"Die Höhle der Löwen" Pleiten, Pech und Pannenfächer

In der TV-Show "Die Höhle der Löwen" werden Gründerträume wahr. Doch nicht alle der Start-up-Geschichten enden schön. Anja Bergmann und ihre Familie sind mit ihrer Idee gescheitert.

Bernd-Michael Maurer/VOX

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Es ist die Chance ihres Lebens. Und Millionen Menschen schauen zu. Anja Bergmann steht gemeinsam mit ihrer Familie auf der Bühne der Start-up-TV-Show "Die Höhle der Löwen" und präsentiert den Pannenfächer vor fünf Investoren. Das Produkt hat Bergmanns Schwager Richard Kaulartz erfunden, es soll "Menschenleben retten". Wer sich den Fächer bei einer Panne auf das Auto stellt, kann dadurch mitteilen, was er gerade braucht. Das Schild, das eine Ergänzung zum Warndreieck sein soll, zeigt etwa "Hilfe kommt" oder "Brauche Benzin". Kosten soll das Konstrukt stolze 39,90 Euro.

Bergmann und ihre Familie brauchen unbedingt frisches Geld. Denn bisher haben sie nur 200 Stück verkauft. Am Pannenfächer hängt sogar die Existenz eines Familienmitglieds: Bergmanns Lebensgefährtin Marita Kaulartz hat ihre private Altersvorsorge in Höhe von 58.000 Euro aufgelöst und in das Produkt investiert.

Nach der Präsentation winken fast alle Investoren ab. Die Idee könnte leicht kopiert werden, sei sehr teuer und extrem riskant. Nur der Hamburger Handelsmogul Ralf Dümmel sieht das anders. Er ist von der Idee überzeugt und will "ganz Deutschland damit zupflastern". Für 25,1 Prozent der Unternehmensanteile verspricht er die gewünschte Summe von 75.000 Euro. Die Familie kann ihr Glück kaum fassen, willigt sofort ein. Nach dem Deal sagt Investor Jochen Schweizer zu Dümmel: "Du hast gerade eine Familie gerettet."

Ein Jahr später ist der Traum der Familie geplatzt.

Während die vierte Staffel der Erfolgsshow auf Vox läuft, macht sich Bergmann Sorgen um ihre Zukunft. Nach ihrem Auftritt in der Show ist die ehemalige Datenverarbeitungskauffrau zur Geschäftsführerin der Ideenfächer GmbH geworden, die den Pannenfächer vertreibt. Allzu lange wird sie diesen Job nicht mehr machen können.

Denn die Pannenfächer haben sich nicht verkauft. In einem Lager nahe Hamburg liegen noch 120.000 Stück, die keiner haben will. "Es fühlt sich an, als ob wir von einem zehn Meter hohen Turm hinuntergestürzt wären", sagt Bergmann mit zitternder Stimme, "denn wir dachten ,dass sich das bombig verkauft".

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"Die Höhle der Löwen": Pleiten, Pech und Pannenfächer

Sie hatte durchaus allen Grund, das zu glauben: Denn der erfahrene Handelsunternehmer Dümmel meinte sein Investment vollkommen ernst. Direkt im Anschluss an die Show flossen 75.000 Euro an die neu gegründete Ideenfächer GmbH. Zusätzlich investierte Dümmel eine mindestens sechsstellige Summe und ließ 200.000 Pannenfächer in Asien produzieren. Die Vermarktung übernahm sein Unternehmen DS Produkte, das bereits mehrere Start-ups nach der Gründershow groß rausbrachte. Karl-Heinz Bilz, der Erfinder eines Abflussstopfen für das Waschbecken, soll durch die Show gar zum Millionär geworden sein.

Auch die Pannenfächer platzierte Dümmel deutschlandweit in großen Einzelhandelsketten. Doch die Kunden kauften nicht.

Der Fall des Pannenfächers zeigt: Auch Start-ups, die in der Erfolgsshow ein Investment ergattern, können krachend scheitern. Trotz großer Aufmerksamkeit und einer Vertriebsmaschinerie, die perfekt auf die Gründershow abgestimmt ist. Die Zuschauer bekommen davon nur wenig mit, sie sehen in der Show in Rückblenden immer nur die Start-ups, die unmittelbar nach der Show Tausende Produkte absetzen und "mega erfolgreich" sind.

Gerade durch Massenprodukte wie den Pannenfächer hebt sich die Sendung von der echten Start-up-Szene in Berlin, Hamburg und München ab. Überwiegend fließt das Geld in Produkte, die sich schnell verkaufen lassen: zum Beispiel in Strumpfhosen, Brotaufstrich und Gewürzmischungen. Die Artikel werden mit einem Emblem, das die Kunden an die Show erinnert, direkt nach der Ausstrahlung in den Handel gebracht. Oft sind sie deutlich teurer als vergleichbare Produkte.

Gründer, die durch neue Technik oder digitale intelligente Geschäftsmodelle große eigenständige Unternehmen formen, gibt es in der Show nur selten.

