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Drohender Euro-Austritt: Griechenlandkrise lässt die deutsche Wirtschaft kalt

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Container-Terminal im Hafen von Piräus: "Handelsvolumen Griechenlands fällt kaum ins Gewicht" Zur Großansicht
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Container-Terminal im Hafen von Piräus: "Handelsvolumen Griechenlands fällt kaum ins Gewicht"

Ein möglicher Austritt Griechenlands aus der Währungsunion schreckt die deutsche Wirtschaft kaum noch. Dazu ist das Handelsvolumen einfach zu gering. Bedrohlich sind allenfalls die indirekten Folgen für die Konjunktur in Europa.

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Ludovic Subran ist Pessimist von Berufs wegen. Als Chefvolkswirt des weltgrößten Kreditversicherers Euler Hermes sucht der 34-Jährige mit seinem Team von zwölf Fachleuten ständig nach Risikogebieten in aller Welt. Anhand seiner Zahlenwerke setzen die Kollegen in der Versicherungsabteilung die Prämien fest, die deutsche Exporteure für eine Absicherung ihrer Geschäfte bezahlen müssen.

Subrans aktuelle Analyse für Griechenland können die Unternehmen nur als Warnung verstehen. "Die Zahlungsmoral von Unternehmen wird sich erheblich verschlechtern", sagt Subran voraus. "Oder die Bestellungen bleiben gleich ganz aus, weil die finanziellen Mittel fehlen." Besonders betroffen seien Maschinenbau, Ölindustrie, Computer- und IT-Branche sowie der Automobilsektor.

Diese Entwicklung nehmen die deutschen Exporteure seit Längerem wahr. "Die Nachfrage ist in den letzten fünf Jahren bereits deutlich zurückgegangen", erklärt Klaus Schrader, stellvertretender Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass viele Unternehmen nur noch gegen Vorkasse liefern, weil das Vertrauen in die Bonität der griechischen Handelspartner verloren gegangen ist". Mit einem Grexit, so seine Annahme, dürfte sich der Trend noch einmal beschleunigen.

Politische Auswirkungen größer als wirtschaftliche

Sorgen hat Schrader aber aus ganz anderen Gründen. "Die politischen Auswirkungen eines Grexits würden weit größere Sprengkraft entfalten als die wirtschaftlichen", erklärt der Experte. "Als Handelspartner spielt Griechenland für Deutschland nur eine untergeordnete Rolle." Im Jahr 2014 seien lediglich 0,4 Prozent der in die EU exportierten deutschen Güter nach Griechenland gegangen. "Im ersten Halbjahr 2015 dürfte dieser Wert noch einmal erheblich zurückgegangen sein." Griechenland liegt auf Rang 38 der wichtigsten deutschen Kunden - hinter Luxemburg, Hongkong und Irland.

Die unmittelbaren Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft hält auch BDI-Chef Ulrich Grillo für gering. "Aufs Ganze gesehen, fällt das Handelsvolumen mit Griechenland kaum ins Gewicht", erklärt er. Schwer zu kalkulieren seien allerdings die indirekten Folgen - etwa für die anderen Länder der Eurozone, die Finanzmärkte und die Konjunkturerwartungen in Europa.

Selbst bei einem Grexit wird Griechenland viele Jahre auf Unterstützung aus Europa angewiesen sein. Auch auf finanzielle Hilfen. Es gibt laut Grillo kein "entweder Grexit oder Hilfen".

Diese Einschätzung teilt auch der Präsident des Außenhandelsverbands, Anton Börner: "Sollte Griechenland die Eurozone nach einer Insolvenz verlassen müssen, dann wären vor allem die sozialen Folgen unabsehbar. Denn das Land ist abhängig von Importen, die sich dann drastisch verteuern würden". Eine neue griechische Währung würde nämlich gegenüber dem Euro mutmaßlich deutlich an Wert verlieren.

