US-Strafzölle China hält sich zurück. Warum?

Peking wird Trump "die Schneidezähne ausschlagen", prahlt die Staatspresse. Tatsächlich sieht die KP-Führung die US-Strafzölle gelassen. Amerika, Europa, China: Wer will was im Handelskrieg?

Präsidenten Xi, Trump (Archiv)
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Präsidenten Xi, Trump (Archiv)

Eine Analyse von , Peking


Als um Mitternacht die Nachricht kam, waren die Kommentare in Peking längst geschrieben. Wie erwartet, hatte US-Präsident Donald Trump ein Dekret unterzeichnet, das China mit Strafzöllen in Milliardenhöhe droht. Wie erwartet, drohte Chinas Staatspresse zurück: Trump werde in Peking "keine weißen Flaggen" sehen, sondern "blind ins rote Tuch eines Stierkämpfers stürmen".

Ist das der nächste Schritt auf dem Weg in einen Handelskonflikt zwischen der größten und der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt?

Für die Europäer, kurz zuvor von den US-Strafzöllen gegen Stahl- und Aluminium-Importe ausgenommen, könnte es so aussehen, als würden China und die USA den befürchteten Welthandelskrieg nun unter sich austragen, die Schlacht demnächst also irgendwo weit draußen über dem Pazifik toben. Doch das wäre ein voreiliger, ja fahrlässiger Schluss.

Was treibt China in dieser Auseinandersetzung an? Wie weit kann Trump gehen? Wie sollten sich die Europäer verhalten?

1. China: Gelassenheit dank neuer Stärke

Zornig, selbstbewusst und drastisch in der Sprache reagiert Chinas gelenkte Öffentlichkeit auf die US-Strafzölle. "Unglaublich kurzsichtig" sei Trump, schreibt die Pekinger "Global Times", er überschätze sich und die Kraft der amerikanischen Wirtschaft. Peking wolle keinen Handelskrieg, so Chefredakteur Hu Xijin, doch wenn man es dazu zwinge, werde China dem US-Präsidenten "die Schneidezähne ausschlagen" - also künftig Airbus- statt Boeing-Flugzeuge kaufen und Sojabohnen aus Brasilien statt aus den USA. "China ist viel belastbarer, als die USA es sind."

Doch das sind die vorhersagbaren Reaktionen einer auch sonst zunehmend ruppigen Staatspresse. Die chinesische Führung selbst reagiert bislang auffällig zurückhaltend. Mit etwa drei Milliarden Dollar liegt das am Donnerstag angekündigte Paket von Pekings Gegenmaßnahmen deutlich unter den geplanten US-Strafzöllen von 60 Milliarden. Auch rhetorisch gehen weder das Außen- noch das Handelsministerium weit über das hinaus, was auch EU-Politiker noch vor wenigen Tagen Richtung Washington ausgesprochen hatten: Wir wollen keinen Konflikt, aber wir wissen uns zu wehren.

Bislang kann sich Peking diese Zurückhaltung leisten. Chinas Wirtschaft, in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent gewachsen, ist größer und breiter aufgestellt denn je. "Die USA müssen wissen, dass China nicht der Irak ist, China ist nicht Russland, China ist nicht Iran", sagte der Finanzexperte Wang Wen von der Pekinger Renmin-Universität kürzlich.

Ein weiteres, in künftigen Handelskonflikten wichtiges Argument sprach er dabei noch nicht einmal an: Chinas ökonomischer Masterplan sieht vor, das Land allmählich von seiner Exportwirtschaft unabhängiger zu machen und stattdessen den Binnenkonsum zu fördern. Exporteinbußen wären Peking sicher nicht willkommen - aber sie träfen das Land viel weniger als noch vor fünf oder zehn Jahren.

2. USA: Breite Kritik an China

Anders als seine Innen-, Personal- und Immigrationspolitik findet Donald Trumps Chinapolitik auch unter seinen Kritikern Zuspruch. "Was die Weltwirtschaftsordnung angeht, ist China tatsächlich ein schlechter Staatsbürger", schreibt der US-Ökonom Paul Krugman in seiner aktuellen "New York Times"-Kolumne. Peking subventioniere ganze Sektoren, schaffe Überkapazitäten und verletze den Schutz geistigen Eigentums.

Daran änderten aber Trumps Strafzölle nichts, so Krugman. Im Gegenteil: Da die Lieferketten internationaler Unternehmen inzwischen tief in die chinesische Wirtschaft hineinreichten, werde Trump mit seinen kruden China-Zöllen vielen anderen Ländern schaden, "von denen manche unsere Verbündeten sind".

