Doktortitel in der Wirtschaft: "Es gibt viele Leute, die jetzt zittern"

Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge

Erst Politiker wie Guttenberg und Koch-Mehrin - bald auch Wirtschaftsbosse? Deutschlands Firmen bangen um die Doktortitel ihrer Führungskräfte. Schon suchen Plagiatsjäger nach Betrügern, oft kommen Hinweise von Neidern aus dem direkten Umfeld. Ein erster Name macht die Runde.

Promotion und Karriere: Die Dax-Doktoren Fotos
dpa

Hamburg - Die Liste umfasst 200 Namen, viele von ihnen klangvoll. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück. Thomas Middelhoff, ehemaliger Vormann des Warenhauskonzerns Arcandor. Dirk Nonnenmacher, Ex-Chef der HSH Nordbank. Ihre und zahlreiche weitere Doktorarbeiten wollen die Plagiatsjäger von PlagPedi im Internet überprüfen. Unabhängig davon, ob es einen Anfangsverdacht gibt oder ob - wie in den oben genannten Fällen - kein Anfangsverdacht besteht.

Nach den Politikern stehen nun auch Manager unter Beobachtung der Internetgemeinde. Die Fälle von Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß haben hellhörig gemacht. Die Frage ist nur: Was ist ein berechtigter Verdacht? Was ist pauschale Vorverurteilung?

"Die Plagiatsjäger erreicht zurzeit eine Flut von Hinweisen auf Doktorarbeiten von Managern", sagt die Berliner Professorin für Medieninformatik, Debora Weber-Wulff. Sie ist selbst eine der profiliertesten Plagiatsjägerinnen. Oft kämen die ersten Hinweise aus dem direkten Umfeld der Führungskräfte, erzählt sie. Neider wittern offenbar eine Chance.

Erst wenn auf mehr als zehn Prozent der Seiten Plagiate gefunden sind, informieren die Plagiatsjäger die zuständige Universität. In einem ersten Fall ist das passiert. Dem manager magazin ist der Name einer Top-Führungskraft aus der Energiebranche bekannt, deren Doktorarbeit derzeit von der Universität überprüft wird.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Als "Spitze des Eisbergs" hatte zuletzt der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz die prominenten Schummelfälle in der Politik bezeichnet. Viele Menschen seien "getrieben von dem Wunsch, sich dieses Statussymbol eines Doktortitels an die Brust zu heften". Das gilt auch in der Wirtschaft. "Manager sind noch stärker in Versuchung zu schummeln als Politiker", sagt Weber-Wulff. "Gerade in der Wirtschaft wird sehr viel auf diesen Titel gegeben."

Manager ohne Doktortitel sind in den Chefetagen mancher deutscher Konzerne rar. Von neun Vorständen bei der Münchener Rück Chart zeigen weist lediglich einer diesen akademischen Grad nicht vor, bei BASF Chart zeigen tragen sechs von acht Vorständen den Titel, bei BMW Chart zeigen haben die Doktoren mit vier zu drei knapp die Mehrheit im Vorstand. Von den 30 Dax-Chefs haben 18 promoviert, einige besitzen sogar einen Professorentitel.

Das Signal an den Führungskräftenachwuchs ist klar: Wer den Doktortitel trägt, schafft es leichter bis ganz nach oben. In vielen Fällen ist er sogar Voraussetzung für den Aufstieg.

Tatsächlich messen Personalberater dem Namenszusatz eine hohe Bedeutung bei. "Angesichts einer wachsenden Akademikerquote ist der Doktortitel ein zunehmend gefragtes Mittel, sich positiv abzugrenzen", sagt Kienbaum-Geschäftsführer Soerge Drosten. "Wer promovieren will, muss zu den 10 bis 15 Prozent der besten Absolventen gehören. Das allein zeigt die Aussagekraft des Doktortitels für Arbeitgeber."

In der Forschung ist der Doktor sogar oft Pflicht. BASF erwartet von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren eine erfolgreich abgeschlossene Promotion. Der Doktortitel sei der Nachweis darüber, dass eine umfassende wissenschaftliche Fragestellung gelöst worden sei, sagt Linda von dem Bussche, Leiterin Talent Management.

Entscheidend ist laut Berater Drosten auch die lange Leidenszeit, die Träger des Doktortitels durchgestanden haben - das gilt für Forscher wie für Manager. "Viele Personaler sagen dann, dieser Kandidat hat sich durchgebissen, arbeitet akribisch, steht Krisenzeiten durch und wirft nicht gleich hin."

