Strafzölle auf Autos Was, wenn Trump Ernst macht?

Deutsche Autos auf amerikanischen Straßen sind Donald Trump ein Graus. Deshalb droht der US-Präsident mit Strafzöllen. Die Auswirkungen für das weltweite Produktionsnetzwerk wären verheerend.

Autoterminal in Bremerhaven
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Autoterminal in Bremerhaven

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Es mögen Kleinigkeiten sein, die einen Krieg auslösen. Ein Fenstersturz etwa, oder ein scharf formulierter Tweet. Doch es sind die Bürokraten in den Amtsstuben der zuständigen Ministerien, die die Konfrontation organisieren. Das ist im Vorfeld blutiger Schlachten so, aber eben auch, wenn es um einen Handelskrieg geht, wie ihn US-Präsident Donald Trump gerade anzettelt.

Zuständig für die Mobilisierung ist in diesem Fall Handelsminister Wilbur Ross, der im Zusammenhang mit dem Handelsstreit schon zu Jahresbeginn davon sprach, "Truppen" an die "Schutzwälle" schicken zu wollen - und dessen Referenten gerade alle Argumente zusammentragen, die belegen sollen, dass der Schutz der amerikanischen Autoindustrie eine zentrale Frage der nationalen Sicherheit ist. Und dass es deswegen geboten ist, jahrzehntelang geübte Gepflogenheiten des internationalen Handels über den Haufen zu werfen und etablierte Liefernetzwerke zu zerreißen.

Und weil das Außenhandelsgesetz von 1962 vorschreibt, dass dafür auch Betroffene angehört werden müssen, sortieren die Beamten gerade Tausende Briefe von Verbänden, Autoherstellern und deren Zulieferern - und von Ökonomen, die mögliche Kollateralschäden skizzieren, die ein solcher Feldzug mit sich bringen würde.

Allein bis zum vergangenen Freitag, erklärte Ross, habe sein Ministerium rund 2500 Stellungnahmen erhalten. Am 19. und 20. Juli sollen noch öffentliche Anhörungen folgen, um alle Argumente zu hören, sagte Ross. "Am Ende können wir dem Präsidenten die bestmögliche Empfehlung geben."

Angriff auf das komplizierte Produktionsnetzwerk

Was die Autoindustrie rund um den Globus von den geplanten Zöllen hält, ist allerdings schon jetzt eindeutig: nichts. Selbst die als Nutznießer auserkorenen US-Konzerne zeigen sich alarmiert. General Motors (GM) etwa befürchtet den Verlust von Arbeitsplätzen und am Ende "ein kleineres GM".

Denn für die gesamte Branche steht ein Geschäftsmodell auf dem Spiel, wenn Autos nicht mehr wie heutzutage üblich innerhalb eines weltumspannenden Netzwerks produziert werden können. Das F-Modell von Ford zum Beispiel, ein Pick-up, der wie kein zweites Auto die amerikanische Lebensart verkörpert, besteht zu rund 30 Prozent aus Teilen, die außerhalb der USA gefertigt werden. General Motors importiert ein Drittel seiner Komponenten aus Mexiko und Kanada.

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Zölle auf US-Produkte: Diese Waren könnten teurer werden

Die verheerende Wirkung von Zöllen lässt sich vielleicht am besten am Werk von BMW in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina illustrieren, in dem die großen SUVs vom Band laufen und in alle Welt exportiert werden. Sollten alle Drohungen wahr werden, müsste BMW künftig zweimal höhere Zölle zahlen: Einmal für wichtige Komponenten, die von Europa oder Mexiko aus ans Band in Spartanburg geliefert werden - und anschließend noch einmal, wenn die fertig montierten Autos nach Europa oder nach China verschifft werden. Für Mercedes und Volkswagen, die ebenfalls große Fabriken in den USA betreiben, gilt dasselbe.

Betroffen wären auch die Zulieferer, die auf Lieferanten in aller Welt angewiesen sind. Es liegt also auf der Hand, dass sich die Autos unter diesen Bedingungen schnell um mehrere Tausend Dollar verteuern würden. Für ein in den USA gebautes Auto betrüge der Aufschlag nach Berechnung des American Automotive Policy Council etwa 2000 Dollar. Amerikaner, die ein Importauto kaufen, müssten im Schnitt mit 5800 Dollar Mehrkosten rechnen.

Entschlossener Präsident

Die Strategen in den Planungsabteilungen der Konzerne können dem Preisauftrieb dabei nur ohnmächtig zuschauen. Denn die Zulieferer lassen sich nicht so einfach durch andere austauschen, deren Werke vielleicht diesseits der Zollschranke stehen. Das notwendige Know-how für die Produktion der Komponenten findet sich längst nicht mehr in allgemein zugänglichen Materialkunde-Lehrbüchern. Sogar ein auf den ersten Blick primitiv anmutendes Stück Blech für die Karosserie erfordert inzwischen Kenntnisse von ausgewiesenen Spezialisten. Hinzu kommt, dass die Beteiligten durch langfristige Lieferverträge aneinandergebunden sind, die sich nicht einfach aufkündigen lassen.

