Turbulenzen an den Aktienmärkten "Der Börsenaufschwung ist noch nicht vorbei"

Die Börsen haben eine turbulente Woche hinter sich. Die renommierten Anlagestrategen Henning Gebhardt und Matthias Born erklären, warum es dennoch nicht zum Crash kommt - und wo sich Anlegern Chancen bieten.

Ein Fernseher an der New Yorker Börse
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Ein Fernseher an der New Yorker Börse

Ein Interview von


Nach monatelanger Partystimmung an den Börsen schlug in dieser Woche die Stimmung um: Am Montag kam es zu einem Massenverkauf von Aktien in den USA. Der US-Leitindex Dow Jones verlor an einem einzigen Tag 1600 Punkte - so viel wie nie zuvor in seiner Geschichte. Auf die US-Panik folgten Kurseinbrüche an den Börsen in Asien und Europa. Zwar erholten sich die Kurse im Verlaufe der Woche wieder etwas, doch unterm Strich steht eine schwarze Börsenwoche.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gebhardt, Herr Born, sind die aktuellen Kurseinbrüche ein Anzeichen dafür, dass uns ein großer Crash bevorsteht?

Gebhardt: Die Kursausschläge nach unten in dieser Woche waren heftig, ja. Aber wir sollten das nicht überbewerten und in Panik verfallen. Wir glauben nicht, dass die derzeitigen Turbulenzen das Ende des Börsenaufschwungs bedeuten. Wir sehen gerade eine überfällige Korrektur, die nötig war, weil die Kurse in den vergangenen Monaten stark gestiegen sind.

SPIEGEL ONLINE: Waren Anleger in den vergangenen Monaten zu optimistisch?

Born: Ja, viele haben sich zu sehr an die bequeme Situation gewöhnt, dass die Börsen nicht mehr schwanken, denn seit neun Jahren geht es am Aktienmarkt praktisch nur nach oben. Aber das war nicht ganz normal und ist nicht ewig so fortzuschreiben. Jetzt sind die Schwankungen an den Börsen zurück, das gehört dazu.

Zur Person
  • Das Lichtbild Studio
    Henning Gebhardt ist einer der renommiertesten Anlagestrategen Deutschlands. Seit Januar 2017 ist er Mitglied der erweiterten Geschäftsführung der Hamburger Privatbank Berenberg und leitet dort die Vermögensverwaltung. Zuvor war er mehr als 20 Jahre im Deutsche Bank-Konzern tätig, zuletzt leitete er das globale Aktiengeschäft der Deutsche-Bank-Tochter DWS.

SPIEGEL ONLINE: Warum trifft es die Börsen ausgerechnet jetzt?

Gebhardt: Der erste Auslöser für die Verkäufe waren positive US-Arbeitsmarktdaten. Die deutlichen Lohnzuwächse könnten die Inflation antreiben und die Notenbanken dazu veranlassen, die Zinsen schneller anzuheben als bisher geplant - so die Sorge vieler Investoren. Denn seit Jahren werden die Börsen durch die ultralockere Geldpolitik angetrieben und gestützt. Das viele Geld, das die Notenbanken durch ihr Programm in den Markt pumpten, gaben Investoren aus, um Aktien zu kaufen. Nun haben einige Investoren Sorge, dass es damit bald vorbei sein könnte.

Zur Person
  • Markus Hujara
    Matthias Born ist Chefanlagestratege für Aktien bei der Hamburger Privatbank Berenberg. Davor arbeitete er als Fondsmanager bei Allianz Global Investors.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie diese Sorge?

Gebhardt: Nein, von einem endgültigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik der Zentralbanken sind wir noch weit entfernt. Noch immer wachsen die Geldmengen, wenn auch in einem niedrigeren Tempo als bisher. An den Zinsmärkten sehen wir eher eine Normalisierung der Verhältnisse als eine Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen also damit, dass sich die Märkte in den kommenden Monaten wieder positiv entwickeln werden?

Gebhardt: Absolut.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen Sie ausgerechnet nach einer Woche, in der Dow Jones, Dax und Euro Stoxx abrauschten?

