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Dreiste Strompreise: Parlament prüft Machtmissbrauch der Energiegiganten

Die Energiekonzerne geraten unter Druck: Laut einer Studie haben sie die Strompreise zu stark erhöht und Kunden um viele Millionen Euro geprellt. Der Verbraucherausschuss des Parlaments will den Vorwürfen nun nachgehen - und von den Konzernen notfalls Rückzahlungen fordern.

Strommast: Preisaufschläge empören Parlamentarier Zur Großansicht
dpa

Strommast: Preisaufschläge empören Parlamentarier

Berlin - Die Energieriesen haben mit fragwürdigen Begründungen die Strompreise erhöht - jetzt soll das Parlament prüfen, ob sie den Verbrauchern zu viel Geld abknöpfen. Der Verbraucherausschuss des Bundestags werde entsprechenden Vorwürfen in seiner nächsten Sitzung nachgehen, sagte dessen Vorsitzender Hans-Michael Goldmann (FDP) der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

"Wenn die Energieversorgungsunternehmen etwas gemacht haben, was nicht in Ordnung ist, und dazu Monopolstrukturen genutzt haben, muss es eine Rückerstattung an die Bürger geben", sagte der FDP-Politiker. Goldman warf den Unternehmen "mangelnde Transparenz in der Preisgestaltung" vor. "Von einem harten Wettbewerb kann auf dem Strommarkt keine Rede sein."

Der Strompreis kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Preise für Endverbraucher seit Januar 2008 um gut sieben Prozent gestiegen. Für rund zwei Millionen Haushaltskunden ist die jüngste Erhöhung gerade vorbei: Der Energieriese RWE hat zum 1. August den Strompreis um 1,5 Cent pro Kilowattstunde angehoben.

Der Strommarkt-Experte Gunnar Harms hatte am Dienstag eine Studie vorgelegt, der zufolge RWEs Aufschläge nicht gerechtfertigt sind. Auch die Preispolitik anderer Energieversorger kritisierte er. Insgesamt hätten die Versorger den Verbrauchern im vergangenen Jahr bis zu einer Milliarde Euro zu viel abgeknöpft, so das Ergebnis der im Auftrag der Grünen erstellten Erhebung.

RWE lieferte für die Preiserhöhung eine nur lückenhafte Begründung (siehe Infobox links). Die Hälfte der Preiserhöhung rechtfertigte der Konzern damit, dass die Beschaffungskosten für Strom gestiegen seien. Der Konzern teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, Strom für Verbraucher mit einem Vorlauf von drei Jahren einzukaufen.

Nach Harms' Berechnungen ist der Einkaufspreis dafür allerdings seit 2008 gefallen. Das bedeutet: Entweder hat der Konzern seinen Strom zu teuer eingekauft - und wälzt die Kosten jetzt auf die Kunden ab. Oder aber RWE hat den Strom günstig eingekauft - und erhöht jetzt durch den Preisaufschlag seine Gewinnspanne.

Zu wenige Verbraucher wechseln den Anbieter

Entkommen könnten die Verbraucher dem Preisaufschlag durch einen Wechsel zu einem anderen Anbieter. Doch laut Bundesnetzagentur wechseln pro Jahr gerade fünf Prozent der Verbraucher ihren Tarif. Die Energiekonzerne werten das als Zeichen für die eigene Wettbewerbsfähigkeit. In Wahrheit sind viele Verbraucher wohl einfach zu träge, sich einen günstigeren Tarif zu suchen.

Dabei ist es kinderleicht, den Stromanbieter zu wechseln. Über kostenlose Preisvergleichsportale wie Verivox.de oder Toptarif.de findet man binnen Minuten den günstigsten Anbieter in der eigenen Region - den Vertragswechsel selbst wickelt der neue Versorger fast vollständig für den Verbraucher ab (siehe Infobox links).

Manche Verbraucher monieren, dass der Anbieterwechsel oft ein sehr langwieriges Verfahren sei. Tatsächlich dauert eine Umstellung derzeit im Schnitt sechs bis acht Wochen. Die Bundesnetzagentur setzt sich bereits dafür ein, dass ein Wechsel maximal drei Wochen dauert.

ssu

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Teure Energie
Wie RWE seine Strompreiserhöhung rechtfertigt
Begründung Nummer eins: "Erneuerbare Energien treiben den Strompreis"
RWE argumentiert, die Umlage für erneuerbare Energien sei deutlich gestiegen. Über diese beteiligen sich Verbraucher und Unternehmen am Ausbau alternativer Energiequellen wie Solar- und Windkraft. Zum 1. Januar 2010 wurde die Umlage bundesweit einheitlich auf 2,05 Cent pro Kilowattstunde festgesetzt. RWE sind dadurch nach eigenen Angaben Mehrkosten von 0,73 Cent pro Kilowattstunde entstanden - also gut die Hälfte der Strompreiserhöhung um 1,5 Cent.

Es ist abzusehen, dass die EEG-Umlage 2011 erneut steigen wird - doch RWE gibt an, diese erneute Steigerung sei beim aktuellen Preisaufschlag nicht berücksichtigt.
Begründung Nummer zwei: "Der Einkaufspreis steigt"
Für den restlichen Preisaufschlag von 0,77 Cent gibt RWE eine zweite Rechtfertigung: Die Beschaffungskosten für Strom seien gestiegen, erklärt der Konzern.

Doch Harms wiederspricht. Seinen Berechnungen zufolge mussten Versorger wie RWE, die Strom mit drei Jahren Vorlaufzeit kaufen, 2009 im Branchendurchschnitt 6,0 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Dieses Jahr sind es nur noch 5,8 Cent, 2011 sollen noch 5,7 Cent sein.

Harms berechnet diese Kosten anhand des sogenannten Basistarifs der Strombörse EEX. Spitzenlastpreise, die im Schnitt 25 Prozent des Strompreises ausmachen, lässt er außen vor. Seine Rechnung wird dadurch etwas unscharf, die Grundtendenz aber ist klar: Strom an der Terminbörse wird seit 2009 billiger - nicht teurer.

DDP
Die Strompreise steigen, vielen Bürgern drohen saftige Mehrkosten. Da hilft nur eines: den Verbrauch senken - und zwar schnell. Überprüfen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Test, ob Sie das Zeug zum Energiesparer haben!
Energie-Oligopol in Deutschland
Konzerne Anteil Kraft- werks- kapa- zität Anteil erzeugte Strom- menge Anteil Groß- kunden- markt
RWE, E.on, Vattenfall, EnBW 82% 89% 60%
Quellen: IZES, BEE; Werte aus dem Jahr 2009

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.
Fotostrecke
Grafiken: Der deutsche Energiemarkt


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