363 Tage im Jahr Offshore-Windparks liefern (fast) immer Strom

Windparks auf dem Meer liefern zuverlässiger Strom als früher - laut einer Studie an 363 Tagen im Jahr. Die Branche fordert einen massiven Ausbau, Naturschützer warnen vor einer Nordsee als Industriepark.

Offshore-Windpark "Nordsee 1" vor Spiekeroog
DPA

Offshore-Windpark "Nordsee 1" vor Spiekeroog


Nur noch an sehr wenigen Tagen im Jahr stehen die Rotorblätter von Windparks auf hoher See still. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts IWES produzieren die Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee inzwischen an 363 Tagen des Jahres Strom. Bei der Vorgängerstudie für die Stiftung Offshore Windenergie aus dem Jahr 2013 hatte dieser Wert noch bei 340 Tagen gelegen.

Die von der Branchenstiftung beauftragte Studie kommt zu dem Schluss, dass die Anlagen somit relativ konstant Strom lieferten und die Erträge gut vorhersehbar seien. Die erhöhte Verfügbarkeit senke den Bedarf an mit Kohle oder anderen fossilen Brennstoffen betriebenen Reservekraftwerken für windstille Stunden und damit die Kosten. Energiewirtschaftlich sei die Offshore-Windenergie damit sowohl Windkraftwerken an Land wie auch der Photovoltaik überlegen.

Die Bundesregierung hatte im Jahr 2014 ihre Ziele für den Ausbau der Offshore-Windenergie für das Jahr 2030 von zuvor 25 auf 15 Gigawatt reduziert - zu teuer waren die Anlagen auf dem Meer. Derzeit sind rund tausend Windkraftwerke in Nord- und Ostsee mit einer Leistung von fünf Gigawatt installiert. Die Branche fordert einen deutlich stärkeren Ausbau, im September formulierte sie im Cuxhavener Appell das Ziel von mindestens 20 Gigawatt bis 2030 und 30 Gigawatt bis 2035.

Durch die Studie sieht sie sich darin bestärkt. "Die Offshore-Windenergie trägt erheblich zur Versorgungssicherheit bei", sagt Ursula Prall, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Offshore-Windenergie. Durch ein höheres Ausbauvolumen seien auch weitere Kostensenkungen möglich. In der IWES-Studie wird für das Jahr 2050 sogar eine Leistung von 57 Gigawatt als energiewirtschaftlich optimal empfohlen.

"Der Nordsee geht es ohnehin nicht gut"

Dieser mögliche massive Ausbau entzweit Umwelt- und Naturschützer. Für viele Umweltverbände wie den WWF hat die Klimapolitik eine hohe Priorität, sie plädieren daher für einen stärkeren Ausbau der Offshore-Windenergie. Naturschützer hingegen warnen vor einem starken Ausbau in Nord- und Ostsee.

Denn geht es nach der Offshore-Branche, könnte je nach Leistungsfähigkeit der Windkraftanlagen in den kommenden Jahrzehnten bis zu einem Drittel der Meeresfläche mit mehreren tausend Windrädern bebaut werden. Die Nordsee würde dann zu einem Industriepark verändert, befürchten Naturschützer. "Dann müssen wir uns um den Schutz vieler Arten keine Gedanken mehr machen", sagt Kim Detloff, die beim Naturschutzbund Nabu für den Meeresschutz zuständig ist. Die Nordsee werde für See- und Rastvögel weitgehend nutzlos. Aber auch Schweinswale und andere Meeressäugetiere seien durch die Bauarbeiten betroffen.

"Der Nordsee geht es ohnehin nicht gut", sagt Detloff. Die Auswirkungen der Offshore-Windenergie auf das Ökosystem seien massiv unterschätzt worden. Zudem gebe es noch weitere Nutzungen des Meeres wie Schifffahrt, Tourismus, Fischerei, Pipelines und Rohstoffförderung, die das Meer belasteten. Auch wer für den Einsatz regenerativer Energien sei, müsse sich über die ökologischen Konsequenzen klar sein. "Es wäre fahrlässig und verantwortungslos, allein auf den Ausbau der Offshore-Windenergie zu setzen", sagte Detloff. Er plädierte für einen dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien und eine effizientere Energienutzung und -einsparung.

Die Windindustrie argumentiert, sie habe in den vergangenen Jahren erfolgreich in leisere Gründungsmaßnahmen und Betriebsführungskonzepte investiert. Die Branche sei sich der Notwendigkeit weiterer Fortschritte bei der Umweltfreundlichkeit der Anlagen bewusst, heißt es von der Stiftung Offshore Windenergie. Zudem gehe die Branche von geringeren Flächenansprüchen durch den Bau immer leistungsfähigerer Anlagen aus.

fdi/dpa



insgesamt 110 Beiträge
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MannAusmNorden 11.12.2017
1. Gesunder Menschenverstand...
Also damit habe ich schon lange gerechnet. Dieses Argument "Windstrom gibt es nur bei starkem Wind" ist ja schon lange entkräftet. Die Hersteller entwickeln schon lange "Schwachwindanlagen" mit größerem Rotordurchmesser bei gleicher Generatorleistung. Und wie viel Kilometer Küste haben wir? So annähernd 600km? Sehr unwahrscheinlich, dass dort überall gleichzeitig komplette Windstille ist. Wer einmal auf See war (ich war mal auf großer Fahrt) der weiß: auf See gibt es so gut wie immer WInd, vor allem in den Breiten in denen Deutschland liegt. Also meine Bitte: Mehr Wündmühlen an das Meer, damit sichern wir immerhin einen gewissen Anteil an Stromversorgung.
Aquifex 11.12.2017
2.
Wenn das so ist, wäre das eine sehr gute Nachricht. Deshalb bitte die Zahlen nochmal aufschlüsseln: Wieviel der installierten Leistung, denn nur die wird hier genannt, wird tatsächlich verlässlich geliefert und was bedeutet "relativ konstant"? Ohne diese Angaben ist der Informationsgehalt des Artikels Null.
C-Hochwald 11.12.2017
3. Entscheidung ohne Wenn und Aber
Naturschützer (seuftz): - sind gegen Kernenergie wegen Radioaktivität - sind gegen (Braun)kohleenergie wegen Tagebau und CO2 - sind gegen Wasserkraft wegen künstlicher Stauseen - sind gegen Pumpspeicherwerke wegen künstlicher Stauseen - sind gegen Windenergie wegen der hässlichen Säulen - sind gegen Windenergie wegen Gefahr für Tiere - sind gegen X wegen Y Wer schützt die Bürger vor Naturschützern? Elektrische Energie gibt es weder zum Nulltarif noch ohne Einigungen über die Inkaufnahme von Industrialisierung und Infrastrukturbildung am Erzeugungsort. Leider zählen Einigungs- oder Kompromissfähigkeit nicht zu den Kompetenzen von Naturschützern.
Mikrohirn 11.12.2017
4. Hört endlich auf
Umweltschützer (Menschenfreunde) und Naturschützer (Menschenfeinde) in einem Atemzug zu nennen! Die haben so viel miteinander zu tun wie Ökotomaten und Zigarettenautomaten.
fatherted98 11.12.2017
5. Warnen...
...vor Windparks....andere Stromerzeugung darf auch nicht sein....aber das Smartphone soll weiter geladen werden....und wehe der Strom fällt aus....dann sind die Verantwortlichen unfähig.....Naturschutz kann sich auch selbst ad absurdum führen.
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