Dritte Startbahn: Münchner Flughafenausbau basiert auf unrealistischen Daten

Experten erwarten, dass Öl in zehn Jahren bis zu 200 Dollar pro Barrel kosten wird. Ein Gutachten für den Ausbau des Münchner Flughafens rechnet aber gerade mal mit 50 Dollar. Die Grünen werfen deshalb der Landesregierung vor, bei der Berechnung der Wirtschaftlichkeit getrickst zu haben.

CSU-Generalsekretär Dobrindt: Die Protest gegen den Flughafenausbau nehmen zu Zur Großansicht
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CSU-Generalsekretär Dobrindt: Die Protest gegen den Flughafenausbau nehmen zu

München - Der Bau einer dritten Startbahn am Flughafen München sorgt mächtig für Ärger: Am Freitag attackierten Demonstranten den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt mit Tomaten und Eiern. Nun sorgt ein Zeitungsbericht für Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der zusätzlichen Startbahn.

Denn nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" basiert die Entscheidung der Regierung von Oberbayern auf veralteten Daten. Das beträfe vor allem Prognosen über die künftige Preisentwicklung bei Öl und Kerosin. In dem Gutachten für das Milliarden-Projekt sei von einem sehr niedrigen Rohöl-Preis ausgegangen worden und damit von einer größeren Wirtschaftlichkeit für die Fluglinien.

Ein Sprecher der Regierung von Oberbayern wollte sich dazu am Samstag nicht äußern. Die Behörde hatte am Dienstag grünes Licht für die umstrittene neue Start- und Landebahn gegeben.

In einem Gutachten für das Planfeststellungsverfahren wurde nach Angaben der "SZ" für das Jahr 2020 mit einem Ölpreis von rund 50 Dollar pro Barrel Rohöl gerechnet. Diese Entwicklung halten Experten jedoch für ausgeschlossen. Derzeit liegt der Preis für ein 159-Liter-Fass Rohöl bei rund 117 Dollar. Die Internationale Energieagentur hält bis 2025 einen Ölpreis von 200 Dollar für möglich.

"Das ist Voodoo-Ökonomie"

Der Treibstoff ist ein großer Kostenfaktor für die Fluglinien. Nach Angaben des Blatts entfallen rund 30 Prozent der Betriebskosten einer Fluggesellschaft auf das Kerosin. Damit beeinflusst der Ölpreis Ticketpreise und damit Passagierzahlen und Flugaufkommen. Vor allem Billigflieger, die sonstige Kosten auf ein Minimum drücken, sind massiv von Ölpreisschwankungen betroffen.

Der Münchner Prognose lägen Zahlen des Amerikanischen Energie-Informationsamtes aus den Jahren 2006 und 2007 zugrunde. Die Finanzkrise im Jahr 2008 und die damalige Ölpreissteigerung auf mehr als 140 Dollar sei nicht erwähnt. Für den Prognosezeitraum von 2006 bis 2020 könne in Sachen Ölpreis "mit einer Entspannung gerechnet werden", heißt es in dem Gutachten. Die Entwicklung der Jahre 2007 bis 2011 bleibe ebenso unbeachtet wie Studien von Behörden und Forschungsinstituten, die bis 2020 mit einer globalen Verknappung des Rohöls rechnen. In dem 364 Seiten starken Schriftstück finden sich nach Angaben des Blatts nur zwei Seiten zum Ölpreis.

Der Sprecher der Regierung von Oberbayern sagte, in die Prognose sei eine Vielzahl von wirtschaftlichen Daten eingeflossen. Zu Details werde sich die Behörde angesichts der zu erwartenden Klagen nicht äußern. Zunächst wolle man die Gerichtsentscheidungen abwarten.

Der Grünen-Landesvorsitzende Dieter Janecek sagte mit Blick auf das Gutachten, die Verkehrsplaner in Bayern und im Bund betrieben "Voodoo-Ökonomie, die jeder seriösen Grundlage entbehrt". Solch sinnfreie Prognosen seien offenbar notwendig, um das Verkehrsprojekt zu rechtfertigen.

Anmerkung der Redaktion: Die Süddeutsche Zeitung hat ihren Artikel am 1.8.2011 korrigiert. Demnach lieferte Anfang 2010 ein zusätzliches Gutachten des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts Ergänzungen, die den Ölpreis im Jahr 2020 nicht, wie in den Planungsunterlagen des Flughafens, bei 50 Dollar pro Barrel sahen, sondern im Mittel bei 103 Dollar. Das sei auch in die Entscheidung der Regierung von Oberbayern eingeflossen.

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insgesamt 140 Beiträge
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1. Politiker betrügen
sagichnicht89 30.07.2011
Wen wunderts, hier wird doch nur getrickst. Hauptsache es kann durch Beteiligungen ect. abkassiert werden. Siehe s 21...
2. Der Anfang von M21
Flightkit, 30.07.2011
Vorschlag, die Startbahn unterirdisch zu bauen. Lärmschutz.
3. Da hätte ich noch eine Frage
Palmstroem, 30.07.2011
Zitat von sysopExperten erwarten, dass Öl in zehn Jahren bis zu 200 Dollar pro Barrel kosten wird. Ein Gutachten für den Ausbau des Münchner Flughafens rechnet aber gerade mal mit 50 Dollar. Jetzt werfen die Grünen der Landesregierung vor, bei der Berechnung der Wirtschaftlichkeit getrickst zu haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,777489,00.html
"Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen!"(Karl Valentin) Die Wirtschaftsweisen von SZ und SPON wollen aber wissen, daß Öl in zehn Jahren 200 Dollar kosten soll. Da hätte ich aber noch eine Frage - was wird der Dollar in zehn Jahren kosten - vielleicht 50 Eurocent?
4. unabhängig vom Ölpreis
manni-two 30.07.2011
sollten Fluggesellschaften auf jeden Fall -nach aktuellem Preis- 1,55 Euro pro Liter zahlen.
5. Wenn ich schon höre
mm01 30.07.2011
Zitat von sysopExperten erwarten, dass Öl in zehn Jahren bis zu 200 Dollar pro Barrel kosten wird. Ein Gutachten für den Ausbau des Münchner Flughafens rechnet aber gerade mal mit 50 Dollar. Jetzt werfen die Grünen der Landesregierung vor, bei der Berechnung der Wirtschaftlichkeit getrickst zu haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,777489,00.html
*"Experten erwarten"*.. blablabla. Haben diese "Experten" wieder einmal die Glaskugel befragt?
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