Ansteckungsgefahr unkalkulierbar

Sehr viel skeptischer beurteilt Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, die möglichen Folgen für Deutschland: "Die Eskalation der Griechenlandkrise könnte den Aufschwung in diesem und im kommenden Jahr schwer schädigen, möglicherweise sogar vorzeitig abbrechen lassen", erklärt der Volkswirt. "Ein Grexit oder eine zähe Agonie durch Unsicherheit könnte das bislang positive Konjunkturbild dramatisch verändern." Eine Ansteckung weiterer Länder und die Destabilisierung des gesamten Euroraums sei "keineswegs unwahrscheinlich".

In die gleiche Richtung geht die Argumentation des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Die Hauptrisiken für die deutsche Wirtschaft bestünden weniger im Rückgang des Handelsvolumens, sondern mittelbar über die Finanzmärkte: "Was ist, wenn Investoren zu dem Ergebnis kommen, dass 135 Prozent Staatsverschuldung für Italien zu viel sind, wenn dem ein Nullwachstum gegenübersteht?".

Matthias Wissmann, Chef des Verbands der Automobilindustrie, plädiert dagegen für einen harten Schnitt - den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. "Das könnte sogar zu einer Stabilisierung der Eurozone beitragen", erklärte er. Brüssel müsse jetzt Vertrauen wiedergewinnen. Das aber sei nicht möglich, wenn man Griechenland weitere Zugeständnisse mache.

Zusammengefasst: Für deutsche Exporteure dürfte ein Euro-Ausstieg Griechenlands kaum gravierende Folgen haben. Manche Wirtschaftsforscher befürchten bei einem Grexit jedoch Ansteckungseffekte für den übrigen Euroraum.

Mit Material von Reuters

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    Seite 1    
1. Hessen
m.brunner 08.07.2015
Das ist ja auch ein politisches Projekt und keins das mit Ökonomie oder Verstand zu tun hat. GR ist so sstark wie Hessen. Würden wir bei Hessen auch so einen Aufstand dulden? Die Wirtschaft merkt das gar nicht auch weil quasie die Export nach GR der letzten Jahre und unseren Krediten selbst bezahlt wurden. So kann man auch Exportweltmeister werden indem mans selbst bezahlt. Warum dieser Umweg??
2. Es geht auch nur um 3% Europa
salomohn 08.07.2015
Die paar Millionen Leute. Klingt immer so dramatisch, ist aber nur ein kleines Land.
3. Die Wirtschaft ist Weise
jupiter12 08.07.2015
Das sollten sollten sich die Politiker als Vorbild nehmen. Griechenland ist ein "Drittland" und wird auch in 50 Jahren kein Partner für Europa. Richtig, für die USA geopolitisch wichtig. Also Amerika, verlagert eure Militär-Industrie nach Griechenland. Dann geht's in GR aufwärts. Wir in Europa brauchen Griechenland heute und in Zukunft nicht.
4.
SchneiderG 08.07.2015
Ja verflixt, die Griechen haben für ihre Eigenständigkeit gewählt und das sollte doch respektiert werden. Sie wollen keine Gelder nach den Bedingungen der Kreditgeber annehmen, sondern sich selbst verwirklichen. Jetzt laßt ihnen doch bitte ihren Stolz und ihre Probleme alle komplett selber lösen.
5. das ist ja auch kein Wunder
ärgerhochzwei 08.07.2015
9600 MRD€ BIP Euroraum 2013 davon 182 MRD€ durch Griechenland. Wie soll da die deutsche Wirtschaft etwas merken. Mir kann keiner von den akademischen oder nicht akademischen Wirtschaftsweisen erzählen die EU würde Pleite gehen wenn wir Griechenland retten. Das ist eindeutig ein Systemkrieg. Und der erste Fehler war schon bei der Geburt des Euros, hier hat man vergessen was man macht wenn einer Insolvent wird. Die vermeintlich stärkeren sind jetzt der Meinung man müßte das Land für die nächsten tausend Jahre in den Schuldturm schmeissen. Griechenland möchte da nicht rein. Also zwei Fehler meiner Meinung nach, erstens es fehlt eine Regelung bei Insolvenz und zweitens fehlt von Griechenland eine Zukunftsstrategie mit Beachtung einer gewissen Rückzahlungsqoute. Wer das jetzt nicht regelt sorgt für Hunger und Armut in Europa und was weiss ich noch alles, nur um zu zeigen mein System ist aber richtig.
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