China-Kopien von Druckerpatronen Die Tintenkiller auf Amazon

Birkenstock verkauft nicht mehr auf Amazon, aus Ärger über Plagiate. Bei Druckerpatronen dasselbe Bild: Chinesische Hersteller rollen via Amazon den Markt auf - ohne Rücksicht auf Patente oder Gesetze.

Chinesische Patronen-Nachbauten auf Amazon
amazon

Chinesische Patronen-Nachbauten auf Amazon

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Werner Sandten* bangt um seine geschäftliche Existenz. "Seit die chinesischen Billiganbieter Amazon überschwemmen, verkaufen wir da praktisch gar nichts mehr", berichtet er. Bald könne seine ganze Branche pleitegehen, "einer nach dem anderen". Der Gesetzgeber müsse endlich für fairen Wettbewerb sorgen. "Aber offenbar will sich niemand mit Amazon anlegen."

Vor wenigen Tagen hat es dann doch mal jemand gewagt. Der deutsche Schuhhersteller Birkenstock kündigte dem weltgrößten Onlinehändler die Zusammenarbeit. Sein Vorwurf: Amazon tue nicht genug gegen Produktfälschungen. Offenbar sieht man die Plattform im rheinland-pfälzischen Neustadt inzwischen mehr als Bedrohung denn als Chance. Und mit dieser Sicht ist Birkenstock nicht allein.

Werner Sandten ist Chef eines Herstellers alternativer Druckerpatronen. Diese Eigenbauten, die keine Patente verletzen, sind mit den Geräten von Epson, Canon Chart zeigen oder HP Chart zeigen kompatibel, kosten aber meist nur ein Drittel bis halb so viel wie Originalkartuschen. Vom Erfolg des Geschäftsmodells künden in deutschen Städten seit Jahren Geschäfte, die unter Namen wie Tonerdumping, Druckmal oder Dr. Fill Nachbauten verkaufen und wiederbefüllen.

Leere Druckerpatronen
imago

Leere Druckerpatronen

Zwischen alternativen Patronenproduzenten wie Pelikan, Edding oder Peach und den Originalherstellern gab es immer mal wieder Reibereien. Man führte Prozesse gegeneinander oder versah Patronen mit speziellen Chips, um den Einsatz legaler Alternativprodukte unmöglich zu machen. Im Großen und Ganzen aber existierten beide Gruppen nebeneinander.

Mittlerweile aber drängt eine dritte Gruppe brachial in den Markt: Chinesische Anbieter, die Patronen kopieren - um sie über Plattformen wie Amazon oder Ebay zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Viele Firmen begannen als Zulieferer für westliche Hersteller, bevor zu sie zu deren Konkurrenten wurden. Mittlerweile werden nach offiziellen Angaben alleine in der südchinesischen Hafenstadt Zhuhai rund 60 Prozent aller alternativen Druckerpatronen und 35 Prozent aller wiederbefüllten Tonerkartuschen weltweit produziert.

"Viele dieser Verkäufer spielen nicht fair", sagt Charles Brewer von der auf den Druckermarkt spezialisierten Analysefirma Actionable Intelligence. "Das ist ein echtes Problem." Die Patronen aus China sind zum großen Teil Eins-zu-eins-Nachbauten der Originalprodukte, Brewer bezeichnet sie auch als "Klone". Um bestehende Patente kümmern sich die Hersteller nicht.

Zentrum der Patronenproduktion: Straßenszene in Zhuhai
Getty Images

Zentrum der Patronenproduktion: Straßenszene in Zhuhai

Ein weiterer Vorteil aus chinesischer Sicht: Deutsche Hersteller sind per Gesetz zum Recycling verpflichtet. Schließlich gehen für die Herstellung einer mittelgroßen Patrone im Schnitt drei Liter Erdöl drauf. "Wir sortieren das Leergut, reinigen intakte Behälter, programmieren den Chip um und füllen dann wieder auf", erzählt Sandten. "Das sind doch kostbare Ressourcen." Die Chinesen hingegen übernehmen für ihr Leergut null Verantwortung, ihre Patronen landen deshalb oft im Hausmüll.

Mehrwertsteuer? Fehlanzeige

Natürlich erhebt Sandten auf seine Patronen auch Mehrwertsteuer. "Sonst würden wir ins Gefängnis kommen." Die Konkurrenz aus Asien muss auch das nicht fürchten. Und so führen die Patronenhersteller oft keine Mehrwertsteuer ab - ähnlich wie viele andere Anbieter auf Amazon oder Ebay.

