Rupert Stadler in Untersuchungshaft So tief steckt der Audi-Chef im Skandal

Rupert Stadler wird in Untersuchungshaft von den Ermittlern vernommen - und die haben nach SPIEGEL-Informationen ordentlich Munition: Ein Telefonat, eine SMS, E-Mails und Zeugenaussagen sollen zeigen, was der Audi-Chef wusste.

Rupert Stadler
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In der Dieselaffäre um die Volkswagen-Tochter Audi tauchen immer neue Erkenntnisse auf. Es geht dabei vor allem um die Frage, wie tief der inzwischen inhaftierte und beurlaubte Firmenchef Rupert Stadler in den Skandal involviert sein könnte. Mehrere Indizien belasten den Manager. Ein Telefonat, eine Kurznachricht, E-Mails und Zeugenaussagen sollen nach SPIEGEL-Informationen belegen, dass Stadler mehr gewusst haben könnte, als er zugibt - zumindest aber, dass er nicht alles getan haben soll, um den Dieselskandal aufzuklären.

In Vernehmungen will Stadler der Staatsanwaltschaft München II nun Rede und Antwort stehen. Die Ermittler haben etliche Belege für eine mögliche Verstrickung des Managers in die Dieselaffäre rund um die in Europa verkauften, manipulierten Autos zusammengetragen. Doch Stadler hat bisher jede Schuld von sich gewiesen.

Zweifel an Stadlers Unschuld lässt bei der Justiz unter anderem ein Telefongespräch aufkommen, dass der Manager Mitte Juni mit einem Vertrauten bei der Konzernschwester Porsche geführt haben soll. Dabei soll er versucht haben herauszufinden, warum die Staatsanwaltschaft Stuttgart bei einer Razzia in der Porsche-Zentrale am 18. April mit fast 200 Polizisten so zielgerichtet nach bestimmten Dokumenten gesucht habe.

Razzia bei Porsche im April
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Razzia bei Porsche im April

Stadler soll in dem Telefonat seinen Porsche-Vertrauten gefragt haben, ob die Fahnder Tipps bekommen haben könnten, wo sie nach brisanten Dokumenten suchen müssten. Sein Verdacht soll auf einen Porsche-Mann aus der Motorenentwicklung gefallen sein, der zu Audi gewechselt ist und dort nicht zur internen Diesel-Aufklärungstruppe gehört - dieser könnte sein Wissen offenbart haben. Dann würde er ihn lieber beurlauben, soll Stadler in den Raum gestellt haben.

Woher die Ermittler das alles wissen, liegt nahe: Sie haben bei dem Telefonat mitgehört, eine Woche später erging Haftbefehl gegen Stadler wegen Verdunkelungsgefahr. Sein Anwalt wollte sich auf Anfrage zu dem Vorgang nicht äußern.

Seither sitzt Stadler in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen. Sein Verteidiger hat auf eine Haftbeschwerde verzichtet. Zwar wurde Stadler von den Ermittlern bereits vernommen. Doch offenbar reicht der Staatsanwaltschaft seine Auskunft nicht aus. Es stehen noch weitere Vernehmungen an.

Die Zweifel am Aufklärungswillen des Audi-Chefs waren schon groß, noch bevor Stadler im Juni zum Telefonhörer griff. Das bringt ihn nun in besondere Erklärungsnot.

Der Leitende Staatsanwalt in München, Dominik Kieninger, hatte bereits in akribischer Kleinarbeit Belege gesammelt, wer am Abgasskandal bei Audi beteiligt war und wer später versucht hat, Hinweise darauf zu vertuschen. Dazu hat Kieninger Zeugen vernommen und in Razzien bei Audi und in Privatwohnungen Material sicherstellen lassen.

Heikler Austausch per SMS

Mittlerweile haben die Ermittler nach SPIEGEL-Informationen Anhaltspunkte dafür, dass Stadler spätestens vor zweieinhalb Jahren von den manipulierten Dieselmotoren, die auf den Prüfständen weniger Stickoxid ausstoßen als auf der Straße, gewusst haben könnte.

