Abgasskandal So wehren sich Dieselfahrer gegen die Autokonzerne

Die Autoindustrie ist mit ihrem Betrug in Deutschland bislang davongekommen. Die Kosten tragen die Verbraucher, deren Diesel an Wert verlieren und die womöglich bald mit Fahrverboten rechnen müssen. Aber es gibt Hilfe.

Der Schriftzug "TDI" am Heck eines Dieselfahrzeugs
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Der Schriftzug "TDI" am Heck eines Dieselfahrzeugs

Eine Kolumne von


Vor 50 Jahren hat der amerikanische Journalist Ralph Nader mit einem Buch die Autoindustrie an den Pranger gestellt. Nader beschäftigte sich mit einem neuen Modell von Chevrolet und nannte sein Buch "Unsafe at any speed" ("Gefährlich bei jeder Geschwindigkeit"). Heute sind neue Autos zumindest für ihre Insassen viel sicherer geworden.

Aber nicht für den Rest der Menschheit. Nach einer Studie der Europäischen Umweltbehörde kommen allein in Deutschland jedes Jahr 10.000 Menschen früher zu Tode, weil die Umweltbelastung durch Stickoxide (NOx) ihr Herz-Kreislauf-System überfordert. Das sind deutlich mehr als die jährlich rund 3000 Verkehrstoten durch Unfälle.

Verantwortlich sind zu einem beträchtlichen Anteil Dieselfahrzeuge. Sie stoßen viel mehr Stickoxide aus, als rechtlich erlaubt sind. Dreckig bei jeder Geschwindigkeit, nur nicht auf dem Prüfstand.

Bis jetzt ist die Autoindustrie mit ihrem tödlichen Beschiss hierzulande ungeschoren davongekommen. Die Kosten tragen die Verbraucher, deren Diesel an Wert verlieren und die womöglich bald mit Fahrverboten rechnen müssen.

Die zu verhindern, war das erklärte Ziel des Dieselgipfels in dieser Woche: Doch viel mehr als ein Software-Update hatten die Konzerne nicht anzubieten. Und die Politik sah dabei zu. Die Updates sollen laut Hersteller 25 bis 30 Prozent weniger Giftausstoß bringen, ein Witz angesichts der realen Messwerte und der gesetzlichen Normen.

Dabei gibt es eine Reihe von Ansatzpunkten für wirkliche Verbesserungen:

  • Dieselfahrzeuge, die im Realbetrieb die Grenzwerte nicht einhalten, dürften nicht zulassungsfähig sein und die Verkaufssalons nicht mehr verlassen. Für 22.000 Porsche Cayennes hat das Kraftfahrtbundesamt das schon verfügt. Noch nicht, weil sie im Realbetrieb dreckig sind, sondern weil sie auf dem Messstand dreist getrickst haben, aber immerhin. Millionen anderer Fahrzeuge könnten folgen. Etwa der VW Touareg Diesel, der den gleichen Motor eingebaut hat.
  • Verkaufte dreckige Diesel müssten baulich nachgerüstet so werden, dass sie im Realbetrieb die Grenzwerte einhalten. Wenn dafür teure technische Einbauten notwendig sind, müssten die Hersteller diese Autos auf ihre Kosten verkehrstauglich machen. Andernfalls dürften diese Autos jedenfalls nicht in die Innenstadt.
  • Technisch ist die Nachrüstung bei vielen jüngeren Fahrzeugen machbar. Sie bräuchten eine verbesserte Form des SCR-Katalysator, den sogenannten BNOx-SCR-Katalysator. Damit wird der Harnstoff (ADblue) vorgewärmt als Gas ins Abgas eingespritzt und nicht mehr flüssig wie beim herkömmlichen Kat: Dadurch werden die Stickoxide erheblich besser reduziert.
  • Eltern asthmakranker Großstadtkinder würden vielleicht noch einen Schritt weitergehen. Nachrüstfähige Diesel sollten eine gut sichtbare rote Plakette erhalten. Ohne entsprechenden Nachrüsttermin sind die Autos stillzulegen.

