Druck auf deutsche Städte Raus aus den schmutzigen Aktien

Norwegen hat es getan, der Rockefeller-Clan will es auch: Sie stoßen Aktien von Konzernen ab, die mit schmutziger Energie Gewinne machen. Städte in Deutschland sollen nachziehen. Wie aber findet man die Sünder-Papiere?

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DPA

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Thomas Kufen wurde vor wenigen Tagen zum neuen Oberbürgermeister von Essen gewählt. In der Stadt gab es 400 Jahre lang Bergbau, der Braunkohleriese RWE hat hier bis heute seinen Sitz. Kufen ist traditionsbewusst: Im Wahlwerbespot war der CDU-Mann in der Zeche Zollverein zu sehen, als Lieblingslied nennt er die Bergmannshymne "Glück auf, der Steiger kommt".

Doch auf die Frage, ob Essen 18 Millionen RWE-Aktien im städtischen Besitz verkaufen soll, antwortete Kufen: "Langfristig gilt: Da gibt's keine heiligen Kühe."

Das Klimaschutzbündnis "Fossil Free Essen" hörte es mit Interesse. Die Aktivisten kritisieren, dass RWE jährlich 88 Millionen Tonnen CO2 produziere, und fordern, dass sich die Stadt von den Aktien trennen soll.

Die Essener sind bislang eine kleine Truppe, aber nicht allein. Von Freiburg bis Hamburg wird mittlerweile sogenanntes Divestment gefordert: Öffentliche Investoren sollen Aktien und Anleihen von Energiekonzernen und anderen Unternehmen abstoßen, deren Geschäfte als klimaschädlich gelten. Das Geschäft mit fossilen Energien soll sich für die Konzerne schlicht nicht mehr lohnen.

Mit wirtschaftlichen Zahlen operieren Umweltschützer schon länger gerne: So entstanden in den vergangenen Jahren viele Alternativ-Indikatoren zum Bruttoinlandsprodukt, die den Wohlstand eines Landes anhand von Messgrößen wie Artenvielfalt oder der Luftqualität messen. Bislang ist jedoch nicht bekannt, dass Investoren massenweise ihre Depots umschichten, nur weil es in einem Land mehr Singvögel oder glückliche Menschen gibt.

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Divestment appelliert jedoch an einen Instinkt, der auch bei Finanzprofis funktioniert: Angst vor Verlusten.

Falls die Politik am Ziel festhält, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, kann ein Großteil der fossilen Reserven nicht mehr ausgebeutet werden. Dann hätten es die Konzerne mit einer gewaltigen "Kohlenstoffblase" zu tun (siehe Grafik). Der britische Thinktank Carbon Tracker hat deren Größe auf bis zu sechs Billionen Dollar taxiert und damit nach eigener Einschätzung "ein breites Echo auf den Finanzmärkten und darüberhinaus erzielt".

Große Erfolge in kurzer Zeit

Tatsächlich kann die junge Bewegung beachtliche Erfolge vorweisen. So zieht sich Norwegens 835 Milliarden schwerer Staatsfonds aus Unternehmen zurück, bei denen Kohle mehr als 30 Prozent des Geschäfts ausmacht. Die Stiftung der Milliardärsfamilie Rockefeller will sogar sämtliche Investitionen in fossile Energien abstoßen.

All das ist umso erstaunlicher, da sowohl die Norweger als auch Rockefellers ihren Reichtum selbst der Ölförderung verdanken. Doch für das Geschäft von gestern sehen sie keine Zukunft. Kein Wunder: Selbst Sir Mark Moody-Stuart, langjähriger Chairman des Ölkonzerns Shell, nennt Divestment heute eine rationale Entscheidung, da die Energiebranche zu langsam umsteuere. "Wer glaubt, sein Geld könnte anderswo gebraucht werden, der sollte es umschichten."

Dazu muss die Kohle in den Portfolios der öffentlichen Investoren freilich erst einmal gefunden werden.

