Drohende Lebensmittelnot Japans Supermärkte fürchten um Nachschub

Leere Regale und verwaiste Lager: Mit Hamsterkäufen wappnet sich Japans Bevölkerung für den Ernstfall. Jetzt kommen Einzelhändler mit dem Nachschub nicht mehr hinterher. Stromausfälle und zerstörte Straßen machen Lieferungen in das Katastrophengebiet fast unmöglich.

Supermarkt im Norden Japans: Lieferschwierigkeiten auf unbestimmte Zeit
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Supermarkt im Norden Japans: Lieferschwierigkeiten auf unbestimmte Zeit

Von Tanja Tricarico


Hamburg - Brot ist längst ausverkauft. Nudeln, Wasser und Fertigprodukte ebenso. Eine Woche nach Erdbeben und Tsunami bereiten sich die Menschen in Japan auf eine dauerhafte Krise vor. Hinzu kommt die Angst vor dem atomaren GAU. Im Norden des Landes und im Großraum Tokio werden Lebensmittel knapp. Die Händler können kaum Nachschub liefern.

"Es wird für uns immer schwieriger, eine ausreichende Versorgung unserer Märkte sicherzustellen", sagt eine Sprecherin des Handelskonzerns Metro. Rund 1000 Mitarbeiter in neun Großmärkten rund um Tokio arbeiten für den deutschen Einzelhändler.

Das Erdbeben hat wichtige Zufahrtswege zerstört, viele japanische Fabriken, die Lebensmittel verarbeiten und transportieren, mussten ihren Betrieb einstellen. Dazu kommt die eingeschränkte Stromversorgung. Mit Notstromaggregaten versuchen die Supermärkte, die Kühlung verschiedener Produkte aufrecht zu erhalten.

Neben Metro müssen auch andere internationale Handelskonzerne gegen die Folgen der Naturkatastrophe kämpfen. Der britische Anbieter Tesco, der mit rund 140 Märkten im Großraum Tokio vertreten ist, spricht von akuten Engpässen. "Wir tun unser bestes, unsere Filialen zu versorgen," teilt der Konzern mit. Die Lage sei aber besorgniserregend.

"Normalerweise horten Japaner keine Lebensmittel"

Der französische Einzelhändler Carrefour und der amerikanische Anbieter WalMart äußern ähnliche Bedenken. Bisher sind zwar die rund 400 Geschäfte von WalMart noch gut ausgestattet und die Regale voll. Doch bereits jetzt zeichne sich ab, dass neben Lebensmitteln auch bei Batterien, Seife oder Toilettenpapier die Regale in den Märkten längerfristig leer bleiben, heißt es aus dem Konzern.

"Normalerweise horten Japaner keine Lebensmittel zuhause", sagt Hanns Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Was gekauft wird, verbraucht man sofort. Doch die Ungewissheit über die Folgen von Atom- und Naturkatastrophe lässt selbst den Appell der japanischen Regierung nur das nötigste einzukaufen, wirkungslos erscheinen. Hilpert rechnet daher mit einem akuten Versorgungsnotstand. Rund eine halbe Million Menschen könnten in den kommenden Tagen betroffen sein.

Japan produziert kaum eigene Lebensmittel. Jedes zweite Nahrungsmittel kommt aus dem Ausland - vor allem den USA, Australien oder Europa. Nur beim Getreide, bei Eiern, Fisch oder einzelnen Gemüsesorten setzen die Japaner auch auf die eigene Land- und Viehwirtschaft. Knapp zwölf Prozent der Landfläche werden dazu genutzt.

Autark wollen die Japaner vor allem bei einem ihrer Grundnahrungsmittel sein: dem Reis. Fremdprodukte gibt es kaum. Der japanische Reis - der Japonica - gehört zu den teuersten der Welt. Fremden Reis, etwa aus China oder aus den USA zu essen, ist verpönt bei den Einheimischen. Elf Millionen Tonnen Reis bauen Japans Landwirte jedes Jahr an.

Reisanbau rund um Fukushima

Eines der größten Reisanbaufelder liegt im Nordosten des Landes. Dazu gehört auch das Gebiet rund um Fukushima. Wegen der drohenden Atomkatastrophe hat die Regierung die örtlichen Behörden aufgefordert, Lebensmittel nach Radioaktivität zu untersuchen. Erhöhte Strahlenwerte wurden bereits im Trinkwasser gemessen. Es sei das erste Mal, dass Japan Grenzwerte zur Strahlenbelastung für im Inland hergestellte Lebensmittel festsetze, teilte das Gesundheitsministerium in Tokio mit.

