Heringskrieg im Nordatlantik: EU jagt die "Wikingerräuber"

Von

Gefangene Heringe: "Kaum das Netz ausgeworfen, da schwimmen sie schon drin" Zur Großansicht
AP

Gefangene Heringe: "Kaum das Netz ausgeworfen, da schwimmen sie schon drin"

Die Erwärmung des Atlantiks treibt gewaltige Fischschwärme in die Gewässer vor den Färöer-Inseln und Island. Prompt erhöhten die Insulaner eigenmächtig ihre Fangquoten. Nun soll die EU Sanktionen gegen die "Wikingerräuber" beschließen.

Andre Hansen hat eine Menge erlebt in fast zwei Jahrzehnten auf hoher See. Aber eine Invasion wie diesen Sommer vor seinen Färöer-Inseln hat er noch nie gesehen. "Sie sind überall, in jeder Ecke", erzählt der Kapitän des Fischtrawlers "Finnur Fridi" . "Du hast kaum das Netz ausgeworfen, da schwimmen sie schon drin: die Heringe und Makrelen." Wenn nach wenigen Stunden mehr als tausend Tonnen Beute den Bug der "Finnur Fridi" tief ins Wasser drücken, könnte man glauben, ein Fischertraum werde wahr.

Tatsächlich stürzt der Überfluss im Meer die Färöer-Inseln gerade in eine nationale Krise. Am Mittwoch gaben die EU-Mitgliedsstaaten der Brüsseler Fischkommissarin Maria Damanaki den Auftrag, Handelssanktionen gegen die kleine Inselnation mit 48.000 Einwohnern verhängen - wegen Überfischung des Herings. "Die Entscheidung der Färöer, einseitig ihre Quote um mehr als das Dreifache gegenüber bestehenden Arrangements zu erhöhen, gefährdet die langfristige Nachhaltigkeit der Bestände", hieß es in einem Kommunique der EU-Kommission. Damanaki werde nun im Laufe des kommenden Monats ihre Entscheidung bekanntgeben. Als mögliche Sanktionen nannte die Brüsseler Behörde beispielhaft Landeverbote in EU-Häfen und Importstopps. Die autonome Inselgruppe gehört zwar zu Dänemark, nicht aber zur EU.

Parallel bereitet Brüssel schon das nächste Verfahren gegen die Färöer sowie Island vor, diesmal wegen Überfischung der Makrele. "Wir können keine einseitigen Aktionen erlauben, welche die Bestände zerstören können", sagt die Griechin Damanaki. "Jetzt müssen wir handeln."

Den Herings- und Makrelenkrieg ausgelöst hat die Erwärmung des Nordatlantiks. Sie lässt seit einigen Jahren gewaltige Fischschwärme auf die Reise gehen: weg aus norwegischen, schottischen oder irischen Gewässern, hinein in neue Jagdgründe vor den Färöern und Island. Die Inselnationen legen eigenmächtig ihre Fangquoten für die eingewanderten Arten fest. "Die Natur hat entschieden, dass mehr Fische zu uns kommen", sagt der Färinger Fischereiminister Jacob Vestergaard. "Wir haben ein Recht darauf, entsprechend mehr zu fischen."

"Sie haben uns einfach ignoriert"

Schon 2009 hatten die Färöer und Island im Alleingang ihre Fangmengen für Makrelen vervielfacht - ungeachtet heftiger Proteste der EU und anderer Nordatlantik-Anrainer, die einen Preissturz und eine gefährliche Verringerung der Bestände befürchten. Als die Färinger in diesem Winter dann für den Hering eine drastische Erhöhung der zugewiesenen Fangmenge verlangten, scheiterten die Verhandlungen spektakulär.

"Plötzlich sind die Delegationen der EU, Norwegens und Russlands aus dem Verhandlungsraum gegangen, haben uns allein zurückgelassen und dann unter sich den Hering verteilt", behauptet Vestergaard. "Sie haben uns einfach ignoriert, weil wir so klein sind. Aber dann haben wir selbst unsere Quote festgelegt." Statt bislang knapp 32.000 Tonnen wollen die Färinger in dieser Saison mehr als 105.000 Tonnen aus dem Meer holen. Der lokalen Fischindustrie könnte dies mindestens 50 Millionen Euro Mehreinnahmen bringen.

Für EU-Länder ist der erneute Alleingang eine Provokation. "Banditen" und "Wikingerräuber" seien die Nordländer, sagte der einflussreiche schottische EU-Abgeordnete Stuart Stevenson. Irlands Fischereiminister Simon Coveney forderte, die Sanktionen gegen die Färöer und Island müssten jetzt "ohne weitere Verzögerungen" in Kraft treten. "Sonst werden wir noch einmal drei oder vier Jahre lang an der Nase herumgeführt, während sie die Bestände plündern." Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace sehen vor allem die Makrele in Gefahr.

