tradition, nicht wahr?
3.
rudlith 11.01.2013
Dieser Artikel ist wieder typisch für unsere Politik gegenüber "Schurkenstaaten". Erst redet man sich den Mund fusselig, um Nordkorea zu einer Öffnung zu bewegen, mit dem Ziel, das Land berechenbarer zu machen. Gibt es ein paar Aktivitäten in diese Richtung, werden die betreffenden Firmen in bekannter Manier gebrandmarkt. Werter Autor merke: zwischen NK und Saudiarabien bestehen nur geringe Differenzen, was die Innenpolitik betrifft. Erst wenn diese BRD Seltene Erden aus NK bezieht, wird Krauss-Maffay nachziehen und Artikel wie diese wird es nicht mehr geben.
4. Sklavenerzeugnisse!
PARANRW 11.01.2013
Es werden sicher die gleichen Unternehmen ihre Fühler nach Nordkorea ausstrecken, welche sattsam bekannt geworden sind durch Geschäfte mit der DDR und den Erzeugnissen staatlicher Haftanstalten der DDR. Warum sollten diese Unternehmen plötzlich eine Moral haben? Damit sind doch Quelle, Otto, IKEA und Co. reich und mächtig geworden. Und den westdeutschen Gutmenschen hat es noch nie interessiert, welche Menschen für ihren Billigkonsum versklavt worden sind.
5. Embargo?
Ottokar 11.01.2013
Wartet mal ab wann das erste IKEA Werk oder VW Werk dort produziert. VW hat doch beste Erfahrungen in diesen Ländern den Markt zu erobern. Siehe China.
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Nordkorea: Ist Kim Jong Un Vater geworden?

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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