All das macht die chinesischen Produkte unschlagbar preiswert. Für nur 13,99 Euro etwa verkauft ein Anbieter namens Prime Cartridge zwei Patronen-Sätze für einen Epson-Drucker, die der SPIEGEL in einem Testkauf auf Amazon erwarb. Zum Vergleich: Ein einzelner Patronen-Satz von Epson kostet 45 Euro.

Hinter Prime Cartridge verbirgt sich eine Firma aus Foshan in der chinesischen Provinz Guangdong. Auch sie führt offenbar keine Mehrwertsteuer ab, wie ein genauer Blick auf die Amazon-Verkaufsseite nahelegt. Die Bitte um eine Rechnung mit ausgewiesener Steuer hat das Unternehmen bis heute nicht beantwortet.

Angebot von "Prime Cartridge" ohne Mehrwertsteuer
Amazon

Angebot von "Prime Cartridge" ohne Mehrwertsteuer

Wegen solcher Praktiken habe er schon mehrmals das für chinesische Händler zuständige Finanzamt Berlin-Neukölln angeschrieben, sagt Sandten. Bisher habe er keinerlei Antwort erhalten. Auch sonst fühlt der Firmenchef sich allein gelassen. "Wenn der Gesetzgeber nicht bald dafür sorgt, dass es fairen Wettbewerb gibt, dann werden die alternativen Hersteller und die Wiederbefüller-Shops in den Städten kaputtgehen."

Pelikan wird chinesisch

Anzeichen für die Machtverschiebung in Richtung Asien gibt es längst. Im vergangenen Jahr übernahm ein chinesisches Konsortium den US-Druckerhersteller Lexmark. Im Juli verkaufte der deutsche Traditionskonzern Pelikan, einer der wichtigsten Hersteller alternativer Patronen, seine Lizenzen für Patronen und Tonerkassetten an den chinesischen Konzern Print-Rite. "Alle westlichen Firmen haben Einbußen", sagt Experte Brewer. "Allein in den USA ist die Zahl der Patronen-Hersteller von 4500 auf weniger als 750 gefallen."

Wie wichtig das Internet für die aggressive Konkurrenz ist, weiß man auch bei den Druckerherstellern. "Unsere Rechtsabteilung führt regelmäßig Testkäufe durch", sagt eine Sprecherin von Canon. "Wenn festgestellt wird, dass Patente verletzt werden, gehen wir dagegen vor." Laut einer gerade erschienen Studie von Actionable Intelligence haben Druckerhersteller wie Canon, HP oder Epson in den vergangenen Jahren weltweit rund 50 große Gerichtsverfahren wegen Urheberrechtsverletzungen angestrengt. Die Zahl der Anbieter von Nachbau-Patronen bei Amazon, Ebay und Co. dürfte allerdings weitaus größer sein.

Problematisch seien Kopien auch wegen mangelnder Produktsicherheit. sagt der E-Commerce-Experte Mark Steier. "Wenn Ihnen die Tintenpatrone ausläuft und der Drucker kaputtgeht, ist das noch zu verkraften. Aber was ist, wenn Sie eine Fahrzeugleuchte kaufen, die nicht richtig funktioniert, und Sie eine Mutter mit Kinderwagen nicht rechtzeitig sehen?" Steier fordert eine Aufsichtsbehörde, die das Geschehen auf Online-Plattformen überwachen soll.

Die deutsche Politik reagiert nur langsam. Die Länderfinanzminister einigten sich Ende November immerhin auf eine Gesetzesinitiative, die den Online-Steuerbetrug eindämmen soll. Doch bis zur Umsetzung kann es dauern.

Amazons leere Versprechen

Für Amazon selbst hingegen wäre es ein Leichtes, unseriöse Anbieter schon heute von seiner Plattform zu verbannen. "Der Verkauf von gefälschten Produkten auf Amazon ist untersagt", teilt der Konzern auf Anfrage mit. Solche Angebote würden umgehend entfernt. Auch falls ein Verkäufer steuerrechtliche Vorschriften verletze, habe man "Prozesse etabliert, um den Account zu überprüfen und das Verkäufer-Konto zu schließen, sollte der Verkäufer keine gültige Umsatzsteuernummer einreichen".

Zweifelhafte Versprechen. Dem SPIEGEL liegen diverse Fälle vor, in denen Kunden sich mit den Beschwerden an den US-Konzern wandten. Das Muster war dabei fast immer gleich: Zunächst äußern Amazon-Mitarbeiter Bedauern und versprechen, sich umgehend um den Fall zu kümmern. Am Ende aber erklärt sich der Konzern in der Regel entweder für nicht zuständig oder belässt es bei leeren Ankündigungen.

