Drohende Rating-Abwertung "Die deutsche Wirtschaft müsste leiden"

Kanzlerin Merkel nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen. Im Interview warnt der Ökonom Dirk Schiereck dagegen die deutsche Politik: Ein schlechteres Rating könnte hiesige Unternehmen hart treffen und die Euro-Zone in die Rezession reißen.

Arbeiter auf einer Baustelle: "Die Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen"
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Arbeiter auf einer Baustelle: "Die Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Schiereck, die europäischen Staaten wollen auf dem Finanzgipfel diese Woche verbindliche Schritte zum Schuldenabbau beschließen. Warum droht die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) trotzdem damit, Deutschland, Frankreich und 13 weitere Euro-Länder herabzustufen?

Schiereck: Die Drohung ist mit Kalkül zeitlich platziert worden. Aber ich kann sie nachvollziehen. Denn die Geschwindigkeit der europäischen Staaten bei der Lösung der Krise ist besorgniserregend langsam. Es gab auf EU-Ebene keine große Bereitschaft, das Problem an der Wurzel zu packen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, wir müssen damit rechnen, dass Deutschland das Top-Rating verliert?

Schiereck: Mit den entsprechenden Maßnahmen auf europäischer Ebene könnte das noch verhindert werden. Aber diese Lösung sehe ich noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit kommt Deutschland sehr günstig an frisches Geld. Würden nach einem Verlust des Top-Ratings die Zinsen automatisch steigen?

Schiereck: Der Bund wird vorerst keine Probleme haben, neue Kredite zu bekommen. Auch die Zinsen werden nicht rapide steigen. Die Investoren haben nicht viele Möglichkeiten, ihr Geld woanders sicher anzulegen. Das hat sich auch gezeigt, als S&P den USA im August das Top-Rating entzog. Bei den folgenden Auktionen von US-Staatsanleihen verbesserten sich die Finanzierungsbedingungen für die US-Regierung sogar.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Deutschland muss den Verlust des Top-Ratings gar nicht fürchten?

Schiereck: Man darf diese Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn Deutschland werden vor allem die Folgeeffekte treffen: Die deutsche Wirtschaft müsste leiden. Ein schlechteres Rating für den Staat kann für deutsche Konzerne schwerwiegende Konsequenzen haben. In der Vergangenheit zeigte sich, dass dann auch Unternehmen betroffener Länder herabgestuft werden. Das wird vor allem Banken treffen, die große Bestände an Staatsanleihen halten. Die Institute leiden wegen der neuen europaweiten Bilanzierungsvorschriften sowieso unter Kapitalnot und kommen dann noch schlechter an frisches Kapital. In der Folge können sie weniger Kredite an Unternehmen vergeben.

SPIEGEL ONLINE: Der Verlust des Top-Ratings könnte die wirtschaftliche Entwicklung bremsen - gerade jetzt, wo Europa dringend Wachstum braucht?

Schiereck: Ja, die Märkte würden wohl erneut sehr nervös reagieren und die Rezessionsgefahr in der Euro-Zone steigt.

SPIEGEL ONLINE: Beim Aufbau des Rettungsfonds EFSF haben die Euro-Länder auf die besten Bonitätsnoten für Deutschland und Frankreich gesetzt. So wollen sie günstig Geld von Investoren leihen. Würde ein schlechteres Rating die gesamte Euro-Rettung gefährden?

Schiereck: Es hat sich sowieso schon gezeigt, dass der Plan mit dem Rettungsfonds nicht aufgeht. Allein die Tatsache, dass die Staaten nicht genug Geld von Investoren einsammeln konnten, um den Rettungsfonds zu hebeln, hat gezeigt, dass die Kapitalmärkte den Ländern nicht vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Würden nationale Sparpakete in Deutschland und den anderen Ländern die Rating-Agenturen besänftigen?

Schiereck: Wir sind in Deutschland weder gezwungen, kurzfristige Sparpakete zu beschließen, noch sind wir gezwungen, rasch Steuern zu erhöhen. Die Länder der Euro-Zone dürfen nicht totgespart werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll dann der große Wurf auf dem EU-Gipfel aussehen?

Schiereck: Die Politik muss einen klaren Beschluss vorlegen, wie sie die Verschuldung abbauen will. Das glaubwürdigste Signal wäre, wenn jedes EU-Land verbindlich erklärt, dass es der Rückzahlung von Zinsen und Schulden höchste Priorität einräumt. Die Länder müssen einen überzeugenden Tilgungsplan beschließen sowie starke Sanktionen gegen Länder verhängen, die gegen Stabilitätskriterien wie die Maastricht-Regel verstoßen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Deutschland hält sich nicht an die Maastricht-Kriterien und wird 2011 wohl auf eine Schuldenquote von 81,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen. Hat Deutschland sein Top-Rating überhaupt verdient?

