Interne Dokumente im Dieselskandal Zweifel an BMWs Saubermann-Image

Was wusste BMW über Absprachen im Dieselskandal? Interne Dokumente belegen, wie aktiv der Konzern mit Daimler und Audi über eine Dosierstrategie debattierte. Den Münchnern wird sogar eine Führungsrolle zugeschrieben.

BMW-Chef Harald Krüger (Mitte) eingerahmt von Daimler-Chef Dieter Zetsche (links) und VW-Chef Matthias Müller (rechts)
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BMW-Chef Harald Krüger (Mitte) eingerahmt von Daimler-Chef Dieter Zetsche (links) und VW-Chef Matthias Müller (rechts)

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Unberechtigt unter Generalverdacht sieht BMW-Chef Harald Krüger seinen Konzern, seit die Autohersteller Volkswagen und Daimler mit dem Skandal um manipulierte Dieselmodelle und geheime Absprachen ringen. BMW habe nicht manipuliert, keinem Autokartell angehört.

Interne Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, lassen Zweifel aufkommen, ob der Münchner Autohersteller tatsächlich nichts gewusst hat. So am Rande, wie BMW es darstellt, stand der Konzern wohl nicht. An der Debatte über eine Dosierstrategie für das Stickoxid-senkende AdBlue war BMW laut einer internen E-Mail aktiv beteiligt.

BMW, Daimler und Audi haben sich demnach abgestimmt, wie sie gegenüber Behörden eine geringere Dosierung von AdBlue (Harnstoff) erklären könnten. AdBlue ist nötig, um den Stickoxidausstoß in Dieselautos zu senken. Noch heikler für BMW: Dabei kam den Münchnern möglicherweise sogar eine führende Rolle zu.

In einer zwölf Seiten umfassenden Präsentation von BMW für den US-Markt vom 4. April 2007 stellt der Konzern dar, wie ein geringerer Einsatz von AdBlue zu argumentieren sei. Eine E-Mail zwischen Managern von Audi und Volkswagen vom selben Tag gibt die Hintergründe preis: Dies sei der "gemeinsam erarbeitete Vorschlag zur Plausibilisierung der Deckelung der AdBlue-Dosiermenge". Und weiter: "die Treiberrolle haben die Kollegen von BMW inne", schreibt der Verfasser, ein Manager aus dem Hause Audi.

Dabei hatte BMW zuletzt betont, Diskussionen mit anderen Herstellern über AdBlue-Behälter zielten aus Sicht des Konzerns auf den notwendigen Aufbau einer Betankungsinfrastruktur in Europa ab. Zugleich warnte BMW vor einer "Skandalisierung des Dieselantriebs". Eine spezifische Technologie sichere bei BMW niedrige Emissionen im Realbetrieb. Die "Bild am Sonntag" berichtet ebenfalls über die neuen Dokumente, die den Münchner Konzern in Verbindung mit der Abgasaffäre bringt. (Lesen Sie hier, gegen welche deutschen Autokonzerne bereits ermittelt wird.)

Technische Argumente für Dosierstrategie

Ob BMW die Dosierstrategie in seinen Fahrzeugen später auch angewandt hat, ergibt sich aus dem Dokument nicht. Der Konzern selbst bestreitet das. Bislang gibt es keine Tests, die darauf hinweisen.

Tatsache ist jedoch, dass sich die deutschen Autokonzerne VW, Audi, BMW und Daimler spätestens seit dem Jahr 2006 nach SPIEGEL-Informationen abgesprochen hatten, bei der Abgasreinigung von Dieselmodellen durch AdBlue aus Kosten- und Platzgründen möglichst kleine Tanks für den Harnstoff zu verwenden. Damit Autobesitzer dadurch nicht gezwungen würden, in kurzen Zeitabständen neuen Harnstoff nachzutanken, entwickelten die Automanager offenbar zusätzlich Dosierstrategien.

Eine sparsame Dosierung führt dazu, dass die Stickoxide weniger gereinigt werden. Je nach Systemeinstellung könnten so Abgasgrenzwerte möglicherweise nur auf dem Teststand eingehalten werden und auf der Straße nicht mehr.

Die nun offenbar gewordenen Unterlagen der Manager aus Aggregate-Entwicklung und Zulassung der Konzerne von 2007 zeigen auf, wie sie ihre Dosierstrategie erklären wollten. So sollten die Behörden mit technischen Argumenten überzeugt werden - unter anderem mit sonst entstehenden Ablagerungen oder einer unvollständigen Aufbereitung.

