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Schwache Konjunktur: Die Lohn-Illusion

Ein Gastkommentar von Marcel Fratzscher

Was bringt Deutschlands Wirtschaft wieder in Schwung? Eine stärkere Lohndynamik könnte helfen - aber nur kurzfristig. Viel wichtiger sind Investitionen.

Hamburger Hafen: Investitionsschwäche überwinden Zur Großansicht
DPA

Hamburger Hafen: Investitionsschwäche überwinden

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal überraschend geschrumpft. Nun deuten viele Indikatoren auf eine weitere Abschwächung im dritten Quartal hin. Dies würde ein Abgleiten in die Rezession bedeuten - zum ersten Mal seit der globalen Finanzkrise 2008 und 2009. Anders als vor sechs Jahren ist die deutsche Wirtschaft heute jedoch sehr viel robuster.

Um die aktuelle Phase möglichst schnell und nachhaltig zu überwinden, sollte die Lohndynamik mehr Gewicht bekommen, sagen einige. Um es vorab zu sagen: Die Hoffnung, eine stärkere Lohndynamik möge die derzeitige Schwäche beheben, wird sich jedoch als Illusion erweisen.

Die gute Nachricht ist, dass die derzeitige wirtschaftliche Schwäche nicht auf eine fehlende Wettbewerbsfähigkeit oder zu hohe Kosten der Unternehmen zurückzuführen ist: Die Exporte haben sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Deutschland hat einen enormen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Wie eine neue DIW-Studie zeigt, ist die Bruttowertschöpfung der Arbeitnehmer in Deutschland seit 2003 um durchschnittlich 2,4 Prozent gestiegen, die Löhne dagegen nur um 2,1 Prozent. Es besteht daher, zumindest kurzfristig, durchaus die Möglichkeit eines stärkeren Lohnanstiegs für die kommenden ein bis zwei Jahre. Eine solche Lohndynamik stärkt den Konsum und damit die Binnennachfrage und das Wachstum, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu schädigen.

Aber es ist Vorsicht geboten, denn eine stärkere Lohndynamik ist kein Allheilmittel und beseitigt vor allem nicht die Ursache der gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwäche. Diese ist vor allem der niedrigen Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen geschuldet. Sie hat in den vergangenen Jahren die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft hierzulande deutlich beeinträchtigt. Diese Investitionsschwäche spiegelt vor allem eine hohe Unsicherheit etwa über Energiepreise, die Preisentwicklung und die Finanzstabilität der deutschen Unternehmen wider - und eben nicht eine unzureichende Konsumnachfrage. Höhere Lohnanstiege werden daher keine Lösung für die Investitionsschwäche sein.

Die Debatte lenkt von den wirklichen Problemen ab

Eine stärkere Lohndynamik wird auch nicht das Deflationsproblem, weder in Deutschland noch in der Eurozone, lösen. Die Tatsache, dass die deutsche Inflation in den vergangenen Jahren so schwach ausgefallen ist, trotz moderaten Wirtschaftswachstums, zeigt überdeutlich, wie abhängig Deutschland von der europäischen und globalen Wirtschaft ist. Preise für Güter und Dienstleistungen für deutsche Unternehmen werden nicht in Deutschland gesetzt, sondern in globalen Märkten. Die Hoffnung, ein stärkerer Lohnanstieg möge doch bitte den zunehmenden Deflationsdruck in Deutschland beheben, wird sich als Illusion erweisen.

Eine starke Lohndynamik ist prinzipiell gut - sie schafft Einkommen und Wohlstand für die Arbeitnehmer und erhöht die Binnennachfrage und das Wachstum. Aber sie wird die gegenwärtige Schwäche der deutschen und europäischen Wirtschaft nicht lösen können. Die Debatte um höhere Löhne lenkt von den wirklichen Problemen ab.