So sollen sich zwei Audi-Manager im Dezember 2015 in Handy-Kurznachrichten darüber ausgetauscht haben, dass das Kraftfahrtbundesamt (KBA) Hinweise auf Ungereimtheiten bei in Europa verkauften Dieselautos der VW-Tochter habe. Drei Monate zuvor hatten US-Tester den Abgasskandal bei Volkswagen auffliegen lassen. Beide Manager diskutierten demnach, was zu tun sei. Einer von ihnen schrieb dem anderen, er werde es mit Stadler besprechen.

Die entscheidende Frage wird nun sein, ob die Münchener Ermittler belegen können, dass der besagte Manager den Vorstandschef Stadler tatsächlich darauf angesprochen hat. Stadler bestreitet, frühzeitig über die Dieselmanipulationen informiert gewesen und in die Abgasaffäre verstrickt zu sein. Für ihn gelte die Unschuldsvermutung, betont Audi.

Die Ermittler haben dagegen Zweifel. Sie seien der Überzeugung, dass Stadler auch später immer erst dann reagierte, wenn neue Abschalteinrichtungen bekannt wurden, aber selbst zu wenig aufklärte, heißt es. Auch daraus speisen sich die Vorwürfe des Betrugs und der mittelbaren Falschbeurkundung, die der Staatsanwalt in München Stadler und Audi-Vorstand Bernd Martens machen.

Wurde die interne Aufklärung absichtlich erschwert?

Stadler hatte Martens damit betraut, die interne Task Force auf Vorstandsebene zu leiten, durch die die Dieselaffäre im Unternehmen selbst aufgeklärt werden sollte. Doch diese Task Force entpuppt sich nach ersten Erkenntnissen offenbar als neues Täuschungsmanöver. Ein Zeuge aus der dortigen Truppe soll berichtet haben, dass Martens der Task Force nahegelegt habe, keine Mitarbeiter aus der Motorenentwicklung zu befragen. Dabei hätten diese am ehesten Auskunft geben können.

Stattdessen soll Martens die Task Force angewiesen haben, die Softwarecodes der Motorsteuerung auf Hinweise für die Manipulationen zu durchforsten. Das allerdings ist aus Sicht von Experten eine schier unlösbare Aufgabe, da diese Codes enorm kompliziert sind. "Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen", wird selbst ein hochrangiger Audi-Manager zitiert.