"Diese Reisfelder sind auf Dauer kontaminiert", sagt Hilpert. Die Ernte aus dem Katastrophengebiet sowie zwei weiteren angrenzenden Regionen fallen wohl aus, vermutet er.

Droht nun die Reiskrise? Hilpert wiegelt ab. Auch in anderen Teilen Japans wird ausreichend Reis produziert, um die Nation zu versorgen. Und falls dies nicht reiche, müsste kurzfristig mehr importiert werden. "Die gesteigerte Nachfrage wird sich allerdings an den internationalen Reis- und Getreidebörsen bemerkbar machen", sagt Hilpert. Preissteigerungen seien mittelfristig nicht auszuschließen.

Die japanischen Medien berichten bereits von ersten Toten in den Notunterkünften außerhalb der Sperrzone von Fukushima. Die Verteilung von Medikamenten, Trinkwasser, Zelten und Nahrungsmitteln kommt nur spärlich voran. Zu groß sind die Schäden, die Erdbeben und Tsunami auf Straßen und Wegen hinterlassen haben.

Was passiert, wenn die Lage sich zuspitzt? Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist bereits alarmiert. "Falls die japanische Regierung um Hilfe bittet, könnten mehrere Tonnen Grundnahrungsmittel in kürzester Zeit eingeflogen werden", sagt Ralf Südhoff, Leiter des Berliner Büros des UN-Programms. Mehrere Experten sind bereits vor Ort. Doch auch für Südhoff ist die größte Herausforderung Logistik und Verteilung. "Solange die Zufahrtswege nicht passierbar sind, können auch wir nur wenig ausrichten."