So verkauft ein chinesischer Elektronikhändler bis heute ohne Umsatzsteuer, obwohl Amazon nach einem früheren Bericht von SPIEGEL ONLINE eine Überprüfung ankündigte. Und das Nichtstun beschränkt sich nicht auf Fälle im fernen China. Bereits 2015 beschwerte sich ein Kunde, dass ein Händler in New York eine Rechnung ohne Mehrwertsteuer ausstellte. Die Firma verkauft bis heute steuerfrei Produkte, der erboste Kunde kündigte aus Ärger über das mangelnde Interesse sein Amazon-Konto.

So weit ist Patronenproduzent Werner Sandten noch nicht. Im Gegensatz zur Branchengröße Birkenstock sind kleinere Firmen wie die seine längst vom US-Konzern abhängig. Das ist auch der Grund, warum Sandten seinen wirklichen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Der Unternehmer fürchtet, "dass Amazon uns Schwierigkeiten macht und bei den Suchergebnissen noch weiter nach hinten platziert".

Zusammengefasst: Der Markt für Druckerpatronen verändert sich durch Online-Plattformen wie Amazon grundlegend. Chinesische Firmen bieten hier Produkte an, die weder Patentrechte noch Recyclingvorschriften beachten und oft ohne Mehrwertsteuer verkauft werden. Europäische Hersteller fürchten deshalb um ihre Existenz. Dies zeigt, dass der Schuhhersteller Birkenstock kein Einzelfall ist. Er kündigte Amazon kürzlich die Zusammenarbeit, weil die Plattform nicht ausreichend gegen Plagiate vorgehe.

* Name geändert



insgesamt 137 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jacki 21.12.2017
1. mein Mitleid hält sich in Grenzen
wenn es nach den Originalherstellern geht gibt es kaum eine wertvollere Flüssigkeit als Druckertinte. Hier beschweren sich Trickbetrüger darüber dass ihnen jemand die Brieftasche geklaut hat
spon-facebook-1293013983 21.12.2017
2. Eigentlich einfach zu lösen
Wenn ich bei Amazon kaufe, zahle ich meine Rechnung an Amazon. Eine kleine Gesetzesänderung, so dass Amazon bereits die MwSt abführt und den Händlern nur den Netto-Betrag überweist und zumindest das Steuerthema ist erledigt. Wenn man dann noch Amazon für die Patentverletzungen haftbar macht, ist das Thema auch erledigt. Mag zwar sein, dass Amazon nur "Marktplatz" ist, aber es ist deren Plattform und es sind deren Regeln und die verdienen dran. Ordentlich, würde ich sagen.
mickymesser 21.12.2017
3. Sehr einseitig
der Artikel, die armen Markenhersteller, ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Die Markenherstellen die selbst in China herstellen lassen? Die Markenhersteller die selbst Firmenkonstrukte implementieren um Steuern zu umgehen? Die Markenhersteller die Tinte zu unfassbar hohen Preisen verkaufen? Also mein Mitleid hält sich in Grenzen Wer mehr als Tausend Euro für ein Liter Farbe verlangt der braucht sich nicht wundern wenn nach billigeren Anbietern gesucht wird. Zu Amazon als skrupellosen Fastmonopolisten habe ich eine eigene Meinung: Ich kaufe nix bei Amazon,wer Konkurrenten plattmacht, Angestelle mies entlohnt und Steuern hinterzieht der ist für mich kein Handelspartner
cremuel 21.12.2017
4.
Im Großen und Ganzen ist nachvollziehbar, dass hier ehrlich arbeitende und abrechende Betriebe geschädigt werden. Warum aber gerade Druckertinte als Beispiel ausgewählt wird, verstehe ich nicht so ganz. Die Preispolitik der Drucker-Hersteller ist so abenteuerlich, dass dahinter eben Platz für mehrere Linien von Nachbau-Herstellern ist. Die Kunden werden kaum ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn sie bei den Original-Materialien dermaßen über den Tisch gezogen werden.
Sibylle1969 21.12.2017
5.
Problematisch ist aber auch, dass die Originalpatronen absurd teuer sind. Ich habe mir soeben einen neuen Laserdrucker zugelegt. Listenpreis des Herstellers 549 Euro, im Internet für 305 Euro inkl Mehrwertsteuer. Ein Satz Tonerpatronen (1x Schwarz, 3x Farbe) inkludiert. Listenpreis des Originaltoners ca. 320 Euro für die 4 Kartuschen. Im Internet für 240 Euro erhältlich. Kompatibler Toner von deutschem Händler im Internet rund 100 Euro. Bei allem Druckerherstellern wird der Gewinn nicht mit der Hardware, sondern mit dem Verbrauchsmaterial gemacht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.