SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Dezember 2013, 16:59 Uhr

Drohnen-Test der Post

Vom Himmel hoch

Von , Bonn

Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit testet die Deutsche Post eine neue Art der Paketzustellung: An Stelle von Menschen könnten in der Zukunft Drohnen die Sendungen ausliefern. Noch sind die Flugmaschinen in Deutschland aber kaum einsetzbar.

Ein helles Sirren in der Luft, ein dunkles Raunen am Boden - der Paketzusteller der Zukunft schwebt heran und die Zuschauer vor der Post-Zentrale am Bonner Rheinufer sind beeindruckt. "Der Adler ist gelandet", jubelt eine Mitarbeiterin des Logistikunternehmens um kurz nach 12 Uhr. Da hat sich soeben die gelb lackierte Drohne auf einer Plastikmatte niedergelassen, in deren Mitte ein großes "H" zu sehen ist. Es gibt höflichen Applaus - wie im Ferienflieger nach Mallorca.

Der mehrtägige Testbetrieb, in dessen Verlauf Medikamente von einer Apotheke über den Rhein hinweg zur Post-Zentrale geflogen werden sollen, ist für das Unternehmen mehr als nur ein PR-Gag in der Vorweihnachtszeit. Es geht darum, die Lufthoheit über die Logistikbranche zu behaupten. Der gelbe Riese will die Zukunft im Zustellgewerbe für sich reklamieren, er fühlt sich unter Zugzwang, vor allem seitdem die US-amerikanische Konkurrenz vorgeprescht ist.

Vor einer Woche nämlich verkündete Amazon, in einigen Jahren Bestellungen mit automatischen Mini-Drohnen ausliefern zu wollen. Der Konzern arbeite an eigenen Fluggeräten, so Gründer Jeff Bezos im US-Sender CBS. Die Idee sei, dass "Octocopter" die bestellten Waren binnen 30 Minuten zum Käufer brächten. Bezos gab an, die Zustelloption in vier bis fünf Jahren anbieten zu wollen. Einen Namen für den Service nannte er bereits: Prime Air. Auch der Paketdienst UPS denkt nach eigenen Angaben über den Einsatz solcher Transportkopter nach.

Eine Drohne wird nicht krank und möchte nie befördert werden

Bei der Post will man zwar ebenso fortschrittlich wirken, doch gleichzeitig muss man sich zurückhaltend und diplomatisch geben. "Wir stehen erst ganz am Anfang des Forschungsprojekts", sagt Paketmanager Ole Nordhoff. "Grundsätzlich ist das eine spannende Technologie." So böten Drohnen deutliche Vorteile, die Zustellung könne unabhängig von Straßen erfolgen, auch entlegene Gebiete seien somit gut zu erreichen. Doch das dürfte wohl allenfalls ein angenehmer Nebeneffekt sein, viel schwerer wiegt der Kostenfaktor: Eine Drohne vom Typ MD4-1000 ist bereits ab 40.000 Euro zu haben, sie wird nicht krank, möchte nie befördert werden und arbeitet rund um die Uhr.

Doch natürlich ist das Signal einer weitergehenden Rationalisierung auch eine heikle Angelegenheit für die Post - gerade im Weihnachtsgeschäft. Denn in den Wochen vor Heiligabend schuften die Mitarbeiter wie nie, acht Millionen Pakete liefern sie täglich aus, die Aussicht, irgendwann womöglich von Modellfliegern ersetzt zu werden, dürfte sie nicht nur entsetzen, sondern geradezu empören. Wohl auch deshalb stapelt Nordhoff tief, wenn er sagt: Die Technik müsse nun für "konkrete Anwendungsfälle" weiterentwickelt werden.

Tatsächlich machen die Bedingungen, unter denen Quadrokopter in Deutschland aufsteigen dürfen, den flächendeckenden Alltagseinsatz bislang unmöglich. Die Drohnen dürfen nur im Sichtfeld der Piloten, bei gutem Wetter und nicht höher als 100 Meter fliegen. Auch können sie bislang lediglich Lasten tragen, die nicht schwerer sind als 1,2 Kilogramm. Ähnlich wie bei den Drohnen der Polizei schränkt der Gesetzgeber den Praxisbetrieb bislang stark ein - die Frage ist bloß: wie lange noch?

Jedenfalls erprobt die Wirtschaft schon seit geraumer Zeit die Möglichkeiten unbemannter Flugobjekte. Im Sommer sorgte die Pizzakette Domino's mit einem YouTube-Video für Aufsehen: Es zeigte eine Drohne, die zwei Pizzen ausliefert. Fernsehsender wiederum nutzen die Modellflieger längst bei Großveranstaltungen, um Übersichtsaufnahmen zu erstellen. Daniel Knoche von der Firma Microdrones, der den Vielflügler am Montagmittag mit knapp 20 Stundenkilometern über den Rhein steuert, ist sich daher sicher, dass die Post-Drohne keine Spielerei bleiben wird: "Irgendwann ist das erste Auto gefahren, das erste Flugzeug geflogen. Die Zeit wird kommen."

Im Probebetrieb der Post bringt das unbemannte Flugobjekt aber vorerst bloß Nasentropfen von nebenan. Die Mitarbeiter dürfen Bestellungen in der Hausapotheke aufgeben, die Quadrokopter-Drohne liefert die rezeptfreien Medikamente. Die Zukunft - noch lange hin.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH