Verlierer der Globalisierung Trumps Vorteil im Handelskrieg

Wer Donald Trumps Strafzoll-Attacken mit alten Freihandels-Gebeten kontert, macht den selbsternannten Retter der Globalisierungsverlierer nur noch stärker - und tut Rechtspopulisten weltweit einen Gefallen.

Donald Trump
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Der Vorschlag klingt toll. Null Zoll statt Krieg der Strafzölle. Würden Amerikaner wie Europäer auf Importzölle einfach verzichten, wie es deutsche Konzernchefs und die Bundeskanzlerin gerade bewerben, könnten wir die Amis zumindest glauben lassen, wir würden mehr ihrer komischen Autos kaufen, weil beim Import null statt zehn Prozent Zoll erhoben würden - während wir unsere ohnehin geschätzten Vierradwunder noch besser in Amerika verscherbeln könnten. Prima Sache. Trump gebändigt? Problem gelöst? Na ja.

Dass so etwas besser wäre als ein Handelskrieg - na klar, geschenkt. Wenn sich der US-Präsident überhaupt darauf einlässt. Der Haken ist, dass Nullzölle samt Freihandelsbekundung womöglich wenig an dem ändern würden, was Trumps Handelskriegslust antreibt - im Gegenteil: Wenn Amerikas Chefdealer für seinen Rumpelkurs so viel Unterstützung im Land bekommt, dann nicht, weil es noch zu viel Zoll und zu wenig Freihandel gibt.

Vielmehr speist sich die Unterstützung für Trump auch daraus, dass seit dem Jahr 2000 zu viel freie Billigkonkurrenz mancherorts verheerend für die Leute gewirkt hat. Da hilft dann ein Nullzoll etwa so viel wie Globuli gegen Grippe. Ein Befund, der allem Exportgeträume zum Trotz auch in Deutschland fatal zu wirken droht.

Globalisierungsverlierer und Trump-Wähler

Der US-Ökonom David Autor hat vor einiger Zeit bereits berechnet, in welchen Regionen Amerikas Billigimporte aus China lokale Industrien verdrängt haben. Ergebnis: vor allem in Staaten wie Ohio, Michigan und Indiana, was früher Industriegürtel hieß - und heute Rostgürtel.

Legt man auf einer Karte daneben, wo Trumps Republikaner 2016 die größten Gewinne bei Wählern erzielten, ist klar: Es muss da einen ziemlich engen Zusammenhang geben. Überall, wo die Billigkonkurrenz in den Vorjahren am stärksten gewütet hat, gewann Trump Wähler. Freihandel als Populistenhilfe.

Seit 2000 sind insgesamt fünf Millionen Industriejobs in den USA verschwunden - ein Fünftel davon dürfte auf den China-Schock zurückzuführen sein, schätzt der Düsseldorfer Ökonom und Handelsexperte Jens Südekum.

Das heißt nicht, dass Freihandel nicht Wohlstand schafft - nur eben als Saldo aus Gewinnen und Verlusten. Die Tücke dabei: Diejenigen, die ihre Jobs verlieren, finden selbst im angeblich so flexiblen Amerika nicht schnell mal eine neue Stelle, wie das in manchem Lehrbuch traditioneller Ökonomie noch steht. Was dazu führt, dass den Betreffenden auch nur relativ schwer vermittelbar ist, dass das mit dem Freihandel trotzdem total toll ist, weil halt am anderen Ende des Landes Leute dank derlei optimierter Arbeitsteilung einen Job dadurch bekommen - oder ein total netter Chinese. Dafür muss man vorher sowas wie Ökonomie studiert haben, oder man neigt mangels hinreichender Kenntnis der einschlägigen Fachliteratur dann halt dazu, Trump zu wählen.

Schwerer Denkfehler im Freihandelsdogma

Wenn das stimmt, trägt die grundsätzlich tolle Lehre vom freien Handel einen schweren Denkfehler in sich - die irre Annahme, dass sich Menschenschicksale saldieren lassen. Dann löst es die tieferen Probleme auch nur sehr bedingt, darauf mit der kurzatmigen Idee zu reagieren, die Zölle jetzt am besten ganz abzuschaffen, also auf Kollateralschäden freien Handels mit noch mehr freiem Handel zu reagieren. Gerade weil Zoll- und andere Schranken zur Zeit der Marktöffnung für chinesische Produkte um das Jahr 2000 viel zu abrupt wegfielen, hat die US-Industrie in den Jahren danach ihren historischen Schock erlebt. Und deshalb stehen seither so viele Menschen unter dem Eindruck des Kontrollverlustes, dass sie aus Verzweiflung Herrn Trump wählen.