Schiereck: Unbedingt. Deutschland ist eine solide Volkswirtschaft. Die Verschuldung ist im Vergleich zu anderen Industrieländern, etwa den USA und Japan, sehr niedrig. Und mit der deutschen Infrastruktur steht den Schulden ein großes Vermögen gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch droht S&P mit der Herabstufung. Hat das damit zu tun, dass die Agentur in den USA sitzt?

Schiereck: Die US-Rating-Agenturen sind natürlich bemüht, sich freundlich gegenüber ihrer Heimatregierung zu verhalten. Man würde es in Washington sicher gerne sehen, dass auch andere Industrieländer ihr Top-Rating verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Europäer also mit einer eigenen Rating-Agentur dagegen halten?

Schiereck: Ich bezweifle, ob eine von den europäischen Staaten initiierte und damit politisch mitgeführte Rating-Agentur bei Investoren dieselbe Akzeptanz hätte wie die etablierten Agenturen.

Das Interview führte Maria Marquart

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franko_potente 06.12.2011
1.
Zitat von sysopKanzlerin Merkel*nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen.*Im Interview warnt der*Ökonom Dirk Schiereck*dagegen die deutsche Politik: Ein*schlechteres Rating könnte*hiesige*Unternehmen hart treffen*und die Euro-Zone in die Rezession reißen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802045,00.html
Hiesige Unternehmen...es beträfe einzig Banken und Versicherungen. Kein wertschaffendes Unternehmen wäre betroffen. Ich kann diesen Ökonomen Unsinn, auch wenn er mal nicht von Herr Prof. Unsinn kommt, nicht mehr lesen. Eurozone Rezession. Ja logisch, wir leben in übersättigten Märkten. Wo soll denn echtes Wachstum herkommen? Ferner ist unbegrenztes Wachstum in begrenzten Systemen nicht möglich. Es kann so nicht weitergehen, das funktioniert nicht. Das System ist am Ende - nicht die Marktwirtschaft an sich, sondern in der jetzigen Form.
idealist100 06.12.2011
2. US Firmen
Zitat von sysopKanzlerin Merkel*nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen.*Im Interview warnt der*Ökonom Dirk Schiereck*dagegen die deutsche Politik: Ein*schlechteres Rating könnte*hiesige*Unternehmen hart treffen*und die Euro-Zone in die Rezession reißen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802045,00.html
Das sind us Firmen und dem us interesse verpflichtet. Der Dollar ist inflationär und verliert kontinuierlich an Wert, somit müssen auch andere Währungen inflationär werden. Wie geht das? Das kann doch anschaulich besichtigt werden, entweder die EZB druckt Scheinchen wenn es kein Geld mehr zu annehmbaren Konditionen gibt.
Klaschfr 06.12.2011
3.
Zitat von sysopKanzlerin Merkel*nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen.*Im Interview warnt der*Ökonom Dirk Schiereck*dagegen die deutsche Politik: Ein*schlechteres Rating könnte*hiesige*Unternehmen hart treffen*und die Euro-Zone in die Rezession reißen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802045,00.html
unifersahlscheni 06.12.2011
4. Wen kümmert schon...
Zitat von sysopKanzlerin Merkel*nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen.*Im Interview warnt der*Ökonom Dirk Schiereck*dagegen die deutsche Politik: Ein*schlechteres Rating könnte*hiesige*Unternehmen hart treffen*und die Euro-Zone in die Rezession reißen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802045,00.html
...irgendein amerikanisches Rating Unternehmen. Bevor die Amis mit den Fingern auf Deutschland zeigen, sollten sie lieber ihre eigenen Geldprobleme lösen... ...gute, eiskalte Reaktion von unserer Kanzlerin. Freut mich.
Narn 06.12.2011
5.
Zitat von sysopKanzlerin Merkel*nimmt die drohende Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's gelassen.*Im Interview warnt der*Ökonom Dirk Schiereck*dagegen die deutsche Politik: Ein*schlechteres Rating könnte*hiesige*Unternehmen hart treffen*und die Euro-Zone in die Rezession reißen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802045,00.html
Ja, nee. Und die "etablierten" Agenturen sind also nicht politisch mitgeführt? Das ich nicht lache! Was hat der feine Herr Ökonom noch einen Atemzug vorher gesagt?
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