Dass die US-Regierung sich bei ihren Entscheidungen über Strafzölle von solchen Erwägungen beeinflussen lässt, daran glauben jedoch inzwischen selbst die berufsmäßigen Optimisten in der Branche nicht mehr. Nicht einmal die alarmierende Prognose des Peterson-Instituts, das die vielfachen Wechselwirkungen im internationalen Welthandel untersucht, hat in den Amtsstuben bislang ein nennenswertes Echo hervorgerufen. Demnach könnten fast 650.000 Arbeitsplätze allein in den USA gefährdet sein, wenn der Konflikt eskaliert.

Unklar ist auch, wie ernst der rätselhafte Vorstoß von Richard Grenell zu nehmen ist. Der US-Boschafter in Deutschland hatte in der vergangenen Woche, entgegen aller Gepflogenheiten, versucht, die Autobosse für einen gegenseitigen Verzicht auf jegliche Autozölle zu gewinnen. Ein offizielles Angebot sei das aber nicht, heißt es bei der Botschaft.

Trump selbst hingegen betonte erst jüngst noch einmal in einem Interview mit seinem Haussender Fox News, er sei überzeugt davon, dass sich die Autohersteller seinem Willen beugen würden, ihre Autos vollständig in den USA zu produzieren. Dass Trump es ernst damit meint, davon ist auch Autospezialist August Joas von der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman überzeugt. "Der US-Präsident hat bisher viele seiner Ankündigungen in die Tat umgesetzt", erklärt der Experte. "Warum nicht auch diese?"

Zuwachs von Arbeitsplätzen allenfalls auf lange Sicht

Allerdings bezweifelt Joas, dass Trump schon bald Erfolge seiner Politik präsentieren kann - rechtzeitig für den nächsten Wahlkampf. Denn wegen der komplizierten Lieferketten dauere es drei bis vier Jahre, bis die entsprechenden Kapazitäten in den USA aufgebaut seien und reibungslos funktionierten. Hinzu kämen Monate, bis die Zollschranken von allen Instanzen abgesegnet seien. "Ein nennenswerter Zuwachs von Arbeitsplätzen ist in dieser Amtsperiode also nicht zu erwarten."

Ein weiteres denkbares Szenario ist in dieser Gemengelage noch gar nicht enthalten: Was passiert, wenn die Autohersteller angesichts des grundstürzenden Umbruchs in der Antriebstechnologie - die Ablösung des Verbrennungsmotors durch den Elektromotor - auf einen Aufbau neuer Kapazitäten in den USA verzichten? Trump könnte sich dann immerhin rühmen, den dringend gebotenen Strukturwandel angestoßen zu haben - auch wenn er damit eine Wende eingeleitet hätte, die er unbedingt hatte aufhalten wollen.

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Seite 1
der_beste 07.07.2018
1. Boulevardpresse
Die Überschriften ähneln immer mehr der Boulevardpresse. USA ist ein wichtiger Markt aber dessen Ausfall ist nicht verheerend. Wenn er überhaupt zu 100% ausfällt.
der_beste 07.07.2018
2. Boulevardpresse
Die Überschriften ähneln immer mehr der Boulevardpresse. USA ist ein wichtiger Markt aber dessen Ausfall ist nicht verheerend. Wenn er überhaupt zu 100% ausfällt.
Atheist_Crusader 07.07.2018
3.
"Am Ende können wir dem Präsidenten die bestmögliche Empfehlung geben." Für einen unfreiwilligen Witz war das immerhin ein tolles Buildup. "Wir werden den Leuten zuhören, uns alle möglichen Argumente anhören und dann aus den vorliegenden Fakten und Meinungen den besten Rat für unseren Präsidenten destillieren - ihr wisst schon, dieser Präsident der so offen für fremde Meinungen ist und seine Politik auf Fakten aufbaut.". Wenn Trump Handelskrieg spielen will - und es sprechen so ziemlich alle Zeichen dafür - dann wird er das auch tun, egal was das Volk oder Berater oder wirtschaftliche Realitäten dazu sagen. Das einzige was ihn davon abbringen könnte wäre, wenn es selbst seine Wähler so sehr verärgert, dass die Republikaner im November um ihre Kongressmehrheiten fürchten müssen - und nichtmal das ist sicher. Dieser Handelskrieg wird so bald nicht enden.
Arthur Dent 07.07.2018
4. wie kann man ??
Wie kann man Menschen gefügig halten ?? In denen man ihnen ständig die Hölle heiß macht, ihnen permanent Angst macht. Was soll denn passieren ?? Nix passiert, ich würde Amerika komplett abschotten von aussen, nix mehr liefern. Ihre Wirtschaft ist so am Boden das da sehr schnell der Ofen von ganz alleine aus wäre. Alleine die Tatsache, das Amerika sich anmaßt anderen Ländern einseitig immer wieder Sanktionen aufzuzwingen, zeigt deren Größenwahn. Ich würde an alle Länder dazu ermutigen den Spieß mal umzudrehen. Bin mal neugierig wie lange die Amis sich ihren aufgeblasenenen Militärapparat leisten können.
gigi76 07.07.2018
5. Zoll
Aktuell gibt es auch Zölle und trotzdem findet Welthandel statt. Hier wird immer so getan, als wenn alles zusammenbricht, nur wenn mehr Zoll gezahlt werden muss. Das ist so falsch wie polemisch. Ein höherer Zoll führt letztendlich nur zu einer Preisverzerrung und zu einer Verlagerung der Wertschöpfung.
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