Die Chronik des VW-Skandals

2006
Der VW-Vorstand beschließt, mit dem "Clean Diesel" den amerikanischen Markt zu erobern.
Herbst 2006
Beim Versuch, den Zwei-Liter-Motor so abzustimmen, dass er die strengen Abgasvorschriften in den USA erfüllt, stoßen die Ingenieure an ihre Grenzen. Die Kollegen von der Softwareabteilung sollen helfen. Ein interner Streit entbrennt, weil allen Beteiligten klar ist, dass es sich nur um ein Programm handeln kann, das geeignet ist, die Vorschriften zu unterlaufen. Schließlich entscheidet ein ranghoher Manager - eine Ebene unter dem Markenvorstand - den Streit. Ergebnis des Meetings sinngemäß: Go, aber lasst Euch nicht erwischen!
Januar 2007
Martin Winterkorn steigt vom Entwicklungsvorstand zum allmächtigen Konzernchef auf. Allmächtig, wenn man von Ferdinand Piëch absieht, der als Aufsichtsratschef im Hintergrund die Fäden zieht und nie einen Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen lässt.
2007
Schon früh zeigen sich die ersten Nebenwirkungen der Software-Manipulation: Die Motorsteuerung schaltet immer wieder zwischen Alltags- und Prüfstandmodus hin und her, die Filter der Abgasanlage verstopfen dann schnell. Abhilfe ist teuer, die Produktionskosten würden um 250 Euro pro Auto steigen. Eine Entscheidung, die normalerweise nur von höchster Stelle genehmigt werden kann...
Oktober 2007
Nach Überzeugung der US-Ermittler hat VW mit der Entscheidung, den Clean Diesel mit neu abgestimmter Software weiterhin zu verkaufen, eine rote Linie überschritten. Ab diesem Zeitpunkt ist der Betrug fest in den Genen der US-VWs verankert - und die Ingenieure entwickeln immer ausgefeiltere Methoden, um die Manipulationen vor Entdeckung zu schützen. Der Betrug wird vom vorübergehenden Ausweichmanöver zur Dauerlösung.
Frühjahr 2013
Die technischen Probleme, die die Schummelsoftware verursacht, erfordern weiteres "Feintuning". Die Ermittler sind überzeugt, dass der damalige Entwicklungschef der Motorensparte Heinz-Jakob Neußer die Arbeiten genehmigt hat. Laut Zeugenaussagen soll er schon früh in die Manipulationen eingeweiht gewesen sein.
April 2014
Die Umweltforscher vom International Council of Clean Transportation (ICCT) veröffentlichen eine Studie, die den tatsächlichen Schadstoffausstoß im Alltagsbetrieb entlarvt. Bei VW erkennt man die Brisanz der Studie sofort und berät, was zu tun ist. Ein Vertrauter Winterkorns soll an der Konferenz beteiligt gewesen sein. Ob er seinen Chef einweihte, ist jedoch unklar. Nach Informationen des "Handelsblatts" ging ein schriftlicher Vermerk an Winterkorn, es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass er ihn auch gelesen hat.
2014
Die Unterhändler von VW begegnen den zunehmend drängenden Fragen der US-Behörden EPA und CARB (Kalifornien) mit einer Hinhaltetaktik. Man suche nach dem Fehler, den man sich selbst nicht erklären könne. Das Katz-und-Maus-Spiel dauert Monate.
Juli 2015
Winterkorn bestellt den zuständigen Ingenieur zum Rapport. Nachdem dieser die ganze Dimension des Betrugs erklärt hat, soll der Konzernchef überraschend cool reagiert haben. Das haben laut „Süddeutscher Zeitung“ Zeugen ausgesagt. Es sei der Eindruck entstanden, als ob Winterkorn von der Sache bereits gewusst hätte. Bei dem Treffen soll auch der kurz zuvor von BMW auf die Stelle des VW-Markenchefs gewechselte Herbert Diess anwesend gewesen sein. Der Konzern teilt später mit, der konkrete Inhalt der Besprechung sei nicht im Detail zu rekonstruieren. Von Verstößen gegen US-Recht sei nach bisherigem Kenntnisstand nicht die Rede gewesen.
19. September 2015
Einen Tag nach Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt tritt EPA-Chefin Gina Mc Carthy vor die Presse und macht die Manipulation öffentlich. Winterkorn, der noch am Abend zuvor bei der Eröffnungsparty von VW von Verantwortung für Umwelt und Menschen gesprochen hatte, ist darauf nicht vorbereitet. VW muss gut 480.000 Autos in den USA zurückrufen.
23. September 2015
In einem Video erklärt Winterkorn seinen Rücktritt als Vorstandschef des VW-Konzerns. Er bestreitet jede Kenntnis der Manipulationen. An seine Stelle tritt Matthias Müller, der zuvor die Geschicke von Porsche bestimmt hatte. Derweil werden immer neue Details über die Dimensionen des Betrugs bekannt. Laut Volkswagen sind mehr als elf Millionen Autos mit der fraglichen Software ausgeliefert worden, davon mehr als 8,3 Millionen allein in Europa.
Oktober 2015
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen mehrere Mitarbeiter des VW-Konzerns.
November 2015
Der Skandal zieht immer weitere Kreise. Jetzt sind auch die Drei-Liter-Motoren betroffen, die die Luxusautos von Audi und Porsche antreiben. Der Verkauf auf dem US-Markt wird gestoppt. Die Behörden - speziell in den USA - werden immer ungeduldiger.
Dezember 2015
Ein Gericht in Kalifornien nimmt eine Sammelklage von geschädigten VW-Besitzern an. In Deutschland gerät auch der Zulieferer Bosch ins Visier der Ermittler.
Januar 2016
Das US-Justizministerium erhebt Anklage gegen VW wegen Verletzung des Clean Air Acts. Damit drohen Strafen in Milliardenhöhe. Die US-Umweltbehörde lehnt, anders als das deutsche Kraftfahrtbundesamt, die Umrüstpläne für die 1,6-Liter-Motoren ab.
