Ungezügelte Kurznachrichten Was Donald Trump für Twitter wert ist

Niemand generiert so viel Aufmerksamkeit wie Donald Trump - auch bei Twitter. Doch ihr wichtigster User könnte der Marke auch erheblich schaden.

Donald Trumps Twitteraccount
Twitter

Donald Trumps Twitteraccount

Von


Donald Trump liebt Twitter. Der US-Präsident greift meist in den frühen Morgenstunden zum Smartphone, um Verbalattacken und politische Ankündigungen in die Welt zu senden. Ungefiltert und ohne die Kanäle der klassischen Medien, die er so verabscheut. Trump selbst bezeichnete den Kurznachrichtendienst einmal als "wunderbare Sache, weil ich meine Botschaft verbreiten kann." Der Präsident sagte gar: "Ohne Twitter wäre ich vielleicht gar nicht hier."

Trumps Tweets sind ein Segen für das kriselnde soziale Netzwerk, seine kontroversen Botschaften entfalten enorme Reichweite, werden von Nachrichtenagenturen und Medienhäusern auf der ganzen Welt aufgegriffen und verbreitet. Das steigert die Bekanntheit von Twitter.

Experten schätzen, dass allein wegen Trump eine Menge neue Nutzer auf die Plattform gespült wurden: Allein die Hälfte des für das Frühjahr 2017 verzeichneten Nutzerwachstums soll auf ihn zurückgehen. Während seines Wahlkampfs hatte Trump rund 17 Millionen Follower, inzwischen sind es bereits 36 Millionen.

Analysten meinen, dass sich Trumps Tweets auch wirtschaftlich für das soziale Netzwerk auszahlen. James Cakmak, Analyst bei der US-Investmentgesellschaft Monness Crespi Hardt, schätzt den Wert von Trump für Twitter auf zwei Milliarden Dollar - fast ein Fünftel des gesamten Firmenwerts. "Es gibt keine bessere Werbung für Twitter als den Präsidenten der USA", sagte Cakmak der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ganz genau lässt sich der monetäre Wert von Trump für Twitter sicher nicht berechnen. Schließlich handelt es sich um einen sogenannten immateriellen Vermögensgegenstand für die Firma, der den Wert der Marke indirekt beeinflusst. Das Asset Trump taucht deshalb auch nicht in der Bilanz von Twitter auf.

Analyst Cakmak glaubt dennoch, dass Twitter inzwischen wirtschaftlich extrem abhängig von Trump geworden ist. "Wenn Trump aufhören würde zu twittern, würde die Firma rapide an Wert verlieren", sagt er. Zwar würde das nicht zu einem Massenexodus vieler Nutzer führen, aber mit einem Mal wäre der wichtigste Nutzer der Plattform verschwunden. Twitter würde in der breiten Öffentlichkeit wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Der ideelle Firmenwert wäre erheblich geschmälert.

Ein Blick auf die nackten Unternehmensdaten zeigt allerdings, dass sich Trumps Tweets für Twitter bislang nicht in höheren Umsätzen niederschlagen:

  • Anfang 2016 begann Trump, Twitter intensiv für seinen Wahlkampf zu nutzen. Doch seitdem schrumpfen die Werbeeinnahmen des Kurznachrichtendienstes, obwohl der digitale Werbemarkt in den USA boomt.
  • Im vergangenen Quartal machte die Firma einen Verlust von 116,5 Millionen Dollar. Seit dem Wahlsieg Trumps hat die Twitter-Aktie rund acht Prozent an Wert verloren. Seit dem Börsengang 2013 sind es sogar 60 Prozent.
  • Insgesamt sanken im zweiten Quartal 2017 die Umsätze um fünf Prozent, das Management warnte bereits, dass sich das im zweiten Halbjahr nicht wirklich verbessern dürfte. Das zeigt: Twitter ist noch immer ein Nischenmedium für Journalisten und Medienschaffende - daran hat auch Trump nichts geändert.

Hinzu kommt: Trump stellt auch ein finanzielles Risiko für die Plattform dar. Denn es ist fragwürdig, ob Trump wirklich als Testimonial taugt. Seine Tweets sind häufig aggressiv, selbst seine Mitarbeiter sollen sich mittlerweile davor fürchten. Mittelfristig könnten sie sogar das Image des Unternehmens beschädigen - in der öffentlichen Wahrnehmung ist Twitter bereits heute vor allem eine Plattform für Trump, die es ihm ermöglicht, politische Gegner und Medien zu verunglimpfen.

Twitter-Chef Jack Dorsey
Getty Images for Thurgood Marshall College Fund

Twitter-Chef Jack Dorsey

Bei US-Amerikanern kommen Trumps Twitter-Aktivitäten jedenfalls nicht besonders gut an, wie eine Umfrage unter rund 1.000 Zuschauern des konservativen TV-Senders Fox News zeigt. Demnach heißen gerade einmal 17 Prozent aller Befragten die Tweets des Präsidenten gut; mehr als ein Drittel wünscht sich, Trump wäre sorgsamer im Umgang mit seinen Kurznachrichten.