Mit Material von AFP



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Neinsowas 20.03.2011
1. Artikel wie diese....
....bringen mich am Sonntagmorgen schon auf die Palme... Da gibt es Menschen, die gesagt haben, "uns" kann das nicht passieren! "Wir" haben für Sicherheit gesorgt! "Wir" sind hochtechnisiert!!! Aber nach 10 Tagen kann man immer noch nicht die eigene Bevölkerung versorgen, geschweige denn anständig, hat noch nicht einmal Zufahrtswege geschaffen, hat keine Lebensmittel, für Wasser muss angestanden werden, Benzin ist alle, Menschen verzweifeln und sterben aus Schwäche. Da kann mir einer sagen was er will: Nichts war vorbereitet, es gab keinen greifenden Notfallplan, alles Farce! Wenn man da zusieht, kann man sich vorstellen, was bei uns ablaufen würde, B.sp. Fessenheim: Auch hier gibt es keine wirklich durchdachten Notfallpläne, im Fall des Gaus werden weder die dt.-frz. Behörden richtig koordiniert sein, noch Material ausreichend zur Verfügung stehen, noch Information gewährleistet sein. Klar wird sich keiner von aussen in die radioaktive Zone trauen. Man gibt doch die Menschen von vorn herein auf!
Indigoartshop 20.03.2011
2. miscellaneous
Ja und? Ist das nun eine diskussionswürdige Nachricht? Ist doch klar, daß in Folge der kumulierten Katastrophe auch die Versorgungslage zu bewältigen ist, unter anderem. In diesem Zusammenhang ist die Hilfe aus Deutschland mehr als notleidend. Während andere Länder Material und Menschen schicken, suchen unsere "Experten" bei jeder Gelegenheit die Kamera und gefallen sich in der Rolle als Ratgeber. Einfach nur peinlich der feige Rückzug des THW, während z.B. Engländer und Neuseeländer bei Frost und Schnee sich an den Aufräumarbeiten beteiligen. Erstaunlich wie schnell die alles entscheidende Phase des Einsatzes der Feuerwehr vor Ort aus dem Fokus der "Supergau ist-da" Schreier gefallen ist. Offenbar paßt der qualifizierte Einsatz von Technikern und Ingenieuren nicht so recht ins Weltbild der grünen Hysteriker, erst recht dann nicht, wie jetzt gezeigt wird, wie mit Entschlossenheit, Mut, Sachverstand und letztlich Pflichtgefühl (alles Eigenschaften, die der grüne Gutmensch weder kennt noch achtet) die Katastrophe mit Erfolg bekämpft wird.
anon11 20.03.2011
3. .
Würde mich wirklich interessieren wieviel Prozent der deutschen Bevölkerung denn für den Notfall vorgesorgt haben und die empfohlenen Vorrte haben. Immerhin gibt es ja die Empfehlungen des Bundesamtes für Katastrophenschutz . http://www.bbk.bund.de/cln_007/nn_398010/DE/05__Publikationen/01__Broschueren/Broschueren__node.html__nnn=true So etwas wird es für Japan wohl auch geben, obwohl ich vermute, das die erbebenerprobten japaner noch besser auf eine Katastrophe vorbereitet sind, als die Mehrheit der deutschen bevölkerung.
soylentyellow1 20.03.2011
4. kein Strom zur Kühlung der Lebensmittel - egal!
"Mit Notstromaggregaten versuchen die Supermärkte, die Kühlung verschiedener Produkte aufrecht zu erhalten." So weit ich weiß ist dort Winter (man munkelt sogar von Schneefällen). Heißt: Wenn ich die zu kühlenden Produkte einfach draußen aufstelle bleiben sie kalt genug. Tiefkühlprodukte wird sicher keiner kaufen wollen, da- ja genau, es keinen Strom gibt für die heimische Kühltruhe. Viel schwieriger wird es sein dass es keinen Strom für die Scannerkassen oder das Warenwirtschaftssystem gibt... War mal in Frankreich so: Stromausfall im Supermarkt, weitergeshoppt (war ein bisschen dunkel aber es ging) - nur zahlen konnte man nicht bzw. nur wenn der Strom mal wieder für eine Viertelstunde ging. War sehr lustig, anstehen,warten, Licht geht an, alle Kassiererinnen kommen aus der Pause, biep biep biep, schnell drüber ziehen, schnell zahlen, bevor der Strom wieder weg ist.
Beteigeuze, 20.03.2011
5. Versorgungskrise
Zitat von sysopLeere Regale und verwaiste Lager: Mit Hamsterkäufen wappnet sich Japans Bevölkerung für den Ernstfall. Jetzt kommen Einzelhändler*mit dem Nachschub nicht mehr hinterher.*Stromausfälle und zerstörte Straßen machen*Lieferungen in das Katastrophengebiet fast unmöglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,751572,00.html
In den japanischen Krisenstäben ist wohl nicht bekannt, welche Lieferbeziehungen zwischen den Handelsunternehmen bestehen und welche Güter über welche Routen transportiert werden / wurden. Das ist so in einer freien Marktwirtschaft. Es fehlt offensichtlich ein Mechanismus, der es in Notlagen ermöglicht ist Ist- und Soll-Zustand hinsichtlich der Versorgung der Bevölkerung festzustellen und in Absprache mit den Firmen - die ja selbst ein Interesse daran haben - Maßnahmen zu ergreifen. Ich habe mir die Japan-AG anders vorgestellt, da sie in der Vergangenheit in der Abstimmung zwischen staatlichem Handel und Handeln der Wirtschaft Stärken zeigte ( Industrieministerium ). Augenfällig ist, daß viele Notunterkünfte oder Sammelstellen noch einmal über Mittel verfügen, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Das Mittel dagegen ist simpel: Ein oder zwei Schwere Transporthubschrauber liefern Notstromaggregat mit Sprit und Satelliten-Telefone. Im weiteren Verlauf folgen Wasser, Ärzte, Medikamente, Nahrung. Auch müßten die umherirrenden Personen in den zerstörten Gebieten eingesammelt und evakuiert werden. Der Eindruck ( undeutliche Nachrichtenlage ) kann täuschen, aber in Japan scheint es kein wirklich integriertes Krisen-Management zu geben. Jeder fruckelt ohne Abstimmung vor sich hin. In einer vergleichbaren Katastrophe sähe es in Dtl. eher noch schlimmer als besser aus. Der Katastrophenschutz ist in den 90gern heruntergefahren worden. Pläne zur Abstimmung um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen existieren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht: Sie erforderten nämlich eine ständige Anpassung mit Meldepflichten und würden die Bevölkerung beunruhigen. Insgesamt ergibt sich folgendes Bild: Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen in den westlichen Gesellschaften ( Dtl. Japan, USA ) sind mit der Logistik in Katastrophen-Situationen überfordert. Das ließe sich ändern ohne die Demokratie ( bzw. das, was man dafür hält ) über Bord zu werfen.
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