Gut zwei Wochen haben US-Unternehmen nun Zeit, sich zu Trumps China-Zollkatalog zu äußern, bevor er tatsächlich in Kraft tritt. Der Präsident sollte sich auf Widerspruch einstellen, und mit Korrekturen ist zu rechnen: Von Hightech-Firmen wie Apple über Autobauer wie Ford und Chrysler bis zum Kaffeeröster Starbucks, der in China jede Woche ein paar neue Cafés eröffnet: US-Unternehmen werden, wie auch die aus Europa, in China nicht nur unter Druck gesetzt - sie machen dort auch große Gewinne.

3. Europa: Schwierige Partnerwahl

Grundsätzlich teilen Europa und die USA gegenüber der Handelsmacht China ein gemeinsames Interesse: Peking spielt unfair. Es nutzt im Ausland Möglichkeiten, die es Ausländern in China nicht gewährt. Brüssel und Washington drängen auf gleiche Spielregeln, auf "Reziprozität".

Kaum hat Washington die Europäer von der US-Strafzoll-Liste gestrichen, mehren sich bereits die Stimmen, den Zwist über Stahl und Aluminium zu begraben und nun gemeinsam mit der Trump-Regierung gegen China vorzugehen.

Das klingt plausibel, könnte sich aber als riskant erweisen. Peking ist ein unangenehmer, aber bislang berechenbarer Handelspartner. Trump teilt Europas China-Problem, doch er hat in den 14 Monaten seiner Amtszeit mehr Wendungen vollzogen als Peking in vielen Jahren. Von der Handels- bis zur Währungspolitik, von Taiwan bis Nordkorea - Trump agiert nicht in den langen Zyklen, in denen Peking plant, sondern nach kurzfristigen, innenpolitischen Bedürfnissen.

Europa hat zuletzt nicht viel gegen das immer selbstbewusster auftretende China erreicht, die Frustration nimmt zu. Noch aber hat die EU als Pekings größter Handelspartner Mittel, auf besseren Marktzugang zu drängen und gleiche Spielregeln durchzusetzen. Zusammen mit den USA wäre die EU sicher stärker - aber ein Partner, der so sprunghaft ist wie Trump, könnte das gemeinsame Ziel jederzeit wieder aufs Spiel setzen.

Ein geschlossenes und entschiedenes Auftreten der Europäer dürfte China gegenüber die nachhaltigere Strategie sein als Trumps kurzfristiger Strafzollkatalog. Auch wenn es dauern wird: Peking hat Zeit.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
brummer07 23.03.2018
1. Bitte genau lesen
Die von MOFCOM angekündigten Zölle gegenüber den USA beziehen sich nur auf die section 232 Maßnahmen der USA die heute in Kraft treten. Die Antwort auf section 301 kommt wahrscheinlich noch ... bitte genau lesen, auch wenn MOFCOM das bisher nur auf chinesisch publiziert hat.
Havel Pavel 23.03.2018
2. Natürlich können die Chinesen ganz gelassen sein
Sie sitzen schliesslich am längeren Hebel und können vor allem wirtschaftliche Massnahmen umgehend umsetzen ohne aus eigenen Reihen Widerstände befürchten zu müssen. Auf vielen Fertigungsgebieten gibt es ausserhalb Chinas zudem kaum ernstzunehmnde Konkurrenten, von daher auch kaum Ausweichmöglichkeiten. Also muss China sich um einbrechende Nachfrage wohl eher keine allzu grossen Sorgen machen. Die USA wird sich daher wohl eher selber schädigen,
Leser1000 23.03.2018
3. Bemerkenswet
China ist nicht Russland? Wie darf man denn diese Äußerung verstehen? Offenbar sieht China sich nicht nur nicht auf einer Stufe mit RUS, Ist Russland in den Augen der chinesischen KP- Führung gar eher ein Leichtgewicht? Das wird Putin "gerne" hören. Wenn er sich also nach Osten orientieren will (was durchaus sinnvoll sein kann), dann viel Spaß als Juniorpartner. Ansonsten sind die Chinesen clever,Sie spielen seit Jahren Ihre Stärke mit stoischer Ruhe und eben teilweise leider auch unfair aus
seit1958 23.03.2018
4. Wer es immer noch nicht
kapiert hat: USA Wirtschaft denkt und handelt im 3-monatigem Rhythmus, Europa mit Deutschland mittelfristig, aber China in Generationen. Guess who's winning the game!
freddygrant 23.03.2018
5. Die US-Amerikaner ...
... und besonders jetzt die Regierung Trump mit ihren spontanen Schutzzöllen - ohne ausreichende politische Aussprache mit den betroffenen Staaten - gegen China u.a. werden der USA genau die ökonomischen Ergebnisse liefern, die sie vermeiden wollten. China und auch die EU werden das Problem - sofern es bestehen bleibt - aus einer Position der Stärke reagieren, wobei die Chinesen mit ihrer "Eselsgeduld" die US-Wirtschaft dann an der langen Leine zappeln lassen werden bis sich diese ihr um den Hals schlingt. Schau´n wir mal!
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