Gebhardt: Es mag Sie überraschen, aber die Voraussetzungen für eine gute Börsenentwicklung sind nach wie vor gegeben. Der aktuelle Kursverfall hat nichts damit zu tun, dass es der Wirtschaft oder den Unternehmen schlechter geht. Das wirtschaftliche Umfeld ist vielmehr hervorragend: Die Weltwirtschaft zeigt ein robustes Wachstum, die Gewinne und Umsätze der Unternehmen entwickelten sich zuletzt besser als erwartet, und die Arbeitslosigkeit ist niedrig.

Born: Wir sollten uns außerdem nicht nur auf die Geldpolitik fokussieren. Die langfristige Entwicklung hängt immer noch von den Gewinnen der Unternehmen ab. Das ist am Ende des Tages das, was die Börsen bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es stattdessen weiter in die andere Richtung geht?

Born: Kurzfristig kann es immer wieder zu Schwankungen kommen, das ist klar und nicht vorherzusehen. Aber Privatanleger sollten nie kurzfristig reagieren. Unzählige Studien zeigen, dass es für Anleger unmöglich ist, den richtigen Ausstiegs- und Einstiegszeitpunkt zu finden. Deshalb ist es wichtig, dauerhaft über Jahre hinweg investiert zu bleiben - und Schwankungen auszuhalten, denn langfristig wird es nach oben gehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum waren in dieser Woche die Kursausschläge besonders groß?

Gebhardt: Die große Verkaufswelle lösten computergestützte Handelsstrategien aus: Viele Computer verkaufen automatisch, wenn sie vorher festgelegte Signale bekommen und dann eine Kursschwelle erreicht wird. Außerdem führte der starke Anstieg der Volatilität, also der Schwankungsintensität, zu automatisierten Verkäufen.

Born: Zudem hatten viele Anleger zuletzt mit speziellen Derivaten darauf gewettet, dass die Finanzmärkte von Turbulenzen verschont bleiben. Denn monatelang befand sich das Schwankungsbarometer "VIX" auf historischen Tiefstständen. Doch dann schoss dieses "Angst-Barometer" in den vergangenen Tagen extrem in die Höhe, das hat den Markt nach unten gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Privatanleger investieren ihr Geld inzwischen in ETFs, also Fonds, die automatisiert einen ganzen Index wie den Dax abbilden. Spielten auch diese Produkte bei den starken Verkäufen eine Rolle?

Gebhardt: Immer wieder wird argumentiert, dass ETFs mit ihrer Marktmacht den Abschwung verstärken können, wenn Kunden ihr Geld abziehen, weil ETFs dann Aktien verkaufen müssen. Aber das gilt für klassische von einem Fondsmanager gesteuerte Produkte genauso. Wir sehen beim aktuellen Kursrückgang keinen Zusammenhang mit ETFs.

SPIEGEL ONLINE: Sie beide sind aktive Fondsmanager und verwalten Millionen für Ihre Kunden. Wie haben Sie reagiert, als die Kurse einstürzten?

Gebhardt: Als Aktieninvestor muss man damit leben, dass es zu Schwankungen kommt. Wir haben einen kühlen Kopf bewahrt und haben den Moment genutzt, um in einigen Fonds unsere Aktienquote zu erhöhen und Aktien nachzukaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wo gibt es für Anleger jetzt noch Chancen?

Born: Der europäische Aktienmarkt ist sehr spannend, weil die europäische Wirtschaft gegenüber der schon stark wachsenden US-Wirtschaft Aufholpotenzial hat. So ist die Wirtschaft in der Eurozone im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent gewachsen - so schnell wie seit der Finanzkrise nicht mehr, und im Übrigen auch schneller als in den USA.

Gebhardt: Hinzu kommt, dass der europäische Aufschwung noch recht jung ist. Die europäische Wirtschaft wächst gerade mal seit 18 Monaten. Da ist noch eine Menge Luft nach oben. Deshalb präferieren wir auch europäische Aktien.