Für Kandidaten, die sich ihren Titel mit zweifelhaften Methoden erworben haben, dürfte das genaue Gegenteil gelten. Deshalb achten Firmen verstärkt darauf, dass sich bei ihnen kein Scharlatan einschleicht. "Es gibt Leute, die jetzt zittern", sagt Drosten. "Die Unternehmen fordern, dass wir genauer hinschauen." Noch sei es aber nicht üblich, die Doktorarbeiten selbst zu überprüfen. "Man schaut auf die Universität, auf den Namen des Doktorvaters."

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insgesamt 80 Beiträge
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1. "Es gibt viele Leute, die jetzt zittern"
Monark™ 16.05.2011
Richtig so. Recht muss Recht bleiben.
2. Dr. cp.
G2c 16.05.2011
Zitat von sysopErst Politiker wie Guttenberg und Koch-Mehrin*- bald auch Wirtschaftsbosse? Deutschlands Firmen bangen um die Doktortitel ihrer Führungskräfte. Schon suchen Plagiatsjäger nach Betrügern, oft kommen Hinweise von Neidern aus dem direkten Umfeld.*Ein erster Name macht die Runde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,762720,00.html
Nehmen´s nicht so ernst: Alle Titel - außer Dr.med. und Dr.rer.nat. werden einfach umgeschrieben auf "Dr. cp." (copy & paste"). Damit tun wir nur öffentlich kund, was alle eh schon wusste, und keinem weh.
3. Doktor Allwissend
allereber 16.05.2011
Zitat von sysopErst Politiker wie Guttenberg und Koch-Mehrin*- bald auch Wirtschaftsbosse? Deutschlands Firmen bangen um die Doktortitel ihrer Führungskräfte. Schon suchen Plagiatsjäger nach Betrügern, oft kommen Hinweise von Neidern aus dem direkten Umfeld.*Ein erster Name macht die Runde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,762720,00.html
Ich als Dreher darf die Abkürzung Dr.tragen. Selbst erworben. Ist wegen seiner heutigen Arbeit, ein wissendschaftlicher Beruf. Alle digitalen Arbeiten wie Operationen,Navigationen und Cumputernechniken kommen aus der Zerspanungstechnik. Politiker haben zu 90 % ihren Doktortitel abgeschrieben, oder besaßen einen Ghostwriter.
4. ++
saul7 16.05.2011
Zitat von sysopErst Politiker wie Guttenberg und Koch-Mehrin*- bald auch Wirtschaftsbosse? Deutschlands Firmen bangen um die Doktortitel ihrer Führungskräfte. Schon suchen Plagiatsjäger nach Betrügern, oft kommen Hinweise von Neidern aus dem direkten Umfeld.*Ein erster Name macht die Runde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,762720,00.html
Wenn die Promotion als Schmierstoff für eine gelungene Karriere herhalten kann, so sollte mit vollem Recht nach deren Seriosität gefragt werden. Insoweit sind die Nachforschungen der *Plagiatsforscher* durchaus legitim und zu begrüßen. Die Motive interessiern nicht, solange es sich um eine faire Bearbeitung handelt und an die Öffentlichkeit gegangen wird, wenn die Plagiatsnachweise lückenlos erbracht sind.
5. Wenn ein Doktor nichts mehr wert ist...
aueronline.eu 16.05.2011
...sollte man dann nicht in der Vergabe ansetzen? Sollte diese nicht wieder zuverlässig sein, kauffrei und möglichst korrekt arbeiten? Es kann doch nicht sein, dass das Volk jedem Doktor hinterher muss, um ih oder sie zu testen! Wenn die Vergabe sauber verliefe, wäre der Titel wieder was wert und würde das bedeuten, was er bedeuten soll. Und das Volk könnte sich mit sinnigerem beschäftigen als Titelpolizei zu spielen und und und. Die ganze Sache mit betitelten Betrügern und Betrügerinnen ist doch zunächst mal für den Hochschulbetrieb und die den titel Vergebenden peinlich. Betrogen wird immer, wo es möglich ist. Schwer hatten es die nun bekannt gewordenen Fälle doch wirklich nicht. Sonst heisst es in zukunft: ..."pass auf, der hat nen doktor, da muss was faul sein..."
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