Dieselaffäre Anwälte werben im Fernsehen für Sammelklagen

Anwälte wollen den Groll der Dieselbesitzer für sich nutzen und schalten Werbespots im Fernsehen. Ein tiefer Vorstoß in eine Grauzone.

Screenshot von der Website Diesel-Verhandlung.de
Screenshot / www.diesel-verhandlung.de

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Mit einer groß angelegten Werbekampagne gehen zwei große Rechtsanwaltskanzleien derzeit auf Kundenfang. Adressaten sind all jene Kunden des VW-Konzerns, deren Autos mit der manipulativen Abgassoftware ausgestattet sind, die vor drei Jahren den großen Dieselskandal ausgelöst hat. Rund 2,8 Millionen sind es allein in Deutschland. Ein großer Kundenkreis also. Die Unzufriedenen sollen sich einer der Musterfeststellungsklagen anschließen, die ab November erlaubt sind.

Das ist ungewöhnlich, ebenso wie die Art der Werbung. In einem Spot, der bei verschiedenen Privatsendern läuft, richten sie den Blick auf eine Webseite (Diesel-Verhandlung.de), die die frustrierten Dieselbesitzer über ihre Rechte aufklärt. Sie empfiehlt die Dienste von Baum, Reiter und Co., die in Kooperation mit der Berliner Anwaltskanzlei Gansel Geschädigte im Abgasskandal vertreten.

Damit aber betreten sie zumindest eine Grauzone. Denn die Standesregeln gestatten Rechtsanwälten Werbung nur im sehr engen Rahmen. Gemäß Paragraf 43b der Bundesrechtsanwaltsordnung ist Werbung dem Rechtsanwalt nur erlaubt, "soweit sie über die berufliche Tätigkeit in Form und Inhalt sachlich unterrichtet und nicht auf die Erteilung eines Auftrags im Einzelfall gerichtet ist". Gesetz und Berufsordnung pochen auf Sachlichkeit und verwehren dem Anwalt damit Auftritte, die lediglich reklamehaft und marktschreierisch sind.

Werbeanzeigen von Websites zu Schadensersatzansprüchen
Screenshot www.google.de

Werbeanzeigen von Websites zu Schadensersatzansprüchen

Rechtliche Grauzone

So scheiterte ein Anwalt vor Gericht, weil er Kalender mit Nacktmodels verschenkte, auf die die Kontaktdaten seiner Kanzlei gedruckt waren. Für Wirbel sorgte er vorher mit einem Mandanten, der Kaffeetassen mit eher geschmackloser Werbung bedrucken ließ: So zeigte ein Motiv eine Pistole und mehrere Patronen, dazu den Spruch: "Besser zum Anwalt". Dass solche Aktionen gegen die Anwaltsordnung verstoßen, ist bei den meisten Anwälten unumstritten - der Kollege mag auch auf den Werbeeffekt des Skandals gesetzt haben.

Die strengen Limits umgehen die Kanzleien mit dem Werbespot geschickt. Denn sie verweisen lediglich auf die Webseite, die über Ansprüche und mögliche Verjährungen informiert. Die endet tatsächlich zum Jahresende, was bedeutet, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Klar, dass der Leser sich sofort die Frage stellt, wer denn für so einen Prozess als Rechtsberater zur Verfügung stehen könnte. Und natürlich findet man diese Information auch ein wenig weiter unten auf der Seite.

"Wir fordern, dass die Hersteller - allen voran VW - so schnell wie möglich eine effektive Hardware-Nachrüstung organisieren und die Kosten dafür übernehmen", begründet Kanzleigründer Julius Reiter die bemerkenswerte Offensive gegenüber dem Mediendienst Meedia.de. "Gerade vor dem Hintergrund glänzender Verkaufszahlen und Milliardengewinnen ist es nicht hinnehmbar, dass sie sich weigern - und offenbar darauf setzen, dass der Steuerzahler an den Kosten der Nachrüstung beteiligt wird."

Doch die erwähnten Anwälte sind nicht die Einzigen. Zurzeit bemühen sich mehrere Kanzleien um Geschädigte aus dem Dieselskandal. Seiten wie Diesel-Verhandlung.de findet man in mehreren Ausführungen, wenn man das Schlagwort "Dieselskandal" googelt.

mik

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