Digitales Fernsehen Privatsender planen Pay-TV durch die Hintertür

Die Kommerzsender arbeiten an einer Gebührenrevolution. Sie wollen bezahlt werden - von Kunden und von Netzbetreibern, denn Werbung bringt zu wenig Geld. Hochauflösendes Programm und digitale Angebote sollen die Wende zum Pay-TV bringen.

Digitale Programmvielfalt: Hochaufgelöstes Fernsehen kostet Geld
Corbis

Digitale Programmvielfalt: Hochaufgelöstes Fernsehen kostet Geld

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Hamburg - Die Zuschauer sollen endlich zahlen. Denn allein mit Werbung können die privaten Fernsehsender ihr Programm nicht länger finanzieren, die Einnahmen brechen weg. "Wir müssen vom Werbemarkt unabhängiger werden", hat ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling deswegen angekündigt. Mit Bezahlfernsehen und Inhalten auf Abruf will er direkt an die Endkunden heran und bis zum Jahr 2014 ein Drittel der Einnahmen unabhängig von Werbung erzielen, sagte er dem "Handelsblatt".

Der Vorschlag klingt zunächst verwegen, waren die Versuche, deutsche Fernsehzuschauer zur Kasse zu bitten, doch bisher wenig erfolgreich. Seit Jahren schreibt der Bezahlsender Premiere, der mittlerweile in Sky umbenannt wurde, rote Zahlen, weil einfach nicht genug Menschen bereit sind, für Sport und Kinofilme jeden Monat tief in die Tasche zu greifen. Zu groß ist bisher das Programmangebot von gebührenfinanzierten und privaten Sendern, das sich ganz ohne zusätzliche Kosten ansehen lässt.

Bisher zahlen die privaten Sender sogar drauf. Damit ihre Inhalte den Weg über Kabel und Antenne zum Zuschauer finden, verlangen die Netzbetreiber eine Gebühr. Zwar ist klar: Niemand denkt mehr ernsthaft darüber nach, heute frei empfangbare Sender wie Sat.1 künftig zu verschlüsseln und kostenpflichtig zu machen. Doch das herkömmliche Modell soll sich in der neuen, digitalen Welt grundsätzlich ändern. Die technischen Plattformen sollen dafür bezahlen, dass sie ihren Kunden ProSieben und Co. anbieten dürfen - damit kommt das Pay-TV durch die Hintertür.

Internet-Fernsehen bringt zusätzliche Einnahmen

Eine dieser Plattformen betreibt die Telekom. Sie bietet digitales Fernsehen übers Internet an - diverse Fernsehsender können gegen eine monatliche Gebühr empfangen werden, Fußballspiele gibt es obendrein, alles mit praktischer Pausetaste. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nutzen mittlerweile rund 800.000 Kunden das Angebot. Das zeigt: Trotz Free-TV wird das Online-Fernsehen durch neue technische Funktionen und der Bündelung mit Internet und Telefon zunehmend attraktiver.

Tatsächlich wird mit der Abo-Gebühr für das "Entertain"-Angebot der Telekom für RTL, ProSieben und Co. gleich mitbezahlt: Der Konzern muss deren Programm einkaufen, um es seinen Kunden zur Verfügung zu stellen. Endlich bekommen die Privaten Geld für ihre teuer eingekauften und meist weniger teuer selbst produzierten Inhalte und müssen sich nicht nur auf die Werbung verlassen. Völlig zu Recht, wie sie finden: "Schließlich profitieren die Plattformen von den Sendern, da ist es nur fair, wenn diese mitverdienen", sagt Hartmut Schultz vom Verband Privater Rundfunk und Telemedien.

