Deutsche Bahn Datenbergwerk auf Rädern

Die Deutsche Post hat Kundendaten an Parteien verkauft und damit scharfe Kritik auf sich gezogen. Ein anderer Datenriese in Deutschland ist die Bahn. Wie geht der Staatsbetrieb mit seinem Schatz um?

ICE im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe
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ICE im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe

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Die Züge der Deutschen Bahn legen jedes Jahr 28 Milliarden Kilometer zurück. Dabei befördern sie 2,6 Milliarden Reisende von einem Ort zum anderen. So fallen ganz zwangsläufig auch jede Menge Daten über das Verhalten ihrer Kunden an. Wäre die Bahn also kein Konzern mit mehr als hundert Jahren Zug-Tradition, sondern ein Start-up, so könnte man den Betrieb im Slang der Digitalen Ökonomie auch als riesiges Datenbergwerk bezeichnen.

Doch die Deutsche Bahn (DB) ist gleichzeitig auch zu 100 Prozent im Besitz des Staates, und das bedeutet, dass sie zwar über einen gigantischen Informationsschatz verfügt, diesen aber auch nicht ausschlachten darf wie, sagen wir mal, eine neu gegründete Bikesharing-Plattform.

Vor allem weil das Geschäftsmodell der Bahn die Bewegung ist, sind die von ihr generierten Daten von so hoher Attraktivität. Ob ein Kunde, der etwa ein Nahverkehrs-Abonnement besitzt, oder jene 5,4 Millionen Besitzer von Bahncards - sie alle verraten ganz zwangsläufig eine Menge Details über ihren Alltag, ihre Konsumgewohnheiten, ihre Arbeitszeit und ihr Freizeitverhalten.

Nutzt die Bahn diese Daten also auch wie die Deutsche Post, die wegen der Weitergabe von Kundendaten an Parteien im Wahlkampf in die Kritik geraten ist?

Ein Skandal zog einen strengeren Datenschutz nach sich

"Wir sind uns sehr bewusst, wie wertvoll diese Daten sind, genauso aber auch, wie sensibel sie sind", sagt ein DB-Sprecher auf Anfrage des SPIEGEL. Bei der Bahn gelte, so heißt es in der Berliner Zentrale, ein eherner Datenschutz-Grundsatz. "Deshalb ist die Weitergabe von personalisierten Kundendaten an Dritte ausgeschlossen", sagte er weiter. "Das ist schon deswegen so, weil die Bahn unter einer besonderen Beobachtung steht und wir das Vertrauen, das uns Millionen Kunden täglich entgegenbringen, auch rechtfertigen wollen", sagt der Sprecher.

Darüber wacht seit fast zehn Jahren die konzerneigene Datenschutzbauftragte Chris Newiger. Die ehemalige Adidas-Managerin kam damals zur Bahn, nachdem der ehemalige DB-Chef Hartmut Mehdorn in der sogenannten Ausspähaffäre unter öffentlichen Druck geraten war. Es wurde ruchbar, dass die Konzernsicherheit auf Anweisung ihres Vorstandschefs die E-Mails von Mitarbeitern überwacht und ausgewertet hatte, und das nicht nur, weil damit Korruption bekämpft werden sollte, sondern auch Gegner des für seine Selbstherrlichkeit gefürchteten Bahn-Bosses.

Die Datenschutzpolitik der Bahn ist seitdem so rigoros, dass selbst der eine Konzernteil dem anderen keine Kundeninformationen übermitteln darf. "Dadurch gehen uns natürlich Einnahmequellen durch Datenvermarktung verloren, die andere Unternehmen im Verkehrsbereich wie selbstverständlich kommerziell nutzen", sagt der Sprecher.

Carsharing-Unternehmen etwa können nicht ohne Weiteres mit der Bahn kooperieren, weil deren Kalkulationsmodell einschließt, dass Erlöse aus der Weitergabe von Daten generiert werden. Derzeit arbeitet die Bahn deshalb an einer neuen Data-Governance-Richtlinie, die trotz hoher Datenschutzstandards eine gewisse Form von Monetarisierung ermöglichen soll.

Ungestörtes Nickerchen

Der Bestand neuer Datenquellen nimmt jedenfalls immer weiter zu, je mehr digitale Angebote die Bahn anbietet: Der Navigator der Bahn etwa, den viele Kunden als App auf ihren Handys laufen haben, organisiert das Buchen der Tickets auf dem Smartphone.

Künftig kann der Schaffner auf seinem mobilen Terminal erkennen, ob vor ihm ein Bahnkunde sitzt, der ein gültiges Zugticket besitzt, ohne dass er ihn aus seinem Nickerchen aufwecken müsste. Die Navigator-App der Bahn hat ihm längst gemeldet, dass der Reisende selbstständig eingecheckt hat." Der Kunde hat mit einem Klick auf den Check-in-Button zugestimmt, dass der Zugbegleiter diese Information erhalten darf", erklärt der Sprecher.

Mittlerweile surfen ICE-Reisende über die WLAN-Verbindungen der Bahn. Theoretisch weiß der Konzern, welche Lieder ihr Kunde im Wagen 23 auf Sitzplatz 76 gerne hört, oder welche Serien er sieht. Doch die Bahn versichert: Diese Daten werden nicht personenbezogen gespeichert, geschweige denn ausgewertet oder an Dritte weiterverkauft.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Hamberliner 03.04.2018
1. haha
Jaja. Wenn jemand immer wieder in die Schweiz fährt und mit dem nächsten Zug sofort wieder zurück, dank namentlicher Reservierung oder Bahncard leicht identifizierbar, erfährt das Finanzamt ganz bestimmt nichts davon, und wer dauernd nach Amsterdam fährt wird auch ganz bestimmt nicht dem Zoll gemeldet. Wer's glaubt wird selig.
Circular 03.04.2018
2. Der Internet-Zugang im ICE wird gar nicht von der DB organisiert
Der Betreiber von WIFIonICE ist nicht die deutsche Bahn, sondern der dänische Anbieter Icomera.
sixtymirror 03.04.2018
3. Harmlos.
Zu Ostern hat mir ein jüngerer Verwandter (Informatiker) erläutert, welche Daten von der Schufa an jede beliebige »Firma« gegeben werden. Dagegen sind doch die Praktiken von Post und Bahn nichts, und Facebook noch weniger als nichts. Gute Nacht.
fred.faross 03.04.2018
4. Nochmal haha
Wer glaubt, dass die Bahn keine Daten nutzt, glaubt auch an den Osterhasen. Nach und nach erfahren wir Stück für Stück wer unsere Daten für monetäre Zwecke nutzt. Jetzt ist es die Deutsche Post, morgen weitere Unternehmen. Mit Hilfe der Regierung, die diese Vorgehensweise duldet, ist mittlerweile jeder von uns ein gläserner Mensch. Außer er nutzt kein Smartphone, Handy, Navi, Auto, Payback-Karte, Kredit-Karte, Tablet, Computer, Internet usw, usw.
fehleinschätzung 03.04.2018
5. Danke für den Artikel
und danke der Bahn für den Bärendienst.
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