Februar 2016
Die US-Ermittler erheben Anklage gegen Winterkorn, seinen Nachfolger Müller und den Chef der US-Konzerntochter, Michael Horn. Letzterer, der als Vertriebsmann an den Tricksereien an der Motorsteuerung nicht beteiligt war, verlässt die USA. In Hannover erweitert die Staatsanwaltschaft den Kreis der Verdächtigen von 6 auf 17.
Juni 2016
VW einigt sich mit Umweltbehörden und Verbraucheranwälten in den USA auf Straf- und Entschädigungszahlungen in Höhe von rund 15 Milliarden Dollar. Der gesamte Umrüst- und Entschädigungsplan wird im Frühjahr rechtskräftig.
September 2016
Die Zahl der Aktionäre, die sich von VW geschädigt sehen, steigt immer weiter. Rund 1400 Klagen sind bereits anhängig. Bei Audi muss Technikchef Stefan Knirsch gehen.
November 2016
Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch gerät zunehmend unter Druck. In seiner Rolle als Finanzvorstand des Konzerns ist er nach Überzeugung der Ermittler mitverantwortlich für die Verletzung der Auskunftspflicht gegenüber den Aktionären. Der Vorwurf: Marktmanipulation. Pötsch und der Konzern teilen mit, die Ermittler "in vollem Umfang“ zu unterstützen.
Januar 2017
Das FBI verhaftet Oliver Schmidt, der bis März 2015 für die Kommunikation mit den US-Behörden zuständig war. Die Ermittler werfen ihm Verschleierung vor. Im schlimmsten Fall drohen ihm 169 Jahre Haft. Auch die Zahl der Klagen gegen Topmanager wächst weiter. In Braunschweig führen die Staatsanwälte jetzt auch Winterkorn als Verdächtigen.
Februar 2017
Konzernpatriarch Piëch hat Winterkorn in einer Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig schwer belastet. Winterkorn habe früher als bislang eingeräumt von dem Dieselbetrug erfahren. Piëch selbst habe Ende Februar 2015 den Hinweis erhalten, dass VW ein großes Problem in den USA habe - und zwar vom ehemaligen Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes. Anschließend habe er Winterkorn und später auch die Aufsichtsräte Stephan Weil, Bernd Osterloh, Berthold Huber und Wolfgang Porsche informiert. Alle vier Kontrolleure bestreiten das jedoch.
15. März 2017
Die Staatsanwaltschaft München lässt bei der VW-Tochterfirma Audi Büros durchsuchen. Auch beim Mutterkonzern in Wolfsburg gibt es eine Razzia. Gegenstand der Ermittlungen sind rund 80.000 Autos für den US-Markt, die Audi mit Dieselmotoren ausgestattet hat.
17. April 2017
Ein US-Gericht stimmt einem Vergleich des Justizministeriums in Höhe von 4,3 Milliarden Dollar zu. Damit sind strafrechtliche Ermittlungen gegen Volkswagen beigelegt. Erst im Januar hatte VW ein Schuldbekenntnis und damit Straftaten wie Verschwörung gegen Umweltgesetze und Behinderung der Justizbehörden eingeräumt.
7. Dezember 2017
Der VW-Manager Oliver Schmidt wird zu sieben Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Das US-Gericht sieht es als erwiesen an, dass Schmidt half, die Manipulation von Diesel-Motoren in den USA zu vertuschen. Volkswagen entlässt den Manager daraufhin - angeblich, weil es die Statuten des Konzerns nicht anders erlauben.
3. Mai 2018
Kurz nachdem die US-Justiz Anklage gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn erhoben hat, gewährt sie dem neuen VW-Chef Herbert Diess eine seltene Ausnahme: Er darf weltweit frei reisen, ohne befürchten zu müssen, im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Dieselmanipulationen verhaftet zu werden. Im Gegenzug soll Diess den Ermittlern Auskunft geben.
11. Juni 2018
Daimler muss auf Anordnung von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hunderttausende Dieselfahrzeuge in die Werkstätten holen. In den Autos soll die Abgasreinigung manipuliert worden sein. Die Zahl der europaweit betroffenen Fahrzeuge beträgt rund 774.000. Gleichzeitig wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Audi-Chef Rupert Stadler ermittelt. Es geht ebenfalls um die Manipulation der Abgasreinigung in Dieselfahrzeugen. Die Staatsanwälte werfen Stadler Betrug vor.
13. Juni 2018
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig verhängt gegen den VW-Konzern ein Bußgeld von einer Milliarde Euro. Das Unternehmen akzeptiert. Von der Entscheidung unberührt bleiben die bei den Gerichten anhängigen zivilrechtlichen Verfahren, etwa die Klagen der Autokäufer sowie die in Braunschweig weitergeführten strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen derzeit 49 Personen.
18. Juni 2018
Audi-Chef Rupert Stadler wird wegen Verdunkelungsgefahr verhaftet. Ihm wird Betrug beim Verkauf von Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung vorgeworfen. Stadler bestreitet die Vorwürfe. Verdunkelungs- und dazu noch Fluchtgefahr war auch der Grund dafür, dass die Stuttgarter Justiz im April einen leitenden Porsche-Mitarbeiter verhaften ließ. Dritter im U-Haft-Bunde ist ein ehemaliger Chef der Audi-Motorenentwicklung und früherer Porsche-Entwicklungsvorstand. Er sitzt seit September 2017 in Untersuchungshaft. Einer seiner früheren Mitarbeiter bei Audi in Neckarsulm ist seit November 2017 wieder frei.

