Werke in Mexiko Trump irritiert deutsche Autokonzerne

Donald Trump droht mit Strafzöllen auf Autoimporte aus Mexiko. Das verstört auch deutsche Firmen, die dort produzieren und neue Werke planen. Wagen die Konzerne den Konflikt mit dem neuen US-Präsidenten?

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Die Verbalangriffe des künftigen US-Präsidenten Donald Trump auf die in Mexiko produzierende Autoindustrie bedroht auch die Kalkulationen deutscher Autokonzerne - denn alle haben entweder Werke in dem Nachbarland der USA oder planen sie. Entsprechend nervös blicken deutsche Automanager auf Trumps Amtsantritt am 20. Januar.

"Wir haben keinerlei Erfahrung mit einem so radikal auftretenden US-Präsidenten, der mit Kommunikationsmitteln wie Twitter arbeitet", heißt es aus einem deutschen Autokonzern. Bei einem anderen wird hinter vorgehaltener Hand gewarnt: Die Branche gerate in eine sehr unsichere Situation.

Konkret steht für die deutschen Konzerne die komplette Entwicklungs- und Produktionsstrategie auf dem Spiel. Volkswagens Premiumtochter Audi hat erst Ende September ihre erste eigene Autofabrik in Nordamerika eröffnet - ausgerechnet in Mexiko. Daimler und BMW planen in den kommenden zwei Jahren Werke in dem US-Nachbarland. Ihre gewichtigste Frage: Bleibt Trump bei seinem Angriffskurs?

Schon im Wahlkampf hatte Trump gegen die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den USA in andere Länder gewettert. Das wolle er stoppen, versprach er. Nun attackiert er direkt die Autoindustrie, die im Nachbarland Mexiko fertigt. Über den Kurznachrichtendienst Twitter verurteilte er Pläne von Ford, General Motors (GM) und Toyota für die Produktion in Mexiko. Trump drohte den Autokonzernen Strafzölle von bis zu 35 Prozent an.

Gefahr für deutsche Autokonzerne

"Würde Trump seine Angriffe wahr machen, stellt dies die Rechnungen deutscher Autokonzerne auf den Kopf", warnt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management der Fachhochschule Bergisch Gladbach. "Bei Zöllen von 35 Prozent brechen die Gesamtberechnungen der Autokonzerne für ihre neuen Werke in Mexiko in sich zusammen." Sie müssten überdenken, ob sich die Investitionen dann noch lohnten. "Die Gefahr wird nun groß, dass weltweit eine Zollspirale in Gang gesetzt wird und mehrere Länder höhere Schranken für Importe errichten."

"Vorauseilender Gehorsam" - Trumps Angriff auf Autokonzerne

Bereits vor seinem Amtsantritt entfalten die Attacken Trumps zumindest scheinbar Wirkung. Demonstrativ kippte Ford milliardenschwere Pläne für ein neues Werk in Mexiko, Toyota kündigte Investitionen von zehn Milliarden Dollar in den USA an, Fiat Chrysler - obwohl nicht direkt angegriffen - kündigte 2000 neue US-Jobs an. Ob die Konzerne ihre ursprünglichen Pläne tatsächlich substanziell geändert haben oder sie nun vor allem so verpacken, dass sie Trumps Wohlgefallen finden, ist eine andere Frage.

Nur GM-Chefin Mary Barra stellt sich offensiv quer und kündigte an, der Konzern werde an seinen Mexiko-Plänen festhalten. Sie warnte sogar, GM werde aktiv mitreden, sollte sich unter Trump die US-Handelspolitik ändern.

Diese Chuzpe dürften deutsche Autokonzerne kaum haben. Ihre Bedeutung für die USA ist zu gering, um Trump Paroli bieten zu können - umgekehrt aber ist der amerikanische Markt für sie sehr wichtig: Rund 1,3 Millionen Autos setzen die Deutschen dort ab, halten bei Premiumautos 40 Prozent Marktanteil, bei Pkw insgesamt immerhin zwölf Prozent. Nach Großbritannien sind die USA der zweitgrößte Exportmarkt der deutschen Autohersteller und der zweitgrößte Produktionsstandort außerhalb Deutschlands.

Gleichzeitig entwickelt sich das Nachbarland Mexiko zum weltweiten Magneten für Autohersteller auch aus Deutschland. Die Löhne liegen um das Zehnfache niedriger als in den USA. Freihandelsabkommen mit mehr als 50 Ländern erleichtern Exporte. Rund 3,5 Millionen Autos laufen in Mexiko bereits jährlich vom Band, und drei Viertel der exportierten Wagen gehen in die USA.

Neue Mexiko-Werke bald teure Fehler?

Als "Powerhouse für Automobile und Autoteile" lobte Audi-Chef Rupert Stadler Mexiko noch bei der Fabrikeröffnung im vergangenen Herbst. "Wir etablieren mit dem Standort ein wichtiges Drehkreuz für den Export unserer Automobile in die ganze Welt." Mehr als eine Milliarde Euro investierte das Unternehmen in die neue Produktion.

So lässt Audi die neue Generation des Geländewagen Q5 in Mexiko bauen - jährlich 150.000 Autos. Ein Drittel davon ist für den Export in die USA vorgesehen. Einstampfen kann Audi sein Werk nicht so einfach. Ähnlich geht es dem Mutterkonzern Volkswagen, der in Mexiko seit Jahrzehnten produziert und in Puebla jährlich rund 500.000 Autos baut. Für den Bau der neuen Langversion des Geländewagens Tiguan - von dem viele Wagen in die USA verkauft werden sollen -, hat VW eine Milliarde Dollar in sein mexikanisches Werk investiert.