Die wichtigste Herausforderung für die Wirtschaftspolitik ist, die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland und in Europa zu verbessern. Nur wenn dies gelingt, werden sich Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum verbessern, und Europa kann nachhaltig aus der Krise kommen. Und nur wenn es gelingt, Produktivität und Wachstum zu stärken, werden höhere Lohnanstiege für den deutschen Arbeitnehmer in der Zukunft zur Regel werden können, und nicht die Ausnahme bleiben, wie in den vergangenen 15 Jahren.

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1. Verhandlungen
Tante_Frieda 14.08.2014
Stehen demnächst wieder Tarifverhandlungen an?Könnte,vom Timing her,durchaus sein.Es ist das alte Ritual:Bevor man sich mit den Gewerkschaften an den Verhandlungstisch setzt,wird nochmals von Arbeitgeberseite publizistisch aus allen Rohren geschossen:Deutliches Lohnplus = der Untergang des Abendlandes oder zumindest der deutschen Wirtschaft,so der Tenor.Das schrille Boulevardblatt mit den großen Buchstaben impft dann zusätzlich gern den kleinen Leuten ein "Können wir uns eine Lohnerhöhung leisten?" Dieses scheinheilig besorgte Fragen gilt natürlich nicht,wenn es um die Erhöhung der Millionenbezüge der Verlagsoberen geht.
2. Sehr guter Beitrag
Galgenstein 14.08.2014
und man sollte nicht vergessen: wer nur konsumiert, statt zu investieren, sägt an am Ast auf dem er sitzt. Nur Investitionen führen zu jenem Produktivitätsgewinn, der höhere Löhne nach sich zieht. Interessanter wäre es aber einmal zu untersuchen, was schlaue Unternehmer davon abhält mehr zu investieren, obwohl sie könnten und oft sogar müssten.
3. Wie immer
einwerfer 14.08.2014
von Herrn Fratzscher: starke Behauptungen und null Beweise für seine Thesen. Und was er unter 'verbesserten Rahmenbedingungen für Investitionen' versteht, behält er lieber gleich ganz für sich. Aber da er hier den Staat in der Pflicht sieht, kann man es sich denken.
4.
TS_Alien 14.08.2014
Verlässliche Rahmenbedingungen gibt es mehr als genug. Den Rest regelt der Markt. Diese verbleibenden Risiken müssen die Firmen eingehen. Lohnerhöhungen sind zur Zeit möglich. Sie sind auch sehr sinnvoll. Denn die Binnennachfrage ist in vielen Bereichen zu gering. Was in einem oder in zwei Jahren sein wird, weiß niemand. Mit diesen unbekannten Risiken bei den Tarifverhandlungen zu argumentieren, ist absurd. Denn bei den Managergehältern und Managerabsicherungen (Renten, Boni, ...) interessiert das die Firmen auch nicht.
5. Die alte Schule
Mahlzahn 14.08.2014
Zitat von sysopDPAWas bringt Deutschlands Wirtschaft wieder in Schwung? Eine stärkere Lohndynamik könnte helfen - aber nur kurzfristig. Viel wichtiger sind Investitionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/diw-chef-fratzscher-hoehere-loehne-und-konjunktur-a-986124.html
Wann verstehen diese angebotsorientierten Wissenschaftler endlich, dass ein Unternehmen nur investiert, wenn auch eine Nachfrage für seine Produkte zu erwarten ist. Vielleicht hat ja auch die Wachstumsschwäche etwas mit der seit Jahren sinkenden Kaufkraft der breiten Bevölkerung zu tun? Aber ein solcher Gedanke ist bei solchen Denkern mit ihrem geschlossenen Weltbild ja verpönt...
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Zur Person
  • diw
    Marcel Fratzscher (Jahrgang 1971) ist seit Februar 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Zuvor arbeitete er rund zehn Jahre bei der Europäischen Zentralbank (EZB), wo er unter anderem die Positionen zu Treffen der G20-Staaten koordinierte. Zu früheren Stationen Fratzschers gehören die asiatische Entwicklungsbank und die Weltbank. Fratzscher studierte in Kiel, Oxford und Harvard. Er gilt als Experte für Makroökonomie und hat unter anderem zur Ausbreitung von Finanzkrisen geforscht.


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