Stadler müsse dieses Vorgehen als Vorstandschef gebilligt haben, vermuten die Ermittler laut Verfahrensbeteiligten. Er und Martens hätten demnach keine Aufklärung gewollt, sondern Vertuschung.

Audi gibt hierzu und zu Vorwürfen gegen Stadler und Martens keinen Kommentar ab. In Audi-Kreisen heißt es verteidigend, es habe eine Art interne Amnestie für Mitarbeiter gegeben, bei der diese über Missstände hätten informieren können - doch darauf habe es kaum Resonanz gegeben. Daher habe Martens nicht nochmals dort nachfragen lassen wollen.

Kein Vertrauen in den Aufklärungswillen

Der mindeste belegbare Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen Stadler dürfte nach jetzigem Stand sein, dass er nicht alles getan hat, was er gegen die Manipulationen hätte tun können. Audi habe sich unter ihm nur dann bewegt, wenn das Unternehmen von außen durch neue Fakten dazu gedrängt wurde. Als das KBA 2017 damit begann, Audi-Modelle wegen illegaler Abschalteinrichtungen aus dem Verkehr zu ziehen, habe Stadler nicht untersuchen lassen, ob andere Modelle ebenfalls manipuliert worden waren.

Fehlt hier nur der Aufklärungswille? Oder lässt das Zögern Stadlers sogar sein Wissen um die Manipulationen bei europäischen Wagen erkennen, sodass er lieber gar nicht erst nachforschen ließ? Eine E-Mail ebenfalls aus Dezember 2015 legt nahe, dass der Audi-Chef durch einen Porsche-Manager auch über die Gesetzesverstöße durch Manipulationen bei US-Autos informiert wurde - und nicht entsprechend reagierte.

Stadlers Anwalt war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen nicht erreichbar. Die Staatsanwaltschaft München II wollte keine Angaben machen und auch Audi sowie Porsche lehnten einen Kommentar ab.

Fakt ist, dass Stadler über Monate immer wieder beteuerte, es gebe keine Abschalteinrichtungen - obwohl nach und nach immer neue Manipulationen bekannt wurden und das KBA weitere Rückrufe anordnete, zuletzt bei den Modellreihen A6 und A7.

