Drohnenmesse in Washington Auf der Marketing-Show der leisen Späher

Sie heißen Sensenmann, jetzt sollen sie Leben retten: Auf einer der größten Messen für Drohnen zeigt die Waffenlobby ihre neuesten Geräte. Sie preist den zivilen Nutzen - und will weg vom Image der fliegenden Todesschwadrone.

SPIEGEL ONLINE

Von und (Video), Washington


Das Ding sieht aus wie ein Helikopter für Zwerge, zwei Rotoren, mattschwarz, am Heck ist eine kleine US-Fahne aufgedruckt. Ferngesteuert kann der kleine Hubschrauber bis zu sechs Stunden in der Luft bleiben, gut 180 Kilometer weit fliegen. Boeing nennt ihn "Camcopter S100".

Das Gerät ist eine Drohne. Doch diesen Begriff hören die Aussteller hier, auf der bedeutenden Drohnenmesse in Amerikas Hauptstadt, gar nicht gern. Sie sprechen lieber von unbemannten Fluggeräten oder Systemen. Drohne - das erinnert an Krieg, an den Himmel über Afghanistan, Pakistan, dem Jemen.

"Reaper" und "Predator", Sensenmann und Raubtier, heißen bezeichnenderweise jene bewaffneten Modelle, mit denen US-Militär und CIA in den vergangenen Jahren Terroristen getötet haben - aber eben auch unschuldige Zivilisten. Verlässliche Angaben gibt es nicht. Allein die Air Force hat gegenwärtig rund 7500 Drohnen in ihrem Arsenal, das macht gut ein Drittel ihres gesamten Flugzeugbestands aus.

"Zivile Nutzung sehr vielversprechend"

Im kommenden Jahr ziehen Amerikaner und Nato-Verbündete ihre Kampftruppen aus Afghanistan ab. Und US-Präsident Barack Obama hat in einer Grundsatzrede im Mai angekündigt, den Drohnenkrieg künftig stark einzuschränken. Die Industrie zieht mit, sucht neue Absatzfelder für ihre Technik.

"Unbemannte Systeme sind bekannt geworden durch ihre Verwendung bei Kriegseinsätzen. Bei Boeing glauben wir jedoch, dass die kommerzielle und zivile Nutzung in Zukunft sehr vielversprechend ist", sagt Firmen-Vertreter Al Bosco am Messe-Stand in Washington. Der in Österreich vom Minensuchgeräte-Hersteller Schiebel produzierte und in den USA von Boeing vertriebene "Camcopter" etwa kann wie ein Helikopter vertikal aufsteigen, benötigt also weder Start- noch Landebahn (Sehen Sie hier das Video).

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Drohnen-Messe: Friedensfürsten statt leise Killer?
Stolz bewirbt man nun neben den militärischen Fähigkeiten (Schutz von Konvois, Grenzüberwachung, Spionage) eben auch die nicht-militärischen: Beobachtung von Umweltkatastrophen, Überwachung des Schiffsverkehrs, Unterstützung im landwirtschaftlichen Bereich, Suche nach Verschollenen.

Die "Association for Unmanned Vehicle Systems International" (AUVSI) veranstaltet die Messe in Washington. Die Lobbygruppe wittert das große Geschäft: Bis zum Jahr 2025 rechnet die Branche allein im zivilen Bereich mit einem Umsatz von 82 Milliarden Dollar.

Der PR-Apparat läuft auf Hochtouren. Von mehr als 100.000 neuen Jobs ist die Rede. Jüngst ergab eine Umfrage, dass 83 Prozent der Amerikaner den Einsatz von Drohnen für Such- und Rettungsaktionen unterstützen. Nicht gerade ein überraschendes Ergebnis. Wer hat schon Vorbehalte gegen Rettungsaktionen?

Unbemannte Vehikel, sagt AUVSI-Chef Michael Toscano, würden "Zeit sparen, Geld sparen und Leben retten". Das klingt alles prima, über militärische Missionen wird nicht mehr allzu laut gesprochen. Eben noch der leise Killer, wird die Drohne jetzt zum Lebensretter stilisiert. Dabei treten auf der Messe auch Männer in Militäruniform auf, und an den Ständen sieht man Investoren aus dem arabischen Raum, die sich wohl kaum für die Bergwachtfunktionen von Drohnen interessieren dürften.

Hintergrund des Hersteller-Optimismus fürs zivile Geschäft ist ein bereits im vergangenen Jahr in Kraft getretenes Gesetz, wonach der US-Luftraum ab 2015 für alle Drohnen-Flieger geöffnet werden soll. Heißt: Für kommerzielle Anbieter oder Privatleute ebenso wie bisher für Polizei oder Regierungsstellen.

Die Reform kommt nicht zufällig. Es waren die Lobbyisten von AUVSI, die massiv für eine solche Gesetzesänderung warben. Das "Time"-Magazin kommentiert: "Drohnen haben den Krieg transformiert, jetzt beginnen sie, den Frieden zu verändern." Schon fürchten Bürgerrechtler um die Privatsphäre der Amerikaner, wenn künftig Tausende unbemannte Spionageflieger in der Luft sind (Lesen Sie hier mehr über die Kritik).

