"Financial Times Deutschland" am Ende: Ein Blatt für Sturm und Drang

Von Christian Rickens

Als die "Financial Times Deutschland" Anfang 2000 auf den Markt kam, schaute Deutschland Harald Schmidt, redete vom Reformstau und hoffte, an der Börse reich zu werden. Das nahe Ende der Zeitung zeigt, wie sehr sich der Zeitgeist verändert hat.

Gründungsjahre der FTD: Eine ganz schräge Zeit Fotos
DPA

EM.TV und IPO, Volksaktie und Harald Schmidts Late-Night-Show. Neuer Markt und Neue Mitte, Dritter Weg und Dreiknopfsakko, Tony Blair und Thomas Middelhoff. "Generation Berlin" und "Bin ich schon drin?"

Mensch, waren das Zeiten!

Eine gute Dekade danach wirkt die Melange aus Marktgläubigkeit und Fortschrittseuphorie, die um die Jahrtausendwende Deutschland berauschte, wie ein Cocktail aus einer anderen Ära. Nur aus dem Lebensgefühl der Jahrtausendwende lässt sich auch das Zeitungsexperiment erklären, das in diesen Tagen zu Ende geht. Ein Rückblick auf dieses Experiment zeigt uns vor allem eines: Wie sehr sich das Klima in unserer Gesellschaft innerhalb von zehn Jahren gewandelt hat.

Die "Financial Times Deutschland" (FTD) stehe für "starke gesellschaftliche Reformen", hatte der Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers kurz vor dem Start im Februar 2000 verkündet. "Reform", gerne auch mit einem "-stau" dahinter, war DAS Wort schlechthin. Alles sollte, alles musste, alles würde anders werden in Deutschland. Dazu passte eine Zeitung, die sich den Wandel gleichsam auf die Druckfahne schrieb.

Arbeit und Freizeit hielten ebenso Händchen wie Arbeit und Kapital

Angefangen hatte es mit der Rede, die Bundespräsident Roman Herzog 1997 im Berliner Hotel Adlon hielt: Ein Ruck müsse durch Deutschland gehen. Der Ruck folgte prompt ein Jahr später mit dem Wahlsieg von Gerhard Schröder. Es zählt zu den ironischen Wendungen der deutschen Geschichte, dass ausgerechnet unter der ersten rot-grünen Bundesregierung der Markt über den Staat dominierte: Die Spitzensteuersätze sanken, die Finanzmärkte wurden dereguliert. Weil Konzerne ihre Unternehmensbeteiligungen plötzlich nahezu steuerfrei verkaufen konnten, zerbrach die alte Deutschland AG, jene Festung aus wechselseitigen Beteiligungen zwischen deutschen Großbanken (das waren damals noch fünf!), Versicherungen und Industriekonzernen. Privatisiert wurde alles, was nicht bei drei auf dem Baum war. Briefe zustellen, Telefonanschlüsse legen, Strom erzeugen: Das kann doch der Markt alles viel besser als der Staat.

Dann kam der Internetboom an den Börsen. Wer brauchte noch eine staatliche Rentenversicherung, wo man doch mit den richtigen Aktien in ein paar Jahren zum Millionär werden konnte? Wer brauchte noch Betriebsräte und Gewerkschaften, wo in den Internet-Start-ups doch ohnehin alle ständig zusammen Tischkicker spielten? Arbeit und Freizeit hielten fortan ebenso Händchen wie Arbeit und Kapital. Das Cluetrain-Manifest lieferte im Jahr 1999 in 95 Thesen (unter Luther hat man es damals nicht gemacht) die ideologische Grundlage für die neue Arbeitswelt.

Unbequem statt staatstragend

Für die vielen Millionen Bundesbürger, die nicht in Aktienoptionen bezahlt wurden und noch immer unter schlechtgelaunten Chefs zu leiden hatten, blieb immerhin die von Manfred Krug angepriesene T-Aktie als Weg zu Geld und Glück.

Die Eroberung der persönlichen Lebenswelt durch den Markt: Anders als vom Philosophen Jürgen Habermas postuliert, erschien sie vielen Deutschen damals nicht als Kolonialisierung, sondern als Befreiung.

Die Idee einer deutschen "Financial Times" fügte sich perfekt in diese Stimmung. Nicht zuletzt mit dem Bekenntnis zu ihren angelsächsischen Wurzeln. Cool Britannia war ja damals ein gesellschaftliches Vorbild. Ein Land, das unter Tony Blair soziale Gerechtigkeit neu definierte: Es kam nicht mehr darauf an, wie der gesellschaftliche Wohlstandskuchen verteilt wurde - solange der Kuchen nur ordentlich wuchs und jeder Bürger die gleiche Chance hatte, sich ein möglichst großes Stück davon unter den Nagel zu reißen.

Dazu passte der aggressive Journalismus, mit dem die "FTD" antrat. Hier schrieben nicht die Steigbügelhalter des Establishment ihr staatstragendes Blabla wie in so vielen anderen Wirtschaftsressorts. Hier störten die hungrigen Aufsteiger die altdeutschen Rituale der Macht. Jeden Tag, gab Chefredakteur Gowers als Devise aus, solle eine Geschichte in der "FTD" stehen, "die irgend jemand lieber nicht lesen würde". An den meisten Tagen ihres Erscheinens hat die "FTD" diesen Anspruch eingelöst, gepaart mit einem schönen Schuss Leichtigkeit und Ironie. Was ihr bei deutschen Pressesprechern schnell den Ruf als "unseriös" eintrug. Aus diesen Mündern wohl das schönste Kompliment, das man einem ernsthaften Wirtschaftsjournalisten machen kann.