Ob und wann die Konzerne von der Politik zur Kasse gebeten werden, wird man sehen. Sie müssen aber nicht auf dieselfahrende Ministerpräsidenten und Minister warten.

Inzwischen gibt es aber mindestens zwei Wege für Dieselbesitzer, selbst gegen Händler und Konzerne vorzugehen:

  • Käufer von manipulierten Dieseln können Gewährleistungsansprüche gegen den Verkäufer geltend machen. Vom Kaufvertrag zurücktreten können Dieselkäufer zwei Jahre nach Übergabe des Fahrzeugs, bei vom Händler gekauften Gebrauchtwagen häufig sogar nur ein Jahr nachdem der Verkäufer die Schlüssel übergeben hat. Volkswagen hat erklärt, der Konzern werde sich bis zum Jahresende nicht auf Verjährung berufen, selbst wenn die einzelnen Ansprüche eigentlich bereits verjährt wären.
  • Dieselkäufer können aber auch deliktische Schadensersatzansprüche gegen die Hersteller geltend machen wegen vorsätzlicher Verbrauchertäuschung oder wegen Verstoßes gegen gesetzliche Vorschriften. Solche Schadensersatzansprüche können bis zu drei Jahre nach Bekanntwerden des Schadens geltend gemacht werden.

Die Erfolgsaussichten sind glänzend bei Besitzern von Autos aus dem Volkswagen-Konzern mit dem manipulierten Motor EA 189. Aber auch Besitzer von Mercedes- oder BMW-Fahrzeugen, die jetzt ein freiwilliges Update bekommen, könnten gute Chancen haben. Der Rechtsdienstleister vw-verhandlung.de prüft das derzeit für klagewillige Besitzer.

Im Ergebnis einer solchen Klage geht es immer um dasselbe: Sie geben den manipulierten Diesel zurück und bekommen im Gegenzug den Kaufpreis erstattet - abzüglich eines Nutzungsersatzes. Lassen Sie sich von Experten beraten, die mit Ihnen alle rechtlichen Möglichkeiten besprechen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Wer sein Auto über die Bank des Herstellers finanziert hat, hat noch eine weitere Möglichkeit. Er kann die Widerrufsbelehrung im Darlehensvertrag prüfen lassen. Die ist eventuell fehlerhaft und ermöglicht dadurch eine Rückabwicklung des Kaufvertrags. Das ist finanziell unter Umständen noch viel besser als eine einfache Rückgabe.

Klagemöglichkeiten prüfen

Bislang müssen Betroffene in Deutschland einzeln vor Gericht ziehen, da es hierzulande noch keine Verbrauchersammelklagen gibt. Das Gute: Immer mehr Gerichte urteilen bundesweit, dass die Händler oder gleich die Hersteller zur Rücknahme verpflichtet sind. Mit einer Rechtsschutzversicherung sind Sie auf der sicheren Seite. Die meisten Versicherer übernehmen mittlerweile anstandslos die Kosten. Wer nicht rechtsschutzversichert ist, der kann sich an Rechtsdienstleister wie vw-verhandlung.de oder myRight.de wenden. Die übernehmen das Kostenrisiko, im Erfolgsfall behalten Sie allerdings eine Provision. Finanztip hat hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Dieselskandal zusammengefasst und eine Anleitung für klagewillige Besitzer verfasst.

Rückgabe oder Tausch

Bei einer erfolgreichen Rückgabe ist es allerdings wahrscheinlich, dass dem Käufer etwas dafür berechnet wird, dass er mit dem Auto eine ganze Weile gefahren ist. Die Höhe des Gebrauchsvorteils richtet sich nach dem Kaufpreis und dem aktuellen Kilometerstand im Verhältnis zur erwarteten Gesamtlaufzeit des Fahrzeuges. Bei Autos mit Dieselmotor gehen die Gerichte meist von 250.000 Kilometern aus. Das ist zwar ärgerlich, aber immer noch günstiger als die Berechnung des Wertverlusts beim Auto. Schließlich verlieren Autos schon unter normalen Umständen in den ersten vier Jahren die Hälfte Ihres Wiederverkaufswertes. Und die Käufer haben nicht mehr das Problem, ihren Wagen in ein paar Jahren auf eigene Faust verkaufen zu müssen.