Alteingesessene Arten werden rar

Für die kleinen Inselnationen geht es um den Kern ihrer Wirtschaft. Die Färöer erwirtschaften 95 Prozent ihrer Exporterlöse mit Fisch, das wirtschaftlich angeschlagene Island 40 Prozent seiner gesamten Deviseneinnahmen. "Für uns ist dieser Sektor wichtiger als für Deutschland die Autoindustrie", sagt Islands Verhandlungsführer Sigurgeir Thor Geirsson. Der Zoff über die Fangquoten ist einer der Hauptgründe dafür, dass der 320.000-Einwohner-Staat seine Beitrittsgespräche mit Brüssel auf Eis gelegt hat. Ohne die zusätzlichen Einnahmen aus dem Makrelen- und Heringsgeschäft müssten Teile der Branche um ihre Existenz fürchten, sagt Geirsson.

Schließlich machen sich die alteingesessenen Arten vor den Nordatlantik-Inseln zunehmend rar. "Die Fischer hier fangen immer weniger Kabeljau, Seehecht und Schellfisch", sagt Andre Hansen, der Kapitän der "Finnur Fridi". "Viele vermuten, dass Makrele und Hering den anderen Arten das Futter wegfressen."

Fischereiminister Vestergaard stellt sich bereits auf einen Totalboykott der EU ein. "Künftig können wir wohl nicht mal mehr Dänemark beliefern", sagt der 52-Jährige. "Aber dann werden wir unseren Fisch halt nach Afrika und Asien verkaufen." Experten halten dies für durchaus realistisch. Denn so klein die Färöer-Inseln auch sind: Beim Fischfang zählen sie zu Europas Großen. 2010 holten ihre Trawler an die 400.000 Tonnen aus dem Meer - fast doppelt so viel wie die deutschen Kutter.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
thomas_gr 31.07.2013
Natürlich ist es sinnvoll Fangquoten zu definieren. Wie hoch diese sein sollten, kann ich als Laie nicht sagen. Aber so wie das Fischen auf so selbstverständliche Weise reguliert wird, sollte und muss auch der Finanzmarkt reguliert werden. Wie kann es sein, dass der eine Markt reguliert wird und der andere nicht???
2. Es stimmt,die Massen an Heringen und Makrelen fressen
whitewolfe 31.07.2013
den anderen Arten das Futter weg.Deshalb gibt es weniger Dosch und Schellfisch.Es ist wieder so wie mit Norwegen: da hatten sich zur Jahrtausendwende Zwerg- und Schweinswale extrem vermehrt und die fressen keinen Kryll o.ä. sondern Heringe,Köhler,Schellfisch und kleine Dorsche.Die norwegischen Küstenbestände an Seefisch wurden stark dezimiert.Als die Norweger dagegen vorgingen und die Zwerg und Schweinswalbestände dezimieren wollten gab es einen Aufschrei in der EU und Drohungen gegen Norwegen,die Norweger haben trotzdem gehandelt und das war auch richtig.Die Naturschützer sind oft keine Fachleute und sehen die Zusammenhänge nicht.Fischbestände wandern nicht ab aber es gibt Bedingungen unter denen einige Arten besonders gut zurecht kommen und andere weniger gut.Und wenn z.B. die Bestände des Herings oder Makrele extrem anwachsen,dann sind die Bedingungen(Nahrung) für andere z.B. Dorsch,Pollack oder Köhler auch besonders gut,es dauert nur ein paar Jahre bis sich die Jäger der Heringe auch stark vermehren.
3. fischereipolitik...
Lagenorhynchus 31.07.2013
...ist sicherlich nicht das, womit die EU glänzen kann. Der Vorwurf der Färinger ist durchaus nachzuvollziehen, zumal hinter den Kulissen in den Quotenpokern Länder wie NL und vor allem Spanien die Marschrichtung angeben. Bevor man also mit den Färingern und den Isländern (niemals hätten die ohne die Finanzkrise ihre Fischereirechte an die EU geopfert!) herumdrischt, sollte erst mal die Frage beantwortet werden, welche Schutzstrategien die Eurokraten denn für die bedrohten Bestände zuwege bekommen...
4. finger weg von den färöer
marinusvanderlubbe 31.07.2013
Zitat von sysopDie Erwärmung des Atlantik treibt gewaltige Fischschwärme in die Gewässer vor den Färöer-Inseln und Island. Prompt erhöhten die Insulaner eigenmächtig ihre Fangquoten. Nun soll die EU Sanktionen gegen die "Wikingerräuber" beschließen. Die EU streitet mit Island und den Färöer-Inseln um den Hering - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/die-eu-streitet-mit-island-und-den-faeroeer-inseln-um-den-hering-a-913969.html)
erfreulicherweise und zum vorteil der insulaner waren die färinger so schlau, sich nicht dem eu-diktat zu unterwerfen. genauso island. die eu soll sich also einfach zurückhalten und freie nationen frei leben lassen. die hybris der eu ist mittlerweile kaum noch zu ertragen.
5. optional
sudiso 31.07.2013
tja, ein weiterer grund hat sich grad zu meiner liste für die abschaffung der eu hinzugefügt, zumindestens was diese unsinnigen bürokraten in Brüssel, den haag oder sonst wo anbelangt. die kosten nachher im Ruhestand mehr geld als so eine *sch***** fangqoute
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Europäische Union
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 38 Kommentare