Es ist doch nicht nur die Wirtschaft, Dummkopf!

Doch als die "FTD" am 21. Februar 2000 auf den Markt kam, begann die Welle des Wandels bereits zu brechen. Der Nemax 50, der Leitindex des Neuen Markts, erreichte wenige Tage später, am 10. März 2000 sein Allzeithoch und kannte seitdem nur noch eine Richtung - bergab. Die Internetblase war geplatzt, und damit alle Träume vom schnellen Börsenreichtum.

18 Monate später flogen zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center und widerlegten Francis Fukuyamas These vom "Ende der Geschichte", derzufolge Demokratie und Marktwirtschaft fortan unangefochten über die Erde regieren würden. Deutsche Soldaten starben in Afghanistan, und plötzlich wussten die Menschen wieder: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben, die wirklich existentiellen Konflikte in der Welt haben meist wenig mit Geld zu tun, sondern sind aus archaischerem Garn gewebt. Es ist doch nicht nur die Wirtschaft, Dummkopf!

Und Deutschland? Deutschland versank erst in der Rezession und dann in den Hartz-Reformen, und plötzlich war Wandel gar nicht mehr sexy, sondern quälend und mühsam. Die meisten Menschen merkten, dass sie Chancengerechtigkeit gar nicht so wichtig finden - wenn nur ihr eigener Status quo gesichert bliebe. Als "Regrounding" bezeichnet das Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision diese massenhafte Abkehr vom Schneller, Höher, Weiter der Jahrtausendwende. Statt Aktien kauft man sich heute lieber ein Häuschen mit Garten. Die Auflage der Zeitschrift "Landlust" wächst und wächst.

Bei der "FTD" hingegen übersteigt inzwischen die Auflage, die täglich an die Passagiere von Lufthansa und andere Fluggesellschaften verschenkt wird, jene der regulären Abonnements. Die "FTD" war aus der Zeit gefallen. Sie war bis zuletzt ein Blatt für Sturm und Drang. Biedermeier konnten die FTD-Redakteure nicht, und aus journalistischer Sicht ist das schon wieder ein Kompliment.

So wie die "FTD" im Moment des größten Reformüberschwangs auf den Markt kam, so verschwindet sie ausgerechnet in einem Moment, in dem sich von neuem Mehltau über unser Land zu legen droht. Europa, Rente, Gesundheitspolitik: Überall Trippelschritte, kein Mut zu großen Sprüngen, weder bei den Bürgern noch bei der Politik. Reformen? Gern, aber bitte nur in Griechenland.

Eigentlich müsste man mal ein Medium wie die "FTD" gründen. Eines, das sich den Wandel auf die Fahnen geschrieben hat.

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insgesamt 72 Beiträge
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1. Der Autor
wortmannin 22.11.2012
scheint auch so ein neoliberaler Marktgläubiger zu sein. Ihm sei gesagt, dass genau dieser Markt jetzt der FTD den Gar ausgemacht hat. Wir werden die FTD nicht vermissen. Wir haben ja noch die FT und den Spiegel.
2.
muellerthomas 22.11.2012
Zitat von wortmanninscheint auch so ein neoliberaler Marktgläubiger zu sein. Ihm sei gesagt, dass genau dieser Markt jetzt der FTD den Gar ausgemacht hat. Wir werden die FTD nicht vermissen. Wir haben ja noch die FT und den Spiegel.
Anscheinend bringen Sie die FTD mit Neoliberalismus in Verbindung. Haben Sie das Blatt auch nur einmal gelesen?
3.
groomy_85 22.11.2012
Die "Melange aus Marktgläubigkeit und Fortschrittsglauben" gibt doch in der Wirtschaft wie in der Politik nach wie vor den Ton an, oder etwa nicht? So traurig das ist – Ich kann kein Umdenken erkennen.
4. gleich mit abschaffen...
semper-idem 22.11.2012
...kann man die überflüssigen Börsennachrichten, mit denen wir im Stundentakt von diversen Fernsehstationen belästigt werden. Wer braucht so etwas noch?
5. FTD war schlecht geschrieben, das ist alles.
papierloser 22.11.2012
Der Autor hat sich mit EM.TV, Volksaktie etc. natürlich auch die passenden Beispiele für seine These ausgesucht. Welche These? Ich lese daraus,dass alles etwas übertrieben war mit dieser Marktglaubigkeit. Also erstmal die FTD ist insolvent, weil die Artikel schlecht waren. FAZ und besonders Handelsblatt informieren erheblich besser über die Wirtschaft. Diese paar Reförmchen in Deutschland der letzten 10 Jahre sollen nun also schuld sein? Ja, die Privatisierungen waren gut und richtig. Dass sich die Regulierung dieser Märkte wie Energie, Banken, Post, die zu einem Oligopol neigen, weiter entwickeln muss, ist ja logisch. Wer besitzt schon die hellseherischen Fähigkeiten exakt vorherzusagen, wie sich eine Regulierung exakt auswirken wird? Also muss man ein bisschen an den Stellschrauben drehen, um die Wirkung der Regulierung zu verbessern. Und nebenbei: Mir ist eine Regierung lieber, die nicht in der Lage ist Steuern zu senken, als eine, die erfolgreich Steuern erhöht und an die wundersame Wirkung des Staates glaubt.
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