Im Internet treten die werbefinanzierten Sender auch direkt an ihre Kunden heran - und stellen ein kostenpflichtiges Archiv "on demand" bereit. Bezahlt wird bei RTL Now und Maxdome (ProSieben, Sat.1, Kabel 1) entweder eine Abo-Gebühr oder pro einzeln abgerufener Sendung. Einmal "Atze Schröder" kostet 99 Cent, eine "Popstars"-Folge 1,49 Euro. "Wir wollen über alle Plattformen verfügbar sein, wenn möglich gegen Bezahlung", sagt ProSiebenSat.1-Sprecher Julian Geist.

HD-Fernsehen soll Geld bringen

Auch hochauflösendes Fernsehen (HDTV) soll den Privaten zusätzliche Erlöse bescheren. Bereits 17 Millionen Fernsehgeräte in Deutschland sind für das neue Fernsehformat bereit, bisher fehlen Fernsehsender, wie es sie in den USA längst gibt. Während ARD und ZDF im nächsten Jahr mit etlichen Millionen Euro Gebührengeldern ausgestattet starten, wollen sich die Privaten ihre HD-Investitionen bezahlen lassen.

Der Satellitenbetreiber Astra bietet das neue HD-Fernsehen in Deutschland an, RTL und Vox machen im November den Anfang, ProSieben, Sat.1 und Kabel 1 folgen im kommenden Jahr. Um die Sender in HD-Qualität über Astra zu empfangen, muss allerdings ein spezieller Satellitenreceiver und eine Entschlüsselungskarte her. Im ersten Jahr ist die Entschlüsselung der codierten HD-Sender noch kostenlos, danach beträgt die Gebühr 50 Euro im Jahr - darin enthalten ist auch ein Betrag, den der Plattformbetreiber an die Sender weiterreicht.

Bereits jetzt kommen rund 15 Prozent der Erlöse bei ProSiebenSat.1 nicht aus Fernsehwerbung. Die Verdoppelung des Anteils in den nächsten fünf Jahren auf 30 Prozent ist zwar keine plötzliche Pay-TV-Revolution. Aber langfristig werden die Zuschauer zahlen - ob für digitale Zusatzkanäle, höhere Auflösung, einzelne Sendungen oder praktische Paketangebote.



insgesamt 828 Beiträge
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Seite 1
Arthi, 28.10.2009
1.
Sollen sie versuchen, dann gibt es bei uns eben kein Pro7/Sat 1 mehr. Die GEZ Abzockergebühr für die ÖR Privatsenderkopien ist schon genug.
takeo_ischi 28.10.2009
2.
Zitat von sysopProSieben-Sat.1 will Fernsehgebühren einführen. Was halten Sie von dem Vorstoß? Sind Sie bereit, für das Angebot der Privaten zu zahlen?
Sollen sie ruhig machen. Eine Ausdünnung des Fernsehmarktes kann derzeit nicht schaden.
Viva24 28.10.2009
3. Wenn wir die Markwirtschaft alle verstanden haben, dann einfach boykottieren!
Ganz einfach, keiner zahlt Pay TV und dann ist das Thema schnell gegessen, ausser ein TV Sender übernimmt sich mit den Vorkosten und aufgrund der Pleitegefahr des Senders übernimmt der Steuerzahler die Verbindlichkeiten, also ein staatstragendes Unternehmen ist doch zu retten,ooder? Kreislauf der Staatswirtschaft ist damit wieder geschlossen!
DJ Doena 28.10.2009
4.
Da zahl ich lieber für DVDs als für das Fernsehprogramm.
Auriana 28.10.2009
5.
Generell ist gegen eine Gebühr ähnlich der GEZ wenig einzuwenden. Allerdings müssten die entsprechenden Sendern in dem Fall ihre bisherige Qualität wesentlich verbessern. Niemand zahlt für Sender, die vielleicht ein bis zweimal im Monat einen guten Film zeigen und ansonsten den Zuschauer nur mit Main-Stream-Billig-Vermarktungen und Realityshows nervt. Sollten Sie eine Gebühr verlangen, fordere ich aber auch eine Reduzierung der Werbung. Es gibt nichts störenderes als 5 Werbungen in einem 2 Stunden Film.
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