In Deutschland kann das ganz schön schwierig sein, wie Philip Bedall in einem Berliner Café berichtet. Für eine Divestment-Kampagne in der Hauptstadt hat der promovierte Politikwissenschaftler die Daten für das Land Berlin zusammengestellt. "Es gibt keine gebündelten Informationen zu Anlagerichtlinien", kritisiert Bedall. "Noch unkonkreter sind die Angaben zu tatsächlich getätigten Anlagen."

Fündig wurde Bedall letztlich vor allem bei einer Versorgungsrücklage für die Pensionen von Berliner Beamten. Diese beträgt rund 666 Millionen Euro, von denen derzeit 64 Millionen in Aktien investiert sind. Gekauft werden dürfen jedoch keine einzelnen Werte, sondern nur Fonds, welche sämtliche Werte der Indizes EuroStoxx 50 Chart zeigen und Dax 30 Chart zeigenenthalten. Darunter sind auch Unternehmen der fossilen Industrie wie BASF Chart zeigen, E.on, RWE oder Total Chart zeigen. Anhand des Anteils der Aktien solcher Unternehmen in Fonds kamen die Aktivisten zum Schluss: Berlin hat derzeit etwa zehn Millionen Euro in klimaschädliche Aktien gesteckt.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller ist Einladungen zu einem Gespräch über die problematischen Investitionen bislang aus dem Weg gegangen. In einem Schreiben verwies sein Büro entschuldigend auf die Aktienfonds: "Das Land Berlin hat keinen Einfluss auf die Zusammensetzung dieser Fonds."

Ist der Verkauf der Aktien wirklich der richtige Weg?

Tatsächlich würde es gar nicht leicht, klimaschädliche Aktien abzustoßen. Die sogenannten Indexfonds, die in alle Werte eines Aktienindex' investieren, gelten mit ihrer Mischung als vergleichsweise sicher, weil die Verluste einzelner Branchen nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Solche Stabilität ist gerade dann vorgeschrieben, wenn das Geld wie in Berlin in die Altersvorsorge fließt. Fonds, die hingegen allein auf ökologische Investitionen setzen, sind deutlich riskanter- das zeigt die jüngste Pleitewelle von Solar- und Windkraftunternehmen.

Alternativlos ist die Kohle im Depot aber nicht. So hat der führende Anbieter MSCI einen Index entwickelt, in dem Unternehmen mit hohem CO2-Ausstoß so weit wie möglich aussortiert wurden. Pensionsfonds aus Schweden und Frankreich wollen in die Auswahl rund zwei Milliarden Euro investieren. Doch ohne Kompromisse geht das nicht: Damit der Index weiter ähnlich gute Renditechancen hat wie herkömmliche Fonds, enthält er weiter auch Ölkonzerne wie Shell Chart zeigen und Exxon Mobile Chart zeigen.

Doch ist der Verkauf von Aktien klimaschädigender Firmen wirklich der richtige Weg? Kritiker warnen, dadurch gäben Investoren ihre wichtigste Waffe aus der Hand, um auf die Konzerne Einfluss zu nehmen. Auch in Deutschland nutzen Initiativen wie die Kritischen Aktionäre seit Langem ihre Rechte als Anleger, um sich auf Hauptversammlungen mit unbequemen Forderungen zu Wort zu melden.

Bei Fossil Free Deutschland hält man solche Einwände jedoch nicht für berechtigt. Schließlich habe die fossile Industrie "deutlich gemacht, dass sie nicht die Absichten hat, ihr Geschäftsmodell in irgendeiner Art und Weise zu überdenken". Divestment-Kampagnen seien dagegen schon in der Vergangenheit erfolgreich gewesen - etwa als "einer der Schlüssel für den Kollaps des Apartheidregimes in Südafrika".

