Fed vor wichtiger Zinsentscheidung Wie hörig ist der US-Notenbankchef dem Präsidenten?

Die US-Notenbank könnte die Leitzinsen erneut anheben. Doch Donald Trump protestiert schon vorab. Die beispiellose Einmischung des Präsidenten bringt Fed-Chef Jerome Powell in eine schwierige Lage.

Fed-Chef Jerome Powell
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Fed-Chef Jerome Powell

Von , New York


Der Board Room der US-Notenbank atmet historische Macht. An den Stirnwänden prangen ein Siegel und eine US-Karte von 1937. Der acht Meter lange Mahagonitisch ruht auf einem Teppich, der jeden Schritt verschluckt - Lärm und Chaos sollen vor der Tür bleiben.

Doch als Jerome Powell, der Chef der Federal Reserve, und seine Kollegen am Dienstag in diesem abhörsicheren Saal in Washington ihre zweitägigen Zinsberatungen begannen, schien es kaum möglich, das politische Hupkonzert draußen auszublenden.

Erst sprach sich das "Wall Street Journal" ("WSJ") gegen eine Leitzinserhöhung aus, wie sie viele eigentlich an diesem Mittwoch erwarten. "Zeit für eine Fed-Pause", forderte es mit Blick auf die jüngste Unsicherheit an den Börsen und in der Wirtschaft. "Es ist sinnvoll, langsam zu gehen."

Und dann mischte sich auch noch Präsident Donald Trump ein, wie so oft in den vergangenen Wochen: Er hoffe, dass "die da drüben bei der Fed" nicht "schon wieder einen Fehler machen", twitterte er. "Viel Glück!"

Glück und vor allem Geschick wird Powell brauchen, wenn er seine Zinsentscheidung auf der letzten Fed-Pressekonferenz des Jahres begründet. Denn Trump und das "WSJ" haben im Kern ja recht: Die Zinskurve könnte tatsächlich zu schnell steigen.

Doch selbst wenn das stimmt: Wie kann Powell jetzt noch einen Beschluss fällen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er Trump bewusst die Stirn zeigt - oder andersrum, dass er ihm hörig ist?

Mit dieser für die Fed existenziellen Frage ringt Powell, seit er sein Amt als Trumps Wunschkandidat im Februar antrat. Denn Trump hält wenig von präsidialer Zurückhaltung - was er nicht nur mit seinen Tiraden gegen die US-Justiz beweist, sondern auch mit seinem wachsenden Druck auf Powell.

Fed-Zentrale in Washington
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Fed-Zentrale in Washington

Trump ist nicht der erste Präsident, der die Fed drangsaliert. Doch er ist der Erste, der dabei so offen und schamlos eigennützig vorgeht: Er begann Powell in dem Moment zu kritisieren, als Wolken aufzogen über den Märkten und der Konjunktur. Denn nichts stört ihn mehr, als schlecht auszusehen - zumindest in seiner Welt, in der er sich alle Erfolge selbst zugutehält, doch für Misserfolge stets anderen die Schuld gibt.

In diesem Fall wäre das die Fed, die die Zinsen seit Ende 2015 wieder behutsam anhebt, von 0,25 auf zuletzt 2,25 Prozent, um eine Konjunkturüberhitzung zu vermeiden. Seit Monaten tobt Trump auf Twitter und in Interviews: Die Fed sei "verrückt", "bekloppt", "außer Kontrolle". Ob er es bereue, Powell nominiert zu haben? "Vielleicht."

Powell und Co. reagieren nonchalant, zumindest nach außen hin: "Politischer Druck wird bei Geldmarktentscheidungen auf keinen Fall eine Rolle spielen", stellte Fed-Vize Richard Clarida neulich klar. "Die Geschichte zeigt, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank wichtig ist."

Doch Trump bringt die Fed nun in Verlegenheit. Deren Federal Open Market Committee (FOMC) hatte eigentlich vor, die Zinsen jetzt noch mal anzuheben. Das entspräche dem Fahrplan, nach dem die Fed ihr Billiggeldexperiment beendet, mit dem sie die Weltwirtschaft seit der Finanzkrise gestützt hat.

Trump und Powell
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Trump und Powell

Pro Quartal sollten die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte steigen, um Mitte 2019 drei Prozent zu erreichen, was als "neutrales" Territorium gilt - weder zu hoch noch zu niedrig. Aber dann geschah, was die Kaffeesatzleser an der Constitution Avenue wohl nicht erwartet hatten.