Betriebsmodi mit verschieden starker Stickoxidreinigung

Das Dokument enthält die Beschreibung zweier Modi, in denen AdBlue verschieden stark eingespritzt werden sollte: den Füllstandsbetrieb und die Onlinedosierung. In Ersterem, so halten die Manager fest, arbeite das System mit maximalem Wirkungsgrad. Ganz anders im zweiten Modus: Dort, so schreiben die Techniker, wechsele das Steuergerät in einen Dosiermodus, der sich grundlegend unterscheide. Weiter schreiben sie: "Nachteilig ist ein geringerer Wirkungsgrad in dieser Betriebsart." Dann wird demnach der Stickoxidausstoß nicht mehr so stark gesenkt.

Innerhalb eines Monats, bis Mitte Mai, sollte aus den zusammengestellten Argumentationen ein erstes Präsentationskonzept für die Behörden entstehen. Die Argumente allerdings, so warnten sie in ihrem Schreiben, seien "für die interne Diskussion gedacht" und sollten "in diesem Detaillierungsgrad keinesfalls der Behörde gezeigt werden!"

BMW weist Anschuldigungen im Zusammenhang mit den nun aufgetauchten Dokumenten zurück. Die Fahrzeuge des Herstellers entsprächen den jeweiligen gesetzlichen Anforderungen. Die Präsentation von 2007 erlaube keine Rückschlüsse auf unzulässige technische Vorgehensweisen bei der Dieselabgasreinigung.

Das Ziel, so BMW, sei hier ausschließlich die transparente Aufbereitung der US-Gesetzesanforderungen gewesen. Die aufgeführten Betriebsmodi seien nicht per se mit gesetzwidrigem Verhalten gleichzusetzen. Entscheidend sei die Umsetzung durch die Hersteller. Tatsächlich unterscheidet sich das Abgasreinigungssystem bei BMW-Dieselfahrzeugen durch weitere Komponenten von dem anderer Hersteller.

Die Dosierstrategie zum Ausgleich der kleinen AdBlue-Tanks hatte zuletzt durch das aufgetauchte Schreiben eines VW-Managers auch den Zulieferer Bosch in Bedrängnis gebracht - und zugleich die mögliche Illegalität der Pläne aufgezeigt. Nach einem Treffen von Daimler, BMW, Audi, Volkswagen und Bosch im Jahr 2006 hielt ein VW-Manager fest: "Alle wollen eine Limitierung" der AdBlue-Einspritzung "wegen der begrenzten Größe der Harnstofftanks". Keiner wolle die wahre Motivation dieser Limitierung den Behörden berichten.

insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
eckawol 30.07.2017
1. BMW : Bitte Mehr Wissen
Also , was kann denn BMW zur Aufklärung wirklich beitragen?
nn280 30.07.2017
2. Die abgebildeten Herren
hätten in den USA hohe Freiheitsstrafen zu erwarten und das in etwas rauheren Gefängnissen als hier zu Lande! Sie haben Umweltverbrechen abgesprochen und realisiert. Hier läuft das zum Glück für sie unter "Schummelsoftware"
zephyroz 30.07.2017
3. Interessanterweise...
... hat bei den Tests der kalifornischen Umweltbehörde ein X5 damals recht gut abgeschnitten.
von Hinnen 30.07.2017
4. Absprache über Harnstoff, umgangsprachlich Pixxe
Daran ist nicht Unerlaubtes. Artikel 9 (3) GG:(3) "Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig." Sie versuchen hier ein ausdrücklich vom GG gestattetes Verfahren zu kriminalisieren und benutzen dabei kriminellen Methoden, indem sie unberechtigt aus vertrauliche Unterlagen zitieren, die sie aus dem Zusammenhang reissen.
dschmi87 30.07.2017
5. Das war mir klar, ich fuhr selbst einen 7er BMW...
von 2006 bis 2010. Und Verbrauch (V8 Diesel, 9 Liter waren angegeben, in echt hat er 13 bis 14 Liter verbraucht bei normalem Alltag mit Überlandfahrt) als auch Verschleiß war nicht BMW gerecht. Dieser BMW war kein BMW mehr... deshalb hab ich mir auch keinen mehr gekauft. Innenverarbeitung war TOP muss man neidlos zugeben. Aber gesamtqualitativ war dies kein BMW mehr... wer von Kindheit an BMW oder Mercedes gefahren ist, und die alten Modelle qualitativ mit den neuen Modellen vergleicht sind alle deutsche "Luxuslimousinen" qualitativ nicht mehr das was sie einmal waren. Wenn ich nur an den alten E32 BMW 7er denke... das war noch Qualität, meine Familie fuhr den 20 Jahre lang da war kaum was kaputt auch kaum verschleiß. Genauso der Mercedes der 140 Baumreihe S Klasse... unzerstörbar, Qualitativ hochwertig bei allem. Jetzt sehen alle 7er BMWs und S-Klasse von Mercedes zwar besser aus aber qualitativ sind sie auf dem Niveau von VW gelandet. Ich kauf mir erst wieder einen BMW oder Mercedes, wenn Sie wieder ihrem Ruf aus qualitativen Hochzeiten gerecht werden.
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