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cup01 11.02.2018
1. ... und denken tut er ...
Börsen dienen Unternehmen gegen Ausgabe von Aktien zur Geldbeschaffung. Seitdem Geld so billig geworden ist, ist davon zu viel im Markt. Nun ist die Börse nur noch eine von Algorithmen gesteuerte Zockerbude, die mit Fundamentaldaten nichts mehr zu tun hat. Ausserdem wird an der Börse die Zukunft gehandelt. Was soll da noch kommen, wenn zurzeit schon alles rosig ist. Also Kasse machen!
boecka 11.02.2018
2.
Sorry, aber das sehe ich deutlich anders, was Favoriten betrifft. Der europäische Wirtschaftsraum war und ist in erster Linie ein künstlich- politischer, der auf kurze Sicht schon im März bei den Italien-Wahlen schwere Schläge einstecken wird müssen. Am amerikanischen Wirtschaftsraum geht trotz der hohen Verschuldung kein Weg vorbei, auch wenn die Bewertungen noch 20-30% zu hoch sind für einen Einstieg. In Europa ist kein Geld verdient außer vielleicht mit globals wie L’Oréal und nestle.
MikeRubato 11.02.2018
3. Investiertiert bleiben ...
... ist das Motto der Stunde. Theoretisch kann man verkaufen, hat dann z.B. 100TEuro auf dem Bankkonto liegen, und dann? Geht es weiter bergab, wann steigt man wieder ein, bei -10%, -20%? Und wenn dieser Wert nicht erreicht wird, steigt man dann irgendwann zu höheren Kosten wieder ein? Kann man alles machen, wenn man Zeit und Nerven hat. Aber das Geld kann aktuell nirgends anders hin als an die Börse, und es wird immer noch fleißig weiter und weitergedruckt. Steigende Zinsen, in Europa unmöglich, wegen der Schuldenländer. Es wird weitergehen. Die Party läuft nämlich anders: nicht die Immobilien- und Aktienpreise sind ÜBERtrieben, sondern die normalen Lebenshaltungskosten sind UNTERtrieben, wenn man die stark gewachsene Geldmenge zugrunde legt. Und das heißt, bald werden wir eine galoppierende Inflation sehen, bis die normalen Lebenshaltungskosten und Löhne zu den gestiegenen Assetpreisen wieder passen, siehe schonmal den IG Metall Abschluß als Beispiel. Dann werden sich die Sparer wundern, denn sie haben die Entschuldung der Pleitestaaten bezahlt, ihre Ersparnisse sind 20% weniger wert, und die Griechen und Franzosen gehen weiterhin mit 60 in Rente. Das ist der Plan, und er läuft schon lange, und er wird weiterlaufen.
samsix 11.02.2018
4. Und jetzt?
Das sollte doch für Zufriedenheit sorgen. Die immer wieder beklagte ungerechte Entwicklung der Vermögen, hat sich innerhalb einer Woche doch mal kräftig nivelliert. Da haben die paar Superreichen mal eben ein paar Billiönchen verloren. Vielleicht hilft dieses Ereignis ja, die allgemein ausgebrochene Neiddebatte zu beruhigen. Die Gegenposition zu höherem Vermögenszuwachs ist noch immer das Risiko. Und vorallem sollten wir hoffen, dass die Entwicklung an den Börsen sich nicht in einen echten Crash wandelt. Dann werden die Verluste der Superreichen nämlich auch bei den Arbeitsplätzen spürbar.
Frankonia 11.02.2018
5. Also merken wir uns: Wachstum um alles, es wird nach Einschätzung
der Profis keine "krasse" Börsenkrise geben und es wird, vielleicht etwas langsamer als bisher, steigende Kurse in Europa geben und Wachstum, Wachstum, Wachstum... Also von Moral und von möglichen Schäden an Mensch und Umwelt, dem immer gnadenloseren Wettbewerb bei dem viele Menschen aussortiert werden usw. oder von Menschen in Wirtschaftlich ausgebeuteten Ländern oder den immer gößeren Schäden an der Umwelt, das war nicht das Thema. Aus meiner Erfahrung und Einstellung: Ich werfe in das Loch Börse kein Geld mehr rein :-) MfG
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