Dortmunder Bergmann Bier Hopfen und Malz, der Pott erhalt's

Kohle, Stahl und Bier - dieser Dreiklang bestimmte jahrzehntelang das Leben in der Ruhrmetropole Dortmund. Zechen und Hochöfen haben schon lange dichtgemacht, die Traditionsbrauereien ihre Eigenständigkeit verloren. Mit einer Ausnahme: Ein Mikrobiologe hat eine alte Marke neu belebt.

Appelhans / Bergmann

Von , Dortmund


Langsam füllt sich der Raum hinter den meterhohen Kolonnaden mit Bier. Goldgelb leuchtet es in der Dämmerung. Dann bildet sich am Dach des "Dortmunder U" eine gigantische Schaumkrone.

Thomas Raphael hat von seinem Büro aus einen perfekten Blick auf dieses Schauspiel: eine Kunstinstallation des Regisseurs Adolf Winkelmann, ein Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010. Es sind riesige LED-Bildflächen, auf denen Videofilme laufen. Sechs Meter große Tauben sind zu sehen, ein virtuelles Aquarium - und eben Bier.

Nichts könnte besser zu diesem Gebäude passen. Das "Dortmunder U" ist das denkmalgeschützte frühere Gär- und Lagerhochhaus der Union-Brauerei. Jetzt soll es sich zum Zentrum für Kreativwirtschaft entwickeln. Auf dem Dach prangt weithin sichtbar ein neun Meter hohes, goldenes U - seit mehr als vier Jahrzehnten ist es ein Wahrzeichen der Stadt im östlichen Ruhrgebiet.

"Die ganze Stadt roch nach Bier"

Es ist kein Zufall, dass sich Thomas Raphaels Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Er ist in Dortmund geboren, kletterte als Jugendlicher gerne auf dem Turm herum. Das war Anfang der siebziger Jahre. Mit Dortmund verband man damals vor allem drei Dinge: Kohle, Stahl und Bier.

"Die ganze Stadt roch nach Bier", erinnert sich Thomas Raphael. Rund siebeneinhalb Millionen Hektoliter füllten die Brauereien dort jährlich ab - so viel wie nirgendwo sonst in Europa. Es gab protestantisches Bier (Union), katholisches Bier (Thier), Arbeiterbier (Hansa) und sogar Sonntagsbier (Kronen). Doch dann schlossen erst die Zechen, dann kam es zum Brauereisterben. Sicher, man kann auch heute noch die Traditionsmarken wie Brinkhoffs trinken. Doch sie kommen mittlerweile alle aus der DAB-Brauerei im Norden Dortmunds - und gehören zur Radeberger Gruppe, einer Tochter des Oetker-Konzerns.

Thomas Raphael ist für die einzige Ausnahme verantwortlich: das Dortmunder Bergmann Bier (DBB). Der 52-Jährige sitzt an seinem Schreibtisch und erzählt die Geschichte von der Wiederbelebung der fast vergessenen Marke. Er benutzt dabei häufig Wörter wie Bierkultur oder Lokalpatriotismus - und man merkt ihm an, wie sehr es ihn wurmt, dass all die großen Dortmunder Brauereien schrumpften, verschwanden und zusammengelegt wurden.

Ein alter Krug und neue Erfahrungen

Die Geschichte beginnt mit einem alten Bierkrug vom Flohmarkt. Jahrelang steht der Kelch mit DBB-Logo bei Thomas Raphael im Regal. Die Brauerei, 1796 von der Familie Bergmann gegründet und im Stadtteil Rahm beheimatet, gibt es schon seit 1972 nicht mehr. Aus Langeweile stöbert der gelernte Mikrobiologe Raphael im Sommer 2005 in einer Online-Datenbank - und kauft für ein paar hundert Euro den mittlerweile verfallenen Markennamen. "Das war ein Jux", sagt er heute. Eine Bierlaune sozusagen. Aber wo die Urkunde mit den Namensrechten schon mal über seinem Schreibtisch hängt, will er sie auch nutzen.

