Produktion in Indien Die Taschenspieler-Tricks der Drogeriekette dm

Eine schlichte Baumwolltasche sorgt bei dm-Kunden für Empörung. Bislang wurden die Beutel von einer Sozialunternehmerin in Augsburg hergestellt, nun kommt ein Teil davon aus Indien. Das Unternehmen begründet das mit ethischen Erwägungen.

Nicht dieselbe: Dm-Taschen aus Augsburg (l.) und Indien
mamamiez.de

Nicht dieselbe: Dm-Taschen aus Augsburg (l.) und Indien

Von und


Berlin - Es war eine jener Geschichten, mit denen sich dm einen Ruf als besonders verantwortungsvolles Unternehmen erworben hat: Im Mai 2012 kündigte die Drogeriekette an, in allen Filialen künftig Bio-Baumwolltaschen anzubieten. Diese sollten nicht nur besonders ökologisch hergestellt werden, sondern auch besonders sozial. Denn produziert werden die Taschen von der Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder.

In ihrer Textilmanufaktur manomama stellte sie Menschen ein, die auf dem normalen Arbeitsmarkt kaum Chancen hatten: Langzeitarbeitslose, chronisch Kranke, Leiharbeiter. Bei dm begründete man die Entscheidung für manomama ausdrücklich mit dem Produktionsstandort. Die Drogieriekette habe überzeugt "dass innerhalb einer regionalen Wertschöpfungskette produziert und dass Menschen ein Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht wird". Inzwischen soll die Hälfte von insgesamt 150 Arbeitsplätzen bei manomama an der Taschenproduktion hängen.

Nun aber bangt Trinkwalder um die Zukunft ihres Vorzeigeprojekts. Denn ihr Auftraggeber dm hat einen Teil der Taschenproduktion offenbar klammheimlich nach Indien verlagert. Dass die Beutel ein leicht verändertes Aussehen haben, fiel zunächst der Bloggerin Pia Drießen auf. Über einen sogenannten Pfad-Finder für Produkte von dm fand sie heraus, dass die neuen Taschen komplett in Indien hergestellt wurden. Mittlerweile hat dm den neuen Produktionsstandort bestätigt.

Manomama-Chefin Trinkwalder wurde von dieser Entscheidung nach eigenen Angaben gegenüber SPIEGEL ONLINE überrascht. Von der Ähnlichkeit der indischen Variante mit ihrem eigenen Produkt und dass die neuen Taschen nun bereits im Handel sind, habe sie erst durch den Beitrag von Drießen erfahren. Weiter wollte sich Trinkwalder zunächst nicht äußern, sondern erst das Gespräch mit dm suchen.

"Nicht nur den Auftrag zum Baumwollpflücken vergeben"

Dort wird die Entscheidung für Indien genauso wie einst die für manomama mit ethischen Erwägungen begründet. Laut einer Pressemitteilung von Geschäftsführer Christoph Werner bezieht man zwar weiterhin Taschen aus Augsburg, "denn wir legen Wert darauf, dass die Produktion bei manomama fortgeführt werden kann, weil Produktionsbedingungen und Qualität unseren Anforderungen entsprechen". Bei der Herstellung von Taschen und anderen Artikeln seien "neben der Schaffung von Arbeitsplätzen in Deutschland aber weitere Aspekte zu berücksichtigen".

Konkret meint Werner die Debatte darüber, dass aus Entwicklungsländern häufig nur Rohstoffe bezogen werden, was die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort hemmt. "Es ist uns ein Anliegen, den Menschen in Indien nicht nur den Auftrag zu geben, Baumwolle zu pflücken, sondern auch in Eigenregie die Fertigung für Waren durchzuführen, die hier in Europa benötigt werden."

Bei Babytextilien und Kinderbekleidung habe man mit der Produktion in Entwicklungsländern schon gute Erfahrungen gemacht, so Werner weiter. Man achte dabei auf korrekte Produktionsbedingungen. Die in Indien produzierten Taschen trügen das GOTS-Siegel, das nur an Produkte vergeben wird, deren Produktion "höchsten ökologischen und sozialen Kriterien" gerecht werde.

Doch warum wurde diese angeblich so bewusste Entscheidung nicht klarer kommuniziert? Diese Frage stellen auch viele empörte dm-Kunden im Netz. Immerhin sehen die Taschen aus Indien denen aus Augsburg zum Verwechseln ähnlich. Bei dm heißt es dazu lapidar, man habe zuvor mit verschiedenen Designs experimentiert. "Das aktuelle Design ist bei unseren Kunden am beliebtesten."

Bei der Drogeriekette waren über die Pressemitteilung hinaus zunächst keine weiteren Antworten zu erhalten. Auch nicht auf die Frage, wie die Produktionskosten in Indien im Vergleich zu Augsburg sind - und welche Rolle dies für die Entscheidung gespielt hat.

In einem 2013 erschienenen Buch beschreibt Trinkwalder, dass Freunde sie bereits frühzeitig vor einer möglichen Verlagerung der Produktion gewarnt hätten. Beruhigt wurde die Unternehmerin nicht zuletzt durch eine Zusage von Geschäftführer Christoph Werner, dem Sohn des dm-Gründers Götz Werner. "Ich hoffe, Sie haben eine Option auf Mietverlängerung", habe dieser bei einem Besuch gesagt. Trinkwalders Antwort: "Selbstverständlich! Ich kann die Hallen so lange nutzen, bis sich meine Ladies mit unseren Taschen in Rente genäht haben!"

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frank_w._abagnale 13.11.2014
1. Normaler Vorgang.
Frau Trinkwalder ist unter dem Strich eine normale gewinnorientierte Unternehmerin und muss sich den Gesetzen des Marktes stellen. Da ist es nicht ungewöhnlich, wenn man mal den Lieferanten wechselt. Eigentlich keine Meldung wert, liebes SPON.
joachimrang 13.11.2014
2. Ist doch Klasse
Ich verstehe diese albernen Artikel nicht. Warum sollte es schlecht sein Baumwolltaschen aus Indien zu beziehen? Und die Augsburger Sozialunternehmen dürfen doch auch weiterhin liefern! Alles gut, oder? Warum muss man immer und überall zwielichtige Motive vermuten?
CHANGE-WECHSEL 13.11.2014
3. All inclusice
Nepper-Schlepper-Bauernfänger, niemand hat je behauptet, dass man Moral mit Geld kaufen könnte. Vielleicht sind nach dem Ende von Schlecker nicht nur dessen Kunden zu DM gewandert, sondern auch die A-Moral der Geschäftsleitung Schleckers.
shantrox 13.11.2014
4.
verstehe den Sinn hinter dem geschriebenen nicht...was will der Autor mir sagen ?
Indigo76 13.11.2014
5.
Eine wichtige Information fehlt noch. Was kostet die Produktion einer Tasche in Augsburg und was kostet sie in Indien? Die Beantwortung dieser Frage könnte unter Umständen ganz andere Motive zutage fördern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.