Erst kürzlich beschwerten sich Nutzer, dass Trumps militärische Drohungen gegenüber Nordkorea gegen die Nutzungsbedingungen von Twitter verstoßen würden. Schließlich verbietet die Plattform Androhungen von Gewalt.

Für viele User passt der reaktionäre US-Präsident nicht zu einem Medium, das in San Francisco gegründet wurde und Sprachrohr einer toleranten, weltoffenen Welt sein will. Viele Unternehmen aus dem Silicon Valley hatten sich im Wahlkampf klar gegen Trump und für Hillary Clinton positioniert.

Die ehemalige CIA-Agentin Valerie Olame Wilson startete sogar eine Crowdfunding-Kampagne. Sie sammelte Geld mit dem Ziel, Twitter zu kaufen und anschließend Trumps Profil zu sperren. Der PR-Gag sorgte für viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.

Twitter steckt also in einem Dilemma. Die Firma ist einerseits extrem abhängig von Trump, andererseits schadet der Präsident dem Image des Dienstes. Jüngst teilte Twitter-Chef Jack Dorsey mit, dass Trump wichtig für das Netzwerk sei. Doch Trumps erste Amtszeit endet in drei Jahren. Sollte er nicht wiedergewählt werden, hätte es sich spätestens dann mit dem Trump-Effekt bei Twitter erledigt. Eine langfristige Strategie, Nutzer zu gewinnen, sieht anders aus.

Mehr zum Thema


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
archangel357 30.08.2017
1. Ein wichtiger Aspekt wurde hierbei nicht erwähnt...
...nämlich der, dass Trumps "Reichweite" geradezu lächerlich aufgeblasen ist. Ein Blick auf die RTs & Likes zeigt, dass der enthusiastische Beifall für Trumps Äußerungen von Accounts we "realamerican12345" zum allergrößten Teil von Bots oder Trollen stammt - und die sind halt für Werbung irrelevant. Mittlerweile geht doch jeder, der sich halbwegs mit Twitter auskennt, davon aus, dass wenn man einen Account sieht, der nur aus Stars & Stripes besteht, dieser wohl mit einem bezahlten Teenager in Skopje oder Chisinau verbunden ist - und eben NICHT mit einer Hausfrau aus Wisconsin: Warum sonst gäbe keiner dieser Accounts eine Location an, und warum tweeten die alle zu osteuropäischen Arbeitszeiten? Und das wissen natürlich auch die Werbekunden. Wenn @jack tatsächlich etwas am Image von Twitter tun wollte, ohne Trump zu sperren, wäre die einfachste Lösung die, die Zigtausend russischen Bots & 4chan-Trolle loszuwerden; Trumps Tweets hätten dann auch nur 10-20% der jetzigen Interaktionen. Denn den normalen Usern gehen die Millionen von "Trump is best prezident!"-Kommentare gehörig auf den Geist, und jeder Versuch von Twitter, mit User-Zahlen zu werben, stößt nur noch auf ein "joa, und wieviele davon sind Bots?".
Celestine 30.08.2017
2.
"Niemand generiert so viel Aufmerksamkeit wie Donald Trump - auch bei Twitter. Doch ihr wichtigster User könnte der Marke auch erheblich schaden." Trump ist nicht der wichtigste User, sondern befindet sich nur an 27. Stelle bzgl. der Menge der Followers. Sogar Obama befindet sich immer noch am Platz 3, und sein Kommentar zur Gewalt in Charlottesville wurden zu "the most 'liked' tweet of all time". Die Rangliste finden Sie in en.wikipedia.org unter List of most followed users on Twitter. Dass die Tweets von Trump vom politischen Inhalt her die wichtigsten sind, ist eine andere Sache, kommerziell für Twitter sind sie es nicht.
shekina_niko 30.08.2017
3. Trumps Politisieren per Twitter...
...ist ein gefährliches Unding, zeigt es doch auf, dass Trump oft öffentliche Äußerungen macht, ohne sie mit seiner Regierung oder Berater abzusprechen. Er könnte so theoretisch aus dem Bauch heraus einen Krieg provozieren. Dass er nicht zurückgepfiffen wird, ist fahrlässig. Was zudem bedenklich ist, dass nicht nur Trump selbst auf Twitter zu Gewalt aufruft, sondern dass dies bei Trump-Anhängern längst salonfähig ist. Siehe z.B. diesen Thread vom 26.8.17, wo es in zahlreichen Beiträgen heißt, Demonstranten, die sich einem Militär-Laster mit Trump-Fahne in den Weg stellten, sollten besser ermordet werden. https://twitter.com/President1Trump/status/901365751889702912
marialeidenberg 30.08.2017
4. Ist Trump
denn wirklich werbewirksam?
Morpheus Nudge 30.08.2017
5.
Dieses Forum ist wie gemacht dafür, nochmal das "Trump Twitter Archiv" zu erwähnen, auch wenn man des Englischen natürlich mächtig sein muss, um drin zu stöbern. http://www.trumptwitterarchive.com/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.