Verbraucher können ihr Fahrzeug aber unter Umständen eintauschen, ohne die gefahrenen Kilometer in Abzug zu bringen. So hat es das Landgericht Offenbach entschieden (Urteil vom 21. März 2017, Az. 3 O 77/16).

insgesamt 398 Beiträge
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Seite 1
Tharsonius 05.08.2017
1. Gefährlich...
Niemand sollte des deutschen liebstes Kind, das Auto, antasten.
pitchmaster 05.08.2017
2. Wieso spon immer BMW mit ins Boot holt
BMW hat nachweislich noch hat getrixt, insofern ist es für mich nicht nachvollziehbar den einzigen Konzern in einem Atemzug mit Daimler und vw zu nennen. Wollt ihr auch noch das letzte unternehmen kaputt machen? Wem hilft das? Den Leuten die auf der Straße dann stehen werden?
hannesR 05.08.2017
3. Ein richtig guter und wichtiger Artikel aber
er schließt leider aus: die Hunderttausende von schweren Diesel LKW die im Prinzip noch die schlimmeren Umweltverschmutzer sind teilweise sogar im Mehrschichtenbetrieb unterwegs sind und insgesamt mehr Krankmacher aus dem Auspuff entlassen als die PKW Fahrzeuge. Wenn denn schon von Fahrverboten geredet wird, dann sollten zuerst alle LKW aus den Städten ausgesperrt werden. Dann kommt erst richtig Freude auf bei der Automobil Industrie!!!
Grummelchen321 05.08.2017
4. Es
kann ja am Ende nicht sein das der Steuerzahler die Zeche bezahlt.Manager haben durch Betrug Millionen an Boni verdient.
Alias_aka_InCognito 05.08.2017
5. Ich bin nie einen Diesel gefahren
Der Dieselmotor ist allgemein der falsche Motor für ein Fahrzeug. Der Dieselmotor dreht langsam, hat aber ein höheres Drehmoment. Also ist dieser Motor für LKW, Sonder-KFZ, Schiffe, Land- und Baumaschinen, Stromgeneratoren prima geeignet und hat dort seine Berechtigung. Ein Fahrzeugmotor muss schnell drehen, ruhig laufen und Geschmeidigkeit sein. Das geht nur über den Benziner. Der Diesel braucht jede Menge zusätzlicher Aggregate, um als Fahrzeugmotor tauglich zu sein: Turbolader, Hochdruckeinspritzpumpen, Getriebe mit hoher Übersetzung usw. Viel zusätzliche Technik, die für einen Benziner überflüssig ist, wenn der Motor nicht gerade künstlich hochgezüchtet werden soll. Und das alles, damit der subventionierte Diesel getankt werden kann, was aber in vielen Ländern nicht der Fall ist und somit der Dieselmotor auch keinen Mehrwert bietet. Das einzige Argument für den Diesel ist eben der subventionierte Sprit und der geringfügig niedrigere Verbrauch. Aber ansonsten tackert der Motor wie eine Landmaschine und stinkt auch wie einer. Für saubere Abgase sind dann auch wieder zusätzliche Technik nötig wie Partikelfilter und Adblue-Harnstoff. Der ganze Dieselhype ist ein einziger Hoax der Automobilindustrie um Umsatz zu generieren, der insbesondere von Ferdinand Piech bei Audi begonnen wurde, den Altmeister im Verkaufen von Technologien, die kein Mensch braucht. Quattro, TDI, 5-Zylinder und sonstiges Technikgedöns. In den USA haben die mit dieser Taschenspieler-Masche zurecht kräftig auf die Finger bekommen. Das Dieselproblem ließe sich ganz einfach dadurch lösen, indem an Tankstellen kein subventionierter Diesel mehr für PKW verkauft werden darf. Ein einziges, sehr naheliegendes Gesetz reicht aus.
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