Bei den Motoren dieser Modelle war die Harnstoffzufuhr so gedrosselt, dass beim Betrieb auf der Straße mehr Stickoxid ausgestoßen wurde als auf den Testständen. Stadler tat dies als "Arbeitsfehler in einer unserer Fachabteilungen" ab. "Es ist aber keine neue Manipulationssoftware", versicherte er und echauffierte sich, "wo man sich fragt, warum wird dieser Fehler erst jetzt entdeckt?" Dieser Frage sieht er sich nun selbst ausgesetzt - und nicht nur bei einem Motor.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
Braveheart Jr. 26.06.2018
1. Mercedes, BMW, Audi, VW und die großen Zulieferer ...
... haben alle (!) davon gewußt und den Ball nach Kräften flachgehalten. Autohändler und Kunden wurden besch...en und belogen was das Zeug hielt. Man muß nur mal einige SPIEGEL-Artikel aus den letzten Jahren lesen. VW ist mit einer Milliarde noch viel zu billig weggekommen. Nachschlag, bitte !
naklar261 26.06.2018
2. Hm. Richtige Richtung
Das ganze geht wenigstens schon mal in die Richtige Richtung. Ob der Mann unschuldig ist wird sich zeigen, aber ob hier Unwissenheit über Vorgänge im unterstellten Bereich für herausragenden Führungsqualitäten spricht lasse ich seinen zukünftigen Arbeitgeber entscheiden.
conrath 26.06.2018
3. Man frage einmal Herrn Dobrindt...
...der bereits im Sommer 2016 von diesen Manipulationen bei Audi und Porsche wusste. Er hat es ebenfalls vertuscht. Fragen sollte man den Herrn Minister Bausch in Luxemburg. Der ist mit der Zulassung dort betraut. .. Die Gründe für das beredte Schweigen liegen auf Hand. Man schaue sich nur die Zulassungszahlen für Porsches und Audis etc in Lu an.
Zäsus 26.06.2018
4. Clean Fraud.
Ja, der Stadler hats gewusst, und gehört dementsprechend geteert und gefedert, dazu noch die Mitwisser bis >100k-Jahreseinkommen. Doch wird eigentlich genauer untersucht, wozu das Wissen genutzt wurde? Die Verstrickung im KBA, zumindest die Versäumnisse und deren Anweiser, gehören zu einer Aufklärung des Diesel-Skandals dazu. Zwischen dem ganzen beschlagnahmten Material müsste doch auch die eine oder andere Verbindung in die Politik auftauchen, was passiert dann? Wird erst die Immunität aufgehoben, und dann gehts los? Oder darf man gegen die Lobbyminister schon vorher ermitteln?
Referendumm 26.06.2018
5. Zum Glück
sind deutsche Staatsanwälte und dt. Richter nicht so doof, wie die Audi-Mitarbeiter und allen voran der Audi-Chef Rupert Stadler sie hält. Denn, wie doof ist das denn, immer noch mit dem eigenen Smartphone zu kommunizieren oder alle Beweise immer noch nicht entsorgt zu haben? Lustig auch, dass die USA alle Vorgänge peinlich genau dokumentiert haben, die deutschen Behörden aber dies immer noch nicht wissen, oder warum wird zum x-sten Male durchsucht? Hoffentlich bleibt der Rupert Stadler noch sehr lange in Augsburg-Gablingen. Da ist er gut aufgehoben und kann wenig Schaden anrichten. P.S.: Vor ein paar Jahren geschehen, als noch niemand was vom Abgasskandal wusste: Anruf einer Autozeitung bei Audi in der Presseabteilung. Die hatten ein paar kritische Fragen. Keine zwei Stunden später meldete sich Rupert Stadler höchst persönlich bei denen. So und genau so lief es (inkl. Winterkorn) immer beim VW-Konzern ab. Von wegen: Wir haben nix gewusst. Und wenn sie nix gewusst hätten, wären die ja noch unfähiger ein Milliarden-Unternehmen zu leiten. Also, entweder Rauswurf, weil sie was wussten oder schnellster Rauswurf, weil sie absolut unfähig sind einen Konzern zu leiten. Formulierungsvorschlag: "Sie hatten sich stets bemüht".
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