Chris Miser verdient sein Geld mit einer Drohne, die an ein kleines Segelflugzeug erinnert. Seine "Falcon", die bis zu 90 Minuten in der Luft bleiben und zum Beispiel mit einer Kamera ausgerüstet werden kann, wird derzeit vom Sheriff des Mesa-Bezirks in Colorado eingesetzt. Ab dem Jahr 2015 kann Miser auf ein größeres Geschäft hoffen, die Argumente der Kritiker lässt er nicht gelten. "Drohnen spielen aus irgendeinem Grund eine besondere Rolle in diesem Kampf um Privatsphäre", dabei könnten doch etwa Hacker auch Computer ausspähen, sagt er: "Warum attackieren wir immer die Drohnen, wenn all die andere Technik genauso genutzt werden kann?"

Ja, warum eigentlich? Tatsächlich stellt ja keine der Drohnen-Komponenten eine Revolution dar: Unbemanntes Fluggerät? Gab es schon in den Weltkriegen. Fernsteuerung? Bekannt. Batterien? Sowieso. Fotografie? Uralt. Erst die Miniaturisierung und Kombination all dieser Einzelteile macht das neuartige Gerät aus, verleiht ihm Macht - und ist dem Menschen unheimlich: An den Computer haben wir uns gewöhnt; eine über dem Haus kreisende Drohne aber bleibt im Zweifel unbemerkt. Und macht Angst. Noch.



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lordas 21.08.2013
1.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie heißen Sensenmann, jetzt sollen sie Leben retten: Auf einer der größten Messen für Drohnen zeigt die Waffenlobby ihre neuesten Geräte. Sie preist den zivilen Nutzen - und will weg vom Image der fliegenden Todesschwadrone. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/drohnen-hersteller-praesentieren-sich-auf-branchenmesse-a-917582.html
Was soll dieser Satz? Er impliziert, dass es sich bei der Angst gegen Dronen um eine rein subjektive Empfindung handelt, die der "unbekannten" Natur von Dronen geschuldet ist. Dabei handelt es sich keineswegs um eine unbegründete Befürchtung. Schon heute werden Dronen zum Beispiel von der Polizei in der Türkei dazu eingesetzt um Demonstranten zu kontrollieren und dabei wohl auch zu identifizieren. Das die Freiheit des einzelnen unverhältnismäßig Eingeschränkt wird, wenn Dronen "konstant" über seinen Kopf kreisen, weil die örtliche Polizei "Verdächtiges" erforschen will, (er also verdachtsunabhängig überwacht wird) hat nach meiner Erinnerung sogar das Bundesverfassungsgericht im Sinne der Vorratsdatenspeicherung festgestellt. Und es ist jawohl ein himmelweiter Unterschied, zwischen Google Street View (wo eine Momentaufnahme der Außenansicht, aus Richtung der Straße, von einem Gebäude macht und dabei alle Gesichter verpixelt werden) und der regelmäßigen Überwachung mittels hochauflösender Videokamera, aus dem Luftraum heraus.
Blaumilchvor, 21.08.2013
2. Marketingtechnisch hat man bisher versagt...
Silber ist nicht gerade die Farbe meines Vertrauens, es wirkt hygienisch und steril und die Bezeichnung Sensenmann ist auch nicht unbedingt vertrauenserweckend! Sie sollten die Dinger Rosa anmalen und sie vielleicht Hanni und Nanni nennen dann hilft das auch vom Image der fliegenden Todesschwadrone wegzukommen...
phaidros-77 21.08.2013
3. Aktion besser Morden
Eine Messe für Tötungsmaschinen. So pervers sind nicht mal die Taliban.
SPONU 21.08.2013
4. Luftkrieg über dem Kleingarten
Jaa, das sehe ich schon kommen. Drohnenpiloten im Luftkampf. Wer will mir verbieten dass ich den Luftraum über meinem Gärtchen mit einer Abwehrdrohne schütze? Oder doch lieber low-tech mit einem starken Wasserstrahl zum Absturz bringen? Wäre das erlaubt? Sachbeschädigung vs. Notwehr? Ich bin mal gespannt auf juristische Bewertungen...
innajjanni 21.08.2013
5. Pro und Kontra
Wie so viele technische Neuerungen (RFID-Chip, Computer und Internet, Maschinisierung und Automatisierung, Smartphones, Verkehrmittel; um nur einiges zu nennen) können eben auch die Drohnen positive Effekte für die Menschheit besitzen. Leider gehen davon ebenso (zum Teil unkontrollierbare) Gefahren aus. Die Frage bleibt: Wer kann sich sowas leisten und zu welchem Zweck? Geld bleibt die Weltmacht und macht ihre Besitzer meist ziemlich Rücksichtslos. Cui bono?
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