Trumps angebliches Wirtschaftswunder entpuppte sich als ein auf Pump gebautes Potemkinsches Dorf. Zwar sank die Arbeitslosenquote auf ein Rekordtief, eine Folge der Politik von Trumps Vorgänger Barack Obama. Auch das Wirtschaftswachstum ist beachtlich. Doch das, so erwartet die Investmentbank Goldman Sachs, werde sich 2019 "deutlich verlangsamen" - schon ohne Mithilfe der Fed.

Denn der Boom stützt sich meist auf legislatives Doping wie Trumps Steuerreform, von der wiederum oft nur Großverdiener, Konzerne und Aktionäre profitieren. Schon schwächeln die Bereiche der Wirtschaft wieder, die steigende Kreditkosten zuerst spüren, zum Beispiel die Auto- und Bauindustrie.

Auch die Immobilienpreise fallen plötzlich. Darüber hinaus hat Trumps Twitter-Handelskrieg Folgen, nicht nur für den US-Autobauer General Motors.

Zugleich fehlt es - dank der republikanischen Deregulierungsmaßnahmen - an Rettungsankern, sollte das System noch mal wanken. "Ich sorge mich, dass es eine erneute Finanzkrise geben könnte", sagte Powells Vorgängerin Janet Yellen vorige Woche.

Solche Sorgen infizieren inzwischen auch die Märkte. Der Dow Jones fiel am Montag auf den tiefsten Stand seit April, bevor er sich am Dienstag wieder etwas erholte. "Bringt euch in Sicherheit", warnte Alan Greenspan, der die Fed früher geleitet hatte, die Anleger auf CNN - es werde nicht besser, sondern nur noch schlechter.

Deshalb könnte eine erneute Zinsanhebung tatsächlich destabilisierend wirken. Was tun? So oder so, Powell müsse in seiner Pressekonferenz klarstellen, dass er sich nichts von Trump sagen lasse, riet das "WSJ" - doch räumte ein: "Das wird Trump nicht aufhalten."

insgesamt 23 Beiträge
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Actionscript 19.12.2018
1. Die Steuerreform....
...sollte den Firmen doch genügend Kapital bereitstellen, um zu investieren. Ausserdem sind die Zinsen immer noch sehr niedrig im Vergleich zu anderen Zeiten. Und die Preise steigen täglich. Sieht man sich nur den Immobilienmarkt der vergangenen Jahre an, zB in Kalifornien, so müssten die Zinsen schon lange viel höher sein, auch um den enormen Boom und Preisanstieg zu bremsen. Eines ist klar, die Trumpsche Wirtschaftspolitik war ein schnelles Feuer, was jetzt erlöscht und viele Trümmer hinterlassen wird. So kann man natürlich auch die Anhebung der Zinsen verhindern.
Meconopsis 19.12.2018
2. Deprimierend
Quer durch fast alle Medien wird die Unabhängigkeit der Notenbanken als ein hohes Gut gefeiert. Gilt allen Marktgläubigen als integraler Bestandteil einer ordenlichen Demokratie. Die Vierte Gewalt gewissermaßen. Das alles zählt natürlich nur, wenn man Demokratie sehr stark eingrenzt, auf den aktuellen Rahmen beschränkt, den uns Banken, Finanzindustrie und Großkonzerne setzen. Traurig nur, dass es ausgerechnet rechtslastige Regierungen sind, die dieses System herausfordern (mit fragwürdigen Zielen). Die Linke ist so schwach wie nie - sie hat sich, übers internationalistische Credo, genau von denen einfangen lassen, die sie eigentlich hart bekämpfen müsste.
sven2016 19.12.2018
3. Trump sichert sich eben nur ab.
Steigen die Zinsen, wird er den Wirtschaftsabschwung darauf und auf unfaire Importe aus China und EU abwälzen, steigen sie nicht, wird er prahlen, nur er have den Durchblick in der Geldpolitik und die Banker hätten es jetzt eingesehen. Egal was geschieht, er ist immer auf der richtigen Seite. Dummköpfe können sowas gut. Nennt man es nicht „Dunning-Kruger-Effekt“?
uhu_13 19.12.2018
4. Immobilienpreise in den USA sind an Gehalt un Zinsen gekoppelt
Wenn man 30% des Einkommens fuer Wohnen ausgibt und die Zinsen steigen, muessen die Preise sinken. Es ist ein "auf Kredit" Kaufmarkt. (Je nach Einkommensschicht oder je nach Lage sind es leider meistens mehr als 30% Belastung).
iasi 19.12.2018
5. EZB vs FED
Solange die EZB den Markt mit Geld flutet, wird jede Zinserhöhung der FED dazu führen, dass der Dollar stärker wird und das Handelsbilanzdefizit der USA nicht sinkt. Trumps erklärtes Ziel ist nun einmal der Abbau des US-Handelsdefizits, daher ist Kritik an einer FED-Entscheidung, die dies verhindert, legitim.
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