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Trump gegen Mexiko: Fabriken deutscher Autokonzerne

Mexiko hat auch Daimler und BMW angelockt, sie planen eine eigene Produktion dort. Ab 2018 soll die A-Klasse von Daimler vom Band laufen, dafür wird ein Werk des Partners Renault-Nissan erweitert. Daimler fertigt in Mexiko bereits Lkw und Busse. BMW plant für 2019 eine eigene Fabrik in San Luis Potosi für die Produktion der 3er-Limousine - also dort, wo auch Ford vor seinem Rückzieher ein neues Werk errichten wollte.

Trotz der Drohgebärden Trumps halten Daimler und BMW derzeit an ihren Plänen fest. "Der Bau unseres Werks schreitet voran", sagt ein BMW-Sprecher. Dennoch beäugen die deutschen Automanager das Vorgehen des gewählten Präsidenten genau. Es müsse nun abgewartet werden, wie sich Trump verhalte, wenn er tatsächlich an der Macht sei, heißt es bei einem deutschen Autokonzern. Hohe Strafzölle würden den Aufbau von Werken in Mexiko mit einem Schlag unattraktiv machen. Kein Konzern könne sich das leisten.

Deutsche Autokonzerne werben für ihr US-Engagement

Um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, stellen die deutschen Autokonzerne derzeit deutlich heraus, wie viel sie in den USA investieren. So betont Daimler, bereits seit 1997 Pkw in Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama zu fertigen. Insgesamt 4,5 Milliarden Dollar seien in diese Fabrik geflossen, aktuell werde sie zusätzlich für 1,3 Milliarden Dollar ausgebaut. BMW verweist auf sein Werk in Spartanburg in South Carolina - das weltweit größte des Konzerns mit mehr als 400.000 produzierten Autos. VW wirbst derzeit auf der Automesse in Detroit für sein neues Modell Atlas, produziert im Werk in Chattanooga in Tennessee, als "ein Auto aus den USA für die USA".

Die deutsche Autoindustrie habe eine starke US-Produktion, warb der Chef des Branchenverbands VDA, Matthias Wissmann, vor wenigen Tagen in Detroit. Von 2009 bis 2016 vervierfachten die deutschen Hersteller ihre US-Produktion auf 850.000 Einheiten. "Es wäre sicher auch klug, die Zollfreiheit des Nafta-Raums nicht infrage zu stellen", sagte Wissmann mit Blick auf die Freihandelszone zwischen den USA, Mexiko und Kanada.

Auch der Präsident des Bundes der deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, gibt sich alarmiert. Die deutsche Wirtschaft werde aufmerksam zuhören, wenn Donald Trump seine Präsidentschaft in den USA skizziere, sagte er. Eine Abschottung würde der gesamten Weltwirtschaft und insbesondere der exportorientierten deutschen Wirtschaft schaden. Man müsse sehr wohl ernst nehmen, was Trump sage, warnte Kempf in den ARD-"Tagesthemen": "Es wird ihm nicht leicht fallen, seine Wahlkampfrhetorik auf null zurückzufahren."

Trump-PK: Wir haben da noch ein paar Fragen!

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Seite 1
spontanistin 14.01.2017
1. Adam Smith läßt grüßen!
Nun, Trump macht doch jetzt nur das, was Adam Smith als "unsichtbare Hand des Marktes" definiert hat. Diese ist in diesem Markt-Konzept als "patriotisches Element" zwingend nötig, da sonst die Kapitalisten nur noch im Ausland mit den niedrigsten Produktionskosten investieren würden. Es sollte halt immer um "Win-Win" gehen und nicht um Maximierung der Handelsbilanzüberschüsse!
mk70666 14.01.2017
2.
Ganz einfach: keine US-Produkte mehr kaufen.
Teigkonaut 14.01.2017
3. Wettlauf am Ende
Der Wettlauf der Konzerne um die niedrigsten Produktionskosten hat hoffentlich bald ein Ende. Wo die Autos verkauft werden sollen, die in Mexiko zu einem Zehntel der Löhne in den USA gefertigt werden kann sich jeder selbst beantworten. Das Trump dieses Sozial- und Umweltdumping beschneiden will finde ich gut!
horstu 14.01.2017
4. Trumps Wahlauftrag
Trump wurde von amerikanischen Bürgern gewählt, deren Interessen zu vertreten. Amerikanische Arbeitnehmer dürften sich bald freuen, dass ihre Arbeitsplätze wieder in ihr Land zurückkehren. Also hat Trump bislang alles richtig gemacht. Allen Lehrbuch-Globalisierungsbefürwortern zum Trotz haben amerikanische Bürger einfach keinen Vorteil davon, wenn ihre Arbeitsplätze nach Mexiko, China oder Indien ausgelagert werden. Die Produkte in ihren Warenhäusern werden dann zwar billiger, aber sie können sie sich mangels Jobs trotzdem nicht mehr leisten. Unter Obama wurden nur das Silicon Valley und die Wall Street reich, die Mittelschicht blutet aus; unter Hilary wäre diese Entwicklung noch stärker vollzogen worden.
Skyscanner 14.01.2017
5. Wagen die Konzerne den Konflikt mit dem neuen US-Präsidenten?
Bestimmt nicht sonst gibt es weitere Milliarden Strafen. Wenn ja dann kann das nur eine Lachnummer werden. Die USA sitzen am längeren Hebel insofern auch noch bei einigen Autobauern die Aktienmehrheiten in den USA bzw. im Ausland sind.
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