Doch wie bloß? Eine kleine Brauerei in Hagen bietet zwar Hilfe an, will aber mindestens ein paar tausend Liter herstellen, damit es sich für sie lohnt. "Und die Menge kann man ja nicht mal eben so am Wochenende wegtrinken", sagt Raphael. Freunde und Bekannte helfen ihm schließlich beim Trinken - und beim Vermarkten. Vor allem jedoch wird das Bergmann Bier auf einer großen Party verteilt. Eine Lokalzeitung berichtet über die Aktion.

Was dann passiert, überrascht Raphael. Hunderte E-Mails und Anrufe seien eingegangen, sogar Anfragen von Händlern. "So einen Zuspruch kannte ich aus meinem Beruf nicht", sagt er. Raphael arbeitet als Umweltberater für Betriebe aus der Lebensmittelindustrie und hat eher mit Abwasser zu tun, nicht mit Brauwasser. Es ist "diese alte Bierkultur in Dortmund", die ihn den Schritt wagen lässt, sich mit der Bergmann Brauerei ein zweites Standbein zu schaffen. Gemeinsam mit einem befreundeten Unternehmensberater gründet er 2007 eine GmbH. Zur Finanzierung des Projekts geben sie Genussscheine aus. Ein Gehalt leisten sich die beiden bis heute nicht.

Einen Makel hat die Geschichte aber noch: Das Bier wird zunächst in zwei kleinen Brauereien in der Umgebung gebraut, kommt also nicht aus Dortmund. Das ändert sich erst 2010.



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insgesamt 7 Beiträge
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Roana, 03.01.2011
1. Weiter so!
Es gab eine lange Zeit, in der Tradition in Deutschland bestenfalls als etwas altmodisches betrachtet wurde... als etwas, das nicht mehr zeitgemäß ist und mit dem sich nix verdienen läßt. Solche Ansätze, Traditionen wiederzubeleben, finde ich lobenswert. Leider wohne ich zu weit weg... an einem guten obergärigen Bier mit Character hätte ich auch Interesse... aber wir haben hier auch eine "Wirtshausbrauerei" die süffiges Bier in kleinen Mengen herstellt...
Azenion, 03.01.2011
2. Die Bergmänner Bier und Pils und Brauerei
Ist das Deppenleerzeichen tatsächlich schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchlich gewesen? Oder hat es damals noch korrekt Bergmann-Bier, Bergmann-Pils und Bergmann-Brauerei geheißen?
GyrosPita 03.01.2011
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Ja, vom Saufen versteht man was im Ruhrgebiet...
Jay's, 03.01.2011
4. Dortmund
hatte zu meiner Jugendzeit 7 Brauereien. Dortmund hat das perfekte Wasser zum Bierbrauen. Als ich noch zur Schule ging, gehoerte mindestens ein Brauereibesuch zum Schulplan. Wir durften zwar kein Alkohol trinken, bekamen dafuer aber Dunkelbier und dazu belegte Broetchen. Die Kronenbrauerei war damals in Privatbesitz und hatte noch ein paar Pferdekarren. Die Besitzer hatten sich verpflichtet, Tiere zu halten in der Brauerei. Ja, da kommen bei mir so alte Erinnerungen hoch. Seufz, manchmal wuerde ich schon gerne die Zeit zurueckdrehen.
fuchsenberger 03.01.2011
5. Harte Arbeit, ehrlicher Lohn.
Ich lasse mich selten von irgendwelchen Tischaufstellern in Gastronomien dazu verführen, das beworbene Produkt tatsächlich zu bestellen. Als ich jedoch eines Tages dieses kultige Logo nebst dem Slogan "Harte Arbeit, ehrlicher Lohn." zu sehen bekam, war mein Interesse sofort geweckt! Und siehe da: Das Bier schmeckte mir so gut, dass ich mich direkt voller Begeisterung quer durch das ganze Sortiment "gearbeitet" habe (es war Wochenende ;)). Meine Empfehlung! Kann man auch prima als Dortmunder Spezialität verschenken.
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