Da hilft es dann auch nicht, die Zölle anzuheben - und einen Handelskrieg zu riskieren, klar. Davon werden die alten Jobs in früheren Industriebetrieben nicht wiederkehren. Wer das Desaster beheben will, müsste den Leidtragenden dann sehr viel aktiver dabei helfen, wieder eine vernünftige Stelle zu bekommen. Und er müsste in jenen Regionen, die von solchen Schocks getroffen werden, massiv in den Aufbau neuer Unternehmen und Branchen investieren, die von solchen externen Schocks getroffen werden - seien es die plötzliche Billigkonkurrenz aus dem Ausland oder Umbrüche, wie sie beim beschleunigten Einzug von Robotern in den nächsten Jahren passieren dürften.

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insgesamt 140 Beiträge
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nic 06.07.2018
1. den selbsternannten Retter
Hauptsache gerettet!
hergen.heinemann 06.07.2018
2. Na sowas
Hat diesmal schon was, was er sagt. Nur, es gibt keine Exportzölle, sondern nur Imporzölle.
Rosenhag 06.07.2018
3.
Schön finde ich diese ansatzweise Erklärung, anstatt alle Abweichler vom "Mainstream" in die Böslingsecke zu stellen.
tomxxx 06.07.2018
4. Ich finde den Vergleich...
mit der Wirtschaftswissenschaft nicht zutreffend, weil es alles ausblendet was da zusammen mit China gemacht wurde. Real gesehen hat da ein Arbeitsmarkt in USA sich mit einem nach Plan arbeitenden Staatssystem zusammengetan. Dort wurden ALE Auflagen im sozialen und umwelt-Bereich ausser Kraft gesetzt. Egal ob die Chinesen auch wirtschaftlich konkurrieren konnten, ... das Ganze wurde finanziell abgefedert. Dafür hat China den Wallstreetlern Massen von Billigstwanderarbeitern angeboten und wollte dafür Know-how ins Land bekommen. Und nachdem die Wallstreetler im 3 -Monats-Rhythmus denken, haben sie Hurra gerufen. Insgesamt ist es also kein freier Markt, sondern ein im höchsten Mass unfaires System, dass auch nicht langfristig funktionieren kann. Aktuell lebt es noch vom Geld drucken, Abschreibungen gibt es ja in China nicht, und so gibt man sich der Illusion hin, dass alles in Ordnung ist. Wenn man aber so ein System einführt wie hier, ist ja auch klar, dass der amerikanische Arbeiter sich dem chinesischen angleicht... und das geht halt nicht, davon kann der nicht leben!
interessierter Laie 06.07.2018
5. ja genau darum geht es...
man muss einen Strukturwandel abfedern und gestalten, aber es darf auch nicht darin ausarten, dass das Abfedern zum Dauerzustand wird. Und genau das macht Trump. Der Rust belt ist nicht zu retten indem man ihn unter einer Zollglocke konserviert. Das Gute: Wenn der Saldo positiv ist, ist auch das Geld dafür vorhanden. Dasselbe gilt für uns Deutsche. Wir haben auch Landstriche, die sich wandeln müssen. Die ehemaligen Kohlereviere, die ländlichen Regionen, die Schiffsbauregionen im Nordosten. Aber dazu braucht es weitsichtige Politiker und Unternehmer, kreative Köpfe, gute Schulen und Hochschulen und einen längeren Atem als eine Legislaturperiode. Und auch die Menschen müssen sich gedulden. Es kann auch mal 20 Jahre und mehr dauern. Zumal unser Lebensstandard mehr verlangt, als Mittelmaß. Will eine Region in Deutschland adäquate Jobs und gute Einkommen bieten, muss sie zur Weltspitze aufsteigen. Von 0 ist das ein weiter Weg...
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