Von einem Kollaps lässt sich auch fast schon mit Blick auf die Aktie des RWE-Konzerns sprechen, dessen Geschäftsmodell durch die Energiewende infrage gestellt wird. Von fast 100 Euro ist der Kurs inzwischen auf unter 10 Euro gestürzt. RWE scheint schon jetzt auf jenen Niedergang zuzusteuern, den Divestment-Aktivisten der ganzen Branche prophezeien.

Den Verkauf der städtischen RWE-Aktien Chart zeigen erwägt Essens neuer Bürgermeister Kufen denn auch weniger aus Sorge ums Klima als um die städtischen Finanzen. "Aktienkurs und Dividende entwickeln sich immer mehr zu einer Zeitbombe für kommunale Haushalte", sagt Kufen.

Sympathie für einen Verkauf der Aktien kommt auch von anderen Politikern, die sonst nicht gerade als Ökos gelten: Im Wahlkampf bat die Fossil-Free-Kampagne alle Ratsfraktionen um Unterstützung für ihre Forderung. Die erste Zusage sei von der FDP gekommen, berichtet Aktivist Andreas Brinck. "Für die ist das eine finanzielle Frage."

Zusammengefasst: Die Divestment-Bewegung wächst auch in Deutschland. Sie fordert Investoren auf, Anteile an klimaschädigenden Konzernen abzustoßen. Sowohl die Suche nach solchen Aktien als auch ihr Austausch sind schwierig - und der Effekt ist umstritten. Kritiker meinen, mit dem Abstoß der Aktien ginge ein wichtiges Druckmittel auf die Konzerne verloren.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Rotter 02.10.2015
1. Oha,...
nun kommt zu BUND, NABU, Greenpeace, DUH und wie sie alle heißen, auch noch Fossil Free Essen! Wie soll man das jetzt sehen, jedem Kind sein Schaukelpferd? Profilneurose?
auweia 02.10.2015
2. Hmm
Wenn der Aktienkurs unter den Wert der Aktiva fällt ist der Anteilsschein zunächst mal ein Kauf. Es kommt jetzt darauf an wie die langfristigen Verpflichtungen (Atomausstieg) eingeschätzt werden. Solte sich RWE nicht davon befreien können, wars das. Allerdings ist mit einer Pleite dem Staat (und den Steuerzahlern) auch nicht geholfen.
observer2014 02.10.2015
3. Zweischneidig
Bei diesem Thema ist man insbesondere hier in Deutschland mit einer Gesamtbetrachtung der bisherigen Energieerzeugung besser beraten. Die Zerschlagung des Geschäfts mit der Stromerzeugung durch fossile Energieträger kann zumindest bei den Stromkonzernen, die auch Atomkraftwerke betreiben, zu deren wirtschaftlichen Niedergang führen, mit der Folge, dass die Kosten für die Atommülll-Endlagerung mangels ausreichender Rückstellungen der betroffenen Stromkonzerne vom Steuerzahler zu bezahlen sind. Die gar nicht vernünftig zu berechnenden Kosten für die Endlagerung für 100.000 Jahre müssen ja sowieso die nachkommenden Generationen aus öffentlichen Mitteln aufbringen. Atomstrom ist eben überhaupt nicht billig, auch wenn dessen unentwegte Befürworter das gerne behaupten.
knut.boetticher 02.10.2015
4. Fossile Energieträger
Gehört da nicht auch Erdöl dazu?
jonas_c 02.10.2015
5.
Kann mir mal jemand Erläutern wie das Abstoßen von Aktien irgendwelchen Druck auf die Energiekonzerne ausüben soll? Die haben ihr Kapital bei der Ausgabe der Aktien bekommen. Jemand wird die abgestoßenen Aktien kaufen, im schlimmsten Falle ein gewissenloser Hedgefond. In jedem Falle aber jemand der Interesse an Dividende und dem Forbestehen der Firma hat. Das Problem ist doch nicht wer Geld mit Kohle verdient, sondern ob jemand damit Geld verdient - und das kann man nur über Gesetze steuern.
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