Dümmel hat mit seinem Einsatz viel Geld verloren

Hinzu kommt: Vermutlich hätte der Pannenfächer in der realen Start-up-Welt nie ein Investment erhalten. Eine unerfahrene Familie, die einen Teil ihrer Altersvorsorge in eine fragwürdige Idee investiert hat, hätte wohl jeden seriösen Kapitalgeber abgeschreckt. In der Show investierte Dümmel womöglich auch deshalb, weil er von der persönlichen Geschichte der Familie ergriffen war.

Dümmel hat mit seinem Einsatz viel Geld verloren. Er übernahm für die Familie die Produktionskosten und die Marketingausgaben. Immer noch muss er hohe Kosten in Kauf nehmen, um die übriggebliebenen Pannenfächer-Bestände zu lagern. Dümmel kann das problemlos verschmerzen. Insgesamt investierte er in der dritten Staffel drei Millionen Euro in 23 Start-ups. Dass es da zu Ausfällen kommt, ist ganz normal. Die meisten seiner Beteiligungen haben sich im ersten Jahr durchgesetzt und Hunderttausende Produkte verkauft.

"Besonders berühren mich aber die Projekte, die scheitern, weil es mir dann um die Gründer sehr leidtut", sagte Dümmel kürzlich in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Inzwischen hat er Anja Bergmanns Familie sogar angeboten, seine Anteile zurück zu schenken.

Doch die Familie, die in der bayerischen Kleinstadt Kaufbeuren wohnt, will nicht aufgeben. Sie versuchen alles, um den Pannenfächer doch noch irgendwie loszubekommen. Auf Veranstaltungen von Automobilklubs und Fahrschulen bieten die Gründer das Produkt an - den Preis des Pannenfächers haben sie inzwischen auf 14,99 Euro reduziert. "Wir werden weiterkämpfen, weil wir an das Produkt glauben", sagt Bergmann.

Sie klammert sich an ihren Traum, denn nur äußerst ungern will sie zurück in ihr altes Leben als Bürokauffrau. Zum Glück arbeiten Erfinder Richard Kaulartz und sein Bruder Rolf weiterhin als Maler, ihre Schwester Marita Riesner ist im Einzelhandel tätig. Sonst wäre wohl die gesamte Existenz der Familie bedroht.

"Die Höhle der Löwen", bis 21.11. dienstags um 20:15 Uhr auf VOX



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
gucky2009 03.10.2017
1. Zu teuer und 15 Jahre zu spät dran
Welches Zielmarkt besteht in 2017 noch? Fast jeder hat im Pannenfall ein Handy dabei um jemand geziehlt anzurufen. Die Mio. ADAC (und Co.)-Mitglieder rufen gleiche ihren Pannenhelfer, Fast jedes Auto hast in 2017 eine Tankanzeige die 100/50/25 km vor Ende des Benzins mehr als Aufdringlich darauf hinweist das man nicht mehr weiter kommt. Und dann auch noch 40 (!) €. Auch wenn es nicht gut für die Familie ist. Die Pleite war m.E. mehr als abzusehen.
raoul2 03.10.2017
2. Natürlich dauern einen diese Schicksale,
aber das ist ja (leider) gerade die Masche der "Löwen". Ihnen geht es meist (Herr Dümmel mag in diesem Fall eine Ausnahme sein) nicht wirklich um ein langfristiges Investment, sondern allenfalls um das "schnelle Geld". Vor allem aber zum die Selbstdarstellung vor einem Millionen-Publikum (sind es wirklich so viele, die sich diese Show mehr als nur einmal ansehen?). Und dann noch Maschmeyer ...
spon-facebook-10000015195 03.10.2017
3. Zu teuer, zu wenig Nutzen
Bei einer Panne ruft man heutzutage den Pannendienst mit dem Smartphone oder man läuft zur nächsten Notrufsäule. Kaum ein Mensch würde sich den Fächer aufs Dach stellen und dann hoffen, dass jemand anhält. Der Nutzen in der heutigen „immer-online“ Welt ist doch sehr begrenzt. Und mit 40 € war das utopisch kalkuliert. Für 10 € bekommt man eine Pannenleuchte, die mehr bringt als der Pannenfächer. Sorry, aber da hat die Familie einfach die Idee ca. 30 Jahre zu spät vermarktet.
peeka(neu) 03.10.2017
4. Wenigstens echte Unternehmer
die mit ihrem eigenen Geld und mit dem privaten Geld eines Investors gescheitert sind und nicht das Geld aus einem KfW-Kredit in die Hand bekamen, wie ein ehemaliger Spitzenkandidat einer gerade wieder in den Bundestag eingezogenen Partei. Da ich selbst Unternehmer bin, habe ich Respekt davor, auch wenn ich eher auf dem Standpunkt stehe, das Wachstum mit dem eigenen Cash-Flow zu finanzieren. Dann lassen sich Fehlinvestitionen besser ausgleichen. Ansonsten wären wir nämlich auch langst vom Markt verschwunden.
steve_burnside 03.10.2017
5. Doch nicht mehr im Handyzeitalter.
Also bis in die 90er hätte da von manchen Autofahrern vielleicht noch Interesse bestanden. Aber heutzutage steht doch keiner mehr am Strassenrand und wartet vergebens auf Hilfe. Man nimmt sein Handy und ruft an bei Werkstatt, ADAC oder seinem Kumpel zum abschleppen. Da musste man wirklich kein Schlaumeier sein, um vorraussagen, dass das keiner braucht.
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